Elfspawn, Kapitel 4.2: Dr. Ishiba

Die von der Schule zur Verfügung gestellte Maschine war nicht größer als ein für Flüge innerhalb eines Staates ausgelegtes Flugzeug, dabei aber für deutlich längere Strecken tauglich.
Auch an der Innenausstattung hatte man nicht gespart: Ein weicher Teppichboden dämpfte das Geräusch der Schritte der Passagiere, an den Wänden waren Snackautomaten angebracht und anstatt in wohlgeordneten Reihen hintereinander zu stehen, ordneten sich die Sitze zu kleinen Gruppen. In Foxs Meinung nach aufdringlicher Weise prangte das Wappen des Paktes in kurzen Abständen an der Innenwand.
Die beiden Teenager liesen sich in einer Vierersitzgruppe nieder.
Mittlerweile hatte Fox seine Gefängnisuniform gegen Zivilkleidung gewechselt. Nun öffnete er den Kragen seines Hemdes und anschließend noch die Ärmel. Auch die Turnschuhe aus einem zeltstoffähnlichen Material wurden so schnell wie möglich abgestreift. Seit seiner Verhaftung war der Teenager in die Höhe geschossen, so dass die alten Kleidungsstücke nicht mehr passen wollten. Nicht, dass es von Bedeutung gewesen wäre, da er ja in nächster Zeit tagaus tagein in einer Uniform herumlaufen würde, in Einheitskleidung, die verschleierte, wer wieviele Dollar ins Feld werfen konnte, wenn er ein Mädchen ausführte. Die Vorstellung gefiel Fox, wie er sich auch darauf freute, seine Mitschülerinnen kennenzulernen. Mit Sicherheit würden sich einige darunter befinden, die die Schule nur besuchten, um mit ihren Kräften umgehen zu lernen und sich nicht mit dem ganzen patriotischen Kram identifizierten, der Regina so zu gefallen schien.

Kein weiterer Passagier zeigte Interesse, sich den jungen Zauberer zuzugesellen. Allein Dr. Ishiba in der benachbarten Sitzgruppe drehte seinen Sessel so, dass er sowohl mit seinen erwachsenen Reisebegleitern als auch mit den Schülern sprechen konnte.
Zwei weitere den Kindern aus der Kantine bekannte Erwachsene passierten die Zauberer. Sie zögerten kurz, schauten etwas beschämt drein und beschleunigten dann ihren Schritt. Regina versuchte, sich vorzustellen, wie unter diesen Umständen eine Unterrichtsstunde ablaufen würde…
„Lass es bleiben“, knurrte Fox.
Regina zuckte zusammen. Nicht zum ersten Mal schien es, als schaue dieser amerikanische Junge direkt in die hinein. Konnte jemand ihres Alters tatsächlich über eine derartig ausgeprägte Menschenkenntnis verfügen? Las Fox am Ende doch ihre Gedanken?
Die Maschine ruckte an und riss Regina aus ihren Überlegungen. Zuerst ging es durch einen Tunnel, dann hob sich die Nase des Flugzeugs und just als es schien, als müsse es sogleich mit der Decke kollidieren, wurde es auf einmal hell und die Maschine stieg hinauf in den freien Himmel.
Regina empfand den Übergang als bedeutsam. Sie fühlte sich befreit und bereit, es mit allem aufzunehmen, was da kommen mochte.
„Du beschreitest nun den Weg, der mit deinem Schicksal korrespondiert“ – woher war dieser Gedanke plötzlich gekommen? Regina wusste es nicht. Höchstwahrscheinlich waren die Worte im Augenblick ihrer freudigen Erregung entstanden.

Als der Pilot durchsagte, die Passagiere dürften nun ihre Plätze verlassen, löste Regina als eine der ersten ihren Sicherheitsgurt. Sie erhob sich, trat auf die Bordwand zu und zeichnete mit den Fingerkuppen des Sonnensymbol mit dem blutenden Herzen im Zentrum nach. Auf dieses Zeichen hatten sich die Nationen der Erde geeinigt, nachdem sie das Bündnis gegen die Elfen geschlossen hatten. Mochte ihre Einigkeit auch eines Tages wieder zerfallen, so würde doch das Wappen noch auf lange Zeit daran erinnern, dass sie einmal bestanden hatte… und daher jederzeit aufs Neue möglich war.
„Ist das nicht aufregend?“ fragte Regina ihren Mitschüler. „Wir sind gerade mal fünfzehn und stehen schon im Dienst der gesamten Menschheit!“
Der ehemalige Häftling lachte! „Also ich bin nächsten Monat siebzehn und mir geht das alles sowas von am Allerwertesten vorbei! Wozu das ganze Brimborium? Die Elfen sind weg. Sie werden´s auch bleiben, wenn sie schlau sind.“ Fox zapfte sich eine Cola, in die er genüsslich mehrere Eisbrocken sowie Zitronenschnitzel fallen lies. Anschließend richtete er sein Glas auf Regina. „Und das waren die, schlau, meine ich!“ bekräftigte er und verschwand mit dem bereits bekannten Flackern aus Reginas Sichtfeld. Allein das Colaglas blieb sichtbar und in dem Maße, in dem sein Inhalt aus dem Glas heraus floss, um zu einem Teil des Körpers des Zauberers zu werden, verschwand auch die Flüssigkeit. „Zum Wohl!“ verkündete Foxs körperlose Stimme.
„Foooox…“ Regina rollte die Augen.
„Was denn?“ Der Junge erschien wieder im sichtbaren Spektrum. „Ich bin bei dieser Magierschulsache dabei, weil es besser als Knast ist. Aber so oder so, für mich läuft es darauf hinaus, meine Zeit abzusitzen. Jedenfalls denke ich nicht daran, auch danach noch den Superhelden zu geben! Sobald ich wieder frei bin, gehe ich auf ein ganz normales College und sorge dafür, mal´n gutbezahlten Job abzubekommen. Von der quasi-Weltregierung zertifizierter Zauberer – das muss doch für mindestens ein Stipendium gut sein!“
Regina schmunzelte. „Naja, dann steigst du wenigstens nicht mehr in Häuser ein, in denen du nichts zu suchen hast!“
„Nee, das wird dann dein Job sein, Frau Spezialagentin!“
Regina schüttelte den Kopf. Sie konnte sich zwar nicht Foxens Lebensphilosophie anschließen, doch gänzlich unsympathisch war ihr der Bursche nun auch wieder nicht. Vielleicht hatte Dr. Ishiba ja Recht mit seinem Koffergleichnis und sie sollte aufhören, den Kriminellen in Fox zu sehen. Nun, da er nicht mehr in Gelb mit einem Nummernschild vor ihr stand, sollte das leichter fallen.

Fox kehrte zu seinem Platz zurück.
„Was ich nun wieder kaum fassen kann“, gestand er, „ist, in so einer Kiste, die sonst Diplomaten oder Millionäre transportiert, zu sitzen. Und dann auch noch in die Antarktis zu fliegen!“
Regina neigte anerkennend den Kopf. Hatte der andere also doch noch Eins und Eins zusammengesetzt. Dabei hatte sie erwartet, Fox würde „Himalaya“ auf ihr Rätsel antworten…
„Es ergibt aber Sinn“, erwiderte das Mädchen. „Auf Antarktika am entgegengesetzten Erdpol befindet sich die Schule soweit wie möglich vom Hauptportal der Elfen entfernt!“
„Stimmt“, lies sich Ishiba vernehmen.
Der Doktor sah die Jugendlichen ernst an. „Und ich kann eurer beider Standpunkte nachvollziehen“, fügte er hinzu. „Auch ich kann mir etwas Angenehmeres vorstellen, als mich in einem geheimen Stützpunkt im ewigen Eis zu verbarrikadieren. Jedoch verstehe ich die Notwendigkeit dazu und kann mich nicht von dem Unternehmen ausschließen. Dieses Projekt ist unsere letzte Hoffnung! Was immer geschehen wird, diese Tatsache müsst euch stets vor Augen halten! Egal, wie hart es wird… für uns alle… okay?“
Regina schmunzelte. „Ist schon klar, dass eine Militärschule kein Ponyhof ist“, entgegnete sie.
Fox hingegen seufzte vernehmlich, leerte seine Cola und zapfte sich eine neue.

Regina war versucht, eine Photoserie von seiner allerdurchlauchtigsten Angefressenheit Fox Burgh zu schießen. Sie holte ihr Smartphone aus der Tasche und spielte unschlüssig damit. Das Gerät war vorschriftsmäßig in den Flugmodus geschaltet. Zum letzten Mal hatte Regina es verwendet, um den Eltern mitzuteilen, dass ihr Bus gleich am Zielort in den Blackhills ankommen und sie sich zu ihrer Schule begeben würde. Daheim würde jedermann glauben, Regina säße gerade beim Abendessen oder triebe sich mit ihren neuen Mitschülern in der Stadt herum…
„Darf ich Bilder machen?“ fragte das Mädchen in die Runde.
„Wieso denn nicht?“ fragte einer von Dr. Ishibas Sitznachbarn zurück.
„Wegen der Geocodes. Ich glaube, der fügt die automatisch ein und ich dachte, es sei ein Geheimnis, wo wir hinfliegen?“
„Ah, gut mitgedacht!“ Der Mann schüttelte den Kopf. „Du hast hier eh keine Verbindung, über die du deine Photos irgendwo posten könntest, also knipps ruhig. Später sendest du dann die bereinigten Bilder von der Station aus.“
„Okay, danke.“
Regina schnappte sich Fox bei dessen Schulter. „Los, komm, Selfie-Time!“
„Self was bitte?!“
Anstelle einer umständlichen Erklärung schob Regina den Jungen in die entsprechende Position und richtete die Kamera auf sie beide. Nach allem, was hinter und noch vor ihnen lag, wollte sie etwas unschuldiges, teenagerhaftes tun!

Zeit verging. Die Passagiere schliefen, nahmen ihr Frühstück ein aßen zu Mittag und zwischen den Mahlzeiten langweilte man sich.
Das Flugzeug strebte unbeirrt auf sein Ziel zu. Im Laderaum in seinem Bauch transportierte es zwei mit Luftlöchern versehene Kisten. Obgleich deren lebendiger Inhalt eigentlich ruhiggestellt hätte sein sollen, erklang aus der einen ein leises Schluchzen…

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