(MdG) Gutenbergde

Der Schreiber – ein Ehrentitel, der das „Vater“, „Mutter“, „Schwester“ oder „Bruder“ ersetzte, welches geweihten Männern und Frauen der Kirche sonst zustand – führte Zaket und die Kinder in seine private Arbeitskammer. Hier lag ein Buch aufgeschlagen auf dem Fensterbrett, doch die Art und Weise, wie es dort lag, kam K´chen merkwürdig vor.
Zum einen verlief der Buchrücken nicht längs, sondern quer zum Leser, so dass man eigentlich kein Wort hätte entziffern können, jedenfalls nicht ohne größte Mühe. Zum anderen hatte jemand die eine Buchhälfte nach oben geklappt und zum dritten war diese hochgeklappte Seite quer beschrieben, als wolle man damit die merkwürdige Lage ausgleichen. Aber das war noch nicht einmal der auffälligste Unterschied zu Schriftwerken, wie sie K´chen kannte: Des Schreibers Buch besaß nicht eine einzige Seite aus Papier, Papyrus oder Pergament, sondern bestand aus zwei Brettern. Das mit den fremdartigen Zeichen beschriebene aufrecht stehende Brett leuchtete regelrecht aus sich selbst heraus, in das andere waren winzige Tasten eingelassen, die jeweils mit einem Zeichen markiert waren.

„Nun, weißt du, was das ist?“ erkundigte sich der Schreiber bei K´chen, dessen bestickte Weste ihn entweder als Zauberkundigen oder als kleinen Angeber auswies. Mit Ersterem schien der Mann des Heiligen Stuhls gern einige Worte wechseln zu wollen, doch K´chen begriff auch, dass der Schreiber bereit war, ihm eine eindringliche Lektion zu erteilen, sollte er sich als Letzteres herausstellen.
„Ich denke“, antwortete der Zauberer, „es könnte sich um eine Schreibmaschine handeln. Aber ich habe noch nie eine gesehen, Vater Schreiber.“
„Einfach nur Schreiber. Schreiber Drane, wenn du besonders höflich sein möchtest.“
K´chen nickte. „Selbst die Akademie hat keine Schreibmaschine, Schreiber Drane!“ erklärte er.
Wenn es sich um eine Schreibmaschine handelte, so wusste der Zauberer, dann handelte es sich bei dem, was er als Buchseite identifiziert zu haben glaubte, in Wahrheit um einen Lichtschirm, eine Projektionsfläche, auf der sich beliebig viele Zeichen immer wieder abwechseln konnten. Denn die Texte bewahrte nicht dem Zahn der Zeit ausgeliefertes Papier auf, sondern die Maschine selbst in ihrem Inneren. Um sie zu reproduzieren oder neue Texte aufzunehmen, benötigte sie nichts weiter als Licht. Einige besonders mächtige Modelle leisteten auch noch an düsteren Wintertagen zuverlässige Arbeit. Im gesamten Königreich, so schätzten die Gelehrten, mochten nicht mehr als drei Schreibmaschinen existieren. Wenn ihre Anzahl größer erschien, so lag das daran, dass die vorhandenen Apparate von ihren Eigentümern verliehen wurden. Auch Drane war mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht der eigentliche Herr der Maschine.

Schreiber Drane ermunterte den Zauberer, näherzutreten. Er bot den anderen beiden Gästen Lehnstühle als Sitzgelegenheit an, doch handelte es sich dabei um eine reine Höflichkeit. Kein Karr hätte ernsthaft von einem anderen erwartet, sich brav hinzusetzen, wenn vor dessen Augen eine Kuriosität wie die Schreibmaschine vorgeführt wurde!
Obwohl K´chen der Jüngste der drei Gäste war, fand er sich in der Rolle des Ansprechpartners des geweihten Schreibers wieder. Offensichtlich bevorzugte Drane das Gespräch mit anderen gebildeten Kopf – und ganz klar hatte Zaket das bereits vorher gewusst, schoss es dem dem Kind durch den Kopf! Deswegen hatte ihn der Vater mitgenommen: Um sich auf diese Weise einen kleinen Gunstbonus bei dem Kirchenmann zu verschaffen!
„Welche Textordner kann deine Schreibmaschine zeigen, Schreiber Drane?“ fragte K´chen, während sich die vier um das Gerät scharten.
„Sehr viele, aber darunter einen höchst erstaunlichen“, verriet der Gelehrte. „Die Schreibmaschine trägt den Eigennamen Gutenbergde, weil das auch der Name des ergiebigsten Textordners ist, den selbst der Erzbischof jemals gesehen hat. Natürlich ist alles in einer Sprache der Altvorderen verfasst, so dass uns bisher nur ein Bruchteil des Inhalts in einer Übersetzung vorliegt. Eigentlich dient Gutenbergde der Ausbildung junger Schreiber, die sich in jeder Generation aufs Neue mit denselben altbekannten Texten auseinandersetzen, doch ich erhielt die Erlaubnis, sie auf ein Jahr für meine Studien auszuleihen.“

„Eine Sprache der Altvorderen?“ mischte sich Prisja ein. „Du meinst damit wohl nicht die Kirchensprache, Schreiber Drane?“
„Ich spreche von einem äußerst komplizierten Dialekt, der mit der Kirchensprache lediglich das Alphabet gemeinsam hat. Die Altvorderen, so unterschiedlicher Sprachen sie sich bedient haben, kanten nur sehr wenige Alphabete, auf gar keinen Fall ein eigenes für jede Sprache, wie es in der Gegenwart üblich ist.“
„Nun, vielleicht lag die Zerstörung des Turms zu Babel damals noch nicht so lange zurück wie heute“, mutmaßte Zaket. „Und die Verwirrung der Sprachen war noch nicht so arg fortgeschritten.“
„Wenn du Altvordere sagst“, fragte K´chen leise, „meinst du damit…?“
Schreiber Drane neigte den Kopf zur Bestätigung. „Jawohl, ich spreche von den Menschen“, bekannte er. „Die Schreibmaschinen sind Relikte der Menschen, das hat der Papst zweifelsfrei verkündet. Aus diesem Grund wird es auch nicht gern gesehen, wenn sich weltliche Mächte ihrer bedienen. Es könnte von der Versenkung in den Herrn ablenken, um die zu erreichen wir uns intensiv mit seinem Ebenbild auseinandersetzen müssen.“
Die Karr hatten dieses Ebenbild erst vor wenigen Minuten in der Paradieshalle gesehen. Denn während die Gesichtszüge der Cherubim von den meisten Malern unter Helmen und ihre Körper unter schweren Rüstungen verborgen wurden, waren Adam und Eva in Gestalt hochgewachsener Emubeni dargestellt – eben dem, was für einen Karr in der Betrachtung der Natur der menschlichen Form am nächsten kam.
„Die Menschen haben engelisch gesprochen“, wusste Prisja beizusteuern.
Schreiber Drane lächelte. „Das auch. Das Engelische war weit verbreitet und es weist eine einfach zu erlernende Struktur auf. Dass wir es deswegen zur Landesgrenzen überbrückenden Kirchensprache erklärt haben, ist kein Geheimnis, meine Katze. Aber daraus zu schlussfolgern, dass es sich um die himmlische Sprache handelt… ich fürchte, die wahre Sprache der Engel ist noch weitaus komplexer. Immerhin waren ihre Worte von genug Macht durchdrungen, um als Werkzeug bei der Erschaffung der Welt benutzt zu werden.“

„Fremde Sprachen habe ich in der Schule erlernt, aber wir durften nur aus lebendigen Sprachen wählen“, berichtete K´chen. „Und die Menschen selbst sind überhaupt viel faszinierender als ihre Sprache, finde ich!“
„Du kannst auch über ihre Sprachen viel über die Menschen erfahren“, widersprach der Schreiber. „Nur nicht“, fügte er versonnen hinzu, „das Geheimnis ihres Verschwindens.“
Der Kater „sprach“ nun mit Gutenbergde, indem er sich des Buchstabenbretts bediente.
„Hier, schau, junger Zauberer“, forderte er K´chen auf. „Als ich begann, meine eigenen Werke mit der Schreibmaschine zu verfassen, fand ich heraus, dass der Ordnerverwalter mir bei meinen Unterfangen hilfreich zur Seite steht.“
„Was ist ein Ordnerverwalter?“
„Ein hilfreicher Mechanismus im Inneren der Schreibmaschine, der dir den Umgang mit den Textordnern erleichtert“, erklärte der Schreiber. „Dazu gehört vor allem das zur Verfügung stellen neuer leerer Seiten. Dieser Ordnerverwalter hier erkennt nicht nur, wenn du die Sprache fehlerbehaftet anwendest, er schlägt dir auch Synonyme vor – damit du in einem Aufsatz nicht immer ‚machen’ schreiben musst.“

K´chen grinste und beugte sich noch tiefer über die Maschine, Kopf an Kopf mit Schreiber Drane. Zaket hingegen trat von einem Fuß auf den anderen. Die Lektion löste produndes Unbehagen in ihm aus. Für einen Kater, der sich möglicherweise einmal auf dem Heiligen Stuhl wiederfinden mochte, war das ja alles schön und gut, aber sollten er und seine Familie tatsächlich so bar jeglichen Respekts das Wunderwerk aus Gotteshand mit dem Schreiber diskutieren?
Der Schreiber schien die Gedanken seines Besuchers mühelos aus dem nervösen Zucken seiner Barthaare ablesen zu können. „Erscheint dir Gutenbergde als ein Wunder des Herrn?“ hakte er nach. „Dem ist nicht so. Die Schreibmaschine ist ein Werk sterblicher Hände. Wir wissen das so genau, weil wir erlebt haben, dass sie sich zu irren vermag. Hier, schau!“
Behende tippte Drane ein Wort: „der Gabelast“. Sogleich formte sich eine grüne Wellenlinie unter dem Pronomen. „Grün bedeutet, Gutenbergde glaubt, dass ich die falsche grammatikalische Form gewählt hätte“, erklärte der Schreiber. „Doch das habe ich nicht. Erkennst du, wo das Problem liegt, K´chen?“
Ohne die Übersetzung zu kennen, schoss K´chen ins Blaue: „In deinem Wort steckt bestimmt ein anderes Wort. Und zu diesem anderen Wort passt die Form des zweiten nicht.“
„Richtig!“ Drane tätschelt dem Absolventen den Schopf. Seit die Akademien junge Zauberer nicht nur lehrten, ihre Kräfte zu kontrollieren und in nützliche Bahnen zu lenken, sondern ihnen auch Bildung mit auf den Weg gaben, waren dem Schreiber diese Anstalten äußerst sympathisch geworden. Er verriet dem Kind daher auch die Übersetzung seines Problemwortes und die beiden Worte „Gabe“ und „Last“, die Gutenbergde darin erkannt zu haben glaubte.
„Aha“ machte K´chen. „Also worin die Last einer Gabe bestehen soll“, gab der Junge zu, „will sich mir nicht erschließen. Das ist sicher etwas, wofür man Priester sein muss.“
„Nicht unbedingt“, meinte der Schreiber. „Denk nur mal an deine eigene Gabe – wieviele junge Zauberer empfinden sie als etwas Ungewolltes, das ihnen die Kindheit verdirbt? Eine stattliche Anzahl, möchte ich meinen!“
„Ja… wenn man es so sieht.“ K´chen nickte. Ihm gefiel die Art und Weise, wie der Schreiber Drane Themen, die sicher innerhalb des Klerus monatelang auf einem viel höheren Niveau diskutiert wurden, volksnah auszudrücken verstand.

„Dank der eingebauten Texthilfe habe ich durch meine Fehler ebensoviel gelernt, wie durch Übungen mit meinen Sprachlehrern“, schloss Schreiber Drane seinen Exkurs. „Aber vieles bleibt unklar, sei es, weil Vokabeln verloren gingen oder sich die Denkweise der Menschen von der unseren unterscheidet.“
Der Kirchenmann wies Gutenbergde an, sich auszuruhen, obwohl die Maschine das nicht nötig hatte, solange die Sonne nur so schön kräftig schien, wie sie es an diesem Sommertag tat.
„Aber zurück zu eurem Anliegen, aufgrund dessen ihr mich aufsuchtet“, sprach der Schreiber.

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