(MdG) Und draußen bleiben die Zauberer

Unterdessen auf dem Gelehrtenplatz vor der Akademie:

„Und draußen bleiben die Wahrsager und die Zauberkünstler“ verkündete ein Bibelspruch in goldenen Lettern über dem Hauptportal der Magierakademie zu Markzat. Der Text war in der Volkssprache gehalten, nicht im Engelischen, dessen sich die Kirchenleute untereinander bedienten. Jedermann sollte sehen, wie stolz die Stadt der Karr war, „ihre“ Zauberer zu beherbergen.
Nun, jeder des Lesens Kundige zumindest. Vielleicht war es auch besser so, dass nicht jeder verstand, was hier verkündet wurde, denn das Zitat war nicht unumstritten. Es wies auf die neue Gesellschaftsordnung nach der Apokalypse hin, sowie auf die Rolle, welche die Zauberer darin spielen würden. Draußen, vor den Sicherheit bietenden Mauern einer Karr-Stadt, befanden sich jene, welche die Bürger vor den in der Wildnis lauernden Gefahren beschützten. Draußen zu lagern bedeutete, ein gefahrvolles und unter Umständen sehr kurzes Leben zu führen, es verhieß aber auch zusätzlichen Lohn und hohes Ansehen. Nie würden die Wächter wirklich am städtischen Treiben teilhaben können, ein Verzicht, der in jener goldenen Zukunft noch schwerer wiegen musste als in der Gegenwart. Die Rolle der Beschützer aber würden in ferner Zukunft nicht mehr die Waldläuferinnen übernehmen, sondern die Zauberer und darauf wiesen sie bereits heute hin.
Jeder konnte das nachvollziehen und niemand neidete den zaubermächtigen Männern und Frauen ihre von Gott bestimmte Zukunft. Wahrsager hingegen waren entweder Scharlatane oder Ketzer. Wenn nicht einmal die gelehrten Astrologen Aussagen über die Zukunft treffen, sondern lediglich günstige und ungünstige Zeitpunkte für bestimmte Vorhaben benennen konnten, woher nahmen dann die Wahrsager die Dreistigkeit, ihr Gerede als Wahrheit auszugeben? Kein Kirchenmann konnte so richtig einsehen, warum diesen Dummenfängern dieselben Privilegien gewährt werden sollten wie den Zauberern. Wahrsager waren Feinde der Ordnung, daher gehörten sie innerhalb der Stadtmauern, wo man sie unter Kontrolle hatte! Nach einigem Hin und her hatten die Schreiber des Heiligen Stuhls vor ein paar Jahren schließlich entschieden, dass ein Übersetzungsfehler vorliegen musste und in Wahrheit Propheten gemeint waren. Durchgesetzt hatte sich diese Erkenntnis allerdings noch nicht in der gläubigen Welt.

Tric der Sterndeuter schmunzelte ein wenig, während ihm all das durch den Kopf ging. Himmelsschwingen waren längst nicht so religiös wie Karr. Durch ihre Flugfähigkeit beinahe schon ein wenig engelsgleich, näherten sie sich Glaubensfragen eher intuitiv, während die Karr sehr viel Wert auf festgeschriebene Werte legten. Tric beispielsweise widmete sich mit großer Sorgfalt seinen Sternkarten, ansonsten hielt es nicht viel von persönlicher Ordnung oder starren Regeln. ‚Vielleicht bin ich ja deswegen ein so lausiger Zauberer’, dachte das Himmelsschwing.
Gleichzeitig schob es die zögernde Prisja durch das Portal der Akademie.
„Sollten wir wirklich durch den Haupteingang…?“ protestierte Prisja. Zu deutlich war sich die junge Frau aus dem Volk der Karr plötzlich wieder ihrer bunten Gauklertracht und Trics Gewandung aus speckigem Leder, die eher zu einem Waldläufer – oder eben Lufträuber! – als einem Zauberer passen wollte, bewusst geworden.
Tric lachte nur: „Soll ich als Zauberer etwa den Dienstbotenzugang benutzen?“
Prisja stand nun mit beiden Füßen auf der anderen Seite der Schwelle. „Du hast als meine Begleiterin und Schwester eines Zauberers jedes Recht, hier einzutreten,“ bestärkte Tric sie noch einmal. Er stubbste die Katze erneut an, woraufhin die sonst so gewandte Prisja ins Stolpern geriet. Tric überholte sie, ergriff ihre Hand und zog sie über die Schwelle, damit der diensthabende Torhüter das Portal wieder schließen konnte.
An diesem Tag übernahm eine Angehörige der Erd-Zunft diese Pflicht. Bereits am Morgen hatte die Katze die Scharniere magnetisiert, so dass sie das schwere Tor nun mit einem Fingerschnippen in die gewünschte Richtung zu bewegen vermochte.

K´chens Schwester lies sich von dem Zauberer durch die Eingangshalle ziehen. Was um sie herum vor ging, nahm die Gauklerin kaum wahr. In ihrem Spagat zwischen einem selbstbewussten, aber dennoch demütigen Gang, taunmelte Prisja hinter Tric her.
Direkt gegenüber dem Hautpeingang befand sich eine weitere doppelflüglige Tür. Die Pförtnerin öffnete auch diese mit einem Handwinken. Prisja folgte Tric durch das Tor – und stockte.
Doch diesmal bremste nicht Scheu, sondern Staunen den Schritt der Katze. Sie stand am äußersten Rand des weitläufigen Innenhofes des Akademie, noch innerhalb des diesen umlaufenden Säulenganges, und nahm das Bild auf, das sich ihr bot.
Natürlich war Prisja schon in Burghöfen aufgetreten, doch der Innenhof der Magierschule glich viel eher einem Dschungel als irgendetwas anderem. Bäume, Gesträucher, Lichtungen, Pilzringe – und das alles inmitten einer der größten und dicht bebautesten Städte des Königreiches Alpland! Es war wirklich und wahrhaftig „ein Wald mit Mauern drumherum“, wie K’chen es in seinem ersten Jahr hier ausgedrückt hatte.
Prisja waren die Wälder des Landes, ob dunkel oder licht, wohlvertraut. Diese Wälder luden nicht zur Besinnung ein, dort draußen musste man stets auf der Hut vor Räubern oder wilden Tieren sein. Der „Waldpark“ der Zauberer, für den besaß die Tochter der Fahrenden kein Wort. Nichts an diesem Ort stellte das Produkt von Zauberei dar, aber es war auch nicht real in dem Sinn, mit dem Prisja aufgewachsen war. Und dennoch erschien alles beinah noch echter als die Realität, ganz so, als habe dieser Ort die Seele des Waldes eingefangen und ihn von allen Unannehmlichkeiten befreit. Selbst die unvermeidlichen Ameisenpfade fügten sich in das große Vegetationsmandala ein, wie Tric seiner Begleiterin ohne den geringsten Anflug des Scherzens versicherte.

Eine Schülergruppe passierte die beiden Gäste. Zielstrebig hielten sich die Kinder an den Verlauf des äußeren Säulengangs, von dem Türen ins Innere des Gebäudes abgingen. Zwar war es unmöglich, sich im Park zu verlaufen, doch existierten in seinem Inneren zu viele Versuchungen, sich vom Besuch der Vorlesung oder praktischen Übung abhalten zu lassen.
Höflich grüßten die Auszubildenden das Himmelsschwing und seine Begleiterin. Der Sternkundige war kein Unbekannter in Markzats Akademie. Obwohl seine zauberischen Fähigkeiten seit Trics zwölftem Lebensjahr kaum Fortschritte gemacht hatten, galt es mittlerweile als Koryphäe auf seinem Wissensgebiet und hielt mindestens einmal im Jahr einen Gastvortrag für die älteren Studenten, einen Vortrag, bei dem selbst die meisten Dozenten wieder zu Schülern wurden. Tric jagte und kämpfte, fluchte und stahl und saß die übliche Zeit im Stadtkerker ab, die sich ein unter Karr lebendes Himmelsschwing ebenso unvermeidbar zuzog wie ein Picknick Ameisen anlockte. Der Schließer zählte ebenso zu Trics Freunden wie eine Handvoll Städter, die keine Kollegen waren, wenngleich Trics Kreise deutlich weniger Kontakte umfassten als die eines Karr. Kurzum, das Himmelsschwing stellte ein Paradebeispiel für einen im Leben erfolgreichen Zauberer dar, der seine angeborenen Kräfte gleich einer chronischen Krankheit unter Kontrolle bekommen und sich in seinem Beruf etabliert hatte. Jemand, den man Eltern zukünftiger Schüler vorstellte, um ihnen die Furcht davor, ihr Kind könne sich in ein fremdartiges Monster verwandeln, zu nehmen.

„Komm!“ forderte Tric seine Begleiterin auf. „Wir müssen auf die andere Seite des Hofes – aber nichts und niemand zwingt uns, den schnellsten Weg dorthin zu nehmen.“
K´chens Schwester nickte stumm, noch immer unfähig, ihre Gefühle angesichts des Parks in Worte zu kleiden.
Tric und Prisja drangen tiefer in den Akademiepark vor. Da sie sich nun in dessen Inneren bewegte, fielen Prisja mehr und mehr Unterschiede des Parks zu einem Wald auf. Besonders die Anzahl der Bäume hatte die Gauklerin überschätzt, so beeindruckt hatte sie allein deren Vorhandensein mitten in Markzat. Prisja realisierte nun, dass der Park deutlich mehr Wiese und Buschwerk aufwies. Auch wuchsen die Blumen nicht wild, sondern in kunstvoll angelegten Beeten, die oftmals von ebenso künstlerisch gestalteten Mäuerchen oder niedrigen Zäunen eingefasst wurden.
Im Zentrum der Anlage befand sich sogar ein Wasserspiel, das über unterirdische Zu- und Abflüsse verfügen musste.
Schmale Wege führten zwischen Bäumen, Sträuchern und Beeten vorbei ins Zentrum des Hofes. Entlang dieser Wege luden Ruheecken und Blumenmosaike zum Verweilen ein.
Ein angehender Himmelsschwingenzauberer hatte es sich mitsamt seinen Unterrichtsmitschriften in einer ausladenen Baumkrone gemütlich gemacht, während ein Pärchen Karr in Prisjas Alter eine Meditationsecke zum gegenseitigen Anschmachten nutze.
Immer wieder tauchten Säulen aus dem Grün auf, die zusammen mit den Bäumen und Blumenrabatten mandalaähnliche Strukturen bildeten. In seiner Gänze konnte dieses Geflecht aus Stein und Humus wohl nur bewundern, wer es von oben betrachtete.

„Es ist wunderschön hier,“ sagte Prisja schließlich, als die beiden den Säulengang beinahe wieder erreicht hatten. Da Tric keine Antwort gab, wandte sie sich ihm mit fragendem Blick zu. In den vergangenen zehn Jahren hatte die junge Frau gelernt, die Mimik des Wesens mit den Facettenaugen recht sicher zu deuten und gerade eben war Tric ziemlich verstimmt.
„Stimmt etwas… Ich meine, was stimmt nicht?“
„Mich stören die Mauern,“ erklärte Tric kurz angebunden. „Sie halten die Leute davon ab, sich am Park zu erfreuen.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, lief der Zauberer weiter unter den überdachten Gang hinein, bog dort nach rechts ab und schritt auf eine der für Besucher identisch erscheinenden Türen zu.
Die Gauklerin lächelte. „Das tun wir doch auch! Wir ziehen Planen um die Bühne, damit niemand, der nicht vorher bezahlt hat, etwas sehen kann.“
„Ich habe nie behauptet, dass ich das in Ordnung finde,“ rief ihr Tric über die Schulter zu.
Prisja setzte zu einem Spurt an. Im Nu hatte sie Tric eingeholt und platzierte ihr Kinn auf seiner Schulter. Seit ein paar Jahren genoss sie es, genauso groß wie „Onkel Tric“ zu sein.
„Weißt du was du bist?“ schnurrte Prisja. „Ein ganz gewöhnlicher Lufträuber!“
Die Hand auf halber Höhe zur Türklinke hielt Tric inne und drehte sich nun doch um, dabei den Katzenkopf abschüttelnd.
„Ich mag es nun einmal nicht, wenn Kunst weggeschlossen wird! Im Gegensatz zu einem Laib Brot wird sie nicht weniger, je mehr man dazu einlädt.“
„Kunst, ja, das mag schon sein,“ erwiderte Prisja. „Unsere Bühnenstücke sind ein Handwerk wie jedes andere. Oder willst du vielleicht auch, dass ein Schneider seine Umhänge ohne Bezahlung weggibt?“
Trics Schweigen deutete die Gauklerin als „ja“. Sie schüttelte den Kopf. Selbst jene Himmelsschwingen, die sich nicht als Räuber betätigten, blieben im Herzen welche!

Prisja hingegen war stolz auf die Wandlung, welcher ihr Beruf in jüngster Zeit durchgemacht hatte. „Ein Handwerk wie jedes andere“, das war nicht einfach nur so dahingesagt gewesen, nein, das war die Zukunft, die ihre eigenen Kinder einmal als selbstverständlich betrachten würden.
Begonnen hatte es damit, dass der Fahrenden übliches Repertoire nicht mehr so gut beim Publikum ankam. Die unabhängigen Barden und Geschichtenerzähler hingegen litten nicht unter diesem Missstand – aus irgendeinem Grund mochten die Leute immer wieder dieselben Geschichten hören, nicht aber dieselben Kunststücke sehen.
Schließlich war Zaket es leid, immer neue und gefährlichere akrobatische Übungen zu erfinden und so verheiratete er eine Witwe seiner Sippe mit einem Erzähler. Der alte Rumrr war dankbar für den Schutz und die Unterkunft, die ihm die Gaukler gewährten. Gemeinsam mit Zaket entwarf er eine ganz neue Art von Vorführung: Noch immer jonglierten und turnten die Gaukler, schluckten Feuer oder führten Tiere vor, doch diesmal waren die einzelnen Karr Teile von etwas größerem. Sie untermalten Rumrrs Geschichte und obgleich es dieselben wohlbekannten Geschichten und Gaukeleien geblieben waren, klingelte der Beutel von da an wie noch nie.
Nachdem die kleine Prisja schließlich auf die Idee gekommen war, die handelnden Karr Teile der Geschichte selbst sprechen zu lassen, war eine neue Form der Unterhaltung geboren. Einige Jahre lang war die Gruppe nicht nur auf Marktplätzen, sondern auch in den Burgen der Edlen gefragt gewesen, dann hatten die anderen Sippen nachgezogen und sich ebenfalls an der neuen Kunstform versucht. Einige entwarfen gar völlig neue Geschichten und Zaket fauchte Rumrr an, warum er nicht daran gedacht hatte. So war es es hin und her gegangen, während sich jede Gauklertruppe des Königreiches bemühte, ein neues Element hinzuzufügen, welches ihr, und nur ihr, den begehrten Platz ganz oben in der Publikumsgunst sichern sollte.
„Stücke“, dieser Name hatte sich aufgrund dieser zusammengesetzten Natur der Aufführungen für die eingebürgert, ein Begriff, der sich mittlerweile auch über die Grenzen des Königreiches hinaus verbreitete. Fremdländische Edelleute wollten diese Stücke sehen und wenn sie heimreisen, wiesen sie ihre Untertanen an, selbst welche zu kreieren. So lag die Bühnenkunst im benachbarten Flamingoland nicht mehr in den Händen der Sippen des Fahrenden Volkes, sondern jener der Höflinge bis hinein in den niederen Adel. Doch wann immer im Ausland ein neues Stück auf die Bühne kam, galt es in Alpland bereits wieder als veraltet, weil die dortigen Gaukler ihren Vorsprung auszunutzen wussten.
In dieser Situation nun hatte der beinahe schon als Urheber der ganzen Bewegung vergessene Zaket eine Geheimwaffe in der Hinterhand. Die Geheimwaffe hieß K’chen, war sein Sohn und ein Zauberer!

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