(MdG) Geburt eines Zauberers

10 Jahre zuvor:

„Man nenne mich abergläubig“, dachte Tric laut, als sein Blick zum Himmel glitt, „aber diese Konstellation verheißt nie etwas Gutes.“
Seit der junge Zauberer einst sein Domizil, einen steinernen Wachturm nahe des Waldes, von seinem Meister übernommen hatte, war kein Tag vergangen, an dem er nicht an seinen geliebten Sternkarten gearbeitet hätte. Verstreut und teilweise arg mitgenommen lagen sie über den gesamten Boden verteilt, doch die auf den Blättern festgehaltenen Zeichnungen und Tabellen selbst waren akkurat und mit scharfem Auge fürs Detail angefertigt worden. Ein ganzer Stapel für sich allein war den drei Monden gewidmet, ihren Phasen, den Umlaufzeiten und ihrer Bedeutung im Horoskop. Tric hielt die Mondinnen und im übrigen auch Vater Sonne für mindestens ebenso wichtig wie die Gestirne und die Wandelsterne, wenn es um die Aufstellung astrologischer Prognosen ging. Er widmete der Beobachtung dieser Himmelskörper viel Zeit.

An diesem Abend befanden sich Kin und Kan in etwa auf einer Linie. Sie bildeten ein gleichschenkliges Dreieck mit Chen als unterer Spitze. Die Zwillingsmonde hüpften regelrecht über das Firmament und waren am schwersten systematisch zu erfassen, der größere Trabant Chen hingegen zog üblicherweise gemütlich seine Bahn, mal über und mal unter seinen nächtlichen Begleitern stehend. Als einziger der drei war er auch von Zeit zu Zeit am Himmel des ausklingenden oder beginnenden Tages zu sehen. Chen verkörperte das männliche Prinzip, so stand es in alten Schriften zu lesen, er reflektierte das Licht des Sonne vielmehr, als dass er es absorbierte. Aus diesem Grund strahlte der kleinste der Monde am hellsten.

Als Angehöriger der zwiegeschlechtlichen Rasse der Himmelsschwingen konnte Tric nicht viel mit weiblichen und männlichen Prinzipien anfangen. Doch es hatte die Weltsicht der Karr zumindest mit dem Kopf studiert, wenn schon nicht in seinem Herzen verinnerlicht, da die Karr als die dominierende Spezies Alplands nun einmal zu seinen häufigsten Kunden zählten.
So gern es sich ausschließlich seiner Wissenschaft gewidmet hätte, so sah sich Tric der Sterndeuter leider immer wieder gezwungen, die Siedlungen der Katzenwesen aufzusuchen, um lebensnotwendige Waren einzutauschen, die es nicht selbst herstellen konnte. Ein neuer Kochkessel hier, ein Beutelchen Salz da, Papier wuchs auch nicht auf Bäumen, obwohl es aus Holz hergestellt wurde, und schließlich verfügte Tric über keinerlei Talent darin, seine Kleidung selbst aus den Häuten der von ihm erjagten Tiere herzustellen, musste also die Dienste der Gerber, der Schuster und der Schneider in Anspruch nehmen. So zog Tric stets als Jäger in die Städte ein, verdiente, was ihm der Verkauf seiner Pelze nicht einbrachte, als Horoskopersteller hinzu und verließ die viel zu unübersichtlichen, hektischen Orte so schnell es konnte, um sich wieder der Gelehrsamkeit zu widmen.

Heute gab es nicht viel zu lernen, dafür aber ein seltenes Ereignis zu bestaunen: Die in dieser Nacht zu beobachtende Dreieckskonstellation ereignete sich häufiger, doch nur einmal im Jahrzehnt standen alle drei Monde dabei in voller weißer Pracht. Obwohl Tric dieser Erscheinung heute erst zum zweiten Mal in seinem Leben ansichtig wurde, glaubte es doch aus seinem Studium der Geschichte heraus zu wissen, dass dem Erscheinen des „Gesichts“ stets unangenehmen Ereignisse zu folgen pflegten. Tatsächlich beruhte ein Großteil des Eindrucks, den das Trio auf den Zauberer ausübte, darauf, dass es zwei unnatürlich großen Augen über einem aufgerissenen Mund glich.

„Hum!“ murmelte Tric. Es tastete zwischen den aufgehäuften Schriftrollen nach seinem Speer. „Genug der Grübelei, mein Frühstück fängt sich nicht von allein!“
Mit der Jagdwaffe in beiden Händen schob es sich durch den Fensterrahmen. Himmelsschwingen wie Tric waren, so sehr sie auch dem Firmament zugetan waren, sterbliche Wesen mit sterblichen Körpern. Es galt, sich den Magen zu füllen. Anschließend konnte sich der Zauberer wieder seinen Studien widmen, doch viel versprach es sich nicht von der heutigen Nacht. Ja, der Himmel war klar, die erste Voraussetzung für Sternenbeobachtung, doch das grelle Licht der drei Vollmonde erschwerte die Anschauung der kleineren, weniger leuchtkräftigen Sterne. Tric würde sich auf die großen Objekte beschränken müssen, jene zum Teil sehr bunten Kugeln, deren Position zueinander sich selbst ein Bauer irgendwann in seinem Leben merkte.

„Also los!“ Tric lies sich in die Tiefe fallen. Sofort entfalteten sich die zarten Flügel auf seinem Rücken. Durcheinend, von blassgelber Farbe, wurden sie von einer Vielzahl Äderchen durchzogen, deren Muster Aufschluss über die Zugehörigkeit zu einer ihrer zahlreichen Rassen zugelassen hätte, hätten Himmelsschwingen derlei Fakten Bedeutung beigemessen.
Verglichen mit der Größe seines Körpers, wie feingliedrig auch immer dieser erschien, hätten Trics Flügel niemals in der Lage sein dürfen den Sturz des Himmelsschwings zu bremsen oder es gar – wie gerade eben – aufsteigen zu lassen. Dennoch glitt Tric nun, eine warme Luftströmung ausnutzend, höher und höher. Kleine Schwingkölbchen, die sich dort befanden, wo bei anderen Insekten das hintere Flügelpaar saß, hielten seine Flugbahn stabil und dienten als Steuerorgane.
Tric zog einen Kreis über seinem Jagdrevier. Seine Facettenaugen fächerten die Welt um es herum in kleinste Segmente auf, deren Bilder anschließend individuell vergrößert werden konnten, so dass Tric weder im Himmel noch am Boden etwas entging. Ja, die Himmelsschwingen waren für die Jagd geschaffen! Selbst der durchgeistigste Studiosus konnte sich diesem Trieb nicht entziehen. Heute Nacht wallte das Blut seiner Art stärker in Tric als das der Zauberer!
Tief unter dem jagenden Himmelsschwing erstreckte sich die Ebene mit ihren von den Karr kultivierten Feldern und Weiden. Hier würde Tric seine Beute aufstöbern. Weitläufige Steppen und die höchsten Züge der Gebirge waren das natürliche Habitat seiner Art, nicht die tiefen Wälder dieses Landes. Die vielfältigen Arten von Laub- und Nadelbäumen, die Grüntöne, ja, selbst die unterschiedliche Höhe der Baumkronen, verschwammen in Trics Wahrnehmung zu einer einzigen glatten Fläche von homogener dunkelgrüner Farbe. Sein Jägergehirn vermittelte dem es bewohnenden Geist auf diese Weise „Nicht-Revier, unwichtig, geht dich nichts an“. Im Jagdfieber hätte Tric selbst einen Feldhamster deutlicher wahrgenommen als einen dahinrumpelnden Zug buntbemalter Gauklerkarren.

Ein solcher Wagenzug rastete in dieser Nacht im Schutz der Baumkronen reichlich zweihundert Meter vom Waldrand entfernt. Am morgigen Tag wollten die Fahrenden ihre Reise durch die Ebene zur nahen Grafenstadt fortsetzen. Der Gedanke, dabei auch den alten Wachturm passieren zu müssen, in dem sich seit altersher Zauberer eingenistet hatten, ließ die Gefahren des Waldes lächerlich erscheinen. Was man von einem wütenden Bären zu erwarten hatte, darauf konnte man sich wenigstens einstellen, weil Bären nun einmal berechenbarer als Zauberer waren.

Die sechs Jahre alte Prisja hatte sich von den Wagen entfernt, „nur ein paar ganz wenige Schritte“, wie sie den Eltern gegenüber behauptet hatte. Nun stellte sie fest, dass sie sich am Waldrand befand. Anstatt unter den Schutz des Blätterdaches zurückzukehren, legte das Kind seinen Kopf in den Nacken und blickte zu den Sternen hinauf. Chen und die Zwillinge sahen heute gar zu komisch aus!
In ihrer träumerischen Stimmung bemerkte Prisja die herannahende Gestalt ihres Vaters nicht. Selbst als Zakets Pfote sich auf die Schulter des Kindes legte, galt Prisjas Ausruf des Erstaunens nicht der Berührung, sondern einer Beobachtung am Firmament: „Papa, sieh nur! Eine Himmelschwinge!“
Zaket gab einen Laut des Missfallens von sich. Himmelsschwingen, so hatte er von Kittenpfötchen an gelernt, wussten die Segnungen der Zivilisation der Karr nicht zu schätzen. Jedenfalls nicht genug, um selbst ein geordnetes Leben anzufangen, wohl aber genug, um sich von den Karr zu holen, was sie begehrten.
„Der Bursche muss unsere Wagen durch die Wipfel hindurch erspäht haben!“ fauchte Zaket. „Er hält sie wohl für einen fetten Händlerzug, den er ausplündern kann!“

Prüfend blickte der Vater zu der Stelle im Himmel, die Prisja ihm wies, sein Töchterchen mit dem eigenen Körper schützend und fest an der Pfote haltend. Hatte der räuberische Flieger die Wagen der Gaukler tatsächlich schon erspäht, befand er sich gar in Gesellschaft seiner Raubbrüder, oder handelte es sich nur um einen Kundschafter? Seltsame Manöver flog er, die keinem bestimmten Muster zu folgen schienen… Zaket erinnerten sie an das Torkeln eines betrunkenen Katers in der Taverne. Es fehlte nur noch, dass der Schwingenträger jeden Moment abtrudelte.
‚Na also, wusste ich´s doch’, dachte der Erwachsene, als sich seine Ahnung noch im selben Moment bewahrheitete.
„Sie stürzt ja ab!“ quiekte Prisja und riß sich von der Vaterhand los. „Schau nur, sie fällt runter!“ Das Mädchen setzte sich in Bewegung, auf die Stelle zu, an welcher der Lufträuber auf dem Boden aufkommen musste.
„Bleib…!“ setzte Zaket an, entschied sich dann aber für das sinnvollere Hinterherlaufen hinter dem Kinde.
„Kitten!“ fauchte Zaket im Laufen über das offene Grasland. „Nicken tausendfach, wenn man sie über die Gefahren der Welt belehren will, aber kommt es hart auf hart, sehen sie dich mit ihren großen Augen an und, ming, haben alles vergessen. Oder vergessen wollen. Und böse kannst du ihnen sowieso nicht mehr sein wenn sie dich erst einmal so anschauen!“
Glücklicherweise schien der Lufträuber allein zu sein, wie Zaket im Laufen feststellte. Der große, muskulöse Kater zog noch im Rennen seinen Krummdolch aus dem Gürtel. Dieser Späher würde keine Gelegenheit bekommen, seiner Sippe Meldung zu machen! Hatte Prisja ihn nun einmal auf die Gauklerfamilie aufmerksam gemacht, so würde er, Zaket, als das Sippenoberhaupt eben Schadensbegrenzung üben müssen. Nein, der Verunfallte durfte nicht wieder aufstehen. Gerade heute Nacht durfte sich keine Gefahr den Wagen nähern!

Prisja war kleiner und zarter als ihr Vater, aber auch um einiges flinker. So erreichte sie den vom Himmel Gefallenen zuerst. Nah genug, um ihn zu berühren trat sie jedoch nicht heran, denn sie hatte gesehen, dass die Kreatur ihren Fall gerade noch hatte bremsen können, um zwar etwas angeschlagen, aber ansonsten gesund an Leib und Leben auf dem Boden aufzukommen.
Der Räuber der Lüfte stellte also noch immer eine Bedrohung dar. Im Liegen tastete er nach seinem Speer, zog die Waffe zu sich heran, stemmte sie in den weichen Boden und benutzte sie, um sich daran aufzurichten. Sein Ansinnen blieb bei einem Versuch, denn der bei dem Sturz angeknackste Speer brach unter der Belastung entzwei. Die Himmelsschwinge kippte wieder nach vorn, kam auf den Handflächen auf, keuchte schwer und mühte sich dann erneut aufzustehen. Doch ohne seinen Speer als Stütze vermochte der Lufträuber seinen Körper nicht höher als auf in knieende Haltung zu heben.
Prisja vermochte keine Verletzungen an seinem Körper zu erkennen. Ein paar Kratzer und Prellungen vielleicht, aber nichts, was den Lufträuber daran hindern hätte dürfen, wieder auf die Füße zu kommen. Dennoch vermochte er es nicht. Auf Knien hockend, den abgebrochenen Schaft seines Speeres in der einen Hand haltend, presste er den Ballen der anderen Hand gegen seine Stirn und stöhnte unablässig.
„Uh… au…zu viel…“

„Bleib! Ihm! Ja! Fern!“ brüllte Zaket.
Sein Kind dachte nicht einmal daran, sich diesem Befehl zu widersetzen. Doch auch während Prisja sich außerhalb seiner Reichweite hielt, konnte sie genügend Eindrücke des Wesens aufnehmen um unendlich fasziniert zu sein. Noch nie hatte Prisja einen Angehörigen dieser Art aus solcher Nähe gesehen! Tauchten Himmelschwingen auf, zogen sich brave Bürger in ihre Hütten zurück. Der Himmelschwingenspielmann, welcher einmal auf dem Markt von Markzat gespielt hatte, zählte nicht wirklich. An ihm war alles Glanz und Glitter gewesen. Dieser hier trug ein mehrfach geflicktes Lederhemd, welches von einem geflochtenen Gürtel über einer abgetragenen Kniehose zusammengehalten wurde. Auch die hohen Lederstiefel hatten bessere Tage gesehen. War da nicht sogar ein längst eingetrockneter Blutfleck an dem einen auszumachen? Dieser Lufträuber war Wind und Wetter ausgesetzt gewesen, hatte Kämpfe gesehen und überlebt! Mit anderen Worten: Der hier war echt.
Seltsam tiefe Töne stieß das Wesen in seiner Pein aus, gar nicht so melodische wie der Spielmann in Markzat! Der Himmeslschwing schien wirklich sehr zu leiden. Was konnte man da tun? Was durfte man tun? Was musste man tun?
Prisja wandte sich hilfesuchend um. „Vater…?“
„Hier! Ich bin bei dir!“
Zaket erreichte sein Töchterchen, liebkoste im Vorbeigehen ihre Wange und trat auf den Himmeslschwing zu. Jetzt, wo der Vater da war, um sie zu beschützen, ging Prisja davon aus, dass es für sie ungefährlich sei, sich dem Fremdling ebenfalls zu nähern. Und so überholte sie ihren Vater ein zweites Mal.

Jetzt erst registrierte das Wesen die Anwesenheit anderer Personen. Es hob den Kopf.
Prisja erschrak zuerst, als sie seine Augen aus der Nähe sah. Sie traten aus dem Gesicht hervor und berührten sich über der Nase, doch das war nicht das Verstörendste. Was die Augen so vollständig fremdartig machte, war das Fehlen von Pupillen. Wäre nicht die vertraute gelbe Farbe gewesen, die aus lauter Vierecken zusammengesetzten Dinger hätten Prisja schreiend das Weite suchen lassen. Sie starrten das Kind direkt an. Prisja trat einen Schritt näher heran, gleichzeitig von Angst und Faszination erfüllt.
Vielleicht beruhigte sie die Tatsache, dass der überaus zartgliedrige Körper des Himmelsschwings am Kopf von demselben blonden Haarkleid gekrönt war wie ihr eigener – mit dem Unterschied natürlich, dass Prisjas Gestalt ganz und gar von einem sandfarbenen kurzen Pelz bedeckt war, während die Kopfbehaarung des fremden Mannes ein wenig fehl am Platz an dessen sonst haarloser Gestalt wirkte. Seine Haut war dunkelgrau, beinahe schwarz wie bei einer Stubenfliege oder Wespe, was den Flugräuber umso schwerer gegen den Nachthimmel ausmachen ließ, doch fehlten ihm die Borsten und Haare einer Fliege.
Insgesamt erschienen die Unterschiede zwischen beiden Arten gegenüber den Gemeinsamkeiten in der Unterzahl. Von den drei klauenartigen Fingern und dem Fehlen eines Schwanzes abgesehen, glich der Körperbau des Himmelschwings frappierend dem einer Karr.

„Ich habe noch nie einen Himmelschwing von so nahe gesehen“, hauchte Prisja in der Handelssprache.
„Nicht ‚einen’“, stöhnte das Wesen und prüfte dabei durch zaghaftes Schwirren mit den Flügeln, ob diese Schaden von dem Sturz davongetragen haben mochten.
„Verzeih“, maunzte Prisja, „aber du siehst gar nicht wie ein Weib aus!“
„Weil wir ‚Weib’ und ‚Mann’ in einem sind“, belehrte Tric das Kind automatisch. Dabei hob es dabei die zerbrochenen Reste seines treuen Speer auf, um sie gleich drauf wieder fortzuwerfen. Allein die eiserne Spitze verstaute es in der Tasche seines Jagdhemdes. „In der Handelssprache muss man sagen: Ein Himmelschwing. Es.“
„Das ist eine Beleidigung!“ ereiferte sich Prisja. „Ich bin ja selber nur ein kleines Kätzchen, aber niemand würde…“
„Vielleicht denken wir nur anders“, unterbrach sie das Wesen.
Tric schaffte es nun doch, sich zu erheben. Es schüttelte die Flügel, Arme und Beine aus. Dann erst blickte es erwartungsvoll auf Zaket, den völlig übergangenen Herren der Situation. Seine Augen blieben auf dessen schweren Dolch ruhen. Obwohl ihre Augen kaum zu lesen waren, verriet eine leichte Veränderung der Körperhaltung die Besorgnis der Kreatur.
Der Kater war bemüht, sich ein Schmunzeln zu verkneifen. Die kurze Interaktion des Geflügelten mit seiner Tochter hatte ihn schon beinahe von der Harmlosigkeit dieses Wesens überzeugt. „Nun, Eierleger“, begann er, „Du bist sicher nicht hier um Völkerkunde zu betreiben. Was also tust du hier? Ich höre!“
„Wüßte ich das doch selbst“, erwiderte Tric. „Ich lebe hier allein, in dem alten Wachturm. Mein Meister ist tot, er kam gerade noch dazu, meine Grundausbildung als Zauberer zu einem erfolgreichen Ende zu führen. Doch auch wenn mein Talent gering ist und mir nur wenige Formeln zu Verfügung stehen, habe ich heute Abend mächtige Magie hier ganz in der Nähe wahrgenommen. Ich konnte die Quelle nicht ausmachen, da sie sich zu bewegen schien, also folgte ich meinen Sinnen. Bald hatte mich die Präsenz völlig betört… Mein Geist befand sich näher an den Erdlinien als in meinem Körper. Ich war ganz Zauberer, nicht einmal mehr Himmelsschwing genug, um mich daran zu erinnern, wie man fliegt.“
„Was zu sehen war!“ lachte Zaket. Dieser Jüngling war ja so naiv, in Gegenwart eines bewaffneten Unbekannten von den Grenzen seiner Fähigkeiten zu sprechen!

„Doch plötzlich war sie verschwunden, die Präsenz“, beendete der Zauberer seinen Bericht.
In diesem Moment gellte ein Schrei durch die Nacht. Kein Waldtier, sondern ein denkendes Wesen, hatte ihn verursacht.
„Da war es wieder!“ rief Tric. „Mit dem Schrei!“
Zakets dunkelgrüne Augen nahmen einen verklärten Ausdruck an. „Mein Weib! Gott, wie ich sie liebe, selbst, wenn sie hysterisch das gesamte Albengebirge zusammenbrüllt! Das sind die Wehen!“
„Das Kätzchen kommt!“ frohlockte auch Prisja. Zaket schwang sie sich über die Schultern damit sie nicht wieder abhanden käme, woraufhin die Kleine vor Vergnügen jauchzte.
„Folge mir!“ rief er dem Himmelsschwing zu. „Wenn mich nicht alles täuscht, erlebst du gleich die Geburt eines Zauberers!“
‚Natürlich!’ schalt sich Tric, ‚Dass ich nicht in der Lage war die Situation richtig zu deuten, wenn sogar ein Stark-im-Arm der Karr es konnte!’
Der Zauberer humpelte dem Kater hinterher, vergeblich mit den Flügeln schlagend. Es war sinnlos. Dieselbe Magie, die zur Entstehung der Mischrasse aus Mensch und Zweiflügler namens Himmelsschwingen geführt hatte, erlaubte ihnen die Flugfähigkeit ihrer insektoiden Vorfahren zu nutzen, aber sie hatte ihre Grenzen. Aus dem Stand oder Lauf vom Boden abhebend kam Tric, wie alle seine Artgenossen, noch nicht einmal einen halben Meter in die Höhe. Es konnte sich auf der Stelle halten, aber für einen echten Flug musste er sich von einem erhöhten Ort fallen lassen.
Der Gauklerfürst war viel schneller und ausdauernder, außerdem taten ihm im Unterschied zu Tric auch nicht alle Knochen von einem kürzlichen Absturz weh…
Zaket ließ den Fremden mühelos hinter sich. Die mit dem Gesicht nach hinten über seinen Schultern hängende Prisja winkte dem Himmelsschwing die ganze Zeit über zu.

Als der Zauberer schließlich humpelnd und flatternd das Lager der Fahrenden erreichte, war dort alles auf den Beinen. Im Gegensatz zu den Himmelsschwingen lebten Karr tagaktiv und so waren um diese Uhrzeit nicht wenige Nachtmützen über spitzen Katzenohren zu sehen. In der Tat glichen die Karr ihren tierischen Vorfahren, wie kaum ein anderes intelligentes Volk der Erde. Aufrechtgehen mochte sie nun, aber ein beinahe bodenlanger Schwanz war ihnen geblieben. Er verlieh den Katzenabkömmlingen überragende Balance und akrobatisches Geschick. Ein Karr fiel nicht nur im Sprichwort immer auf die Füße!
‚Bewundernswert’, dachte Tric. ‚Aber selbst sieben solcher Schwänze hätten mir vorhin nicht geholfen…’
Im Durchschnitt einen Kopf größer als sein eigenes Volk waren diese Katzen, kräftig gebaut, die meisten sogar ein wenig gedrungen. Zehen und Fingernägel hatten die Klauen abgelöst als sich Pfoten zu klobigen Händen und Füßen gewandelt hatte und der dünne Pelz auf ihrer Haut ersetzte ihnen nicht mehr die Kleidung. Auf den eher runden Köpfen der Karr saßen die großen spitzen Ohren oben und zwischen ihren Katzennasen und Mund wuchsen Barthaare.
Die Ohren des Himmelsschwings wiesen nur winzige Muscheln auf, aber sie befanden sich zumindest dort, wo sie Trics Meinung nach hingehörten: an beiden Seiten des Kopfes.
Sein Mund war weniger breit, die Lippen schmaler, fast nicht vorhanden, was Tric als Kind in Kombination mit seinem schlanken Körper und kleineren Wuchs weidlich auszunutzen gewusst hatte: Sein Erscheinungsbild weckte in den Frauen der Karr Assoziationen mit einem bedauernswerten unterernährten Straßenjungen, dem man unbedingt etwas Essbares oder eine kleine Münze zustecken musste!
Aber der Zauberer hatte sich schon seit vielen Jahren nicht mehr für längere Zeit unter die Karr gemischt, sondern zog das abgeschiedene Leben in seinem Turm dem städtischen Treiben vor. Vieles, was ihm in der Kindheit vertraut gewesen war, musste Tric erst wieder neu lernen.

Was für eine Vielfalt an Hautfarben und Fellzeichnungen diese Karr aufwiesen! Gestreifte, gefleckte und solche ohne Muster waren darunter, ein- zwei- und mehrfarbige. Da sich die Fahrenden in weniger Kleiderschichten hüllten als ihre städtischen Verwandten, erlebte Tric den wahren Variantenreichtum der Körpermusterung dieses Volkes erstmalig in Zakets Sippe.
‚Warum sollen sie in der Nacht eigentlich alle grau sein?’ wunderte sich das Himmelsschwing, das es das ja gerade besser erfuhr, über einen alten Spruch. Das einzige, was hier grau war, das war seine eigene, nicht von Pelz, Flaum, Haar oder Schuppen verborgene Hautfarbe. Seine Infravision zeigte Tric rote Wärmebilder lebender Körper, sobald das Tageslicht verschwunden war. Wenn die Karr nachts grau erschienen wären, hätte das je bedeutet, dass sie tot seien! Ein Blick in Zakets Augen hatten dem Zauberer außerdem verraten, dass auch die Karr über eine Form der Nachtsicht verfügen mussten. Es würde sich Trics Einschätzung nach allerdings eher um einen auch noch geringste Lichtintensitäten verstärkenden Effekt als den zusätzlichen Sichtmodus der Himmelsschwingen zu handeln.

Noch völlig in Gedanken wurde Tric in einen Wagen geschoben, wo sich schon mehr alte und junge Karr zwängten, als er es für möglich gehalten hätte.
Zaket, der stolze Vater, hielt seine Arme um sein im Geburtsstuhl sitzendes Weib geschlungen, während die kleine Prisja auf dem Schoß einer Tante hin und her zappelte. Mit seinem bis auf einen langen Zopf kahlrasierten Kopf und der lediglich aus einem seinen Krummdolch haltenden Lendenschurz bestehenden Gewandung hatte Zaket Tric gegenüber den Eindruck des typischen Muskelprotzes einer Gauklertruppe erweckt. Sein Umgang mit der ihm angetrauten Katze verriet jedoch eine Weichheit und Zärtlichkeit, wie sie nicht zum typischen Bild passte. Und als das Kätzchen nun aus dem Mutterleib drängte, konnte Tric nicht sagen, von welchem Elternteil das Schnurren denn nun kam.
„Ein Kater!“ krähte Prisja fröhlich, damit es auch ja alle hörten, die über die Köpfe ihres Vordermanns nicht erkennen konnten.
„Ein Tabby außerdem!“ ergänzte ihr Großvater stolz.
Dunkelbraun mit schwarzen Streifen, genau wie sein Vater und dessen Vater, sah der neugeborene Karr aus. Weitere Details vermochte Tric nicht zu erkennen, da ihn in diesem Moment wieder eine Welle magischer Kraft überströmte. Aber auch wenn es die Hülle des Babyzauberers nicht wahrzunehmen vermochte, spürte Tric doch, dass ihrer beider Schicksale von nun an verbunden sein würden. Das Himmelssschwing wusste nur noch nicht, was es davon halten sollte.

„Eine Tabbyzeichnung ist etwas besonderes bei eurem Volk? So wie blaue Augen?“ fragte Tric später Zaket, nachdem sich der erste Auflauf zerstreut hatte und Mutter und Sohn unter dem wachsamen Auge des Großvaters im Wagen schlummerten.
Zaket nickte stolz. „Es ist ein Zeichen von Adligkeit. Wir besitzen kein Land und keine offiziellen Titel, aber die würdest staunen, wie wir nur aufgrund dieser Streifen von so manchem Landesherren behandelt werden, durch dessen Gebiet wir ziehen! Als befände sich da ein Gleichrangiger mit seinem Troß auf der Durchreise!“

Tric stieg über eine extra für ihn bereitgestellte Leiter auf den Wagen der Familie. Von diesem Startpunkt aus würde es in Kürze den Heimflug antreten. Doch vorher gab es noch etwas Wichtiges zu klären: „Die Geburt, Zaket… Der ganze Zirkus hat zugesehen. Ihr teilt wirklich alles mit der Sippe.“
Zaket nickte.
In den Städten hatte sich diese Lebensweise noch nicht durchgesetzt, weshalb es dort auch noch zu Kittendiebstählen durch fremde Mütter kam. Je jünger die eigenen Kinder waren, umso stärker wirkte dieser Trieb in den Katzenabkömmlingen. Ein Kind von Fahrenden hingegen hatte so viele Mütter, wie es Frauen im Wagenzug gab.
„Er ist unser aller Sohn“, bekräftige Zaket daher.
Tric war ganz froh, sich außer Reichweite des Katers zu befinden als es erwidern musste: „Nicht ganz.“
Zakets Ohren legten sich zurück wie zum Fauchen, und seine Lippen öffneten sich bereits zum ersten Ansatz, doch er lies den Zauberer weitersprechen. Selbst wenn er in diesem Moment seinen Dolch zücken sollte, würde das geflügelte Rabenaas ja doch nur davonfliegen. „Der Junge…“ hub Tric an, nur um von Zaket fauchend zurechtgewiesen zu werden: „K’chen!“ Der Schwanz des Karr peitschte dabei ohne dessen Zutun wütend hin und her.
„In Ordnung. K’chen wird kein Karr sein, ebenso wenig wie ein Zauberer jemals Himmelschwing, M’kla, Emubeni oder Höhlenmensch ist. In erster Linie sind wir alle Zauberer.“
„Höhlenmensch?“ fragte Zaket misstrauisch.
Tric lachte: „Das war nur theoretisch! Ich habe noch keinen Zauberer von dieser Art gesehen und Gott gebe, dass ich nie einem begegnen muss!“

Ernster fuhr er fort: „In jüngster Zeit nehmen die Akademiegründungen in den Städten der Karr zu, wie ich hörte. Immer mehr Zauberer erhalten ihre Ausbildung in diesen Horten des Wissen anstatt bei einem persönlichen Meister. Die Akademieschüler erhalten eine über die Ausbildung ihrer angeborenen Kräfte hinausgehende Erziehung, die sich vor euren besten Bürgerschulen nicht zu verstecken verbraucht – und eine der angesehensten Lehranstalten steht in Markzat, wohin ihr dank einer Fügung des Schicksal ohnehin unterwegs seid. Markzats Akademie verdient ihren Titel zu Recht: Wer nicht nur ein Zauberer, sondern darüber hinaus klug ist, widmet sich dort nach Grundausbildung dem Studium der höheren Mysterien, um zum Magier aufzusteigen. Kein Gauklerfürst, aber jeder Zauberer, selbst einer wie ich, kann deinem Sohn einen Platz in einer solchen Schule verschaffen. Und ausgebildet werden muss K’chen, sonst frisst ihn seine Kraft auf. Wenn du du deinen Sohn nicht verlieren möchtest, wirst du ihn nicht behalten können.“
Nach diesem so merkwürdigen wie zutreffenden Satz ließ Tric den Karr vorerst stehen und schwang sich vom Wagendach aus in die Lüfte. Genaugenommen lies es sich, seiner Himmelschwingenmagie geschuldet, erst einmal fallen, um dann in einem eleganten Bogen wieder aufzusteigen.

Tric erhob sich in den Himmel, den drei Monden zu, nach denen Zakets Sohn benannt worden war. Noch immer spürte es die Präsenz den Neugeborenen, doch korrekterweise musste man sagen, dass es sich eher um eine Erschütterung der magischen Adern der Welt handelte, die durch das Erscheinen eines weiteren mit ihnen verbundenen Nutzers hervorgerufen wurde. Das Kätzchen selbst vermochte der Zauberer nicht mit seinem Geist zu berühren. Wäre Tric dazu imstande gewesen, es hätte die Glücksgefühle und unglaubliche Zufriedenheit eines satten Säuglings geteilt. So aber bebte es unter den durch die Geburt eines Zauberers ausgelösten Wellen magischer Kraft.
An manchen Tagen glaubte Tric, dass die Welt ihre Macht nicht gern an die Zauberer verlieh. Mit K´chens Geburt hatte sich anscheinend ein besonders empfänglicher Kanal für Kis Energien geöffnet. Die Welt befand sich in Aufruhr, zumindest zitterten jene ihrer Kraftadern, welche sich zwischen Markzat und Trics Turm entlang schlängelten, in nie gekannter Heftigkeit. Wollte „sie“ sich über diesen neuen Kanal namens K´chen deutlicher als zuvor ausdrücken, oder fürchtete sie, durch den kleinen Gauklerjungen ausbluten zu müssen?
„K’chen, Mondensohn, was hat das Schicksal für dich bestimmt?“ fragte sich der Sternkundler. „Was hast du für uns alle im Sinn?“

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2 Gedanken zu “(MdG) Geburt eines Zauberers”

    1. Yep, und dieses Problem zieht sich leider durch die gesamte Story weiter. Und egal, wieviel man da umsortiert und streicht, man ist da selbst oft betriebsblind – da ist ein zweites, drittes, hundertstes Paar Augen Außenstehender
      hilfreich 😉

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