Elfspawn, Kapitel 4.3: Dr. Ishiba

Eine halbe Stunde nachdem selbst Foxs Begeisterung angesichts des komfortabel ausgestatteten Flugzeugs abgeklungen war, kam schließlich das Ziel in Sicht. Von ihrer Ausdehnung einmal abgesehen, hätte man die Schule für eine ganz normale Forschungsstation halten können. Noch nicht einmal die Wachtürme und in den Himmel gerichteten Geschütze wirkten in den Augen der angehenden Zauberschüler nicht fehl am Platz – so sah die Welt, in der sie aufwuchsen, nun einmal aus, eine Welt, in der jederzeit an jedem Ort mit dem Erscheinen eines der kleineren Weltentore zu rechnen gewesen war, solange das Meisterportal in der Arktis bestanden hatte. Und da niemand wusste, ob oder wann der Spuk von vorn beginnen würde, baute man weiterhin Verteidigungsanlagen.

Regina presste ihre Nase ans Fenster. Die schiere Größe der Anlage zeugte von der Investitionskraft und –bereitschaft des Paktes. Ein solches Monstrum in einer derartig lebendfeindlichen Umgebung zu unterhalten, konnte nicht billig sein. Zudem schien es, als sei mindestens die Hälfte der Kriegsbeute der Menschheit in den Bau eingeflossen. Mit der Begeisterung eines kleinen Mädchens zerrte Regina Fox ebenfalls ans Fenster, um ihm die Highlights der Akademie vorzustellen:
„Das rotglänzende Luftabwehrgeschütz dort besteht aus Dragonium. Das ist angeblich eine Legierung aus Eisen und gemahlenen Drachenknochen, aber höchstwahrscheinlich eher ein auf der Erde unbekanntes Metall. Dragonium hält noch die tiefsten Temperaturen aus ohne spröde zu werden.“
„Auf der Erde unbekannt – das klingt ja, als wären lediglich Aliens über uns hergefallen“, überlegte Fox. „Aber dann bringen sie Elemente mit, die in unserem Universum nicht vorkommen und man bekommt vor Augen geführt, was wirklich abgeht.“
„Ja, schlimm sowas“, kommentierte Regina, die nur mit halbem Ohr zugehört hatte. Erneut zupfte sie Mädchen an Foxs Ärmel. „Sie mal da!“
Der Junge musste mehrfach hinschauen, bis er den zwischen den Gebäuden umherwandernden Baum erkannte. Tatsächlich – da spazierte ein Ahornbäumchen mitten durch die Eiswüste. Wie bewusst würde sich die Kreatur ihrer Umgebung – oder ihrer Selbst – sein? Musste man sie als Beutegut oder Kriegsgefangene einstufen? Und, was am wichtigsten war, worauf hatte man sich einzurichten, wenn man ihr begegnete?
„Das ist ein Weißer Baum“, erklärte Regina. „Eine hochmagische Kreatur, die sich von der Abwärme gewirkter Zauber ernährt. Du kannst natürlich auch einen Elfen zwischen die Wurzeln werfen, dann wird der angezapft und langsam ausgesaugt. Fast wie eine Obstfliege in einer Kannenpflanze!“
„Regina Ameline, dein Geschmack, was Blumen angeht, ist lieblich…“
„Ja, ich weiß, das ist gruslig. Die da unten scheint allerdings mir pappsatt zu sein – je durstiger der Baum wird, umso dunkler färbt sich das Holz nämlich.“ Regina grinste. „Das Biest zu füttern, dürfte die unangenehme Aufgabe sein, die uns Erstsemestlern zufällt. Oder denen, die sich eine Strafe einfangen.“
„Na, wunderbar“, knurrte Fox. „Und was tut dieses Ding genau?“
„Keine Ahnung. Ich glaube, man zapft die Rinde Weißer Bäume an, um Zutaten für Heilelixiere daraus zu gewinnen. Aber Vater sagt, es sei ein großes Risiko, solche für Elfen gedachten Mittel zu schlucken.“
„Verstehe. Was ist das da?“
Fox deutete auf ein riesiges Windrad, in das ein riesiger Kristall eingebaut war. Auch zu diesem Gerät hatte Regina die passende Erklärung bereit, doch Fox folgte ihren Worten schon nicht mehr. Es gefiel ihm einfach, die Mitschülerin so begeistert zu sehen, wenngleich er diese Begeisterung selbst nicht teilte. Fox war die Bezeichnung „Boys with toys“ für Wissenschaftler geläufig. Nun lernte er, dass das Pendant dazu „Girls with things that go kaboom“ hieß, sich zwar wesentlich schlechter reimte, den Nagel jedoch auf den Kopf traf.
„Scheint mir so, als hätte jemand die halbe Kriegsbeute hierher verfrachtet“, kommentierte der Junge. „Als flöge man nicht in einen unserer Stützpunkte ein, sondern in eine Elfenfestung.“
Regina fuhr herum. „Waaas?!“
„Jaaaaaa“, zischte Fox. „In Wirklichkeit ha´m die Spitzohren sich alle genau hierher zurückgezogen und sammeln Zauberer, um sie an ihren magiefressenden Baum zu verfüttern!“
Für einen Moment schien Regina diesen Gedanken ernsthaft in Betracht zu ziehen.
„Rah!“ machte Fox und das Mädchen zuckte tatsächlich zusammen. „Hahaha!“
Im nächsten Moment zerrte einer der Ausbilder die beiden zurück auf ihre Plätze. „Anschnallen jetzt!“

Die Maschine kippte nach links, dann nach rechts, fand endlich ihre optimale Anflugposition und senkte ihre Nase nach unten. Sachte rollte sie auf der Landebahn aus und wurde anschließend ins Innere einer Halle geschleppt. Dieser Hangar war durch einen Tunnel mit dem Hauptgebäude verbunden.
„Gepäck wird in die Wohnmodule gebracht, bitte zügig weitergehen!“ wies der Pilot die Neuankömmlinge an. Die meisten von ihnen hatten bereits im Flugzeug warme Kleidung übergeworfen, doch so mancher, der nicht daran gedacht hatte, fröstelte gehörig. „Warme Pullis gibt´s drinnen“, kündigte der Pilot an.
Regina und Fox folgten der Anweisung – Regina, weil sie einen positiven Ersteindruck erzeugen wollte und Fox aufgrund des ganz und gar nicht positiven Ersteindrucks, den der Weiße Baum auf ihn hinterlassen hatte.
Der erste Raum, der sich an den Tunnel anschloss, stellte sich als Umkleide heraus. Spinde und Bänke reihten sich an den Wänden und mehrere Türen führten zu Damen- und Herrenduschen.
„Da drin einmal gründlich abschrubben und dann mit dem Desinfex einreiben“, wies ein Sicherheitsgardist die Ankömmlinge an. „Tut mir leid, ich weiß, das Zeug stinkt widerlich nach Krankenhaus, aber da führt kein Weg dran vorbei. Erwachsene hier umziehen, die Kids zu mir! Solltet ihr nicht zu viert sein? Na, egal. Ihr nehmt die gelben Türen gleich hier vorn.“
Hinter der ihr gewiesenen Tür fand Regina eine kleinere Umkleide und dahinter eine einelne Duschkabine. Sie stopfte ihre Reisekleidung in einen bereitstehenden Wäschekorb.
Nach dem langen Flug duschte Regina ausgiebiger als es sonst ihre Art war, benutzte wie angewiesen das bereitstehende Desinfektionssmittel und sah sich dann nach einem Bademantel oder sonstigem Kleidungstück um. Auf einem Hocker bereitliegend fand sie ein Unterhemd, einen Pullover, eine Wollhose und Socken, alles in weiß und einer passt-jedem-und-sieht-an-jedem-gleich-scheiße-aus Einheitsgröße.
Nachdem sie sich angekleidet hatte, wollte Regina in den großen Umkleideraum zurückkehren, doch sie fand die Tür hinter sich von außen verschlossen.
„Stimmt ja, würde ja keinen Sinn machen, frisch entseucht, wieder in die bakterienschwangere Luft zurückzukehren“, überlegte die Schülerin laut. Zu ihrer Linken befand sich eine weitere Tür, durch welche die angehende Kadettin nun trat. Sie fand sich in einer Mischung aus Büro und Untersuchungszimmer wieder.

Was das Mädchen anschließend erwartete, hätte abschreckend auf Menschen gewirkt, die keine Verwandten im Militär besaßen: Gewichtskontrolle, Blutabnahme, Fragen über Fragen zur Krankengeschichte… eigentlich fehlten nur noch ein sportlicher Eignungstest oder eine theoretische Prüfung. Doch die besonderen Kräfte der Schüler waren wohl Beweis genug, sich rechtmäßig auf dieser Akademie aufzuhalten.
Die ganze Zeit über sprachen die Erwachsenen kaum ein Wort mit Regina. Ihre Kommunikation beschränkte sich auf Anweisungen, Fragen und nur ganz selten einmal eine Rückfrage.
Das Mädchen ordnete sich in den Ablauf ein. Sie fragte sich dabei allerdings, was wohl Fox nebenan von der nüchternen, ja sogar kalten, Aufnahmeprozedur halten würde…
Erst, als ein Schulkrankenpfleger auffordernd auf einen Massagetisch deutete und Regina den Kopf unsanft in das Loch drückte, fragte die frischgebackene Kadettin ungeduldig, was denn jetzt noch anstünde. Anstatt einer Antwort setzte ihr der Mann eine Spritzpistole an.
„Au!“
Ein kurzes Zischen und einen schmerzhaften Einstich im Nacken später spürte Regina, wie ihr linkes Handgelenk angehoben wurde. Es fühlte sich an, als lege ihr jemand Handschellen an. Mit einem vernehmlichen Klicken rastete ein Verschluss ein.
„Aufstehen!“
Verwirrt erhob sich die Zauberschülerin.
Der Krankenpfleger hob ihre Hand, um die sich nun ein Armreif wand, an und führte ihr den Reif vor die Augen. Regina sah eine Reihe in das Band eingravierter Zahlen, die ihr nichts sagten.
„Eine unbefohlene Anwendung deiner Kräfte, und sei es nur die geringste“, drohte ihr der Mann, „und das hier verpasst dir einen elektrischen Schock, der sich gewaschen hat!“
„Wie bitte? Äh, ja, Sir, meine ich. Aber finden Sie nicht, Sie übertreiben? Ich meine, na klar schlagen Schüler ab und zu mal über die Stränge, aber dann gleich solche Maßnahmen zu ergreifen?“
„Schüler…?“ Der Mann schaute Regina verdutzt an. Dann spiegelte sich Verstehen in seinem Gesicht wieder und schließlich lachte er. „Ach so, richtig, das haben sie euch ja erzählt, um euch ruhig zu halten! Haha! Nicht alle Eltern wären breit, uns ihre Zaubererkinder zur Verfügung zu stellen. Das Material, das uns freiwillig zur Verfügung gestellt wurde, ist entweder verbraucht oder eignet sich nicht mehr für die derzeit angesetzten Forschungen… von daher mussten neue Aquirierungsmethoden gefunden werden.“

Regina wurde herumgedreht. Sie stand nun vor einer glatten Wand, die das bereits bekannte Symbol der Sonne mit dem blutenden Herzen zeigte. Daneben öffnete sich eine Tür in einen abwärts führenden, grell erleuchteten Gang. Über dieser Tür aber war ein Schild in die Wand geschraubt, auf dem zu lesen stand: LABOR 25, gefolgt von einer Bezeichnung der Abteilung und der Verantwortlichen für diesen Abschnitt.
Regina schlug beide Hände vor den Mund. Sie befand sich in der geheimen Forschungssattion des Paktes, in der gerüchteweise Experimente an elfischen Kriegsgefangenen durchgeführt wurden!
Die Tür zum Nachbarraum öffnete sich und herein wurde Fox Burg gestoßen. Auch er trug die wärmende Einheitskleidung sowie ein Schockarmband um sein Handgelenk. Der Junge wirkte leichenblass. Jeder seiner Schritte erschien Regina doppelt so laut, nun, da sie wieder hörbar waren. Es kostete Fox mehr geistige Anstrengung, seine Heimlichkeitsmagie zu unterdrücken, als sie einzusetzen. Als sich das altbekannte Flimmern zeigte, das der Zauberer bisweilen unbewussst auszulösen schien, zuckte Fox unter dem Vergeltungsschock seines Armbands zusammen.
Der Junge stolperte auf Regina zu, blieb jedoch einen Meter von ihr entfernt stehen.
„Du… du hast das doch auch nicht vorher gewusst, oder?“ brachte er hervor. „So krank kannst nicht mal du sein, dass du dich hierauf gefreut hättest!“
Regina schüttelte den Kopf. Bevor sich die Tür hinter Fox schloss, konnte sie noch einen Blick auf einen weiteren Jungen, ein Kind von elf oder zwölf Jahren, erhaschen, der dort auf einem Behandlungstisch lag.
In Reginas Rücken betätigte der Krankenpfleger die hauseigene Sprechanlage: „Alle drei Versuchssubjekte haben jetzt den Chip mit ihren Daten implantiert bekommen. Habe ich das richtig mitbekommen, dass wir auch einen Elfen geliefert bekommen haben? Ja? Ah ja, ist gut. Ich kümmere mich darum, sobald ich das Material weggesperrt habe.“
„Nein…“ hauchte Regina. Die Umgebung verschwamm in einem Tränenschleier. Das passierte doch nicht wirklich!

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