(MdG) Prolog: Ki

Eine dunkle Halle… der Versammlungsort von Wesen, denen der schwächste durch schmale, Schießscharten ähnelnde Fenster einfallende Lichtstrahl genügt, um ihre Umgebung noch deutlich zu erkennen. Männer, Frauen und Kinder, ihre Aufmerksamkeit wie gebannt gerichtet auf… eine Seifenblase? Ja, wirklich, keine magische Kugel, die von innen heraus glüht, sondern eine simple Seifenblase von der Größe einer Kinderfaust schwebt in der Mitte des Saals. Sie sinkt zu Boden, unendlich langsam, durch einen starken Willen gehalten.
Still! Der Kugel entströmen Worte!

„So höre denn, Zauberschüler. Deine Meister haben dir vom Turm erzählt, in dessen einhundert Ebenen das Weltgesetz codiert ist. Dann hast du es auswendig gelernt: in der ersten, der untersten Ebene die Länge, dann die Breite, die Tiefe, die Zeit und so weiter, bis zur Spitze, dem himmlischen Thron. Manche deiner Lehrer behaupteten allerdings auch, es sei kein Turm, sondern ein Baum.
Aber hast du sich nie gefragt, wo dieses Ding stehen soll? Wessen Augen es erblicken? Krönt das mythische Bauwerk die Erdachse im Land des ewigen Eises? Versteckt es sich zwischen den unzugänglichen Klüften eines Hochgebirges? Oder liegt es längst vergessen unter dem Wüstensand verborgen? Vielleicht handelt es sich ja auch bloß ein Symbol. Doch kann es nie schaden, die Augen danach offen zu halten, wenn du nun, gerüstet mit dem Wissen um die Mysterien der Magie, in die Welt hinausziehst.

Deine Welt hat einen Namen: Ki, die Erde im Himmel. Als blau leuchtende Kugel kreist sie unablässig um das Feuer in der Mitte der Schöpfung, ein Abbild der Beständigkeit und Hingabe an die himmlischen Gesetze. Doch die Versuchung lauert überall! Wenn zum Ende der Zeiten hin die Last der Sünder unerträglich für Ki wird, so wird sie ihre Bahn nicht mehr beibehalten können, ihre Kreise immer enger ziehen und letztendlich in das Weltenfeuer stürzen. Dabei wird sie ihre drei Begleiter mit sich reißen, die ihre Herrin wie getreue Schildknappen umrunden. Kin, Kan und Chen lauten ihre Namen. Es sind ergebene Diener, doch wie echte Kater sind sie auch verspielt. Du kannst es daran sehen, dass sie auf ihrer nächtlichen Bahn um Ki gern ausgelassen ihre Plätze tauschen und sogar ihre Gestalt wechseln, wie es ihnen beliebt.
Weiter draußen gibt es nur noch die Sterne, die am Himmelsgewölbe stehen, einer Schale, die Ki, ihre Schildknappen und das Weltenfeuer umschließt. Hundert- und Aberhunderttausende ihrer gibt es wohl, doch selbst in ihrer unglaublichen Summe reicht ihre Leuchtkraft nie an die des Weltenfeuers heran. Einigen haben wir Namen gegeben, und sie unter dem Begriff Wandelsterne zusammengefasst, weil sie auf ihrer Reise durch die Weltenkugel anderen Gesetzen folgen als die restlichen Sterne. Diese mögen wohl die Adligen unter den Himmeslichtern sein.
Woher die Sterne kommen und was sie uns bedeuten sollen, darüber scheiden sich die Geister. Denn gar vielfältig Volk hat Gott der Herr in die Welt gesetzt, auf dass es ihn erfreue. Und als sei das noch nicht genug, pflegt ein und dasselbe Volk in verschiedenen Regionen sogar noch die unterschiedlichsten Traditionen und Gebräuche!

Unsere Ahnherren, junger K´chen, lebten über den gesamten Globus verteilt. Es sind die Katzen, die noch heute durch unsere Straßen huschen. Welches Wunder einst eintrat und sie zu Karr machte, es ging vorüber und kann heute nicht mehr geschehen. Gott dem Herrn gefällt es, Karr um sich zu haben, aber damit wir angesichts dieser Tatsache nicht überheblich werden, hat er uns die kleinen Ahnen gelassen, die uns immer wieder an unsere Wurzeln sowie seine Allmacht erinnern.
Wir Karr rodeten als erste die tiefen Wälder, gründeten mächtige Städte und Burgen, in denen jeder seinen Platz kennt und man einander achtet.

Die Vettern im Sandmeer hingegen hält es nicht lange an einem Ort und sie verehren heidnische Götzen in Tiergestalt.
Vielleicht sind unserem Herzen die unterirdisch lebenden M´Klaa ja sogar näher als diese seltsamen Wüstenkatzen. In ihrer Gestalt riesigen Ameisen ähnelnd, doch mit der Gabe der Vernunft gesegnet, sind die „Klacker“ fleißige Arbeiter, denen ihre Gemeinschaft alles bedeutet. Wie in jeder Familie gibt es auch ein paar schwarze Schafe und so wie wir mit den Wüstennomaden verwandt sind, haben die M´Klaa ein Vetternvolk, die Himmelschwingen. Ja, ich dachte mir schon, dass du diesen Namen kennst, plagen sie doch oft genug ehrbare Reisende wenn sie ihren Lufträubertum nachgehen! Doch heißt es auch, dass in den Himmelsschwingen Menschenblut fließen soll, weswegen sie zu erstaunlichen Kunstwerken fähig sein sollen. Wenn du mich fragst, so glaube ich das erst, wenn ich es sehe!

Du fragst nach den Menschen? Was soll ich dir von ihnen erzählen, ich bin Zauberer, kein Priester! Geschaffen nach Gottes eigenem Bilde waren sie ihm von allen Kreaturen am nächsten und wohl auch am liebsten. Doch die Menschen sind vom Angesicht Kis verschwunden. Ihre letzten Abkömmlinge, die Emubeni, verleben ihre Existenz in der Savanne, wo sie auf riesigen, flugunfähigen Vögeln zur Jagd reiten. Natürlich gibt es noch immer die Höhlenmenschen, doch zu unser aller Glück verlassen sie nur selten ihre Reviere tief in den Bergen. Tun sie es doch einmal, so tust du gut daran, ihre Grausamkeit zu fürchten!

Lass mich dir noch von einem letzten Volk berichten, mit dem wir diese Welt teilen! Wir nennen sie die Zweibeiner, weil der Name, mit dem sie sich in ihrer eigenen, zischelnden Sprache bezeichnen, in der unseren wie ein gefauchtes, unflätiges Schimpfwort klingt. Sie sind nicht sehr zahlreich, diese hochgewachsenen, plumpen Echsen, und taugen ob ihrer Trägheit kaum zur Arbeit oder zum Kampf. Doch haben die Zweibeiner geschickte Finger, weshalb ihre handwerklichen Erzeugnisse gern gehandelt werden. Dafür tauschen sie die Luxuswaren ein, die sie so sehr lieben und die wissenschaftlichen Erkenntnisse, an denen andere für die Faulenzer geforscht haben. Ihr Reich befindet sich weit über dem Meer, aber in Hafenstädten oder den großen Königspfalzen magst du wohl gar nicht so selten einem von ihnen begegnen.“

Die Seifenblase erzitterte. Ihr unnatürlich verlangsamtes Zu-Boden-Sinken beschleunigte sich. Zehn Finger, denen man ihren Ursprung in flauschigen Katzenpfoten noch ansah, zitterten ebenfalls. Nur noch ein einziger Satz war von der buntschillernden Blase wiederzugeben, ein einziger Satz der langen Rede, die sein Lehrer am gestrigen Tag für den Prüfling K´chen Mondensohn gesprochen hatte.
K´chen schwitzte heftig. Sein Kopfhaar und der dünne Pelz des Jungen klebten unterschiedslos an seinem Schädel. Es war der Tag seiner Kür, des letzten Teils der Abschlussprüfung. Wie jeder Zauberschüler hatte auch K´chen selbst einen Zauber wählen dürfen, den er vor den versammelten Mitschülern und Ausbildern demonstrieren musste. Es gab Sprüche, die schüttelte der Jungzauberer buchstäblich aus dem Handgelenk, doch hatte er sich für diesen Anlass einen anderen ausgesucht.
Hier und da begannen Schüler wie auch Lehrer zu tuscheln. Es war keine leichte Aufgabe für einen angehenden Zauberer, genug Energie aus den Erdlinien zu zapfen und in die Blase zu leiten, um sie einen halben Tag lang existieren zu lassen. „Arrogant!“ nannten einige den Prüfling, „Er kann seine Fähigkeiten und deren Grenzen einfach noch nicht realistisch einschätzen“, behaupteten die anderen.

K´chen seufzte. Die Seifenblase zerplatzte, nicht jedoch, ohne zuvor noch die darin gespeicherte Rede zu beenden: „Dies alles und mehr wirst du in deinem Leben zu sehen bekommen, wenn du nun als ordentlich geprüfter Zauberer die Sicherheit der Schule verlässt.“
„Ordentlich geprüfter Zauberer – wie lange hatte es K´chen danach verlangt, sich so nennen zu dürfen! Die schützenden Mauern der Schule verlassen? Das war die Stelle, an der seine Probleme begannen.
Der zehnjährige K´chen Mondensohn blinzelte seine Tränen fort, Leise, mit belegter Stimme warf er der vor seinen Augen zerplatzenden Seifenblase vor: „Nein! Nein, ich will es nicht sehen. Ich möchte hier bleiben und weiter lernen!“
„K´chen Mondensohn, mit Auszeichnung bestanden!“ hallte es durch den Saal.

Der Prüfling kniff die Augen zusammen. Noch nicht einmal jetzt, wo es zu spät war, erlaubte ihm sein Körper, die Besinnung zu verlieren. Ja, zu spät. Hatte der Sohn der Monde nicht nur aus diesem diesem Grund den schwierigsten Zauber gewählt, der ihm zu Gebote stand? K´chen hatte an diesem Tag durchfallen wollen, was seine Lehrzeit um ein Jahr verlängert hätte. Doch nun war alles umsonst gewesen. Eine Auszeichnung wollten ihm die Erwachsenen verleihen! Pah! Eine Träne rann K´chens Wange herab. Wie konnte man nur ZU gut in etwas sein! Hätte der Knabe womöglich betrügen sollen, um sein Ziel zu erreichen? Absichtlich fehlzaubern?

Einer der älteren Magier trat auf leisen Sohlen aus der Zuschauermenge und nahm den kleinen Kater in den Arm. Hilflos strich er dem Zauberschüler über den Pelz. Es gab Dinge, an denen konnte auch kein Meister der Magie etwas ändern. Der Zauberer Tric würde in wenigen Tagen in Markzat ankommen und mit ihm der Vater des frischgebackenen Absolventen. Dann wurde es Zeit für K´chen, zu den Seinen zurückzukehren und die Arbeit aufzunehmen, für die durch seine Geburt in einer Gauklersippe an bestimmt war.

Das Schuljahr in Alpland endete stets im Herbst, damit die fertig ausgebildeten Zöglinge ihren Eltern während der Erntezeit auf den Feldern oder in ihrem Gewerbe zur Hand gehen konnten. Einen Chen-Monat später begann dann das neue Schuljahr, so dass auch Kinder herumziehender Eltern in der kalten Jahreszeit gleich ein Dach über dem Kopf hatten.
K´chen hatte seine Ferien stets bei seinem Paten Tric verlebt, der eine Himmelsschwinge und ebenfalls ein Zauberer war. Einen Zauberer zum Paten zu haben, war von Vorteil. Ein anderer Zauberer konnte auf einen aufpassen, damit man sich nicht im Geflecht der Erdlinien verlor oder deren Macht unabsichtlich gegen unschuldige Artgenossen lenkte. So mancher der jüngeren Schüler musste auch auch während der Ferien in der Akademie bleiben, solange seine magische Aura noch zu ungebändigt und unberechenbar war. Der Sohn der Monde hingegen hätte diesen Ort am liebsten niemals wieder verlassen. Weiterstudieren, um einmal nicht nur Zauberer, sondern Magier zu werden, darin bestand der größte Wunsch des Jungen!

Doch der Augenblick seiner Abreise rückte unerbittlich näher.

Und die Tage verstrichen rastlos…

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4 Gedanken zu “(MdG) Prolog: Ki”

      1. Das hängt doch eigentlich davon ab welche der beiden Kapitel die Hauptgeschichte starten. Und selbst dann gibt es Möglichkeiten Rückblenden einzubinden. Siehe Pulp Fiction, Memento oder Lost

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      2. @Olovil, irgendwie hat das Blog deinen zweiten Kommentar hierzu verschluckt, sorry. Du wolltest wissen, welcher der beiden Prologteile die Hauptstory einleitet. Das wäre „Geburt eines Zauberers“, was auch ursprünglich mal am Anfang stand. Mir gefällt es chronologisch besser, meine erste Testleserin bevorzugte hingegen die Lösung mit Rückblende… am Ende ist es vermutlich eine Sache des persönlichen Geschmacks.
        Du erwähntest außerdem Lost – naja, das war nicht unbedingt mein Fall, was Handlung und Charaktere anging, aber erzähltechnisch war es richtig gut aufgemacht!

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