(MdG) Die 11. Dimension

K´chens Welt bestand aus sechs Quadratmetern Holzdielen, einem Etagenbett und einem runden, niedrigen Holztisch mit drei Schemeln. Ein ausgewachsener Karr hätte dieses Tischchen bestenfalls als Ablage benutzt, für die Körpergröße der Schüler waren seine Maße perfekt. Das bereits sehr mitgenommene Möbelstück hatte ein in der Stadt ansässiger Emubeni der gestiftet, damals, in ihren Anfangstagen, als noch jeder Achteltaler gespart werden musste, da Adel, Bürgerschaft und Klerus gleichermaßen skeptisch gegenüber der Akademie und dementsprechend unwillig, sie zu finanzieren, waren. Es wusste ja niemand, ob sich das neue Lehrkonzept durchsetzen würde. Heute hingegen stellte die Sitzgruppe etwas Besonderes dar, denn sie stammte aus dem Gründungsjahr. Dementsprechend zählte diese Kammer zu jenen, die nur den Bestschülern zur Verfügung gestellt wurden. K´chen Mondensohn gehörte zu jener Gruppe der nicht nur zauberisch besonders begabten, sondern darüberhinaus auch intelligenten und lernbegierigen Studenten.
In an den Wänden aufgereihten Regalen stapelten sich Schriftrollen, Notiz- und Knüllpapier. Mehr besaß der Junge nicht und nach mehr verlangte ihn nicht. Die große Welt, wie K´chen sie verstand, jene, die zu erkunden er jeden Morgen ersehnte, nannte sich Bibliothek. Natürlich beherbergte die Akademie zu Markzat darüberhinaus auch Speiseräume, Lustgärten, Debattierstuben, Meditationskammern, Trainingshallen für praktische Übungen und nicht zuletzt andere Zauberschüler, doch all das degradierte K´chen in seinem Frust darüber, die Schule verlassen zu müssen, auf denselben Status: Das zweidimensionale Gemälde auf der Leinwand einer Bühne.
An diesem, seinem letzten Tag in der Akademie, hockte Zakets Sohn im Schneidersitz auf dem oberen der beiden Betten, umgeben von den ihm für die Dauer seiner Lehrzeit anvertrauten Büchern. Auch einige Exemplare, die sich mit weiterführenden Themen auseinander setzten, hatten ihm seine Lehrer ausgeliehen.

„Wenn aber in der elften Ebene des Weltenturms rein gar nicht geschieht, wozu ist sie dann gut?“ fragte der frischgebackene Zauberer über den Rand eines schweren Wälzers hinweg.
Sein Stubenkamerad Gorang fuhr lediglich fort, seine sich allmählich auf Erwachsenengröße verlängernden Schnurrhaare zu pflegen. Sich den empfindlichen Sensoren sachgerecht zu widmen, war eine ernste Angelegenheit!
K’chen schlug das Buch zu. Er blickte seinen Freund aus weltabgewandten Augen an. Seine Gedanken waren noch immer bei dem Gelesenen. „Vielleicht,“ so vermutete er, „ist sie ja nur dafür da, vor der zwölften Ebene zu kommen. Dort könnte dann wieder etwas Aufregendes stattfinden.“
„K’chen,“ seufzte Gorang und drehte seinen massigen, lang und dicht bepelzten Körper in Richtung des Stubenkameraden. „K’chen, Freund, was geht uns das noch an? Wir sind jetzt Zauberer!“ Von den drei Tugenden der zauberischen Begabung, Klugheit und Lernwille verfügte Gorang immerhin über die ersten beiden, wie er mit seinen Worten demonstrierte: „Das heißt, wir können heimkehren, heimkehren ohne Angst haben zu müssen, eines schönen Tages zu explodieren. Vergiß den okkulten Kram und freu dich auf dein Leben!“
„Hm,“ machte K’chen. Er sprang vom Bett und sah an sich herab, in der Hoffnung, irgendeine grundlegende Veränderung zu bemerken, die ihn als Zauberer auszeichnete. Aber da war nur ein noch im Wachstum begriffenes Katerchen, in billige Kleider gehüllt. Ein Tabby, sicher, auch wenn K´chens Stirnband derzeit das kennzeichnende „M“ auf der Stirn verdeckte, ein Tabby also, aber ansonsten in keinem Merkmal von einem gewöhnlichen Straßenkater zu unterscheiden. Lediglich die kurze Weste über seinem Alltagskittel hatte sich K’chen mit den Zeichen der Monde und Gestirne besticken lassen, um seiner Erscheinung einen „arkaneren“ Anschein zu verleihen.

Vor einer Woche hatte der Prüfungszyklus begonnen und gestern hatten sie alle miteinander gefeiert: die drei Schüler, welche die Prüfungen zu ihrem eigenen Besten würden wiederholen müssen, diejenigen, welche bestanden hatten und die Schule nun mit K´chen zusammen verließen und die wenigen, welche weiter studieren würden. Die anfängliche Euphorie des fertig ausgebildeten Zauberers über seinen neuen Status war mittlerweile gewichen und hatte dem ganz normalen K’chen Platz gemacht, der er schon immer gewesen war.
‚Gorang ist in den letzten Wochen so richtig aufgeblüht’, dachte der Junge bei sich. ‚Ich sollte mich auch irgendwie anders fühlen…“ Doch dieses „anders“ wollte sich nicht einstellen. K´chen hatte keine Ahnung, was genau er falsch machte.
Tatsächlich fühlte der Zauberer, dass er nach fünf Jahren Studium noch immer am Anfang stand. Zwar hatte er einen Einblick in den Aufbau der Welt erhalten und gelernt, seine besonderen Kräfte zu beherrschen, dabei auch noch eine solide Allgemeinbildung mitbekommen, aber das konnte doch noch nicht alles gewesen sein? Die Erdlinien hatte K´chen zu nutzen gelernt, doch über deren Natur musste lediglich ein studierter Magier Bescheid wissen, kein bloßer Zauberer wie K´chen, der gewissermaßen ein Handwerker dieser Kunst war. So viele Fragen waren offen geblieben…

Ein letztes Mal überprüfte der junge Zauberer, ob er alles verstaut hatte, was er mit nach Hause nehmen wollte. Dann konnte er sich nur noch auf seine Truhe setzen und warten, während Gorang versunken mit der Fellpflege fortfuhr.
K’chen vermochte sich nicht wirklich vorzustellen, welches Leben auf seinen Schulfreund wartete, dessen Familie ein Weingut an der Westgrenze des Königreiches besaß. Was ein Winzer – und dann noch der Sprössling des Gutsbesitzers selbst – tat, darüber besaß K´chen nur eine bruchstückhafte Vorstellung. Leider stand ihm seine eigene Zukunft nur allzu deutlich vor Augen. Die Gauklersippe konnte es kaum erwarten, dass ein Zauberer seine Talente in ihre Auftritte einbrachte. K’chen Mondensohn würde dafür sorgen, dass die Kasse wieder klingelte, er würde seine Kräfte zur Schau stellen und vom Pöbel angehimmelt werden, in jeder Stadt und jedem Dorf aufs Neue. Vom Ort selbst würde er nicht viel mitbekommen, dafür aber sehr bald eine jede schlammige oder löchrige Straße zwischen hier und Herzogenhag kennen gelernt haben.
Sehnsüchtig schaute K’chen auf das in Leder gebundene Buch auf seinem Bett.

Wäre er doch vierzehn Jahre alt gewesen und nicht erst zehn! Ein Zauberer war mit zehn Jahren fertig ausgebildet, volljährig wurde ein Karr jedoch erst vier Jahre später. Als sein eigener Herr hätte K’chen in der Akademie bleiben und weiter studieren können, um die höheren Mysterien seiner Kunst kennen zu lernen. Dass er arm war, stellte keinen Hinderungsgrund dar. Mehr als einer seiner Lehrer hätte sich mit Freuden bereiterklärt, das Schulgeld für den begabten Jungen zu tragen. Sie alle hatte K´chen ermuntert, als Erwachsener nach Markzat zurückzukehren und sich auf einen Studienplatz zu bewerben. Ob er nach vier Jahren Eingebundenheit in den Alltag seiner Sippe die Kraft zur Rückkehr an die Akademie finden würde, bezweifelte der junge Kater allerdings stark.

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