(EE) Alexander

Zeit: 2015
Ort: Eine Büffelranch im mittleren Nordamerika

Es war einmal ein Junge, der hieß Alexander. Er musste auf der Farm seiner bösen Stiefeltern arbeiten und wurde oft geschlagen. Eines Tages kam ein Zauberer, der ihn dort wegholte.

Alex schnaubte verächtlich, als er noch einmal diese Zeilen überflog, die er am gestrigen Abend aus Frust auf einen alten Briefumschlag gekritzelt hatte.
In Wirklichkeit hatte seine Situation überhaupt nichts Märchenhaftes an sich. Zumindest der Zauberer ließ auf sich warten, doch dafür, um der Wahrheit die Ehre zu geben, erhielt der Junge wenigstens keine Prügel. Sein Arbeitgeber kannte dafür genügend andere Möglichkeiten, Alex das Leben schwer zu machen und sparte nicht an Schikanen.
Der Teenager Alexander Archer lebte auch nicht auf einer Farm, sondern auf einer Büffelranch. Der Eigentümer des Landes züchtete hier Bisons, einerseits um deren begehrtes Fleisch zu verkaufen und andererseits zwecks Auswilderung im Rahmen eines von der Regierung geförderten Arterhaltungsprogramms. Ein paar kleine Felder und Obstbäume sowie ein Kräutergarten dienten einzig und allein der Versorgung der Rancherfamilie.
Alex faltete den Briefumschlag wieder zusammen und stopfte ihn zurück in die Tasche seiner Jeanshose. Er würde ihn noch benötigen. Wichtig war die Marke darauf, ein vergleichsweise verbreiteter Fehldruck, der in Sammlerkreisen dennoch seine zehn bis zwanzig Dollar wert war.

Hufgetrappel ließ Alexander aufhorchen. Durch das geöffnete Tor der Ranch preschten die beiden Söhne des Besitzers auf ihren halbwilden Mustangs, Nachkommen der legendären „Büffelpferde“ der Prärieindianer. Über Generationen hinweg hatten ihre Herren diese Tiere dazu abgerichtet, nicht zu scheuen, wenn sie die Pferde mitten in eine Herde sich in vollem Lauf befindlicher Büffel lenkten. Was dereinst eine unabdingbare Notwendigkeit für die Jagd dargestellt hatte, kam auch einem Cowboypferd der Moderne zugute.
Nicht weit hinter den Jungs ritt deren Schwester, ein Wildfang von zwölf Jahren, der sich nicht mit dem Tor aufhielt, sondern ihr Pferd dazu animierte, in einem Satz den Zaun zu überspringen.
Gleichzeitig erreichten die drei Kinder das Haupthaus, gleichzeitig ließen sie ihre Pferde zur Begrüßung steigen und auch ihr Lachen schien aus nur einem einzigen Mund zu kommen. Die drei befanden sich in ausgelassener Stimmung, denn es war Freitagmittag und ein langes Wochenende lag vor den Schülern.
Alexander, der vierte Minderjährige auf der Ranch, ging nicht zur Schule. Er wurde zuhause unterrichtet. Normalerweise trugen Kinder wie er gestempelte Dokumente bei sich, die ihren Sonderstatus bestätigten, damit sie nicht der nächstbeste Schuldetektiv von der Straße fing und bei der Polizei ablieferte. Niemand hatte Alexander einen solchen Freigängerschein ausgestellt. Er blieb daher in seinem Bewegungsradius auf die Ranch beschränkt, wo sein Home-schooled – Status lediglich als Ausrede dafür diente, von früh bis spät für den Besitzer arbeiten zu müssen. Da er unter diesen Umständen nur selten zum Lernen kam, hatte sich Alexander zu einem jener Kinder entwickelt, die in allen Fächern, die sie mochten, auf A standen, in allen anderen jedoch auf ein fettes F zumarschierten. Alexander brillierte in Mathematik und Geographie, ohne jemals in ein entsprechendes Lehrbuch schauen zu müssen, eignete sich ohne größere Mühe die Physik an und hoffte insgeheim, bereits irgendwo anders zu sein, wenn die Jahresabschlussprüfungen anstanden.
Wie selbstverständlich warfen die drei Schulkinder Alex die Zügel ihrer Pferde zu. Eine scharfe Erwiderung lag dem Teenager auf der Zunge. Echte Indianer hätten die Pflege ihrer Mustangs niemals einem anderen überlassen! In der Rancherfamilie floss mehr Sioux-Blut als weißes, doch ihre Lebensweise unterschied sich in keiner Weise mehr von der ihrer eingewanderten Nachbarn.
Wortlos und so stoisch, als sei er der Indianer, und nicht die Familie Bighorn, führte Alex die Pferde in den Stall. Er sattelte sie ab, rieb sie trocken, füllte frisches Wasser in den Trog und kraulte zu guter Letzt seinen Liebling, den Grauschimmel des ältesten Bighorn-Sohnes, hinter den Ohren.

Nachdem Alex damit fertig war und zum Haupthaus zurückkehrte, lag dort der Duft frisch gebackener Muffins in der Luft.
Alexanders Nase verriet ihm, dass Mrs. Bighorn nicht mit Blaubeeren gespart hatte. Der Junge meinte bereits, den Geschmack des frischen Teigs und der heißen Beeren auf seinem Gaumen zu spüren. Eiligst überwand er die beiden zur Veranda führenden Stufen, trat durch die Tür und stand nun im Flur des Ranchauses. Durch die offen stehende Tür rechter Hand konnte er durch die Stube hindurch bis in die Küche hineinsehen. Dort schlüpfte Mrs. Bighorn gerade aus ihrer Schürze. Drei große Tabletts mit Schokoladen-, Blaubeer- und einigen wenigen Schokoladen-Blaubeer-Muffins standen auf dem Küchentisch.
Ohne sein allgegenwärtiges „Dawgs!“ – Basecap abzunehmen, eilte Alexander in die Küche. Zusammen mit den beiden Söhnen des Ranchers machte er sich daran, die vollen Tabletts in die Wohnstube zu tragen, wo das Nesthäkchen der Familie währenddessen weltvergessen auf einem Nintendo 3DS spielte. Vor dem Hintergrund des „Klick, klick, klick, BOOM!“ aus dem Gerät forderte die Hausherrin die vier Kinder auf, sich zu bedienen. Schon streckte Alex seine Hand nach einem mit Schokladenstücken garnierten Muffin aus, da spürte er die Hand des Ranchers auf seiner Schulter. Mit der anderen Hand entwand der Mann dem Jungen seinen Muffin und stopfte ihn sich selbst in den Mund. Ein Bissen genügte Mr. Bighorn, um das Backwerk zu halbieren.
„Geh nochmal aufschs Karfofflfeld“, nuschelte er mit vollem Mund. Den Rest der Aufforderung verstand Alex nicht, doch er konnte sich schon denken, was es dort zu tun gab. Um diese Jahreszeit wurden die tunnelgrabenden Präriehunde zur Plage.
Alex nickte, bestätigte den erhaltenen Befehl mit einem lustlosen „Gleich!“ und wollte sich einen neuen Muffin schnappen.
„Sofort!“ korrigierte der Rancher. Er packte Alex Handgelenk und drehte den Jungen Richtung Tür. „Meine Frau hebt dir welche auf.“
„Aber wenn ich wiederkomme, sind die kalt und nicht mehr so locker“, dachte Alex bei sich. Er hütete sich jedoch, seine Gedanken auszusprechen. Das letzte, was er gebrauchen konnte, war, eine als Widerspruch auslegbare Bemerkung fallen zu lassen.
Missmutig trottete der Junge durch den Flur auf die Veranda.
„Ein bißchen flotter!“ hörte er die Stimme des Ranchers hinter sich. „Wenn du nur faul auf meinem Land herumhängst, nützt du mir nichts! Dann wirst du gemeldet!“

Gemeldet! Alexander zuckte zusammen. Das war das Damoklesschwert, das ständig über ihm schwebte, der Grund, weshalb er all die subtilen und weniger subtilen Erniedrigungen über sich ergehen ließ, ohne aufzubegehren. Oder noch zu Uhrzeiten schuftete, zu denen selbst ein Plantagensklave aus der Zeit vor dem Sezessionskrieg in seiner Hütte hätte schlafen dürfen.
Jedermann auf der Ranch wusste, was und an wen „gemeldet“ werden sollte. Niemand sprach darüber.

Alex zog sein Basecap tiefer in die Stirn und lief hinüber zum Kartoffelfeld. Die Bighorns waren nicht seine Familie. Sie tolerierten ihn, solange er ihnen nützlich war. Sie ließen den Jungen wie ein lebendiges Werkzeug im Geräteschuppen schlafen, gaben ihm abgelegte Kleidung, genug (aber nicht reichlich) zu essen und sparten dabei den einem erwachsenen Arbeiter zustehenden Lohn. Den drei erwachsenen Arbeitern zustehenden Lohn, wenn man es genau nahm…
Wie, um den noch immer darin nachhallenden Duft der Muffins zu vertreiben, wischte sich Alexander über die Nase. „Die haben ja alle zuviel Harry Potter gelesen“, murmelte er zwischen zwei nur unvollständig unterdrückten Schnieflauten.

Auf dem Kartoffelfeld angekommen lies der Teenager seinen Blick über das vor ihm liegende Gelände schweifen.
Präriehunde, possierliche Nager, die stets in großen Sippenverbänden auftraten, wuselten über das Feld. Das Problem bestand nicht darin, sie ausfindig zu machen, sondern eine Stelle auf dem Acker zu finden, auf der gerade KEIN Präriehund robbte, turnte oder neugierig sein Näschen in die Luft hob. Mr. Bighorn hatte bereits vergeblich versucht, die Tunnel zu fluten, um der Plage ein Ende zu bereiten. Doch so mitleiderregend und jämmerlich ein Präriehund wirkte, der bei seiner Buddelei auf Grundwasser stieß, so zäh war diese Spezies. Es hätte schon einer zweiten Sintflut bedurft, um sie gründlich auszurotten – doch hatte Gott der Menschheit nun einmal versprochen, keine wieder zu senden.
„Was beweist, dass es damals noch keine Präriehunde gab“, murmelte Alex vor sich hin, denn sonst hätte der Herr der Schöpfung sich sicher nicht zu dem Gelöbnis hinreißen lassen.

Aus seiner Hosentasche holte er einen Gabelast mit einem daran befestigten Gummiband hervor, eine primitive Schleuder. Alexander bückte sich, um einen Stein als Munition aufzuheben. Er legte ihn in seine Schleuder ein, spannte das Gummiband – und dann tat er eine Weile überhaupt nichts, außer sich zu konzentrieren. Weder folgte Alexanders Hand der Bewegung seiner Ziele, noch beobachtete der Schütze diese sonderlich aufmerksam. Es war nicht zu übersehen, dass sich der Junge konzentrierte, doch galt diese Konzentration nicht dem Zielen.
„Schar!“ flüsterte er schließlich, ein scharfer, zischender Laut. Der kleine Feldstein begann in seiner Halterung zu vibrieren. Alex verstärkte seinen Griff um die Schleuder. In die Waffe kam ein Eigenleben. Sie vibrierte in Alexanders Händen, bereit, ihr Geschoss auszusenden. Ein einziges Steinchen gegen Dutzende Präriehunde wirkte lächerlich, doch der Schütze war sich seiner Sache sicher. „Rur!“ rief er und lies los!
Der Schleuderstein setzte sich in Bewegung. Kaum hatte er seine Abschussvorrichtung verlassen, teilte er sich in fünfzig identische Kugeln. Jede von ihnen war von einer gleißenden Aureole umgeben. Die Präriehunde wussten nicht, wie ihnen geschah! Zielsicher schlugen die Schleudersteine über ihren Köpfen ein. Wo sie auf dem Boden aufkamen, bildeten sich tiefe Krater. Die Erde spie alles aus, was sich in ihr befand: Wurzeln, Kartoffelknollen und Präriehunde, die im ersten Schrecken ihre Pfötchen weiter bewegten, als grüben sie sich noch durch ihre Tunnel. Doch nun befanden sie sich im Freien und Alex´ Schleudersteine sausten ihnen um die Köpfchen. Wo die kleinen Nager getroffen wurden, fielen sie besinnungslos in sich zusammen. Jeder Treffer sorgte dafür, dass sich die Kugeln erneut vervielfältigten…

Endlich lagen sämtliche Plagegeister reglos auf dem Boden, alle Viere von sich gestreckt. Alexander tätschelte seine Waffe. „Gut gemacht“, lobte er sie, obwohl der Effekt von ihm selbst ausgegangen war.
Einen Präriehund nach dem anderen las Alex auf, um ihn zu seinen Artgenossen in einen Sack zu stopfen. Seine Jagd hätte in einem Massaker enden können, doch waren die Tierchen lediglich bewusstlos. Alexander wusste auch schon genau, wo er sie wieder auswildern würde. Als der Sack gefüllt war, machte er sich auf den Weg zu jenem Ort, immer an der Landstraße entlang.
Dass seine Muffins dafür noch ein wenig länger auf ihn warten mussten, nahm er in Kauf. Alexander achtete das Leben in all seinen Erscheinungsformen. Er verstand den Rancher, der seine Familie ernähren wollte, aber er konnte auch den Prärierhunden nichts vorwerfen, taten sie doch nur, was ihre Art seit Jahrhunderttausenden und länger zu tun pflegte. Daher der Kompromiss. Daher…

Einer plötzlichen Eingebung folgend hob Alexander den Kopf. Das Haus, das Feld und der Garten lagen erst zwei- oder dreihundert Meter hinter ihm. In der Ferne zeichneten sich die gelben, braunen und grauen Rücken der Bisons ab. Auf der Landstraße aber stand quer eine Limousine, schwarz glänzend und mit verspiegelten Fenstern. Zwei Männer und eine Frau standen neben dem Wagen. Zwei der drei Personen waren offensichtlich bewaffnet – und der dritte würde seine Waffe lediglich besser verborgen haben, überlegte Alex.
„Hello“, begrüßte einer der beiden Männer den Jungen. „Das war eine eindrucksvolle Vorstellung von dir gerade eben.“
Alex gab sich nicht die Blöße zu blinzeln. Er fragte auch nicht „Waaas?“ oder rief „Oh, nein!“. Völlig gelassen zuckte er die Schulter. Der Junge verlieh seinem Gesicht einen verschmitzten Ausdruck, als er antwortete: „Ja. Coole Waffe, oder? Ist magisch. Ich würde sie nur ungern hergeben müssen…”
Die etwas versetzt hinter dem Sprecher stehende Frau schüttelte ihren Kopf. „Erstens errreicht dein Lachen nicht deine Augen, zweitens verrät dein Englisch, dass du nicht aus der Gegend stammst und drittens sind magische Waffen in der Regel auch aus solchen Materialien gefertigt, wohingegen das da in deinem Gürtel aus einem ganz normalen Stück Feuerholz geschnitzt wurde.“
„Wir wissen Bescheid“, fügte der erste Sprecher hinzu. „Wir wissen, was du bist.“

Alex ließ den Sack mit den besinnungslosen Präriehunden fallen. Seine Hand zuckte zur Schleuder in seinem Gürtel. Schneller, viel schneller, als ein normaler siebzehnjähriger Junge es vermocht hätte, hatte er die Waffe gezogen und schussbereit auf die drei Erwachsenen gerichtet! Diesmal lag auch kein Steinchen in der Schlinge, sondern eine von winzigsten Schriftzeichen überzogene Metallkugel, die Alexander aus der anderen Hosentasche gezogen hatte. Es blieb der Phantasie jedes einzelnen überlassen, was diese anzurichten in der Lage wäre.
Doch auch seine Gegenüber waren durch eine entsprechende Ausbildung gegangen, so dass Alex in die Mündung von gleich vier Pistolen starrte – der bisher stumm gebliebene Mann schien mit beiden Händen gleich gut umgehen zu können und hielt dementsprechend eine Waffe in jeder Hand.
„Sch…“ begann Alexander. Ein scharfes „Stopp!“ aus dem Mund des Anführers des Trios verschlug ihm die Sprache. Tatsächlich spuckte er sogar ein paar Tropfen Spucke und sein begonnener Zauberspruch endete in einem verstörten „…eiße!“
Dass die Fremden ihn nicht über den Haufen schossen, sondern mit ihm sprechen zu wollen schienen, erschien Alexander wie ein kleines Wunder. Er blinzelte, seine Schleuder dabei fest umklammert, doch aufgrund der Überraschung noch immer unfähig, ein Wort zu sprechen.

„Wir haben dich schon einmal zaubern sehen“, eröffnete der Wortführer der Erwachsenen dem Jungen. „Wollten aber sichergehen, bevor wir handelten. Eine Anschuldigung, ein Zauberer zu sein, kann den Ruf einer Person selbst dann zerstören, wenn sie sich im Nachhinein als blinder Alarm herausstellt.“
„Zauberer?“ wiederholte Alex tonlos.
Der Erwachsene nickte. „Du weißt, was ein Zauberer ist, oder?“
„Ich lebe bei diesen Hinterwäldlern, nicht hinter´m Mond!“ versetzte Alex.
Sein Gegenüber grinste. „Nun, was du vermutlich nicht wissen wirst, ist, dass es Menschen gibt, die Personen wie dir helfen wollen“, erklärte er. „Ob wir das auch in jedem Fall vermögen, sei einmal dahingestellt, doch versuchen wir es wenigstens.“
Als Alexander darauf keine Antwort gab, sprach der Mann weiter:
„Zauber sind so unterschiedlich wie alle anderen Menschen auch. Manche wollen ihre Kräfte loswerden, andere wollen sie trainieren und wieder andere suchen nur nach einem Ort, an dem sie unterschlüpfen können, wenn die Welt da draußen sie ablehnt. So, wie es dein Rancher tut. Als wir dich und ihn das erste Mal zufällig sahen, schien euer Verhältnis nicht unbedingt das Freundschaftlichste zu sein… Wir könnten dir helfen, dich von hier fortbringen. Zu anderen, die so sind wie du. Du bist kein Kind mehr und könntest ebensoviel lehren, wie du noch zu lernen hast!“
Alex senkte seine Schleuder. Sprach der Kerl da etwa von einer Zaubererschule? Es gab Gerüchte, dass der Pakt eine unterhielt, doch jede noch so harmlose Frage danach konnte den Fragesteller in Schwierigkeiten bringen, wenn er sie den falschen Leuten stellte. Nur, dass die richtigen eben nicht mal einfach so aus dem Himmel auf die Landstraße herabfielen.
Oder doch?
Konnte es wirklich so einfach sein? Warum eigentlich nicht? überlegte Alexander. Selbst, wenn an dem Angebot ein fetter Haken war, eröffnete sich ihm hier eine Chance, aus der sich etwas machen ließ.
„Diese Biester“, erklärte er mit einem Seitenblick auf die im Sack verschnürten Präriehunde, „haben mich um meine Mahlzeit gebracht. Wenn Sie mir helfen, sie woanders hin zu bringen, können wir hinterher beim Essen in irgendeinem Drive-In, wo´s Hamburger gibt, über alles reden!“
Der Mann nickte. Einladend wies er auf die Limousine und Alexander stieg ein. Der Junge setzte sich nicht auf die Rückbank, sondern auf den Beifahrersitz. Die Frau des Trios nahm neben ihm Platz.
Der auf die Rückbank verbannte Anführer der Gruppe stellte sich Alexander als Mr. Gray vor. Er forderte ihn auf, der Fahrerin sein Ziel zu nennen.

„Nicht jeder hätte zugestimmt…“ bemerkte Alexander, als sich der Wagen in Bewegung setzte.
Gray lachte schallend! „Ehrlich gesagt finde ich deinen Wunsch, diese Schädlinge zu schonen, mehr als verrückt“, gestand er. „Aber, hey, du bist ein Zauberer! Ihr könnt selten genug einfach ihr selbst sein, müsst euch verstecken, eure Kräfte verbergen, da dachte ich, wieso dir nicht deinen harmlosen Wunsch erfüllen? Wozu die Fronten gleich am ersten Tag verhärten? Wir sind Werber für eine Zaubererschule im Internatsbetrieb, da wird es noch oft genug zu Krach zwischen uns und euch Schülern kommen. Was das angeht, gebe ich mich keinerlei Illusionen hin.“
Alex fiel in das Lachen ein. Die Ehrlichkeit des Mannes gefiel ihm.
„Ich hielt den Rancher für anders“, gestand er den Fremden. „Weil er ein Indianer ist. Verfolgt, unterdrückt, ihres Landes und ihrer Würde beraubt, das ist so das Bild, das man sich von den Ureinwohnern macht. Deswegen ging ich davon aus, dass er einer der „Guten“ sei. Aber Mister Bighorn ist einfach nur ein A…“
„Ähem“, räusperte sich die Fahrerin.
„Das klingt jetzt abgedroschen, aber du darfst niemanden nach seiner Hautfarbe oder Rasse beurteilen“, meinte Mr. Gray.
„Ja, so wird´s sein“, erwiderte Alex unverbindlich. „Wir sind übrigens da.“

Das Auto hielt, die Türverriegelung löste sich geräuschvoll und der Junge schickte sich an, seine kleinen Gefangenen in die Freiheit zu entlassen. Einige von ihnen rappelten bereits wieder.
Alex öffnete den Sack. Zwei mutige Jungtiere huschten sofort heraus, andere nahmen sich mehr Zeit. Ein einziges Weibchen schnarrte Alexander vorwurfsvoll an, bevor sie ebenfalls das Weite suchte.
Die Erwachsenen warteten geduldig, bis ihr Gast zum Wagen zurückkehrte. Die beiden Männer vertraten sich die Füße, während die Frau sich hinter dem Steuer die Lippen nachzog.
Alex bückte sich an der Wagentür. Er wollte bereits wieder auf dem Beifahrersitz Platz nehmen, da verrutschte seine Baseballkappe. Ein kleines Stückchen nur, jedoch ausreichend, um Alexander wie in Panik nach der Kopfbedeckung greifen zu lassen. Er versuchte, sie wieder zurechtrücken, doch eine Männerhand kam ihm zuvor. Fest schloss sich der Griff um Alexanders Handgelenk.
„Lass uns das mal genauer ansehen!“ sagte Gray und der andere, der Beidhänder, brummte: „Deswegen also hat er das Ding im Auto nicht abgesetzt – und ich dachte, der wäre bloß schlecht erzogen!“
Alexander wand sich im Griff der beiden Männer. „Nein… nein!“
Jemand strich mit den Fingern über seine Ohrmuscheln, dabei besonders die Spitzen betonend. Ohne die Mütze waren diese nun deutlich zu sehen.
Alexander fühlte sich herumgedreht und mit dem Rücken gegen die Limousine gepresst. Er hätte sich vielleicht entwinden können, doch der Beidhänder drückte ihm den Lauf einer seiner Pistolen unter das Kinn. „Ein Mucks und es wird dein letzter sein!“ drohte der Mann.
Gray zog Alexanders verrutschtes Cap vollständig von dessen Kopf. Er drehte es herum und besah sich das Innenfutter. Es bestand aus dem kurzen, schwarzen Fell eines Hundes, der auf der Erde nur noch auf den Papyri der alten Ägypter existierte.
„Anubishundfell… Ideal für eine Tarnkappe…“, murmelte der Mann zu sich selbst. „Von kundiger Hand genäht zudem…“

Alexander wagte sich kaum zu atmen. Vor den Augen der beiden Männer veränderte sich sein Äußeres. Das vorher matte braune Haar gewann an Glanz, das Blau der Augen verwandelte sich in ein tiefes Violett. Das Gesicht blieb jung und seinem Körperbau nach hätte man Alex noch immer für einen Teenager halten können. Aber der Ausdruck der Augen war nun der eines Wesens, das über weitaus mehr Lebenserfahrung verfügte, als man in siebzehn Jahren hätte sammeln können. Blankes Entsetzen war darin zu lesen, denn diese Person war kein scheuer Teenager, der Prügel fürchtete, sondern ein erfahrener Kriegsmann, der Kampfhandlungen miterlebt hatte und genau wusste, was jeden erwartete, der in Menschenhand geriet.
„Planänderung!“ rief Gray ins Auto hinein. „Das war kein Zauberer. Benachrichtigen Sie das Hauptquartier, dass wir einen von denen haben!“
Mit zitternden Fingern löste die Frau ein Funkgerät aus der Halterung im Wagen.
„Ein Elf“, sprach sie das Offensichtliche aus. „Wer hätte das gedacht…“
Alexander nahm all seinen Mut zusammen. „G…gr… Gray…! Sie haben gesagt…“ begann er und spürte mit jeder Silbe die Pistole gegen seine Kehle drücken, „dass man niemanden nach seiner Rasse beurteilen dürfe!“
Mit Schwung zog der Beidhänder Alex den Kolben seiner Waffe über den Schädel. Das letzte, was der Elf hörte, war: „Das gilt nur für Menschen, Abschaum!“
Dann stülpte ihm jemand den nun leeren Sack über den Kopf, zerrte ihn in das Auto und die Limousine setzte sich wieder in Bewegung, einem unbekannten Ziel zu.

Advertisements

Ein Gedanke zu “(EE) Alexander”

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s