(EE) Regina

Zeit: 2015, etwa zur selben Zeit wie „Alexander“s Enttarnung
Ort: Eine Kleinstadt im Elsaß

2012 ging die Welt nicht unter. Aber sie veränderte sich. Im Dezember 2012 begann der Krieg gegen die Elfen. Manche behaupten, der sei mittlerweile beendet, aber was bedeutet das schon? Unser Leben wird noch immer von diesen schrecklichen Monaten überschattet.
– Aus einem Tagebucheintrag der Regina Ameline

Regina öffnete die Tür zu ihrem alten Zimmer im Haus der Amelines. Sie scheute sich allerdings, auch sogleich einzutreten. Auf der Schwelle stehend blickte das Mädchen durch das der Tür gegenüberliegende Fenster in den Ort hinunter. In einer der Mietskasernen nahe des Ortsausgangs hatte sie das vergangene Jahr über gelebt, stets die schönen Einfamilienhäuser in der Bergstraße vor Augen. Das Haus ihrer Eltern. Ihr Haus. Eines der schönsten überhaupt im gesamten Städtchen! Und weil das so war, hatten sich dort während des Krieges die Elfen eingenistet und die eigentlichen Bewohner vertrieben.
Nun kehrten die Hauseigentümer wieder zurück. Regina fand, dass es noch immer nach Elf stank. Sie konnte nicht beschreiben, woran sie das erkannte, es war eben so und damit basta!

Die Fünfzehnjährige tat einen ersten, vorsichtigen Schritt in den Raum hinein. Nun erst sah sie nach links und rechts. Reginas Möbel standen noch fast vollzählig im Zimmer, doch wer immer es an ihrer Stelle bewohnt hatte, hatte sie dem eigenen Geschmack entsprechend angeordnet. Kurz überlegte Regina, ob sie ihre Eltern bitten sollte, die Einrichtung auszutauschen, doch dann entschied sie sich dagegen. Sie würde ohnehin bald ein Internat besuchen und nur selten hier zu Gast sein.
Dennoch… Wütend zerrte das Mädchen an ihrem Schreibtisch, bis dieser sich wieder dorthin bewegte, wo er hingehörte. Dabei fiel etwas zu Boden. Regina bückte sich. Sie hob das Objekt auf. Es handelte sich um eine nicht ganz unterarmslange Puppe, die definitiv nicht ihr gehörte – immerhin wies sie deutlich erkennbare spitze Ohren auf! Jemand musste das Spielzeug hier vergessen haben, als die elfischen Besatzer sich zurückgezogen hatten.
Regina konnte nicht verhindern, dass sich Tränen in ihren Augen sammelten. War es ihr nicht selbst auch so ergangen? Das Mädchen erinnerte sich…

Nachdem die Elfen etwa zur Halbzeit des Krieges Reginas Heimatort eingenommen hatten, hatten sie die schönsten Behausungen für sich selbst in Anspruch genommen und die bisherigen Bewohner in die Plattenbauten am Ortsrand vertrieben. Als Eroberer waren sie erschienen, nicht als Diebe. Die persönlichen Gegenstände der Menschen hatten diese mitnehmen dürfen. Nicht gerade jeden einzelnen Kochtopf und Handfeger, wohl aber alles, woran ihre Herzen hingen. Wessen Liebe dem Geld, wertvollen Gemälden oder seiner Edelsteinsammlung galt, der musste sich selbst davon nicht trennen. In erster Linie schienen die Elfen an Ländereien, Produktionsstätten sowie repräsentativen, geräumigen Wohngebäuden interessiert, in zweiter an pflegeleichten Untertanen, die ihnen so wenig wie möglich an Gegenwehr entgegenbrachten.
Doch war dies alles in großer Hast vonstatten gegangen. Die Menschen waren verängstigt gewesen, die Erwachsenen oft noch mehr als die Kinder. Und so war es geschehen, dass Regina mehrere ihrer Lieblingsbücher daheim vergessen hatte. Eine ganze Woche war vergangen, bis sie es gewagt hatte, sich zurück in die Bergstraße zu schleichen, die nun von elfischen Soldaten in ihren verzauberten Bronzebrustplatten bewacht wurde. Ein Teenager hatte diesen gut ausgebildeten Kriegern nichts entgegenzusetzen, Regina war sofort entdeckt worden. Danach war es nur eine Sache von Minuten gewesen, bis ein junger Elf als Bote in das Haus der Amelines geschickt wurde, um die gewünschten Bücher von dort zu beschaffen.
Sie hatten Ehre im Leib, diese Elfen, doch durfte man nicht den Fehler begehen, das mit Freundlichkeit zu verwechseln – zumindest sagte das Reginas Vater.

Regina streichelte die Puppe. Wem sie wohl gehören mochte? Beinahe tat es dem Mädchen leid, das Spielzeug nicht in derselben Weise zurückgeben zu können, wie sie ihre Bücher wiedererlangt hatte. Denn die Elfen waren nicht mehr Teil dieser Welt. Das waren sie ohnehin nie gewesen!
Sie hatten die Erde über ein Portal betreten, das sich ohne Vorankündigung über dem Nordpol geöffnet hatte. Als erstes war ihnen ein Eisbrecher zum Opfer gefallen, dann eine wissenschaftliche Expedition und schließlich ein Kreuzfahrtschiff. Mit der Kaperung dieses dritten Schiffes hatte es sich nicht mehr vor der Bevölkerung geheim halten lassen, dass in der Arktis etwas merkwürdiges vor sich ging. Mehr und mehr Übergänge öffneten sich, nachdem die Elfen erst einmal begriffen hatten, dass ein einziges Enterkommando nicht ausreichen würde, um den gesamten Planeten in ihre Gewalt zu bekommen. Im Gegensatz zum Masterportal in der Arktis waren diese Versionen kurzlebig und oft gerade groß genug, um einen einzelnen Elfen mitsamt seinem Schlachtross passieren zu lassen. In der Regel genügte es, ein kleines Kommando Elfe im Gänsemarsch durchzuschleussen da der Überraschungseffekt den Invasoren einen gehörigen Vorteil verschaffte. Gerüchteweise sollte New York auf diese Weise gefallen sein, weil die Einwohner nur zwei Reaktionen zu kennen schienen: In Panik verfallen und Photos knipsen. In einem winzigen Dorf etwas weiter westlich hingegen fiel gleichzeitig eine komplette Einheit Elfen Heugabeln, Fackeln und Pistolenkugel der Bauern zum Opfer – oder zumindest wurde die Geschichte heutzutage so erzählt.

So war der Krieg ausgebrochen, Schwert und Magie gegen Technologie. Maschinengewehre. Panzer. Bomben.
An einigen Orten gewannen die Elfen die Oberhand. Dazu zählte Europa mit seinen unzähligen Feenringen, mystischen Quellen und magischen Orten, aber auch der australische Kontinent, der die Entstehung von Portalen besonders zu begünstigen schien.
In andere Gebiete waren die Eroberer während des gesamten Krieges nicht vorgedrungen. Dort lasen die Menschen allerhöchstens in der Zeitung von der Katastrophe und hoben neugierig die Köpfe, wenn wieder einmal Kampfflieger über ihre Dächer hinweg an die Front donnerten.
Der leichte Vorteil der Elfen verflog rasch, nachdem die Menschen ihre Kräfte bündelten und einen gemeinsamen Militärpakt schlossen. Anders als „Der Pakt“ wurde dieses Bündnis nie benannt
Monatelang waren sich die Elfenstreitmacht und die Armeen der menschlichen Nationen von da an ebenbürtig gewesen. Auf ein ausgeglichenes Gefecht aber wollten sich die Eroberer nicht einlassen. So zogen sie sich ebenso überraschend, wie sie gekommen waren, durch ihr Portal zurück. Am Neujahrstag des Jahres 2015, nach zwei Jahren des Schreckens, schloss sich das Weltentor. Klar war nur, dass die Elfen wiederkehren würden, aber wann würde das sein?

Von den Besatzern befreit, hatten sich die Nationen der Erde neu gegründet, jedoch nicht in der Form von 2012, sondern zumeist als Klein- und Kleinststaaten, die in der Gegenwart mit ihren ehemaligen Landsleuten Bündnisse, jedoch keine politische Einheiten mehr, bildeten.
Auch Reginas Heimat war im Zuge der Neuordnung selbstständig geworden, gleichzeitig aber orientierte man sich stärker als zuvor in Richtung einer übergeordneten Stelle, nach Luzern nämlich, wo sich der Hauptsitz des Paktes befand.
Der Pakt begrüßte und förderte diese Entwicklung. Zum einen hielt die dezentralisierte Verwaltung die Einzelstaaten auch im Krisenfall aktionsfähig, zum anderen erleichterten die neuen Verhältnisse dem Pakt, die stärkste Macht auf dem Planeten zu bleiben. Obwohl sich die Anzahl der Länder verfünffacht hatte, besaß die Menschheit nun erstmalig so etwas wie eine gemeinsame Hauptstadt.

Regina selbst entstammte einer traditionsreichen Militärfamilie. Ihr Vater erfreute sich als General eines gewissen Einflusses im Oberkommando und war, soweit es seine Arbeit erforderte, in einige Geheimnisse des Paktes eingeweiht, soweit es seine Arbeit erforderte. So wusste die Familie beispielsweise von der Existenz des sogenannten Labors 25, einer streng geheimen Einrichtung irgendwo auf dem Planeten, die selbst die legendäre Area 51 in den Schatten stellen sollte. Beide Seiten hatten Kriegsgefangene und Beute gemacht, auf beiden Seiten wurde nach dem Rückzug der Elfen fieberhaft geforscht, um sich im Falle der Wiederaufnahme der Kampfhandlungen den entscheidenden Vorteil zu verschaffen. Labor 25 galt unter Eingeweihten als die große, die letzte Hoffnung der Menschheit.
Regina wusste außerdem, dass es Zauberer gab, zumeist sehr junge Menschen, die sich mit Beginn der Invasion verändert hatten. In diesen Jungen und Mädchen waren Kräfte erwacht, die denen der Elfen ähnelte und niemand konnte sich erklären, wieso das so war.

Zurück in der Gegenwart:

Regina packte die gefundene Puppe an deren Hals. Es war ja keine Barbie, sondern ein Abbild des Feindes! Ein einziger zorniger Blick des Mädchens genügte, um das Spielzeug in Flammen aufgehen zu lassen. Regina hielt die brennende Puppe fest, bis nur noch Asche ihre Finger hinab rieselte.
Das Mädchen wollte die Hände ausschütteln, stattdessen zitterte ihr gesamter Körper unter heftigen Schluchzern. Sie konnte noch nicht einmal sagen, worüber genau sie da eigentlich weinte. Was war richtig, was war falsch? Wer der Feind und wer ihre Freunde? Wo endete Strenge und begann Grausamkeit? Fragen über Fragen, auf die sie sobald keine Antwort erhalten würde.

Regina wusste nur, dass sie die Ihren beschützen musste. Bereits in einer Woche würde sie eine Kadettenschule besuchen, wie es auch ihr Vater, die Onkels und der Großvater getan hatten. Als weiblicher Spross der Amelines stand sie vor der Wahl, sich der Familientradition aktiv anzuschließen oder doch lieber die althergebrachte Frauenrolle anzunehmen. Regina musste nicht lange über ihre Entscheidung grübeln. Sie wollte kämpfen lernen! Sie wollte Offizier werden und Elfen bekämpfen!
Die für sie ausgewählte Schule würde Regina dabei helfen, ihr neben dem normalen Lernstoff auch den verantwortungsvollen Umgang mit ihrer Feuerbeherrschung vermitteln. Magie gehörte ebenso selbstverständlich zum Lehrplan wie Technik, Geschichte, Sport und Taktik. Es war ein bißchen wie in „X-Men“, fand das Mädchen. Ich habe sogar dieselben roten Haare wie Phönix, dachte sie bei sich.
Regina trat an den Wandspiegel heran. Passend zu ihrem Haar und ihren Kräften trug sie ein grelles orangefarbenes Top, darunter eine Bomberhose mit grün-braunem Tarnmuster und rote Turnschuhe. Ihr Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, den sie auf der Militärschule vermissen würde, auf der rappelkurze Haarschnitte vorgeschrieben waren. Ein kleines Opfer, das gebracht werden musste, hatte die Mutter Regina erklärt. Doch all die vielen Kleinigkeiten addierten sich zu unsagbarem Leid.
Wann würde es endlich aufhören?

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