(MdG) Abwärts

Tric führte Prisja durch verschlungene Gänge und großzügig angelegte Treppenhäuser zu den Unterkünften der Schüler. Die Gauklerin hätte mehr als einmal beinahe den Anschluß verloren. Nichts hier war einfach, gerade oder übersichtlich, nein, die gesamte Architektur der Akademie schien als ein Labyrinth angelegt zu sein. Prisja hätte schwören können, dass sie das Gebäude an einigen Stellen schon wieder verlassen haben und über den Gelehrtenplatz gewandert sein müsse! Entweder der Bau erstreckte sich in Welten, die von außen nicht zu sehen waren, oder ihr Orientierungssinn spielte verrückt.
Schließlich gelangten die beiden Besucher in einen Turm. Von da an ging es nur noch aufwärte, vorbei an drei, vier, fünf Treppenabsätzen mit jeweils drei identisch wirkenden Holztüren. Tric erklärte seiner Begleiterin, dass es sich um den ältesten Bauabschnitt handelte, das letzte Überbleibsel der ursprünglichen, viel kleineren Schule. „Mir wurde einmal gesagt, die Gänge der Schule symbolisieren den Kräftefluss der Erde und dieser Turm den Weltenturm“, ergänzte es.
„Und deswegen hat er keinen Zugang vom Hof aus?“ murrte Prisja.
„Doch – allerdings öffnet der sich nur den Akademiegardisten sowie den Bestschülern, die hier untergebracht sind. Alle anderen müssen denselben Umweg nehmen wie wir.“

Tric führte Prisja eine weitere Etage nach oben. Ohne anzuklopfen riss es dort die mittlere Tür auf und breitete Arme und Schwingen aus.
K’chen flog beinahe in die Arme des Himmelsschwings. „Onkel Tric!“ rief er aus.
Prisja hielt sich zurück. K’chen war zwar ihr Bruder, doch waren die Kinder nicht zusammen aufgewachsen. Karrknaben wurden ab dem fünften Lebensjahr an Schulen aufgenommen, der unberechenbaren Natur seiner angeborenen magischen Begabung geschuldet hatten die Eltern das Katerchen allerdings bereits wenige Monate vor dessen dritten Geburtstag in der Akademie unter Seinesgleichen unterbringen müssen. Seitdem lebte K´chen in Markzat, der Marktstadt, in der die Gauklertruppe zuweilen, aber eben nicht in jedem Jahr, ihre Winter verbrachte. Trics Turm hingegen befand sich nur wenige Meilen von der Stadt entfernt und so stand der Zauberer, der überdies bei K´chens Taufe die Patenschaft über ihn übernommen hatte, dem jungen K’chen verständlicherweise näher als seine leibliche Familie.
„Hallo Prisja, tritt doch bitte ein“, begrüßte K´chen seine Schwester daher förmlich, woraufhin diese „Sehr gerne doch, danke“, antwortete, als gäbe sie auf dem Bühne eine Edeldame. Vorsichtig, bemüht, ja kein Geräusch zu verursachen, schloss Prisja anschließend die Tür hinter sich.

„Fertig?“ fragte Tric, woraufhin K’chen nickte. Prisja fragte sich, warum ihr kleiner Bruder nun wie gebannt auf seine Reisetruhe starrte, doch Tric stand lässig gegen die Wand gelehnt, als habe das alles seine Richtigkeit. Nach einer Weile erhob sich das massive Holzobjekt vom Boden, erst zögerlich schwankend, dann immer sicherer und zielstrebiger.
Prisjas Ohren legten sich ohne ihr Zutun flach zur Seite und ihr Schwanz buschte aus. K’chen schnurrte, ob vor Zufriedenheit oder Anstrengung vermochte seine Schwester nicht zu sagen. Seine Reisetruhe befand sich nun in Hüfthöhe des Jungen.
„Gut!“ lobte Tric. „Dann können wir ja aufbrechen.“
K’chen nickte. Er trat einen Schritt tiefer in den kleinen Raum hinein und seine Truhe folgte ihm durch die Luft schwebend. K´chen drehte sich einmal um sich selbst und die Truhe umkreiste ihn einmal vollständig. Nun erst schien sich der Junge des Erfolgs seiner soeben gewirkten Zauberei sicher zu sein.
„Ich hoffe, du führst uns nicht wieder auf dem Irrweg, den wir gekommen sind, hinaus!“ meinte Prisja.
Ihr Bruder schmunzelte: „Kürzer als mein Weg ist keiner!“
K´chen stand nun direkt am Fenster, das nicht nur um einiges niedriger lag als jene in den moderneren Stuben, sondern überdies einem ausgewachsenen Mann Platz bot, sich durchzuschwingen – vorausgesetzt, es handelte sich um einen Selbstmörder, ein Himmelsschwing oder eben einen Luftmagier.
Tric kletterte auf den Fenstersims. Es blickte nach unten und signalisierte den beiden Karr, dass dort alles frei sei. „Kommst du allein klar, K’chen?“ fragte es und als sein junger Kollege nickte, lies das Himmelsschwing sich fallen.
„Ehrlich gesagt,“ wandte sich K’chen an seine Schwester, „benutze ich nur noch die Fenster, seit ich die Luftzauber gemeistert habe. Als ich kleiner war, habe ich mich regelmäßig in den Gängen verlaufen. Na, und als ich dann hierher umziehen durfte, war es mir schon zur Gewohnheit geworden.“
Prisja nickte verstehend. Ihre Art, die Karr, verdankte ihre Vorrangstellung auf diesem Kontinent nicht ihrer hohen Kinderzahl, sondern in erster Linie ihrer Faulheit. Von ihren tierischen Vorfahren hatte das Katzenvolk das Bedürfnis nach langen Ruhephasen ererbt. Dieses Erbe motivierte die Handwerker, mannigfaltige Arbeitserleichterungen zu erfinden. Hinzu kam eine angeborene Neugier, welche Fortschritte in den Wissenschaften und die Erkundung auch noch der letzten Winkel der Welt begünstigte. Ehe ein Karrmädchen sich tagtäglich hinsetzte, um stundenlang dieselben Handgriffe auszuführen, setzte es sich lieber auf den ersten Blick viel länger hin und erfand ein Gerät, mit dem sich der ganze ungeliebten Kram in Zukunft vollständig umgehen ließ. K´chen hatte in dieser Hinsicht nicht anders gehandelt, als die Ahnen, die es auf sich genommen hatten, über Jahre hinweg Ochsen abzurichten, damit sie nicht den Rest ihres Lebens selbst vor dem Pflug laufen mussten.

Draußen vor dem Fenster spielte unterdessen Tric in der leichten Mittagsbrise. Wirkte dessen Luftakrobatik eindrucksvoll auf K´chen, so erkannte Prisja jede Bewegung als eine vereinfachte Version der Kunsstücke, die sie selbst aufführte. Es tat wohl, zu sehen, dass selbst jemand, der sich nicht vor einem Sturz fürchten musste, den Gauklern nicht das Wasser zu reichen vermochte. Tric war eben ein Gelehrter, kein Akrobat. Und er war und blieb Onkel Tric, den Prisja kannte, dessen Magie die Pflanzen in seinem Garten besser wachsen lies, der aber ansonsten eine ganz normale Person war. K´chen hingegen, der die Zauberei von der Pike auf gelernt hatte, was würde der wohl mit ihr anstellen können?

„Stell dich neben die Truhe!“ forderte der Zauberer Prisja auf.
„Neben? Nicht auf?“
„Neben.“
„Machst du mich jetzt auch federleicht?“
K’chen starrte seine Schwester entgeistert an. „Falls so etwas möglich ist, so liegt es deutlich außerhalb meiner Möglichkeiten!“
„Aber du hast doch die Truhe schweben lassen?“
„Nee, das sieht bloß so aus – und jetzt mach hin!“
Als Prisja seiner Aufforderung nur zögerlich nachkam, begann K´chen auf und ab zu wippen, zuerst mit den Zehen, dann mit dem ganzen Körper. „Komm schon!“ ermunterte er sie. „Das wird dir Spaß machen!“
K´chens kindliche Vorfreude machte die Präsenz eines zwar engen, für sie jedoch unvorstellbar mächtigen, Verwandten erträglicher für Prisja. Es fiel schwer, sich vor jemandem zu fürchten, der so viel kittenhafte Niedlichkeit ausstrahlte wie der kleine Bruder! Entschlossen nahm sie neben der Reisetruhe Aufstellung
„Stehst du gut?“ erkundigte sich K´chen. „Ja? Paß auf, ich werde jetzt die Luft unter deinen Füßen verdichten. Verlier nicht das Gleichgewicht!“
Doch das war einfacher gesagt als befolgt!
Zuerst spürte Prisja keine Veränderung ihrer Umgebung. Dann meinte sie, in einer Pfütze zu stehen, doch konnte sie kein Wasser zu ihren Füßen erkennen. Schließlich bildete sich unter ihren Fußsohlen ein dünnes Tuch, das sich zu einem schmalen Brett verhärtete, aber ebenfalls unsichtbar blieb. Trotz K´chens anderslautender Aussage erwartete Prisja nun, dass dieses Brett nach oben steigen würde. Stattdessen geschah etwas anderes. Die Struktur schien in die Höhe zu wachsen, da die Verdichtung der Luft sich nach oben hin fortsetzte. Prisja als der Ballast wurde ebenfalls nach oben gedrückt. Trotz ihrer akrobatischen Schulung fiel K´chens Schwester vor Schreck hintenüber. Sie landete allerdings nicht auf dem harten Steinflur, sondern dreißig Zentimeter über dem Boden auf ihrem Gesäß. Verblüfft blieb die junge Karr sitzen.
„Hast schon recht, im Sitzen ist es viel bequemer,“ kommentierte K’chen lachend. Er nahm auf seiner Kiste Platz, unter der er, wie Prisja jetzt wusste, eine ebensolche Luftsäule hatte entstehen lassen. Die Katze streckte ihre Hand nach unten aus. Sie erwartete, in einen Luftstrom oder –wirbel zu greifen, denn irgendwo musste der ganze Luftstoff ja herkommen. Stattdessen berührten ihre Finger – nichts. Aus der Säule war ein freischwebendes Brett geworden. Nein, kein Brett, ein weiches Kissen gar, und immer schwebte diese Unterlage mit Prisja obendrauf, ohne dass jemand leichter gemacht worden wäre.
Aber wie konnte das sein? Dass ein Apfel, der auf einem Tablett lag, mit hochgestemmt wurde, wenn man die Unterlage in die Luft hob, verstand Prisja ja noch. Doch wenn man losließ, fielen Apfel und Tablett zu Boden! Nicht so im Falle von K´chens Luftpolster.
‚Das ist also Zauberei’, dachte Prisja bei sich. ‚Nicht etwas, das Tätigkeiten erleichtert, wie bei Trics Gärtnerei, sondern etwas, das ansonsten völlig Unmögliches zuwege bringt!’

Im Unklaren darüber, was sie von ihrer Erkenntnis halten sollte, blieb Prisja weiter sitzen, ohne ein Wort zu sagen.
K´chen grinste breit. „So, dann woll´n wir mal anstuppsen… Ich erzeuge ein wenig Wind hinter dir, der treibt deine Unterlage voran,“ erklärte der Zauberer, während sich die unsichtbaren schwebenden Kissen mit der Kiste und den Geschwistern langsam durch das Fenster glitten.
Vor ihrer Nase „stand“ Tric entspannt in der Luft, nur seine Flügel schlugen emsig wie bei einer Libelle. Mehrere Meter unter ihnen spazierten die Bürger Markzats über die Straßen, ohne sich von den Vorgängen über ihren Köpfen über Gebühr ablenken zu lassen. Die meisten bemerkten nicht einmal, was da in dem Turm vor sich ging.
K´chen warf einen Blick über seine Schulter. „Höhenangst, Schwester? Nein? Dann geht es jetzt abwäääääääääääärts!“
„Aieieie!“ kreischte Prisja in einer Mischung aus Schrecken und Vergnügen, als sich die beiden in raschem Fall den Boden näherten. Die Landung gestaltete sich härter als erwartet. Zwar sank Prisja tief in das von K´chen erschaffene Luftkissen ein, aber ein Sturz blieb ein Sturz und die Wirkung von Trägheit und Gewichtskraft lies sich auch von einem Zauberer nur abmildern, nicht negieren.
„Bitte auszusteigen, die Dame“, grinste K´chen.
„K’chen Mondensohn!“ keifte Prisja zurück. „Du hast mich beinahe zu Tode erschreckt! Darum setze ich mich jetzt auf deine Kiste und bleibe darauf sitzen, bis sie den Wagen unserer Eltern erreicht hat! Ob mit Luftkissen drunter oder ohne! So!“

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