(MdG) Eine Zufallsbegegnung

Und so zogen die drei aus der Akademie aus: K’chen in seiner mit arkanen Mustern bestickten Weste schritt voran, dahinter folgte die auf der fliegenden Kiste thronende Prisja und ganz am Ende kam der Zauberer Tric, sich mittlerweile gesittet auf seinen Füßen fortbewegend. In seiner Lederkleidung und mit seinem Schwert im Gürtel erweckte Tric den Eindruck des Schaukämpfers oder auch Geleitschutzes der Truppe.
Die drei hatten gerade den vom respekteinflößenden Dreieck aus Dom, Gerichtshaus und Magierakademie umrahmten Gelehrtenplatz hinter verlassen, da holte Prisja drei kleine Stoffbälle aus der Tasche ihrer bunten Schürze hervor und begann, damit zu jonglieren. Die Truhe bewegte sich ja nur im Schrittempo und wie oft zuvor hatte die Gauklerin mehr Bälle im Laufen kontrolliert!

K´chen spürte die Veränderung in der Luftbewegung, war er ja durch die Aufrechterhaltung des Kissenzaubers noch für sein Lieblingselement sensibilisiert. Der Junge seufzte, dann fügte er dem Zug des Trios ein paar einfache Lichteffekte hinzu, um die Gauklerparade perfekt zu machen. In der düsteren Stimmung, in der K´chen sich befand, hätte er anstelle von winzigen statischen Entladungen ein ausgewachsenes Gewitter über den Köpfen seiner Begleiter erschaffen, wäre er ein junger Priester und kein Zauberer gewesen. Doch für einen Zauberer spielten Glaube oder Unglaube, Hochstimmung oder Zukunftsangst keine Rolle. Eine Zauberformel gelang entweder so, wie sie sich der Magieanwender vorgestellt hatte, oder sie blieb gänzlich ohne Wirkung. War die Formel dem Zauberer allerdings noch fremd oder besonders komplex oder ließ dieser einfach nur in seiner Konzentration nach, weil ihn etwas ablenkte, so entstanden als Begleiteffekt seiner Bemühungen jene Lichteffekte. Nicht zu vergleichen mit den Katastrophen, die ein Kleriker anzurichten in der Lage war und K´chens Meinung nach der Hauptgrund, weshalb man nur selten welche ihre Wunder wirken sah.
Auch das Lichterspiel trug zu K´chens misslicher Stimmung bei, denn mit just diesem Effekt gedachte Zaket in Zukunft seine Bühnestücke aufzuwerten. Da beherbergte der Gauklerfürst nun einen ausgebildeten Zauberer unter seinem Wagendach und wollte von ihm vornehmlich vorgeführt bekommen, wie man als respektabler Magiekundiger besser nicht zauberte?! Zaket mochte es anders sehen, doch im Endeffekt erwartete er von seinem Sohn, sich vor den Augen eines jeden anderen Zauberers zu blamieren…

Tric seinerseits tat nichts, um eventuelle Zuschauer zu faszinieren, außer vielleicht, einen grimmigen Blick zur Schau zu tragen. Den musste der Gelehrte nicht einmal spielen. Das Ergebnis seiner allmorgendlichen Schau der respektvoll vor dem Tag-Gestirn zurückweichenden Monde stand ihm wieder vor Augen:
„Etwas, das nicht ist, was zu sein scheint, wird dir begegnen. Erweise ihm einen kleinen Gefallen, damit es dir schon bald einen großen zurückzahlt.“
Ohne Zweifel war K´chen dieses „Etwas“, der Gauklerjunge, der in Wahrheit in Zauberer war. Oder schien Zakets Sohn nur ein Zauberer, obwohl er tief im Inneren nach seinem Vater schlug? Tric vermochte es nicht mit Sicherheit zu sagen.
Als Pate des Jungen hatte es sich angewöhnt, das Kind zwar nicht zu verwöhnen, ihm aber so wenig wie möglich zu verweigern. K´chen einen Gefallen zu erweisen sollte sich als nicht allzu schwer herausstellen. Doch ein kleiner musste es sein, was beinhaltete, dass es von keinerlei Vorteil wäre, einen großen Wunsch zu erfüllen. Doch wäre dies von Nachteil? Erneut musste Tric im Dunkeln tappen, denn die Matehmatik half einem Sterndeuter nur bis zu einem gewissen Grade. Irgendwann kam stets der Punkt, an dem man das eigene Weltwissen zu Rate ziehen musste, dummerweise nicht gerade die Spezialstrecke eines Einsiedlers wie Tric einer war.
Möglicherweise benötigte K´chen ja ein Trostpflaster angesichts einer größeren Enttäuschung. Nun, das sollte nicht weiter schwer sein, überlegte Tric. Es kannte ja Zaket mittlerweile gut genug, um sich vorstellen zu können, wie das Wiedersehen von Vater und Sohn ablaufen würde…

Der Zauberer, die Gauklerin und das Himmelsschwing bewegten sich auf den Marktplatz zu.
Als Tric in der kleinen Prozession ein wenig zurückblieb, um einen eingetretenen Stein aus seiner Stiefelsohle zu entfernen, spürte es plötzlich eine Berührung am Saum seines Jagdhemdes. Das als Jäger nicht unbegabte Himmelsschwing griff reflexartig zu, um den vermeintlichen Taschendieb zu fassen zu bekommen. Doch was ihn stattdessen erwartungsvoll anblickte, war ein Angehöriger der Emubeni, ein ausgewachsener, wenngleich junger, Mann, der dennoch einen ganzen Kopf kleiner war als K´chen.
Der Kopf des Mannes war kahlrasiert, die rosige Hautfarbe und die dünne Behaarung erinnerten unangenehm an ein Hausschwein und nicht etwa an die verehrten Vorfahren aller Kulturschaffender, die Menschen. Doch die silbrig glänzenden Augen des Emubeni zeugten von einem intelligenten Geist dahinter, einem stets wachsamen Geist, der darauf trainiert war, alle sich in seinem Umfeld bietenden Möglichkeiten zu erkennen und so viele wie möglich davon wahrzunehmen. Emubeni nutzten diese Gottesgabe in erster Linie zum Geschäftemachen, wie man Tric von Kindesbeinen an gelehrt hatte. Also doch kein Dieb, wenngleich in Trics Augen ein Krämer keine wesentliche Verbesserung gegenüber einem Beutelschneider darstellte.
„Danke, ich kaufe nichts“, erklärte Tric. „Das sind noch immer gute Stiefel, die ich trage. Ich benötige so bald keine Neuen.“
Der Zwerg schüttelte den Kopf. „Zweimal hintereinander falsch gelegen, Eierleger“, meinte er, ein nachsichtiges Lächeln auf den Lippen. „Erstens: Ich hätte ein Taschendieb sein können. Mein Volk kennt Verbrechen ebenso wie jedes andere. Und wir sind zweitens durchaus in der Lage, an etwas anderes zu denken, als daran, den Leuten Dinge zu verkaufen. Ich für meinen Teil bin nach Markzat gereist, um umfangreichere Verträge auszuhandeln, als sie das Verschachern von Schuhwerk in Kleinstemengen erfordert. Leider konnte ich noch keine Unterkunft finden. Da du ebenfalls ein Fremder in der Stadt zu sein scheinst, dachte ich, du könntest mir vielleicht weiterhelfen? Gibt es Gasthäuser in Markzat, die sich nicht nur auf Stadtfremde, sondern speziell auf Nicht-Karr eingestellt haben?“
Tric nickte. „Ja, ich kann helfen, lass mich kurz nachdenken“, vermittelte die Geste.

Natürlich waren die Maße der Straßenzüge und Häuser bis hin zur Gestaltung der einfachsten Ruhebänke auf Karrproportionen abgestimmt, doch Markzat als eine der größten Städte des Königreiches Alpland bot auch auf die Bedürfnisse anderer Völker ausgerichtete Dienstleistungen an. Ein die Heilige Messe besuchender Emubeni musste nicht wie ein kleines Kind mit herunterbaumelnden Beinen in der Kirche sitzen, sondern durfte eine für seine Größe passende Bank erwarten, eine Bank, die zu benutzen Kindern der Karr streng verboten war. Sowohl in Gasthäusern als auch – das kam häufiger vor – in Gefängniszellen waren die Betreiber stets darauf vorbereitet, den Füllungen der Strohsäcke eine Prise der Gebirgskräuter beizumengen, welche den Himmelsschwingen besonders erholsamen Schlaf bescherten. Niemand wusste genau, was sich wohl die M´Kla oder die reptilienhaften Zweibeiner wünschen mochten, zählten diese doch zu den extrem selten gesehenen Gästen. Was nun die Höhlenmenschen anging, so glaubte jeder, zu wissen, dass es bei deren Bewirtung ausschließlich auf rohes Fleisch und Gefangene zum Foltern ankäme, doch war kein Gastwirt in Markzat bereit, derartige Wünsche zu erfüllen – zumindest nicht, solange sich gleichzeitig weitere zahlende Gäste im Haus aufhielten.
„Jedes Gasthaus, das auf die Beherbergung von Emubeni ausgelegt ist, zählt zu den gehobenen Preiskategorien“, führte Tric aus. „Wenn eines ‚halbe Zimmer’ anbietet, so kannst du beruhigt dort einkehren und den Namen des Hauses stolz deinen Geschäftspartnern nennen, selbst, wenn es sich um hohe Adlige handelt“, erklärte es dem Stadtfremden.
„Das ist gut zu wissen und wäre meine nächste Frage gewesen“, erwiderte der Handelsreisende. „Es ist die Kenntnis solcher Feinheiten der Karr-Kultur, die letzen Endes ebenso über den Preis bestimmen, wie die Qualität der Ware.“
„Ich weiß schon, warum ich Städte meide“, entgegnete Tric. Dann nannte es dem Mann die Namen dreier passender Örtlichkeiten und fügte jeweils eine kurze Wegbeschreibung hinzu.

Wenig später erreichte das Trio den Marktplatz.
K´chen leckte sich unablässig nervös über die Lippen, seit die Bühne der Gaukler in Sicht gekommen war. Er wirkte dadurch beinahe wie ein züngelnder Zweibeiner.
Außer den Brettern und Planen für die Bühne sowie ihre Ausrüstungsstapel hatten die Fahrenden nichts in die Stadt getragen. Zakets Sippe mit ihrerm Hausrat lagerte vor der Stadtmauer, innerhalb des Schutzkreises der Waldläuferinnen. Ihre Kunst führten die Fahrenden auf dem Marktplatz der Stadt vor. Zu dieser Stunde führten die Männer und Frauen letzte Handgriffe am Bühnenbild aus.
K´chen wusste, dass gleich bei seinem ersten Einsatz als Bühnenzauberer viel von ihm verlangt würde. Den Bewohnern Markzats war Zauberei weniger fremd als dem Landvolk, immerhin beherbergte ihre Stadt eine der wichtigsten Zauberschulen des Kontinents. Um die einheimischen Karr in den Bann zu ziehen, würde es nicht genügen, einfach nur ein paar Farben aus den Fingern zu sprühen. K´chen würde sich anstrengen müssen und neben den Lichteffekten auch einige echte Zauberformeln in das Spiel einflechten müssen. Er hoffte nur inständig, seine Arbeit von hinter der Bühne, also außerhalb der Sichtweite eventueller die Vorstellung besuchender Studenten und Dozenten, verrichten zu können.

Endlich erreichten Zakets Kinder die Bühne, wo K´chen sein Gepäck vorerst bei den Requisiten verstaute. Hier lagerten auch Trics Jagdspeer und sein Rucksack. Von seinem Schwert trennte sich das Himmelsschwing allerdings innerhalb der Mauern einer Stadt nicht freiwillig. Ob es damit auch umzugehen verstand, fragte sich K´chen? Er hatte seinen Paten zwar bisweisen durch das Fenster in Trics Turm beim Jagen beobachtet, aber noch nie einen Kampf Mann gegen Mann ausfechten sehen. So vieles wusste der Junge nicht über seinen väterlichen Freund, doch weitaus mehr als über den Fremden, der sein Vater war, und dem er gleich gegenüberstehen würde. Was sollte er sagen? Was fühlen?
Doch es war zu spät, sich darüber Gedanken zu machen. Das Sippenoberhaupt kam bereits mit weit ausladenden Schritten auf die Geschwister zu. K´chen fand, dass sich der große Kater in den vergangenen Jahren nicht verändert hatte. Noch immer trug er sein Haupthaar zu einem einzigen, langen Zopf zusammengebunden. Ein Lendenschurz sowie ein weites, reich besticktes Oberhemd, bildeten seine einzige Bekleidung. Zaket lief barfuß, hatte lediglich Fußgelenkschoner aus Tuch umgebunden, wie auch seine Handgelenke von aus mehrfach gegeneinander verdrehten Lederbändern gestützt wurden. Unter seinem Fellkleid spielten durchtrainierte Muskeln, die davon ablenkten, dass es dem Gauklerfürsten vielleicht an Bildung, nicht aber an Köpfchen mangelte. Doch genau wie K´chens Schulfreund Gorang lag Zaket nicht sonderlich viel daran, etwas aus dieser Gabe zu machen.
„Schön, dass ihr da seid, K´chen und Prisja“, begrüßte Zaket seine Kinder. „Kommt mit!“

Und das war alles. Kein Empfang, kein besonderes Wort an den Sohn und auch sonst keine außergewöhnliche Behandlung. Der junge Kater wurde so selbstverständlich in die Sippe integriert, als sei er nie fort gewesen. Dass K´chen, der Sohn des Monde, nach seiner in der Großstadt verlebten Kindheit den Gebräuchen der Fahrenden entwöhnt sein mochte, kam Zaket entweder nicht in den Sinn oder es kümmerte ihn nicht. Möglicherweise, überlegte der Junge, ging sein Vater davon aus, dass jegliche Rücksichtnahme auf den gerade eben Zurückgekehrten diesem den Übergang von einer Lebensweise in die andere nur erschwerte. Es lag eine nicht zu leugnende Logik in dieser Vorgehensweise – dennoch, der kleine Kater hatte mehr erwartet.

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