(KS) Unter Kollegen

Auf einem uralten Schlachtfeld robbte Dr. John Caruthers auf allen Vieren über den Boden.
Hände und Füße bewegten sich behende über einen Untergrund aus scharfkantigen Sandsteinplatten, die in teilweise abstrusen Winkeln zueinander standen, als habe ein Riese mit der Faust auf den Tisch geschlagen. Das Gelände wirkte trostlos, bar jeglichen Lebens, nur hier und da trotzte eine widerstandsfähige “Seifenpflanze” der Ödnis.
Was der Mann hier suchte, waren keine Überlebenden, sondern die Gefallenen – nicht um sie auszuplündern, sondern so wie sie waren, ohne Haut und Haar, mit nach Hause zu nehmen.
Dr. Caruthers war ein Paläontologe aus North Dakota und die Schlachten, die sich seine Kollegen an diesem Ort geliefert hatten, waren als die “Knochenkriege” in die Geschichte eingegangen, ein aberwitziger Wettlauf um das Aufinden und Bestimmen möglichst vieler Dinosaurierarten, bei dem teilweise jeder neue Fund praktischerweise auch gleich eine neue Art lieferte.
Soviel zum “Schlachtfeld”, über das John kroch.
Was nun das “uralt” anging, nun, für einen Akademiker war Johns Wissen bezüglich der jüngeren Menschheitsgeschichte geradezu peinlich lückenhaft. Das neunzehnte Jahrhundert erschien ihm ferner als das Erdmittelalter, reine Mythologie, wenn man es genau nahm. Auf die alten Römer folgte ein Mittelalter mit Rittern in Vollmetallpanzern, die Amerika entdeckten, dann kam es zum Bürgerkrieg; irgendwann dazwischen war wohl auch die Eisenbahn erfunden worden, es hatte Sklavenhalter gegeben und das alles hatte sich so vier- bis fünfhundert Jahre in der Vergangenheit abgespielt. Vorher waren, wie gesagt, die Römer da gewesen und vor denen… hm, jemand anderes eben. Menschen, für deren Lebensumstände sich John nur dann interessiert hätte, bestünde eine reele Chance, sie dereinst kennenzulernen. Also noch vor dem jüngsten Tag, nicht beim allgemeinen Wiedertreffen im Himmelreich!

Solange man sie durch einen Scherz bezüglich des mangelhaften Kurzeitgedächtnisses eines Paläontologen überspielen konnte, sah John keine Veranlassung, seine Wissenslücken zu stopfen. Allenfalls fand noch der Siouxunterhäuptling, der ihm ein zweiunddreißigstel seine Gene lieh, Erwähnung. Gern führte John sein kantiges Profil mit der markanten Adlernase auf diesen Ahnen zurück. Auch seine Pigmentierung war von Natur aus etwas dunkler. Sie stand in Kontrast zu Johns flammendrotem Haar, eine Kombination, die so manche Kollegin anziehend fand. John wollte eine Kollegin zur Gefährtin, doch waren diesbezügliche Versuche in der Vergangenheit stets an der Tatsache gescheitert, dass der Doktor so ziemlich allem abgeneigt war, das mit Bildung und Kultur in Zusammenhang stand. “Er ist ein großer Junge, der für Dinos schwärmt”, behaupteten seine Freunde – vermutlich nicht einmal zu Unrecht.

Als der kleine John mit seinen Eltern das erste und einzige Mal in seinem Leben ein Festival der Sioux besucht hatte, da hatte ein junger Schamane behauptet, Wakan stecke in dem Kind. Und nicht nur das, auch noch Wakan tanka, nicht nur ein Geheimnis, sondern auch noch ein großes. Vater Caruthers hatte gelacht, gemeint, das einzige Geheimnis um den Knaben bestünde darin, wie man so stinkend faul sein könne, und Klein-John anschließend auf die Bucking Horses aufmerksam gemacht, die das Kind den Zwischenfall rasch vergessen ließen.
Doch später hatte der Mann ein Lexikon zu Rate gezogen und festgestellt, dass sein Sohn als von Gott berührt gelten musste. Natürlich, der Indianer mit seinem Stirnband aus dem Leder einer weißen Schlange würde dies aus einer langen Liste wohlmeinender Bezeichnungen ausgewählt und wahllos dem erstbesten Besucher zum Besten gegeben haben, in dieser Hinsicht unterschieden sich Pop Caruther´s Meinung nach die Schausteller in keiner Hinsicht. Dennoch hatte der Farmer sich heimlich darüber gefreut, bis mit der Zeit auch ihm die Begegnung aus dem Gedächtnis entfallen war.

Der John Caruthers, der sich in diesem Moment zu einem Plateu in den Badlands heraufschwang, lies weder seine Faulheit noch irgendeine Form göttlichen Segens an sich erkennen. Er befand sich in seinem Element, inmitten der Wildnis, seiner Beute auf der der Spur nicht ungleich einem Jäger.
John richtete sich zu seiner vollen Größe von 1,86 auf. Er warf einen Blick in die Runde, in jenes verwirrende Labyrinth aus Felswänden, Tunneln und Kratern, das es dennoch nicht geschafft hatte, einen mit Touristen besetzten Jeep vor der Tür zu halten. Das Gefährt holperte einen steinigen Pfad entlang, um recht bald hinter eine Formation, die an einen zu Stein gewordenen Atompilz erinnerte, zu verschwinden.
Der Wissenschaftler schmunzelte in sich hinein, dann brachte ihn ein kurzer Satz auf eine breite Klippe und zu seinem Ziel, dem in der Felswand darüber eingeschlossenen Dinoaurierskelett. Geologische Verschiebungen hatten dazu geführt, dass ein Teil des Schädels und eine Klaue Wind und Wetter ausgesetzt im Freien lagen. John vermochte sie bereits den Theropoda, jenen flinken, hochintelligenten Fleischfressern, die seine beruflichen Spezialstrecke darstellten, zuzuordnen. Er verkniff sich jedoch jede weitere ungestützte Aussagen über das Tier.
Obwohl sich die Knochen längst aufgelöst und durch Mineralien ersetzt worden waren, dachte John als “das Skelett” oder eben “das Tier” von der Versteinerung. Er grüßte es, wie man es mit einem streunenden Hund tat, der mehr oder weniger regelmäßig das eigene Haus aufsuchte:
„Guten Morgen, mein Alter!”
Weder das tote Tier noch irgendeine lebendige Seele gaben Antwort. John war allein hier draußen. Die Horden an Grabungshelfern, Küchenpersonal und Studenten würden sich frühestens am morgigen Tag einfinden und des Doktors Asisstentin Clarissa hütete mit einer Erkältung das Zelt.

John brachte seine Kamera aus einer der vielen Taschen seiner Weste hervor und ging ans Werk, den Fund zumindest schon einmal grob zu dokumentieren. Vorerst im Basislager zurrückgeblieben waren die Meißel, Pinsel, Stechbeitel, Hämmerchen und batteriebetriebenen Haarföne, die Säcke, Planen, Rollen Klebeband, Maßbänder und was es nicht alles an Ausrüstung zu verwalten galt. John konnte es kaum erwarten, mit seinen eigenen Händen loszulegen!
Eine Ausgrabung verglich der Wissenschaftler gern mit der Konzerttournee eines professionellen Sängers: es handelte sich um einen winzigen Ausschnitt seines Tätigkeitsprofils, doch gerade diese Momentaufnahme war es, die andere Leute mit seinem Beruf assoziierten.
Eine neue Fundstättte war außerdem wie eine neue Liebe, sinnierte der Mann. Es galt, den Partner – in diesem Fall den toten Saurier – kennenzulernen und ihm exakt die Behandlung zukommen zu lassen, die beiden ein Maximum an Befriedigung verschaffte.
Die wenigsten dieser spontanen Liebschaften stellte man den Eltern vor, gleich Urlaubsflirts. Aus ihnen wurde nichts Dauerhaftes. Sie verloren sich in den Kellern von Universitäten und Museen, man besuchte sie zur jährlichen Inventur, lächelte sie kurz an und führte ansonsten sein normales Leben weiter. Einige gelangten zur Berühmtheit in den Augen der Öffentlichkeit, als Austellungsobjekte in Museumshallen, wo sie für John dennoch verloren waren.
Also nicht anders als alle meine Beziehungen, sinnierte der Mann.

Nachdem der Wissenschaftler eine zufriedenstellene Anzahl an Aufnahmen angefertigt hatte, trat er näher an die Felswand heran. Ein einfallender Sonnenstrahl lenkte seinen Blick auf eine Stelle weit unterhalb des Schädels, dort, wo sich die Füße des Theros befunden hätten, hätte die Formation den Kadaver unzerstört und ohne Vezerrungen bewahrt.
John bückte sich. Etwas schimmerte weiß aus dem Fels heraus, viel heller und glatter als eine Versteinerung. Möglicherweise war er ja nicht der erste hier, und sein Vorgänger hatte etwas verloren?
Vorsichtig streckte John seine Finger nach dem Gegenstand aus. Er berührte nur den Stein. Was immer da die Sonne reflektierte, steckte bis auf ein winziges Eckchen tief im Fels und würde sich nicht so leicht lösen lassen.
Also doch kein Kollege… und auch kein Ausflügler… aber was mochte sich da seit Millionen von Jahren im Fels befinden?
Von seinem Gürtel löste John ein winziges Hämmerchen. Er begann, den Fels mit aller gebotenen Vorsicht, jedoch auch einer gehörigen Portion Neugier zu bearbeiten.
Curiosity killed the cat, dachte der Mann bei sich, wobei er bemüht war, den Saurier nicht zum zweiten Mal zu töten. Es gelang ihm, gerade soviel von dem Gestein wegzubrechen, um einen zweiten, genaueren Blick riskieren zu können.

Doch was er da sehen musste, hatte es schwer, in Johns Gehirn einzudringen und dort von den richtigen Synapsen verarbeitet zu werden und nicht von jenen, die für das Ausblenden von Dingen zuständig waren, die es einfach nicht geben konnte. John erblickte den Hinterlauf des im Fels eingeschlossenen Theropoden. Eine perfekt geformte Wade, die in einen tiefer im Gestein eingeschlossenen Fuß überging. Perfekt deswegen, weil sie aus beständigem und dennoch gut formbarem Kunststoff bestand. Und das nicht bereits seit Millionen von Jahren, denn derartige Zeitspannen überlebte auch die haltbarste Plaste nicht.
“Ich habe”, ächzte der Doktor, “gerade den ersten Saurier mit einer Beinprothese ausgegraben!”
Nicht, dass ihm wirklich zum Scherzen zumute gewesen wäre. Es war einfach nur so eine Phrase, mittels derer sich der Verstand zu beruhigen versuchte.
Die Unmöglichkeit war nicht zu leugnen, zumal die Kunststoffgliedmaße auch noch beschriftet war. Zwar, die Schriftzeichen vermochte John nicht zu lesen, bestanden sie doch aus einer Reihe von Strichen und Häkchen nicht unähnlich den germanischen Runenzeichen. Doch folgten die Zeichen beinahe derselben Ordnung, wie sie John aus beinahe jedem Museum kannte, in dem er jemals gearbeitet hatte.
Und bald würden alle die Bescherung zu sehen bekommen, zuerst Clarissa, dann die Studenten, die Grabungshelfer und das Küchenpersonal mit sämtlichen Verwandten jeglicher Grade…
Ein Streich unter Kollegen, ohne Zweifel! Jemand hatte ihm, Dr. Caruthers, eine täuschend echte falsche Fundstelle untergejubelt und er war darauf hereingefallen.
Da gab es kein Haareausraufen und keinen Konflikt, diese Version und keine andere würde John der Presse auftischen. Kurze Beschämtheit – check. Kumpelhaftes Mitlachen – check. Etwa zwölf Stunden Unterhaltungstoff via Twitter für sämtliche seiner Schüler – check.
Er selbst jedoch… das war eine ganze andere Geschichte. Die kleine Welt zwischen Hirnschale und Kiefer, die Johns Ich beherbergte, die war in Aufruhr geraten und nie wieder dieselbe sein. Oder?!

John dachte an seinen Kollegen in einer vielleicht dreißig- oder auch dreihunderttausend Jahre zurückliegenden Vergangenheit. Er war ja kein Narr, er kannte seine Geologie und vermochte abzuschätzen, wie alt diese Formation tatsächlich war. Oder dass sie bis zu seinem Hämmern vor zwei Minuten unberührt geblieben war und die Prothese ein Maß an Genauigkeit und Kunstfertigkeit aufwies, das in seiner Gegenwart nur selten erreicht wurde. Da gab es kein Drumherumgerede, das künstliche Bein, das man dem Saurier verpasst hatte, stammte aus ferner Vergangenheit, und hätte John auch noch Säulenfragmente oder Dachziegel des Museums gefunden, in dem es einst gestanden hatte, bevor eine Katastrophe alles miteinander begraben hatte, er hätte sich nicht weiter gewundert.
So hatten also bereits in grauer Vorzeit Menschen Interesse an ihrer Vorgeschichte gezeigt, einer Vorgeschichte, die sie natürlich mit Johns Zeitgenossen teilten. Zusätzlich zu ihrem Interesse hatten sie zudem die Mittel besessen, die Erdgeschichte zu studieren.
Genaugenommen stellte das nichts Außergewöhnliches dar, fand John. Imperien gingen unter, Wissen ging verloren. Weil es unterdrückt wurde, weil die elitären Meister ihres Handwerks es mit in ihre Gräber nahmen oder weil die Menschen in Notzeiten ganz einfach andere Prioritäten als die Gliederung der Fossilien zu setzen hatten. Geschichte, so lehrte die bereits die Betrachtung der Evolution, war nichts Lineares, sondern wiederholte sich.

Doch warum ein etabliertes Weltbild herausfordern? Was änderte sich an der Einkaufsliste von Ma Caruthers morgen, erführe sie heute, dass es schon einmal eine menschliche Zivilisationin dieser Weltgegend gegeben hatte? Das Wissen um diese untergegangene Gesellschaft würde weder Glaubenskriege nach sich ziehen, noch die Erderwärmung stoppen, sondern lediglich einen weiteren Punkt in den Lehrplan setzen, den Schulkinder für ihre Abschlussprüfung erlernten und spätestens zwei Jahre später wieder vergessen haben würden.
Ach ja, das hätte John beinahe vergessen: die Ufologen würde seine Entdeckung natürlich auf den Punkt bringen, und zwar unabhängig davon, ob er den Fund nun als Studentenstreich oder Schlüssel zu einer bahnbrechenden Erweiterung des Geschichtsverständnisses deklarierte. Seine eigene Asisstentin war eine solche Kandidatin. Clarissa würde sogleich nach einem Lasergewehr weitergraben – sowohl als Stütze ihrer Hypothese als auch zur Verteidigung im Falle einer außerirdischen Invasion. Für diese Leute musste sich John etwas einfallen lassen – ob es wohl irgendwo ein Tutorial im Umgang mit ihnen gab?
Unter Kollegen über die Zeitebenen hinweg hätte sich John gern mit dem Verfertiger der Prothese ausgetauscht.
Wieso eigentlich? schoss es dem Mann durch den Kopf. Weil der mir bisher Unbekannte exotisch ist? Wie mein Häuptling im Stammbaum?
Waren derartige Gedanken nicht ungerecht, ja, sogar rassistisch?

Wind kam auf. Es wurde bei weitem nicht genug Sand aufgewirbelt, um die gesamte Felsformation zu bedecken, dennoch erschien John der Tanz der Körnchen passend.
Er zog seine Kapuze über den Kopf und begann, sich dem Fund zu widmen, solange er noch die dafür notwendige Einsamkeit genoss. Auch wenn er seinen Vorgänger nicht wie einen Angehörigen einer interessanten Minderheit anschmachten durfte, so wollte John dessen Arbeit doch würdigen. Vielleicht gab es ja auch noch etwas dabei zu lernen, das den gesamten vor Dr. Caruthers liegenden Ärger aufwiegen würde.
„Sie und ich und der Wind”, meinte der Mann schmunzelnd.

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