Elfspawn, Kapitel 4.1: Dr. Ishiba

Als die Kinder den Fahrstuhl verließen, sprang ihnen als erstes eine Fahne ins Auge, die die gesamte gegenüberliegende Wand einnahm. Abgebildet war eine leuchtend gelbe Sonne auf wasserblauem Untergrund, in deren Zentrum ein stilisiertes Herz schwebte. Ein einzelner Blutstropfen entrann dem Herzen.
Im Laufen deutete Regina auf das Banner. „Schau – das Wappen des Paktes!“
Fox hielt im Laufen inne. „Ja, und? Was willst du mir damit sagen?“
Bereits bei seiner Ankunft hatte ein kurzer Blick auf die Tafel am Haupteingang des Instituts dem Jungen verraten, das Teile des Instituts an den Pakt vermietet wurden. Es erschien nur logisch, dass die entsprechenden Abteilungen stolz das Sonnenzeichen präsentierten.
Regina blieb nun ebenfalls stehen. Sie warf einen Blick zurück auf die sich schließende Fahrstuhltür. Weiter oben im Gebäude befanden sich Labore und Lagerräume, welche die Platte Republik dem Pakt zur Verfügung stellte. Doch galten in diesen Räumen noch immer die Gesetze eben jenes Staates. Wer hingegen den Lift benutzte, verließ die Platte Republik und betrat einen extraterritorialen Raum. Man ließ die Sicherheit eines Staates oder einer Kultur hinter sich, betrat Territorium, das im weitesten Sinne „der Menschheit“ zugeordnet war.
Eines Tages würde Regina Ameline als Offizier im Dienste des Paktes stehen und möglicherweise ihren heimatlichen Elsaß atomar verseuchen, sollte dies notwendig werden, um die Menschheit als Ganzes zu retten. Da ein solcher Schritt derzeit aber nichts als blanke Theorie war, empfand die Magierin Stolz auf ihre Rolle. Unmerklich hob sich ihr Kinn ein wenig
Fox studierte den Blick des Mädchens, während dieses sich die passenden englischen Worte an ihn zurechtlegte. Als Regina schließlich den Mund zur Antwort öffnete, meinte er schroff: „Weißt du was? Ich will es gar nicht mehr wissen!“
Von den Gedankengängen des Mädchens war Fox zwar ausgeschlossen geblieben, doch hatte ihr Mienenspiel ihm eine ungefähre Ahnung vermittelt, in welche Richtung sie sich bewegten.
„Komm weiter“, brummte er. „Die Theke da vorn muss dieser Kontrollpunkt sein, wo wir uns melden sollen.“

Fox grinste in sich hinein, als sich das Forkommen der Kinder als reine Formalität entpuppte, die mit dem Senken des Sportmagazins, in das sich die diensthabende Wächterin vertieft hatte, und einem Kopfnicken der Frau abgetan war. Es tat gut, zu sehen, dass nicht jeder hier ein zackiger Militär wie Regina oder ein um eine völlig hypothetische Zukunft besorgter Gutmensch wie der Institutsleiter war.
Wenige Schritte hinter dem Kontrollpunkt öffnete sich eine doppelflüglige Glastür in eine Kantine. Hier erhielten Fox und Regina nun ihren ersten Eindruck von den „Heiligen Hallen“ des Paktes: Sie betraten einen mit eng beieinander stehenden Tischen und Menschenleibern vollgestopfter Speiseraum, in dem jeder jeden anzuschreien schien. Die Anwesenden waren genervt, über standen Teller mit Essenresten herum und unter einigen Tischen waren Reisetaschen, Koffer und geschnürte Pakete mit wissenschaftlicher Ausrüstung zu sehen. Der einzige Ort, der weitestgehend frei von Gepäck jeder Art blieb, war die Fläche unter einem Blechschild, das in drei Sprachen „Gepäck hier ablegen“ verkündete.
„Jetzt kann ich mir ungefähr vorstell´n, wie es auf so nem Interkontinentalbahnhof im Wilden Westen zugegangen sein muss, wenn sich der Zug nach Osten wieder mal um nen Monat verschoben hat“, meinte Fox.
Foxs Eindruck wurde durch den Ausruf „Die Kinder sind da!“ komplettiert. Ebensogut hätte derjenige, der ihn von sich gab, „Die Potskutsche kommt!!!“ gerufen haben können.
Sein Sitznachbar erhob sich. „Dann kann´s ja endlich losgehen“, meinte er erfreut, während er unter dem Tisch nach seinem Koffer fischte, der durch achtlose Tritte um einige Meter weitergewandert war, seit der Mann ihn dort abgestellt hatte. „Seit einer Woche laufe ich dieselbe, weil einzige, Straße in diesem Kaff rauf und runter!“
„Sprechen Sie für sich selbst“, erwiderte ein anderer dritter Mann. „Ich habe die Stadt noch nicht einmal gesehen, soviel Ablenkung gibt es allein hier im Haus.“
Der Gelangweilte schnaubte abfällig. „Ich bin Metaphysiker“, erklärte er dann. „Tonnen von Getreide sind für mich nur dann interessant, wenn sie aus einem Kornkreis stammen. Schön für Sie, dass Sie einen angenehmen Aufenthalt hatten, aber für mich gibt es hier nichts von Interesse.“
Das verbale Geplänkel der drei Erwachsenen verstummte, als Fox und Regina ihren Tisch passierten. Mal mehr und mal weniger offensichtlich musterte jedermann die beiden. Die Zaubererkinder verstanden, dass diese Menschen nicht etwa mit Stolz ihre zukünftigen Helden betrachteten, sondern sich eher so vorkamen, als würde vor ihren Augen eine Bombe in den Raum gerollt. Man hatte sie gern in seinem Arsenal, aber doch bitteschön sicher weggeschlossen, denn so ganz vertraute man ihr nicht. Dass Fox zudem unter seiner Trainingsjacke noch immer die gelbe Gefängniskleidung trug, verbesserte den Ersteindruck nicht gerade…
„Und diese verschreckten Hühner sollen uns unterrichten?“ zischte Fox seiner Begleiterin zu. „Wie soll das überhaupt gehen? Ich dachte, Erwachsene können keine Magie benutzen?“
Regina zuckte die Achseln. „Sie könnten in der Theorie bewandert sein, ohne selbst Zugriff auf die Effekte zu haben“, überlegte sie laut. „Zudem besteht ein großer Teil des Lehrplans sicher aus dem Üblichen: Strategie und Taktik, Waffenhandhabung, Sport, Allgemeinwissen, Informatik… Lebenserfahrung…“
„Was den letzten Punkt angeht, hat der Krieg so ziemlich jede Altersklasse auf denselben Stand gebracht“, erwiderte Fox.

Während Regina ihre Reisetasche unter dem „Gepäck hier“-Schild abstellte, hakte Fox seine Daumen nur umso fester in die Träger seines Rucksacks. Das Mädchen vermochte nicht zu entscheiden, ob sich ihr Begleiter nun an dem Gepäckstück festhielt oder seine wenigen Besitztümer zu schützen versuchte. Sie steuerte auf einen freien Stuhl zu, doch bevor sie ihn vom Tisch ziehen konnte, erhob sich erneut eine Stimme über das Hintergrundgemurmel der Erwachsenen: „Wer hat die Kinder reingelassen?“
Eine zweite Stimme, weicher und in sich ruhend, antwortete: „Für jemand, der solche Kinder zwischen den Kontinenten hin und her fliegt, ist das eine selten dämliche Frage.“
„Da habe ich eine Panzerglasscheibe zwischen mir und denen“, schoss der erste Sprecher zurück. Er warf einen Blick auf seinen Gesprächspartner, ordnete das Gesicht einem Namen zu und fühlte sich genötigt zu ergänzen: „Zwischen mir und jeglichem durchgeknallten Passagier, Doktor Ishiba.“
Der mit Ishiba angesprochene, ein Mann japanischer Abstammung, starrte zurück. Kleiner gewachsen als der erste Sprecher, musste er nach oben schauen, um diesen in die Augen zu blicken. Dennoch gelang es ihm mühelos, den anderen noch mehr zu verunsichern.
„Macht, was ihr wollt“, knurrte der Pilot. „Mich seht ihr erst wieder, wenn wir abheben!“
Einen Teller mit Nudeln in Tomatensoße in der Hand begab er sich zum Ausgang, ohne die Zurückbleibenden eines weiteren Blickes zu würdigen. Kurz vor der Tür wurde der Mann von einer Kantinenangestellten aufgehalten. „Tut mir leid, aber hier geht kein Essen über die Schwelle!“
Der Pilot lies sich seinen Teller widerspruchslos entwinden. „Soll mir Recht sein, solange auch keine Zauberer nachkommen“, kommentierte er. Schon in der Tür stehend, wandte er sich doch noch einmal um, um eine letzte Warnung loszuwerden: „Ich war dabei, als eine von dieser Brut der armen Ferry mit einem Windstoß beinahe das Rückrat gebrochen hätte. Weil sie dem Gör sagte, es solle gefälligst stillsitzen!“
„Wer ist Ferry?“ hörte sich Regina fragen.
„Jemand mit von einem magischen Windstoß leicht zerzausten Haaren, deren Rückrat noch intakt ist, schätze ich“, lies sich der Doktor vernehmen. Den letzten Rest Tomatensoße seiner Mahlzeit von den Fingern leckend trat er auf die beiden neuen Schüler zu. „Intakt, sowie stabiler als die Nerven dieses Mannes“, fügte er hinzu.
Die Kinder lachten.
„Auch neu?“ erkundigte sich Fox, nachdem das Eis solcherart gebrochen war. „Welches Fach lehr´n Sie an der Schule?“
„Gar keins“, erwiderte der Mann. „Ich bin Mediziner.“

Fox nickte diese Information ab, hakte den Ddoktor als vorerst irrelevanten Bestandteil der Schulausstattung ab und trat an die Essenausgabe. „Äh, hallo? Kostet das hier was?“
„Alles kostet“, erhielt er zur Antwort. „Die Frage ist nur, wen.“
„Öhm…“
Mit den Worten „Für Passagiere des Flugs heute ist das Essen frei“ schob die Kantinenfrau dem Jungen einen Teller zu. Fox hätte schwören können, dass es sich um die halb aufgegessene Mahlzeit des Piloten handelte, auf die man lediglich einen neuen Schlag Tomatensoße gepackt hatte. Die dem Essen beigefügte Wurst, eine Cola und ein Pappbecher mit Fruchteis liesen die Angelegenheit jedoch gleich wieder freundlicher erscheinen.

Unterdessen hatte sich Regina mit ihrem Stuhl von den restlichen Passagieren zurückgezogen. Sie konnte allerdings nicht verhindern, dass Ishiba ihr folgte.
„Was beschäftigt dich?“ forschte der Doktor. „Als du hier hereinkamst, bist du noch forsch aufgetreten, aber dann hat dich etwas verunsichert… oder ist dir sauer aufgestoßen.“
Ohne den Mann anzublicken, antwortete das Mädchen: „Es gab da mal jemand, der Zauberer von ihrer Andersartigkeit heilen wollte…“
„Nicht nur wollte, sondern es auch versuchte“, bestätigte Dr. Ishiba.
Noch immer sah Regina dem Mann nicht in die Augen. Stattdessen gab sie vor, brennend an der nun beginnenden Verladung des Gepäcks der Reisenden interessiert zu sein.
Ishiba räusperte sich. „Wir bringen alle einen Haufen Gepäck mit in die Anta… Akademie. Den Inhalt von so manchem hübsch bunt gemusterten Koffers sieht man sich besser nicht an – im übertragenen Sinne.“
Während Regina noch nach einer passenden Antwort suchte, kehrte Fox von der Essenausgabe zurück. Beiläufig schob er den Doktor zur Seite und hockte sich neben der Mitschülerin auf den Fußbofen. Immerhin war das Mädchen aus dem Elsaß die einzige Gleichaltrige hier und er kannte sie zudem eine ganze Stunde länger als die restlichen Anwesenden. Es hatte nichts, aber auch nicht das Allergeringste, damit zu tun, dass Regina weiblichen Geschlechts war…
„Na, hast du irgendwas Interessantes erfahren?“ erkundigte sich der Junge zwischen zwei Gabeln voll Nudeln.
„Wo es hingeht!“
Nach zwei weiteren Gabeln fragte Fox: „Und?“
Regina schlug die Beine übereinander. „Sagen wir“, antwortete sie überlegen lächelnd, „mit Sibirien lagst du nicht ganz falsch vorhin. Jedenfalls was das Klima angeht.“
„Mhm… Kanada?“
Doch außer, dass ihr Zielort ebenfalls drei „A“ enthalte, ließ sich Regina zu keiner weiteren Aussage hinreißen. Die Ausbilder stritten noch ein wenig, wie es ihre Art zu sein schien, und dann wurde es auch schon Zeit, den unterirdischen Hangar aufzusuchen.

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