(KS) Dr. Caruthers, I presume?

In dieser Nacht träumte John Caruthers. Das erste, was er in diesem Traum hörte, waren seine eigenen Worte: „Nicht ganz das Zentralfossil, aber passabel.”
Er erkannte seine Stimme, spürte, wie sich seine Zunge im Mund bewegte, nur was er da gerade von sich gegeben hatte, wollte sich dem Doktor nicht erschließen.
Um John herum erstand eine Szene, die seinen Allosaurus mit der Beinprothese inmitten des Innenhofes einer mediterran anmutenden Villa platzierte. Die Beete und Pflanzkübel schienen mit Gewächsen aus aller Herren Länder bestückt und dass sie so gut gediehen, war einer gläsernen Kuppel zu verdanken, die sich über dem Hof spannte. Die Luftfeuchtigkeit hätte vergleichsweise hoch sein müssen, doch fühlte sich Johns Mund trocken und seine Haut merkwürdig taub an.
Unter dem Schutz der Kuppel ging Personal seiner Tätigkeit nach: ein Gärtner, eine Kinderfrau mitsamt dazugehörigem Kind, sowie ein Haustiertrainer, der einer schlanken, schakalartigen Kreatur mit überlangen Ohren Kunststückchen beizubringen versuchte. Alle diese Personen bleiben schemenhaft Teil des Hintergrundes der Szenarie. Johns Traumhandlung konzentrierte sich auf seine unmittelbare Umgebung.
“Zentral-Was?” fragte eine direkt neben ihm stehende Person.
Anstatt zu antworten, winkte John nur ab. „Nur eine Anspielung auf Alte Zeiten.”

In diesem Moment wurde dem Mann endgültig klar, dass er nur träumte. Alles um ihn herum schrie regelrecht „Du bist im alten Rom!“. Figuren aus fernster Vergangenheit, aber, die selbst über die gute alte Zeit sprachen – die Ironie der Situation hatte jenen Funken von Johns Bewusstsein außer Gefecht gesetzt, der sonst im Traum dafür sorgte, dass der Träumende sich seines Zustandes eben nicht bewusst wurde.
Klarträume – John hatte von dem Phänomen gehört, es als zumindest nicht wissenschaftlich unmöglich eingestuft, sich aber ansonsten nicht weiter damit beschäftigt. Er sah sich ja auch gern einmal ein Footballspiel oder Let´s Play an, ohne deswegen sofort gleich selbst aufs Feld zu rennen, oder sich seine Festplatte mit Computerspielen vollzustopfen. Doch nun sah es so aus, als würde der Doktor doch noch „spielen“ müssen, denn einen Ausweg aus seiner Lage vermochte er nicht zu finden.
Bis jetzt war ihm noch nichts zugestoßen, vielleicht wurde dieser Ausflug ja sogar ganz lustig?

Während der Träumende noch versuchte, sich einen ungewohnten Zustand hineinzufinden, von dem er lediglich vage gehört hatte, war der Film in seinem Kopf bereits weitergelaufen.
„Ebensogut könnte ein Ameisenstaat von uns verlangen, seine Souveränität anzuerkennen!”
Der neben John stehende Mann spuckte diese Worte beinahe aus.
Wie jetzt? Was? John verstand kein Wort, sein Traumselbst hingegen schien den Satz als Zitat erkannt zu haben. „Das hat Schamasch gesagt?” hörte er sich fragen.
„Das hat er gesagt.”
John drehte sich zu dem Sprecher um. Wie bereits die ganze Zeit über gestattete sein Zustand dem Mann keine Kontrolle über seine Worte und Handlungen. Ihm war bewusst, mit etwas Konzentration Einfluss auf das Geschehen nehmen zu können, doch dem im Klarträumen völlig unerfahrenen Doktor war sein Erlebnis einfach zu fremdartig, um auch nur den Versuch dazu zu unternehmen. Bevor er daran denken konnte, musste sich John daran gewöhnen, ein Passagier in dem, was er gerade als seinen eigenen Körper wahrnahm, zu sein.
Derzeit blickte dieser Körper seinen Nebenmann direkt an. Es fiel John schwer, dessen Gesichtszüge zu fokussieren. Immer wieder wanderte sein Blick irritiert zum schwarz gefärbten Haarschopf des Jünglings, an dessen Wurzel bereits wieder dunkelblaues Haar nachwuchs. Gern hätte John diese offensichtliche Verdrehung der Tatsachen umgekehrt, doch sein Traumselbst hielt dies offensichtlich für seiner Beachtung nicht weiter wert, sondern widmete sich lieber dem Gespräch: „Dabei fragt man sich, wer hier die Ameisen und wer die Individuen sind…”
„Kez!” Augenscheinlich belustigt schüttelte der Schwarz-Blauhaarige den Kopf. „Du fragst dich das doch schon längst nicht mehr!”
“In etwa solange, wie ich nicht mehr bei diesem Namen gerufen werde.”

Zwei weitere Traumgestalten näherten sich, gerade rechtzeitig bevor der Dialog am Ende noch Sinn ergeben konnte.
„Wir müssen”, lies sich die eine vernehmen, „diese himmelsgöttervefluchte Abstimmung vorverlegen! Nach der Ernte hat Suhurmasch zu viele Ränge aufgeholt und kann mehr Punkte in die Waagschale werfen, als wir ausgleichen können!”
John gelang es ohne größere Willensanstrengung wegzuhören. Was immer da an Nonsens in seinem Kopf aufgearbeitet wurde, hier würde er nichts über die Vergangenheit erfahren können, was er nicht bereits selbst wusste. John wollte nicht ausschließen, dass einen bisweilen im Traum die Inspiration überfiel, neues Wissen aber würde niemand auf diese Weise zufliegen.
Erneut konzentierte sich der Träumende auf den an seiner Seite stehenden ersten Sprecher. Er mochte zwei- oder dreiundzwanzig Jahre zählen, schien über einen scharfen Verstand zu gebieten und von allem angepisst zu sein, was in der Welt vorging. In Johns Gegenwart hätte man den Jüngling möglicherweise als Emo eingeordnet, im Traum hatte ihm der Doktor eine lange Toga auf den Leib geschneidert. Auch er selbst und die Neuankömmlinge trugen Kimonos oder Roben verschiedenster Zuschnitte, demjenigen, der von einer Abstimmung gesprochen hatte, zierte sogar eine Barockperücke das Haupt. Genau wie im Wachbewusstsein endete Johns Geschichtsbewusstsein eben vor 65 Millionen Jahren und setzte erst mit dem Golfkrieg wieder ein. Dazwischen war alles verschwommen…

…wie auch die Szenarie um John herum mit einem Mal zu verschwimmen begann. Ein Sandsturm hüllte die Villa ein, das Saurierskelett fiel in sich zusammen und der Perückenträger streckte wie hilfesuchend die Hand nach Dr. Caruthers aus. Als der Mann unter Aufbietung all seiner Willenskraft in einem ersten Akt bewusster Kontrolle zugriff, nahm der andere plötzlich weibliche Form an.
„Dr. Caruthers?” fragte die Fremde, eine im Collegealter befindliche Frau kaukasischer Abstammung. „Wow! Wenn das kein Traum wäre, bäte ich Sie, mich neben dem da zu zeichnen!”
Mit ihrer freien Hand wies die junge Frau auf das Skelett – und setzte eine verdutzte Mine auf, als sie erkennen musste, dass sich nur noch ein Haufen Staub dort befand, wo es gestanden hatte.
Beinahe im selben Moment erwachte John in seinem Wohnwagen im Basislager. Er musste unwillkürlich laut lachen. Es war doch immer dasselbe! Das Leben als Single bekam ihm ganz und gar nicht, wenn er selbst nach einer Enthüllung wie der gestrigen an nichts anderes als Dates denken konnte!

Das alles hatte sich vor einem Jahr ereignet. Man hätte denken mögen, dass sich Johns Leben verändert hätte, doch nichts dergleichen war geschehen. Keine neuen Erkenntnisse waren dem Wissenschaftler aus dem Äther zugeflogen, seine Lebenseinstellung hatte sich nicht geändert und auf Johns Alltag hatte die Episode dieselbe Auswirkung wie die Beantwortung der Frage, ob Nero nun Rom abgebrannt hatte oder nicht, nämlich keine. Auch die Termine der Baseballiga blieben erfreulich unangetastet von der Existenz (oder eben mittlerweile ihrer Nichtexistenz) einer untergegangenen Zivilisation, von der niemand jemals etwas gehört hatte.
So, wie es sich ergeben hatte, war es John Caruthers Recht. Im Grunde seines Herzens blieb er ein Gewohnheitsmensch, eine trotz ihres akademischen Titels eher bildungsferne Arbeiternatur, ein Pragmatiker bis ins Tiefste seiner Seele, der im Falle einer Invasion durch Außerirdische, welche die Erde zu ihrer Kolonie erklärten, die Achseln gezuckt und seine Steuern von nun an eben an die neuen Herren abgedrückt hätte, solange ihm nur seine Mall mit der Videothek weiter zur Verfügung stand.
Noch ein oder zwei Mal im vergangenen Jahr hatte John von seinen neuen Bekannten geträumt, der jungen Frau sogar einmal bei einer Hausarbeit geholfen, sich danach aber lieber wieder echten Menschen gewidmet. Ein Date „als Freunde” mit der Ex-Gefährtin erfüllte John einfach mehr als Gedankenspiele bezüglich ohnehin nicht mehr nachprüfbarer Tatsachen oder Spielereien mit Träumen.

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