(Mdg) Dranes Triumph

Die beiden Erwachsenen nahmen nun doch auf den Lehnstühlen Platz, während Prisja und K´chen links und rechts ihres Vaters stehen blieben.
„Der Stadtgraf hat uns erlaubt“, begann Zaket zu sprechen, „in Markzat zu verweilen, bis seine Majestät der König von Alpland auf seiner Reise von Pfalz zu Pfalz hier eintrifft. Wir hegen große Hoffnungen, vor dem Hofstaat auftreten zu dürfen…“
„Keine unbegründeten, möchte ich meinen“, bestätigte Schreiber Drane den Gaukler. „Du bist immerhin Zaket, der Erfinder der ‚Stücke’!“
„Meine Erfindung ist ein wenig außer Kontrolle geraten, fürchte ich“, entgegnete der Fahrende düster. „Wir müssen uns schneller wandeln als die Monde, Schreiber Drane!
Der Adel hält nicht viel von historischen Stoffen auf der Bühne, wenn es nicht gerade um das Leben des Heiligen Maximilian geht. Wir beschränken uns daher auf Märchen und Sagen. Nun ist es Tradition, dass allerlei Teufel und Heilige darin vorkommen, deren Reden meine Schauspieler wiedergeben. Die Kirche hat sich noch nie darüber beschwert. Ich frage dich nun, oh Schreiber des Heiligen Stuhls, wie ist das mit biblischen Themen?“
Drane schob seine Wasserbrille in die Stirn. Bevor er sich eine Meinung bilden konnte, musste er sich zuerst des Gehörten vergewissern: „Du trägst dich mit dem Gedanken, die in den Testamenten geschilderten Ereignisse auf der Bühne vorzuführen?“
Zaket nickte. „Ich habe mir überlegt, dass man zu Christi Geburt die Geburtgeschichte vorführen könnte. Aber das wäre nicht nur etwas noch nie Dagewesenes, sondern überdies ein neutestamentarischer Stoff. Ich weiß nicht, ob es möglich ist… Markzat ist eine Johannesche Stadt, aber wir bereisen das ganze Land…“

Schreiber Drane verstand genau, was den Kater bedrückte. Die christliche Kirche teilte sich in verschiedene Konfessionen, die sich auf das jeweils bevorzugt gelesene Evangelium gründeten. Jeder Apostel – und darüberhinaus, so schien es, jeder Jünger und jede Neugierige der auch nur ein paar Tage mit dem Messias zusammen gereist war – hatte ein eigenes Vermächtnis hinterlassen. Es gab Nachfolgergemeinden des Lukas, des Johannes, des Thomas, der Maria, des Nicodemos und vieler anderer. Zakets Schauspieltruppe würde es jedeer einzelnen Glaubensgemeinschaft Recht machen müssen. Beschränkte sich Zaket auf seine eigene Taufe, wäre sein neues Stück nicht mehr so wertvoll, da es in den meisten Landesteilen als Teil einer fremdartigen Verehrung des Herrn angesehen und zwar höflich, aber vehement abgelehnt werden würde.
„Nun, falls die Domherrin grundsätzlich seine Zustimmung zu deinem Vorhaben gäbe“, meinte Schreiber Drane, „dann wüsste ich eine Lösung für dein Dilemma. Es handelt sich um eine, die jemand wie ich gewissermaßen aus seiner Schulzeit kennt.“
K´chen legte den Kopf schief. Natürlich würde auch ein würdevoller Schreiber des Heiligen Stuhls im Alten Jerusalem zur Schule gegangen sein, doch handelte es sich dabei um eine Vorstellung, die es schwer hatte, sich in den Köpfen einzunisten. Ebenso gut – beziehungsweise ebenso schlecht – vermochte sich der junge Zauberer seinen Onkel Tric als kleinen Jungen vorzustellen! Zwar erschienen Himmelsschwingen in der Regel bis zu ihrem Tod jugendlicher als sie ihrem Alter nach hätten sein dürfen, doch das implizierte noch lange nicht, dass der ältere Zauberer einmal ein Kind gewesen sein musste, fand der Sohn der Monde!

„Im Alten Jerusalem…“, erinnerte sich der Schreiber.
Niemand wusste, wo sich das ursprüngliche Jerusalem, die „Stadt der drei Ringe“, befunden hatte. Die Karr hatten daher ihr eigenes Jerusalem als Hauptsitz für ihre Religion gegründet. Unter der Voraussetzung, dass es sich bei der in der Apokalypse erwähnten Stadt aus Licht um das Neue Jerusalem handelte, hatten sie ihre Kirchenstadt „Altes Jersualem“ getauft, ein Name, den konsequenterweise jede weitere Stadt übernehmen konnte, sollte der derzeitige Ort dieses Namens von den Klackern untertunnelt werden oder aus anderen Gründen vom Erdboden verschwinden. In diesem Alten Jerusalem nun hatte der junge Drane einst seine Prüfung zum Schreiber abgelegt.
„Nur bereits geweihte Priester dürfen sich für die Prüfung zum Rang des Schreibers bewerben, welcher wiederum Bedingung ist, um zum Kardinal ernannt zu werden“, erklärte Drane feierlich. „Ihnen wird eine einzige, anspruchsvolle Aufgabe gestellt, zu deren Erfüllung ihnen drei Jahre zur Verfügung stehen.“
Als der Schreiber die erstaunten Blicke sah, die seine Gäste miteinander wechselten, lächelte er milde. „Nein, ich eröffne euch hier kein esoterisches Geheimwissen, meine Kinder. Es handelt sich lediglich um etwas, das für die allerwenigsten, die es nicht persönlich betrifft, von Interesse ist. Wenig verbreitet, aber mitnichten geheim.“
„Mich interessiert es“, behauptete K´chen trotzig. „Weil es mit Schule und Studium zu tun hat!“
Dem Jungen entging, wie sein Vater erst unmerklich zusammenzuckte und sich dann für kurze Zeit Enttäuschung in seinen Zügen spiegelte. Gespannt hörte der dem Schreiber zu, der weiter ausführte: „Jede Konfession basiert auf einem eigenen Evangelium, welches das irdische Wirken und die Lehre des Messias darstellt. Ein angehender Schreiber muss sie alle kennen und zu einem einzigen, aus einem Guss wirkenden Text zusammensetzen. Nur geweihte Männer und Frauen, die diese Prüfung bestehen, sind geeignet, um möglicherweise eines Tages für das konfessionsübergreifende Amt des Papstes zu kandidieren.“
„Das ist doch vollkommen überge…!“ begann Prisja, doch sie fing sich im letzten Moment und endete ihren Ausbruch kleinlaut: „Äh, interessant ist das, was du uns da erzählst.“

Auch Zaket und K´chen war die Vorstellung eines einzigen Evangeliums fremd. Der Gauklerfürst hatte mit einer Erlaubnis gerechnet, in jedem Territorium Alplands das jeweils dort gelesene Evangelium vorzuführen. Schon das hätte eine enorme Anpassung von seinen Leuten erfordert, doch was Zaket stattdessen zu hören bekommen hatte, würde er mehrmals überschlafen müssen, um die den Worten innewohnende Weisheit zu verstehen.
„Ich kann doch nicht… einfach so… die Testamente… wie Flicken…“ stotterte der Kater. „Nein, das wäre nicht Recht!“
„Weder sollst noch dürftest du die Testamente neu schreiben, lieber Zaket!“ lachte der Schreiber. „Aber ich gebe dir eine Kopie meines eigenen Prüfungstextes mit, bevor du gehst. Er ist in der Volkssprache gehalten.“
Erfreut schnurrte Zaket seinen Dank.
„Schon gut!“ meinte Drane. „Ich freue mich doch wie jeder andere, wenn meine Arbeit gewürdigt wird!“
Zaket folgte des Schreibers Erklärungen der Evangelienharmonien zunehmend aufgeregter. Seine Vorfreude manifestierte sich als bereits unziemlich lautes Schnurren auch der in einen Katzenschwanz auslaufende Abschnitt seines Rückrates hatte sich unwillkürlich gehoben, was sicher nicht die angemessenste Geste für einen Kirchenbesucher darstellte.
„Ich spreche mit der Domherrin über den Vorhaben“, versprach Drane. „Mit dem Bischof, sollte seine Zustimmung benötigt werden. Weißt du, Zaket, ich bin bereits ohne diese Gespräche befugt, dir auf theologischer Basis eine Unbedenklichkeitserklärung deines Vorhabens auszusprechen. Aber was die zu erwartende Reaktion des Volkes angeht, da verlasse ich mich lieber auf die Einschätzung der Domherrin. Diese geschätzte Katze ist dem Volk näher.“

„Und das ist wirklich erlaubt?“ wunderte sich Prisja aufs Neue, als Schreiber Drane den Besuchern wenig später eine von fünf existierenden Kopien seines Werkes aushändigte. Das verschenkte Buch wurde sofort auf eine Liste erneut zu vervielfältigender Werke gesetzt.
„Einfach so zu mischen… Kein Zeichen von, öhm, Irrsinn?“
„Es ist nicht nur erlaubt, sondern wird verlangt“, besätigte Drane. „Wir sind alle Kinder desselben Herrn und dieser Herr hat eine einzige Form angenommen, als er auf Erden wandelte. Aber jeder, der ihm begegnete, verfügte nur über seine eigenen Erinnerungen und jeden hat etwas anderes besonder beeindruckt, das er oder sie weiterzugeben trachtete. Wir benötigen alle diese kleinen Puzzelteile, um sie zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen.“
„Aber…“
Drane legte Prisja die Hand auf die Schulter. „Mach dir keine Sorgen“, sprach er zu ihr. „Es ist in Ordnung, wenn du dein ganz persönliches Puzzelteil nicht zugunsten des Gesamtbildes aufgeben möchtest. Ein Motivteppich würde wohl nicht zusammenhalten, würde nicht jede Figur darauf sorgfältig gewebt. Der erste Handwerker zimmert den Rahmen, aber er kann nicht gut weben. Der Weber hat ein gutes Auge für die unterschiedlichen Farben der Garne, aber kein Händchen für Gesichter, deswegen holt er einen Kollegen hinzu, der sich damit auskennt. Und ein dritter gestaltet am liebsten die Tiere. So trägt jeder etwas zum Gesamtwerk bei.“
Die Katze lächelte. „Danke, Schreiber Drane. So, wie du dass jetzt gesagt hast, habe ich es verstanden.“
Drane erwiderte das Lächeln, doch in Wirklichkeit grinste er in sich hinein. Denn auch Prisja und Zaket würden schon bald Worte im Mund führen, mittels denen sie den Karr die eine Wahrheit vermitteln würden, die sich in beinahe so viele Facetten wie das Auge eines Himmelsschwings aufteilte.

Ein kleines Geheimnis behielt der Kirchenmann allerdings für sich: Dranes Schülerarbeit hatte den Ansprüchen seiner Lehrer genügt, obwohl sie nicht gerade vor Originalität strotzte. Wie die meisten Kater eher der Faulheit zugeneigt waren, war auch Drane in jungen Jahren nicht frei von dieser Sünde gewesen. Sein Werk basierte daher auf der Arbeit eines seit zweihundert Jahren verstorbenen Glaubensbruders, welche der junge Priester einfach in seine eigene Sprache übersetzt hatte. Nichts anderes erwarteten die Prüfer von ihren männlichen Schülern. In der Regel brachten nur weibliche Priester die Kreativität auf, eine eigene Textversion auf die Beine zu stellen. Doch wozu diese Mühe? Am Ende würde ja er es sein, dessen Text nun im gesamten Königreich Verbreitung finden würde. Er, der durchschnittliche
Drane.

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