(MdG) In der Paradieshalle

Ehe er es sich versah, trottete K´chen hinter seinem Vater und der halberwachsenen Prisja her. Tric war irgendwo in der Menge verschwunden, wann genau, war dem Jungen entgangen. K´chen starrte auf den Rücken seines Vaters. Dass der Mann dunkelgrüne Augen, nicht gelbe, wie die Verwandten mütterlicherseits, aufwies, wusste er, auch ohne Zaket ansehen zu müssen. Doch wenn K´chen ehrlich mit sich selbst war, wusste er ansonsten nicht viel über seinen Erzeuger. Zaket war sowohl Sippenoberhaupt als auch Wortführer, was künstlerische Angelegenheiten betraf, nahm also eine herausragende Stellung in der Gemeinschaft der Fahrenden ein. Anders als in der städtischen Gesellschaft färbte Zakets Ansehen allerdings nicht auf seinen Sprössling ab. K´chen würde sich den Respekt der Sippenmitglieder selbst verdienen müssen.
‚Ich will ja gar keine bevorzugte Behandlung’, überlegte der junge Zauberer bei sich. ‚Aber ein – irgendein! – Willkommensgruß, das wäre schon nett gewesen.’

K´chen blieb ein wenig zurück, als ihm aufging, in welche Richtung der Vater seine Schritte lenkte. Zakets Ziel war der Gelehrtenplatz, wo sich neben dem Dom auch die Akademie befand, die er soeben erst verlassen hatte. Doch diesmal betrat der junge K´chen das Pflaster dieses Platzes nicht aus frischgebackener Zauberer, sondern als Mitglied von Zakets Familie. Der Unterschied schien dem Vater wichtig genug zu sein, um ihn hervorzuheben, indem er seinen Sohn dieselbe Strecke zweimal so kurz hintereinander laufen lief. Womöglich glaubte er noch, der Sohn der Monde freue sich darüber?!

Verstimmter als für das eigene Seelenheil gut sein konnte, betrat K´chen nach seinen beiden Verwandten den Dom. Das Gebäude folgte der Architektur jeder Kirche, nur, dass es größer und verschachtelter war. Der Gläubige betrat zuerst die Paradieshalle, das hatten die kleinste Dorfkirche und die prächtigste Kathedrale miteinander gemeinsam.
Hier legten Zaket, K´chen und Prisja legten Kleidung ab, wie es von einem Kirchgänger erwartet wurde. In Markzats Dom existierte zu diesem Zweck eine Reihe von Nischen in der Eingangswand, die es Müttern erlaubten, auch die zappligsten und quengligsten Kinder in aller Ruhe zu entkleiden, ohne den geordneten Betrieb zu stören. Regale, Truhen, Schemel und Wandhaken ermöglichten eine ordentlichere Aufbewahrung der Gewänder als der Stapel, der sich unweigerlich in einer kleineren Kirche bildete, die nicht über derartigen Luxus verfügte. In Markzats Dom besaßen reiche Familien sogar ihre eigenen Kabinen und Kleidertruhen in der Paradieshalle.

Nackt wie der Herrgott sie geschaffen hatte, durchquerten die drei Karr den Eingangsbereich. Die Wandbemalung zeigte ausschließlich Szenen aus der Genesis, eine Verherrlichung der Freuden des Paradieses. Besonders winters schlotterten die entkleideten Gläubigen während ihres Ganges durch die Paradieshalle. Das Paradies war unendlich fern und selbst, wenn man die Hand nach den Gemälden ausstreckte, konnte man nicht durch die Wand hindurch den Ort erreichen, den sie abbildeten. Diese Lehre galt es, nicht nur vor dem Gottesdienstbesuch, sondern vor jedwedem Geschäft in einem Gotteshaus zu wiederholen. Zu diesem Zweck berührte man die Wand mit den Fingern oder der ganzen Hand.
Die drei Besucher hatten die gesamte Paradieshalle für sich allein. Sie konnten sich daher ohne Hektik aussuchen, wo sie die Bilder berühren wollten. Prisja legte ihre flache Hand auf einen Ausschnitt der weitläufigen Landschaft, Zaket drückte seinen Zeigefinger entschlossen ins Auge der Schlange und K´chen strich wie zum Abschiedsgruß über die Hand eines Cherub. Er erinnerte sich, wie er und Gorang einst gewettet hatten, Adam an einer sehr intimen Stelle zu berühren, ohne dass die Priester aufmerksam wurden. Später war Eva für die Knaben interessanter geworden…
Zum ersten Mal in seinem Leben stellte das Anfassen des Paradiesbildes mehr als eine von ihm verlangte Geste für K´chen dar. Am heutigen Tag konnte der kleine Kater nachvollziehen, was es bedeutete, aus dem Garten Eden verstoßen zu werden und sich von nun an in einer kalten Umwelt behaupten zu müssen, die selbst die Freude mit dem Versprechen weiterer Schmerzen verknüpfte.

Am anderen Ende der Paradieshalle angelangt, wurden die drei Gläubigen von einem halbwüchsigen Messdiener empfangen, der bis zum Boden reichende weiße Gewänder für sie bereithielt. „Der Herr machte ihnen Kleider“, intonierte der Jugendliche die zeremoniellen Worte.
Mann, Frau und Kind erhielten Kleidungsstücke, die sich weder in Material, noch Schnitt oder Färbung unterschieden. Nur Anwärter auf ein Kirchenamt trugen rote Roben und diejenigen, die bereits eines bekleideten, purpurne. Weitere Rangunterschiede wurden durch Schmuckstücke dargestellt, die in ihrer Pracht und Symbolik mit den Gebräuchen der jeweiligen Konfession wechselten. Die Stadt Markzat und die Dörfer im Umland waren Johannesche Gemeinden, die von Perlen abgesehen wenig Wert auf die Zuschaustellung weltlichen Reichtums legten. Bemalte und lackierte Broschen, Fibeln und Knöpfe aus Holz dienten den johanneschen Geistlichen als Rangabzeichen. Zuweilen sah man auch Edelmetalle oder vergängliche, aus Pflanzen geflochtene Abzeichen, denn Würdenträger der anderen Konfessionen gingen ebenfalls im Dom ein und aus, seien es nun aus anderen Landesteilen angereiste Geistliche oder die Pfarrer kleinerer in der Stadt vertretener Kommunen. An diesem Tag jedoch schien der Dom wie ausgestorben.
„Wohin gehen wir?“ fragte K´chen, nicht, weil es ihn sonderlich interessierte, sondern um die drückende Stille zu brechen. Zaket lächelte seinen Sohn an. Neugierig fragende Katzenkinder waren der Stolz jeder Familie!
„Zu einer Audienz bei einem Schreiber des Heiligen Stuhls“, antwortete der Vater. „Ich möchte ihn bitten… nun, das wirst du ja gleich selbst hören!“
K´chen überschlug kurz überschlug kurz die Zeit, die seine Verwandten sich in Markzat höchstens hatten aufhalten können. Er kam zu dem Schluss, dass die Audienz erstaunlich kurzfristig gewährt worden sein musste.
„Du, Vater“, sagte der Junge daher, „dein Anliegen muss wohl auch dem Geistlichen am Herzen liegen! Sonst hätte er dich niemals so schnell zu sich eingeladen!“
Zakets Gesicht hellte sich sichtbar auf. „Meinst du wirklich?“ Es lag kein Zweifel in der Stimme des Mannes, eher freudige Überraschung. Sein Sohn mochte erst zehn Jahre alt sein, doch war es nun einmal K´chen, und nicht Zaket, der sich in den Wegen der Großstädter auskannte.

Mittlerweile ging es auf den Mittag zu. Um diese Tageszeit brannte noch keine einzige der zahlreichen in der Schreibstube verteilten Kerzen. So manche dieser „Stuben“ wiesen die Ausmaße eines großen Hörsaals der Akademie auf. Sie besaßen schmucklose Glasfenster, die das Licht ungehindert in den Raum dringen ließen.
Als die drei Karr die ihnen gewiesene Stube betraten, stand der Schreiber gerade an einem im Raum freistehenden Pult, wo er mit einer filigranen Pipette hantierte. K´chen erkannte, dass der Kater Wasser in eine Brille träufelte. Die Arbeit eines Kopisten, Studenten der Magie oder eben eines Schreibers brachte oft Augenleiden mit sich, doch so mancher Karr wurde einfach nur fehlsichtig geboren. Zur Erleichterung des Lebens dieser Leute verkauften findige Glaser seit vielleicht achtzig Jahren sogenannte Brillen, eine Konstruktion aus jeweils einem Doppelglas vor jedem Auge. Die Gläser wurden in runde oder ovale Gestelle eingespannt, je nach auszugleichender Augenschwäche wurden unterschiedliche Wassermengen zwischen die Gläser geträufelt und anschließend wurde die gesamte Konstruktion wieder verschraubt.
Die Kunst der Glasmacherei war eine sehr alte, welche die Karr bis zur Perfektion beherrschten, ihr mechanisches Wissen hingegen hatten die Katzenwesen über Generationen hinweg immer wieder durch Austausch mit den auf diesem Gebiet versierteren M´Klaa erweitert.

Aus seinen durch die Brillengläser unnatürlich vergrößerten Augen blickte der Schreiber die Besucher eindringlich, aber nicht unfreundlich an. „Suchen wir uns einen privateren Ort“, forderte er die drei schließlich auf.
Dann setzte der Mann sich auch schon in Bewegung. Er führte die Besucher durch die Pultreihen hindurch, an denen einfache Prieste und Laienbrüder standen und Texte verfassten oder einfach nur kopierten. Die meiste Arbeit verursachte dabei das Übertragen älterer und bereits mitgenommener Werke auf frisches Papier, eine Aufgabe, die nie endete, weil die Zeit unaufhörlich vom Beginn bis zum Ende aller Zeiten voranschritt und erbarmungslos alles mit sich riss, was vom Geist kam. Der Geist, hatte sein Pfarrer K´chen einst halb im Scherz eröffnet, sehnte sich offenbar nach dem Einzug ins Himmlische Jerusalem, aber seine unziemliche Eile bekam weder dem Körper der Karr noch jeglichem materiellen Ding gut.

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