(Ik) Larrys Freunde

Als kleiner Junge machte ich mir bestimmte Vorstellungen vom Gefängnisleben: Gestreifte Uniform, ums Fußgelenk eine Kette mit einer Kugel dran und endlose Langeweile in einer finsteren Zelle. Die Einsamkeit hinter den Steinmauern musste überhaupt das Schlimmste an der Haft sein, glaubte ich.
Was nun die Wahrheit angeht… zum einen hatte ich in meiner Kindheit noch nicht diese lächerlichen Käppis in Betracht gezogen, die spätestens am übernächsten Tag wieder in der Zelle lagen, wenn man sie „ganz zufällig“ einmal verlor, und zum anderen stellte von gepflegtem Nichtstun kommende Langeweile im Iowa State Prison ein Luxusgut dar.
Sobald sich die Sonne nur ein kleines Stück über den Horizont wagte, wurde sie mit unserem Anblick konfrontiert: vierhundertdreiundsechzig Sträflinge in schwarz-gelb gestreifter Einheitskleidung, die ihren Trägern in manchen Fällen sogar passte. Vierhundertdreiundsechzig Männer, die von früh bis spät mit Steineklopfen beschäftigt wurden, bis sie in der Nacht erschöpft auf ihre Pritschen fielen. Pausen waren selten, denn mit jeder Unterbrechung fiel es schwerer, sich wieder zu erheben und weiterzumachen. Dass sich Sand im Essen befand, fiel schon bald nicht mehr auf.
Am Ende eines solchen Tages wartete auf einige der vielleicht größte Horror des Tages in Gestalt ihrer Zellengenossen. Denn dann trat eine Rangordnung in Kraft, welche die Aufseher außen vor ließ.

Mitchel Finn, mein Mitbewohner in einer Dreimann-Zelle, war dazu in der Lage, den pausenlosen Alleinunterhalter für eine durchschnittliche Boomtown zu geben, eventuelle angreifende Stämme von Rothäuten eingeschlossen. Aber Mitch verfügte noch über eine andere wundervolle Eigenschaft: Er wusste, wann er die Klappe zu halten hatte. Andere Kerle begriffen irgendwann, wie gesund Schweigen sein kann, Mitch hingegen wusste es von sich aus. Erst viel später habe ich erfahren, woran das lag. Als ich Mitchel das erste Mal begegnete, erkannte ich nur an seinen Augen, dass dahinter mehr vor sich ging als Gedanken an die nächste Mahlzeit.
Mitch wurde uns nach mehrjähriger Haft von Minnesota überstellt. Er war nicht gebrochen wie so viele, sondern lebte und wollte verdammt sein, wenn er sich einem rotblonden Präriehund wie mir, einem ungebildeten Grenzersohn, unterordnen müsste. Vermutlich aus diesem Grund haben ihn unsere Wärter ausgerechnet mir zugeteilt – sie wollten die Fetzen fliegen hören.
Stattdessen haben Mitch und ich innerhalb von ein paar Minuten Freundschaft geschlossen. Er war der Typ, der deine Gedanken zu ende dachte, ohne sie hören zu müssen, die dritte und vierte Hand, die du zuweilen benötigst, jemand, der immer die richtigen Fragen zur richtigen Zeit stellte, aber, wie schon erwähnt, das Maul hielt, wenn´s eben nicht der passende Moment war. Mitchel verfügte über die Übersicht, eine Katastrophe in, nein, nicht in einen Sieg, aber in ehrenvolle Niederlage zu verwandeln. Als Freund steuerte genau die Hälfte bei, die ich nicht besaß.
Daher wusste ich auch genau, wie die Sache außerhalb der Mauern des Iowa State Prison ausgegangen wäre: Wir hätten uns in dasselbe Mädchen verguckt und einer von uns wäre dabei auf der Strecke geblieben. Endgültig. Letzter Halt: Himmelstor über Station Boothill.

Ich weiß das so genau, weil ich schon einmal einen Freund dieses Kalibers hatte.
Johnny war von uns beiden stets der schnellere Schütze gewesen, ich hingegen der treffsicherere. Dieser kleine Unterschied entschied über Leben oder Tod, Inhaftierung oder unendliche Freiheit im Jenseits. Und so weinte ich vor zwei Jahren bei seiner Beerdigung um Johnny, Madeline um uns beide und der Himmel über unser dreier Seelenheil.
Ja, ich habe meinen besten Freund erschossen. Ich wollte es nicht. Johnny hat mich umlegen wollen, es aber nicht geschafft. Ich schon. Genau wie in so einem vermaledeiten traurigen Lagerfeuerlied, nur eben in echt.
Und in echt war nichts Romantisches mehr daran…

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