(MdG) Die Zaubermühle

Nachdem die Familie ihre Kirchgangsgewänder wieder gegen ihre Alltagskleidung getauscht hatte und erneut auf dem Gelehrtenplatz stand, wandte sich Zaket an seinen Sohn: „Nun, K´chen, ich habe lange gespart und möchte dir ein Geschenk machen. Was wünschst du dir, das man in Markzat bekommen kann?“
In der Marktstadt wurde nicht nur jegliche im Königreich bekannte Ware, sondern auch Importe aller Herren Länder gehandelt. Nicht jedes Gut war in großer Stückzahl oder sofort erhältlich, doch irgendjemand fand sich stets, der einen anderen kannte… der wiederum jemand kannte, der wusste, wer in der Lage wäre, das gewünschte zu beschaffen. Eigentlich gab es nichts, was sich für Geld nicht in der Metropole erwerben ließ. Am Geld jedoch fehlte es K´chen, der nun nicht mehr auf das ihm von seinen Lieblingslehrern zugesteckte Taschengeld zurückgreifen konnte.
„Eine Zaubermühle!“ erklärte der Junge daher begeistert auf das Angebot des Vaters.
Zaket runzelte die Stirn. „Bist du dir sicher, mein Kind? Du möchtest etwas Nützliches? Nicht lieber etwas, das dir Freude bereitet?“
„Magische Energien zu manipulieren bringt mir Freude!“ protestierte der Sohn der Monde. „Das ist kein Beruf, sondern mein Wesen, so, wie es Karr-Bauern und M´Klaa-Bauern und Emubeni-Bauern gibt.“
Zaket vermochte diese Aussage nur so hinzunehmen. Dass man Zauberkundige in den verschiedensten Anstellungen fand, war dem Karr natürlich bekannt. Doch hatte er sich darunter nichts anderes vorgestellt, als die Spezialisierung der Gaukler, die sich in Feuerspucker, Seiltänzer, Jongleure und viele weitere Sparten auffächerten, je nachdem, welche Kunst ein jeder am besten beherrschte. Zauberer waren Zaket dabei als Gesellen, Magier als Meister ihres Handwerks erschienen. Dass sein Sohn behauptete, kein Karr mehr zu sein, verwirrte den Kater.
„Eine Zaubermühle also“, lenkte er ein. Unsicher, ob er wirklich genug gespart hatte, um seinem Sohn einen derartig ausgefallenen Wunsch erfüllen zu können, blieb Zaket ein wenig hinter den Kindern zurück, als K´chen sich zielstrebig in Bewegung setzte.

„Mit so einer Mühle musst du wohl nicht mehr selber zaubern?“ erkundigte sich Prisja neugierig.
„So in der Art“, antwortete der Sohn der Monde. „Jeder Zauberer ist in der Lage, alle Formeln, die er beherrscht, jederzeit niederzuschreiben. So können dann andere, die diese Formel gar nicht gelernt haben, diese Zaubersprüche dennoch anwenden. Aber das geht nicht einfach so vom Blatt. Die Streifen müssen erst in eine Zaubermühle eingefädelt werden. Wie man die herstellt, wissen nur die Magier. Einfache Zauberer wie ich können die Mühlen aber trotzdem benutzen. Wir laden sie mit Formelstreifen und rollen diese dann ab, damit die Zauberwirkung eintritt.“
„Was nützt dir denn deine Mühle, wenn es weit und breit keinen anderen Zauberer gibt, von dem du Streifen erhalten kannst? Willst du eine ganze Bibliothek davon aus Markzat mitschleppen?“
K´chens Miene verfinsterte sich zusehends. Sein Mund öffnete sich zum ersten Ansatz eines Fauchens, die Ohren legten sich in die Waagerechte. „Ja, weshalb denn nicht?! Wenn ich das Geld hätte…“
Prisjas Schwanz peitschte heftig. „Ist ja schon gut!“ beschwichtigte sie den Bruder.
Dieser seufzte vernehmlich. „Ich kann auch meine eigenen Formeln auf die Streifen schreiben“, erläuterte er. „Die Zaubermühle wirkt den Spruch dann an meiner Stelle. Ich muss mich nicht selber auf die gewünschten Effekte konzentrieren, nur einmal kurz die Kurbel umdrehen. Es geht unglaublich schnell und ist völlig sicher! Jetzt überzeugt?“
„Ja, das klingt praktisch“, gab Prisja zu. „Aber so etwas kauft man sich von seinem verdienten Geld. Wenn Vater mir ein Geschenk angeboten hätte, ich hätte mir bestimmt kein Werkzeug erbeten!“
„Ich will aber eine…“ murrte K´chen.
„Ist ja schon gut!“ Prisja überholte K´chen und lief nun rückwärts vor dem Bruder her. „Sag, wohin müssen wir? Gibt es, ich weiß nicht, wie nennt man das denn? Zauberbedarfsbuden?“
K´chen schüttelte den Kopf. „Wenn du über das Fass da hinter dir gefallen bist und dich aufgerappelt hast, halte dich links. Es gibt nur ein einziges Geschäft in dieser Gasse, und das ist dasjenige, das sich auf die Mühlen spezialisiert hat.“
„Muss ich unbedingt…“ Prisja lief zwei Schritte weiter. Ihr peitschender Schwanz berührte einen eisernen Reif von der Art, wie er Bottiche umfasste. Einem Reflex folgend, vollführte sie einen Salto rückwärts aus dem Gehen heraus und kam auf der anderen Seite eines verschlossenen Fasses zum Stehen. Prisja legte den Oberkörper auf das Fass und wartete, bis K´chen vor ihr stand. „…drüberfallen oder reicht es, wenn du dagegen rennst?“ vollendete die Akrobatin dann ihren Satz.
K´chen verdrehte die Augen, doch Zaket hatte wieder zu den Kindern aufgeschlossen. Er knuffte seinen Jungen in die Seite und schlug spielerisch nach der Tochter aus. „Und ich muss dann wohl reinfallen in euer Fass, hm?“
Als K´chen nicht in des Vaters Lachen einfallen wollen, brummte Zaket: „Mrmpf. Na, macht mal keins auf, sondern haltet euch ran!“

Die drei Karr mussten einen echten Geschäftsraum betreten, um den Wunsch des Kindes zu erfüllen, einen zwischen vier Wände gepressten Laden, der sich doch sehr von den Marktständen unterschied, an denen die Fahrenden sonst alles zu kaufen pflegten, das sie benötigten.
Ebenso verwirrend wie K´chens Ausführungen bezüglich seiner Identität, wirkte auf die beiden Nichtzauberer das Angebot des Geschäftsinhabers. Wie es Gewänder für jeden Anlass gab, wurden auch Zaubermühlen in den unterschiedlichsten Ausführungen hergestellt. Da standen mannshohe Exemplare, die sich als Zierelemente in fürstliche Parks einfügen ließen, neben Regalen mit handlichen Reisemühlen, die man sich an den Gürtel hängen konnte und zwischen diesen beiden Extremen offenbar für jeden Bedarf und Geldbeutel das richtige Modell. Bei den meisten Mühlen handelte es sich um Einzelstücke. Auch unfertige Rohlinge sowie Einzelteile wie Kurbeln, Drehwerke, Deckel und Böden waren zu sehen. So manche ausgestellte Mühle würde sich zudem als ein Modell ohne Funktion entpuppen, mit der ein eventueller Ladendieb lediglich sein Herdfeuer anzünden konnte.
In einem durch eine hüfthohe abgebrenzten Bereich des Verkausraumes lagen Sitzkissen aus, auf denen der Ladeninhaber, die Kunden und hinzugezogene Magier bequem Verhandlungen führen konnten.

Der Verkäufer, ein graugetigerter Karr, begrüßte die drei Eintretenden freundlich von hinter seiner Ladentheke. „Ich verkaufe nur an die letztendlichen Benutzer“, erklärte er dann. „Wenn ihr jemanden ein Überraschungsgeschenk machen wollt, so rate ich dringend davon ab. Zaubermühlen sind, wie die Zauberer unter euch ja wissen, etwas sehr persönliches, ungeachtet dessen, ob man sie nun selbst baut oder auswählt. Darüberhinaus sagt es natürlich auch etwas über den Benutzer aus, wie seine Mühlen aussehen. Da geht es den Zauberern nicht anders als den Hofdamen.“
K´chen nickte. Er hob seine rechte Hand, um ein Muster in die Luft zu malen. Als Zauberer wies man sich nicht durch Siegelringe oder spezielle Gewänder aus, sondern indem man zauberte.
Die Fingerbewegungen des frischgebackenen Zauberers unterschieden sich deutlich von denen erfahrener Magieanwender. K´chen benötigte die Gesten, um sich die gewünschte Formel zu vergegenwärtigen, wie eine Eselsbrücke beim Lernen. In Wahrheit entstand die Magie allein durch seinen Willen und seine Fähigkeit, an Kis Macht anzukoppeln. Unbestritten war, dass selbst erfahrene Magier oft Worte und Gesten einsetzten, doch sie taten dies insbesondere, um die ihnen längst vertrauten Effekte zu verstärken oder anderweitig zu modifizieren. K´chen hingegen musste, was im übrigen auch für Tric galt, jeden seiner Zauber Stück für Stück von Grund auf neu bauen. Jeder Zauberer sah dabei das Geflecht der Kraftlinien der Erde, dessen er sich bediente, anders. Manche stellten sie sich als befahrbare Flüsse vor, andere als Saiten einer Harfe und wieder andere als Schubladen in einem Schrank. In K´chens Geist stellten sich die Erdlinien als Muskeln eines einzigen riesigen Tieres, eines Fisches mit all seinen Knochen und Gräten, dar.
Innerhalb weniger Sekunden nahm die bereits etwas abgestandene Luft im Geschäft Wohlgerüche an, zumindest in einem K´chens Unterarmslänge entsprechenden Radius um seine spielenden Finger herum. Für einen derartig jungen Zauberer musste diese Manipulation der Umgebung bereits als sehr fortgeschritten gelten. K´chen schickte die Parfümwolke auf die Reise durch den Raum, bis sie die Schnurrhaare und Nase des Kaufmanns erreichte. Angenehm überrascht schmunzelte der Graugetigerte. Von seinen Zaubererkollegen und besonders solchen, die in K´chens Alter standen, war er an teilweise deutlich aggressivere Legitimationen gewöhnt.
„Die Mühle ist für mich gedacht“, erklärte K´chen. „Und ich benötige etwas Reisetaugliches.“
„Dann rate ich zu einem Drei-Kammer-Modell“, erwiderte der Verkäufer. „Damit bist du jederzeit auf die mannigfaltigsten Situationen vorbereitet.“

In einem geschlossenen Verkaufsraum wurde nicht gefeilscht, was Zaket von Anfang an in die schlechtere Position der Handelspartner versetzte. K´chens Vater hatte daher diskret die Preisschilder studiert, während sein Sohn seine Kunst wirkte. Zu seiner freudigen Überraschung stellte der Gauklerfürst fest, dass sich die Preise in einem annehmbaren Rahmen bewegten. Nun lenkte er K´chens Aufmerksamkeit auf jene Zaubermühle aus dem Angebot des Graugetigerten, die er sich gerade noch so leisten konnte. Wie jedes andere Kind Alplands wusste auch K´chen die Geste zu deuten: „Bis hierhin und nicht teurer!“
Das von Zaket gezeigte Modell gehörte zur mittleren Preisklasse. K´chen griff nach einem vier Taler günstigeren, dessen Musterung ihm besser gefiel. Diese Mühle war nicht größer als eine herkömmliche Bohnenmühle. Eine schlichte Holzmaserung unter glänzendem Lack stellte ihren einzigen Schmuck dar.
„Egal, wie ich mich an jedem Tag fühle“, erklärte der Sohn der Monde, „diese wird mir immer gefallen. Ob ich traurig bin oder fröhlich oder nachdenklich, eine Zaubermühle, die nicht in irgendeiner Farbe bemalt oder irgendwie beschnitzt ist, wird mir nie unpassend vorkommen.“
„Sie lockt auch weniger Taschendiebe an“, konnte sich Zaket nicht verkneifen, zu ergänzen. „Du bist mir ein ganz schöner Langweiler geworden, mein Sohn! Ich meine, ich habe mir das gewünscht, als du noch ganz klein warst, dass du ein wenig ruhiger werden solltest… Aber diesem Irrtum verfällt man als Elternteil bei jedem Kind aufs Neue, fürchte ich.“
Anstelle einer Erwiderung wob K´chen einen neuen Zauber. Diesmal verzichtete er auf seiner Konzentration förderliche Gestik. Allein aus seinem Willen und der Verbindung mit den Kraftströmen Kis heraus produzierte der Junge den gewünschten Effekt: Das in der Luft des Raumes enthaltene Wasser kondensierte und bildete eine Blase über Zakets Kopf. Dort hing sie bedrohlich, ohne sich zu bewegen.
„Buäh! Äks! Nimm das weg!“ forderte der Vater in unnachahmlicher Karr-Manier, angesichts der feuchten „Bedrohung“ da oben viel zu verstört, um daran zu denken, einfach einfach einen Schritt zur Seite zu treten.
Dass K´chen seinen spontanen Zauber nicht lange aufrechterhalten konnte, gehörte zu seinem Plan. Denn als die Blase platzte, verschwanden die Wassertropfen nicht einfach so ins Nichts, sondern spritzten den großen Kater nass.
„Langweiler, ja?“ fragte K´chen herausfordernd.
Prisja kicherte und zum ersten Mal seit ihrem Wiedersehen lachten auch Vater und Sohn miteinander.

Seine neue Zaubermühle fest in beiden Händen haltend trat K´chen auf die Ladentheke zu. „Ich nehme noch einen Wachsblock mit“, sprach er zu dem Verkäufer. Dieser nickte. Er legte das Gewünschte als kostenlose Dreingabe zu der von seinem jungen Kunden ausgewählte Zaubermühle auf den Tisch.
„Wozu dient das?“ erkundigte sich Prisja interessiert.
„Damit beschichte ich die Streifen für die Mühle“, gab K´chen Auskunft. „Die Schriftzeichen werden in das Wachs geritzt. Es schmilzt, wenn ich den Zauber auslöse.“
„Und das Papier?“ forschte Zaket nach, mit einem Mal überaus interessiert an der Wirkunsgweise von K´chens Neuerwerbung. „Wird der verbrauchte Streifen von der Mühle ausgeworfen? Fällt er zu Boden?“
„Meistens verglüht alles regelrecht“, wusste K´chen zu sagen. „Manchmal fallen verkohlte Fetzen aus den Schächten, oder du musst immer mal das alte Wachs rauskratzen.“
„Bei den Billigmodellen kann das vorkommen, aber deines ist ein ordentliches“, warf der Graugetigerte ein.
„So machen wir das!“ rief Zaket völlig unvermittelt aus. Sowohl der Ladeninhaber als auch K´chen zuckten zusammen. „Der Held verfolgt den bösen Zauberer“ führte Zaket aus, dabei von einem zu anderen blickend. „Aber er weiß nicht, wohin der sich gewandt hat. Dummerweise hat der Zauberer nicht daran gedacht, nach jeder seiner Schandtaten die Papierschnippsel aufzulesen, die aus seiner Zaubermühle rausgefallen sind. Dieser Spur folgt dann unser Held…“
„Ja!“ fiel Prisja begeistert ein, als sie begriff, worauf der Vater hinauswollte.
Auch K´chen begriff, dass die beiden sich über ein neues Bühnenstück austauschten, vermutlich eines, an dem sie schon seit längerer Zeit arbeiteten. Ihr Interesse an seiner Kunst reichte nur soweit, wie diese sich für die ihre einspannen lies…
„Manche Magier bauen nicht nur ihre Mühle selbst, sondern schwören auf das eigene Wachs von selbstgezüchteten Bienen“, sagte er leise. Dem Verkäufer entging das zaghafte Bemühen des Jungen, mit einem Thema, das ihn berührte, zu seine Verwandten vorzudringen, nicht. Doch mehr als ein tröstliches Schnurren war auch ihm nicht gegeben, dem Sohn der Monde zu schenken.

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