(MdG) Alles war ganz anders

Kurz nachdem Vater, Tochter und Sohn das Geschäft verlassen hatten und zum Markt zurückgekehrt waren, tauchte dort auch das Himmelsschwing wieder auf. K´chen wusste, dass Tric die Sippe begleiten würde, wenn sie aus Markzat abreisten. Zumindest bis zu seinem Turm würde er seinen Schwertarm über die Fahrenden halten, ob diese das nun nötig hatten oder nicht. Während des Aufenthaltes der Gaukler in der Stadt aber kam und ging der Zauberer, wie es ihm beliebte. Ob diese ständigen Besuche K´chen den Abschied von seinem Paten erleichtern oder eher erschweren würden, blieb abzuwarten.

Mittlerweile hatte die Sonne den Mittag längst überschritten und die Essenszeit war herangerückt. Die Gaukler nahmen ihre Hauptmahlzeit an einer langen Tafel ein. Sie besaßen kein Land, Zaket hatte keinem höhergestellten Fürsten Gefolgschaft geschworen und ihre Versammlungshalle war der freie Himmel, doch eine Sippe blieben sie dennoch. Wer wusste heute noch zu sagen, weshalb des einen Sippenoberhauptes Ahn vorzeiten eine Stadt gegründet hatte und des anderen Vorfahr aus seiner Burg vertrieben worden war? Gesichert war nur, dass die Sippen der Fahrenden aus denselben Wurzeln hervorgegangen waren wie die des Adels, nämlich den zahllosen Nomadenstämmen, die dereinst den Kontinent von Süden her kommend besiedelt hatten. Die Karr hatten das große Albengebirge überquert und waren bis ins Sumpfland im Norden vorgedrungen. Im Westen wuchsen ihre Städte dank der Handeslbeziehungen mit den Zweibeinern von jenseits des Meeres und im Osten dauerte die Erkundung noch immer an. Wie viele dieser erkundungsfreudigen Stämme im Laufe der Zeit verloschen waren, wusste niemand mehr zu sagen. Ihre Nachfahren bildeten das Gros des gemeinen Volkes, das vor dem Adel buckelte und auf die Fahrenden herabblickte.

Unter Zakets Edlen der Landstraße saß der geflügelte Gast und an seiner Seite der kleine Junge, der ein Zauberer war und wieder ein Karr, ganz zu schweigen von einem Gaukler, werden sollte.
„Als Zaket mir heute morgen eröffnete, dass er eine Audienz bei Schreiber Drane im Dom gewährt bekommen habe“, raunte Tric K´chen zu, „hielt ich es für klüger, nicht mit euch gemeinsam dort zu erscheinen. Der Schreiber und ich haben unsere Differenzen, die Zakets Anliegen allein durch meine Anwesenheit zum Scheitern verurteilt hätten.“
Der Sohn der Monde versuchte, in Trics Gesicht zu lesen. Doch handelte sich hierbei um einen Fall, bei dem jegliche Magie versagte: sein Gegenüber korrekt einzuschätzen. „Sag mir jetzt bitte nicht, dass du versucht hast, Gutenbergde zu stehlen, Onkel Tric!“ flehte K´chen.
Tric lachte! „Vielleicht hätte ich das in Betracht ziehen sollen! Auf meine Bitte, mir die Maschine auszuleihen, hat der Schreiber ja nicht so freundlich reagiert. Von wegen die Maschine würde nur für dem Herrn dienlichste Zwecke in vertrauenswürdige Hände gelegt, und so weiter! Man könne sie nicht mieten wie einen Pflugochsen…“
„Vielleicht hast du mehr Glück, wenn die Schreibmaschine in die Hände eines Besitzers wechselt, der sich durch ein fundiertes Horoskop günstig stimmen lässt“, tröstete K´chen den älteren Zauberer. „Ich hätte mich übrigens wirklich sehr geärgert, wenn Schreiber Drane uns hochkant rausgeworfen hätte!“
K´chen setzte Tric auseinander, worum Zaket den Kirchenmann gebeten hatte. Obgleich Tric dasselbe längst von Zaket erfahren hatte, hörte er aufmerksam zu. Die Begeisterung des Kindes zu teilen, war es wert, eine Geschichte auch hundert- oder tausendmal anzuhören.
„Ich wünschte, Weihnachten käme nur recht bald, damit wir die biblischen Jünger umher gehen sehen können!“ schloss K´chen seine Ausführungen. „Ich meine, es weiß ja ohnehin keiner, wann das eigentlich war!“
„Den Geburtstag des Herrn zu feiern, ist immer gut, egal, ob es der richtige Tag ist“, erwiderte Tric. Aus dieser Überzeugung heraus hatten die Himmelsschwingen einfach das vom Kalender der Karr vorgegebene und mit Sicherheit falsche Datum übernommen. Der Logik folgend musste Christi Geburt eine der menschlichen Schwangerschaft entsprechende Zeit nach der Verkündigung stattgefunden haben – doch wie lange dauerte es, ein Kind aus dem Volk der Menschen auszutragen? Niemand konnte es sagen. Vielleicht ruhte auch diese Antwort in den Textordnern Gutenbergdes.

„Einen korrekten Kalender der Menschen ersehne ich mir seit langem“, eröffnete Tric seinem jungen Freund. „Des Schreibers Maschine könnte mir helfen, dieses Problem zu lösen!“
„Das hast du schon einmal angedeutet“, erinnerte sich K´chen. Er wusste, dass er Tric bald Lebewohl sagen musste und er sich zum Plaudern eher an Prisja oder den Vater hätte halten sollen, vermochte es aber nicht. „Du wolltest irgendjemandes Sternzeichen korrekt zuordnen. Was hätte ich wohl vom Zeichen eines bestimmten Sterns? Die Sterne sind für alle da!“
„Das sind sie wohl“, lächelte Tric. „Aber sie wirken nicht auf jeden gleich.“
„Wie bitte? Wofür sind dann Horoskope gut, wenn nicht, um die Einflüsse der Sterne auf unser Leben zu analysieren? Du schaust doch in die Sterne, um zu bestimmten, wann die für ein bestimmtes Vorhaben günstig stehen und wann man besser die Finger davon lassen sollte!“
Der Sternkundige holte weiter aus: „Ein Junge, der von seinem Vater ein Boot erbt, wird ein anderes Leben führen, als einer, der einen Acker bekommt. Zwar kann der sein Feld verpachten und sich vom Zins ein Boot zusammensparen, aber grundsätzlich sind das ersteinmal die ihnen zugeteilten unterschiedlichen Chancen. Die wenigsten Karr würden daran denken, einen Tausch durchzuführen – die meisten Fischerkinder werden wieder Fischer.
Aber es existiert eine weitere Komponente, nämlich die Stunde, zu der wir in dieses Leben eintreten. Die erklärt alles über uns, was Eltern, Stand, und Besitz nicht können. Jenachdem, wann du geboren wurdest, üben Wandelsterne, Sonne, Monde und was in diesem flüchtigen Moment noch über den Himmel gezogen sein mag, einen anderen Einfluss auf dich aus, als auf deine Schwester oder deinen Vater. Das ist es, was ich zu beweisen versuche. Doch dazu muss ich zuerst die Konstellationen, die meine Vorgänger in alter Zeit einst in den Sternen erkannten, identifizieren.“
„Aha“, sprach K´chen, so höflich er es vermochte. Trics Forschungsgebiet vermochte er nichts abzugewinnen. Die Karr legten keinen besonderen Wert darauf, den im Jahreslauf wiederkehrenden Tag ihrer Geburt zu kennen, fanden sogar ganz im Gegenteil, dass dieses Wissen ein Individuum unziemlich aus der Gemeinschaft herausstechen ließ. K´chen stellte sich bereits seit Jahresbeginn als Zehnjähriger vor, weil das jeder Karr tat. Mit Jahresbeginn zur Schneeschmelze wurden mit Ausnahme der allerjüngsten Säuglinge alle miteinander um ein Jahr älter.
Trics Fixiertheit auf den Geburtstag einer Person erschien dem Karrknaben daher wie eine Schrulle. Die Pläne seines Vaters hörten sich da schon deutlich interessanter an!
„Also hast du dich mit deinem neuen Leben ausgesöhnt?“ forschte der Sternkundige.
„Nicht wirklich. Ein Stück wie das, von dem mein Vater schwärmt, würde ich gern auf der Bühne sehen, das stimmt. Aber als Zuschauer, Tric, als Zuschauer!“

Die beiden Zauberer saßen stumm nebeneinander, vorgebend, auf ihre Fischsuppe konzentriert zu sein. Sie beobachteten, wie einer der Gaukler einen Apfel schälte, ohne auch nur ein einziges Mal das Messer absetzen zu müssen. Es entstand eine lange Spirale, die auch prompt das Interesse der Städter weckte, die sich ohnehin bereits seit geraumer Zeit vom Anblick der fürstlichen Tafel von ihren Geschäften hatten ablenken lassen.
Kaum einer dieser Karr hatte im Alltag Muße, seine Obstmahlzeit auf dieselbe spielerische Weise wie der Gaukler zu behandeln. Wenn die Apfelschale fort sollte, so entfernte man sie so zügig wie möglich, ohne auf den künstlerischen Wert des Ergebnisses zu achten.
Als der Apfelesser sich erhob, um sein Geschick mit dem Messer noch auf andere Weise zu demonstrieren, begriff K´chen, dass auch der Verwandte nicht aus Übermut gehandelt hatte. Ganz im Gegenteil tat er nichts anderes, als seiner eigenen harten Arbeit nachzugehen. Das gemeinsame Mahl ging nahtlos in die erste Vorstellung des Nachmittags über.

Während sich Straßenkinder um die Apfelschale balgten und der Messerwerfer seine Vorführung gab, führte Zaket seinen Sohn in die Rolle ein, die er bereits heute spielen sollte. K´chen hatte erwartet, die von ihm zu sprechenden Worte in schriftlicher Form zu erhalten, damit er sie bis zum Abend auswendig lernen konnte, doch er sollte sich irren.
„Lieber Himmel, K´chen!“ ereiferte sich eine der Gauklerinnen, „Du kennst doch die Sage vom Heiligen Maximilian, dem letzten Ritter, und weißt, wie sie ausgeht! Du musst dich nur entsprechend verhalten!“
„Richtig“, bekräftigte Zaket. „Du stellst einen Pagen dar. Ich erkläre dir, was die tun. Äh, naja, ich denke, ich erkläre dir lieber, was Pagen in Bühnenstücken immer so tun, denn vom Leben der echten weiß ich herzlich wenig.“
K´chen begriff, dass er improvisieren würde müssen wie noch nie zuvor in seinem Leben, nicht einmal in der mündlichen Prüfung in Heimatkunde! Welche Worte sollte er in seiner Rolle wählen? Welche magischen Effekte waren der Geschichte angemessen und wann würde er dazu kommen, sie zu produzieren, wenn er so ganz nebenbei auch noch in dem Stück mitspielen musste? Der Junge wünschte sich, er könne alle seine Überlegungen schriftlich festhalten, genau wie in einer Vorlesung.
„Unsere Rollen willst du aufschreiben?“ kicherte Prisja. „Na, das kann was werden! Stell dir einmal vor, wir führen eine völlig neue Nebenfigur ein, die in der Sage gar nicht vorkommt. Das haben wir schon oft getan, weißt du? Ich war zum Beispiel mal in einem Stück die Königin Prisja. Nun kommst du daher und schreibst das auf, na gut. Klingt erstmal nicht weiter schlimm. Aber später denken dann alle, so eine Königin habe es wirklich gegeben und meinen, gerade eine ihrer Ansprachen zu lesen! Was das für eine Verwirrung gäbe!“

K´chen fand, dass seine Schwester ausnahmsweise einmal Recht hatte. „Die Maximiliansage ist auch so schon verwirrend genug“, stimmte er zu.
„Verwirrend? Was ist daran verwirrend?“ Prisja nahm auf einem Kostümstapel Platz. Sie klopfte einladend auf den freien Platz und rückte zur Seite, damit K´chen sich ebenfalls hinsetzen konnte. „Komm, erzähl mal, wie sie die Geschichte in eurer Schule bringen!“
Nun zählte Historienkunde nicht gerade zu K´chens Lieblingsfächern, doch saugte er ebenso begierig wie sein Pate alles auf, was mit den Menschen in Verbindung stand.
„Die Geschichte des Heiligen Maximilian ist eng mit dem Untergang des Römischen Reiches verbunden“, wiederholte der Junge die auswendig gelernte Überlieferung. „Der Heilige war ein Kaiser, aber auch ein Ritter. Zu seiner Zeit hatten die Menschen neue Waffen erfunden, denen sie mit ihrer althergebrachten Kampfesweise nichts entgegenzusetzen hatten. Schwerter, die mühelos durch jede Rüstung schnitten, und Schilde, die sie nur einmal kräftig gegen eine Mauer schlagen mussten, um diese zum Einsturz zu bringen. Allerlanden warfen die Ritter ihre Panzer fort. Wozu sich noch rüsten, wenn die Eisenplatten ja doch keinen Schutz mehr boten? Wozu jahrelanges Training mit dem Schild, wenn ein einfacher Bauernbub mit einer der neuen in einem einzigen Hieb Schild und Verteidiger zerteilte?
Maximilian fürchtete, mit dem Verschwinden der gepanzerten Reiter würde auch deren Ehrenkodex verloren gehen. Und tatsächlich ist das römische Reich etwa um diese Zeit untergegangen und eine als „das finstere Mittelalter“ bezeichnete Epoche begann.“
„Das ist alles?“
„Ja, das ist alles.“
„Das ist weder viel, noch sonderlich verwirrend. Habt ihr beispielsweise kein Wort über Crocea Mors gehört? Artus hatte die Klinge im Mittelalter, aber ursprünglich gehörte sie Cäsar, daher muss sie zwischendurch auch Maximilian geführt haben!“
„Das mussten wir für die Prüfung in Vorgeschichte nicht wissen“, gestand K´chen. „Aber ich habe einiges mehr über diese Zeit und die neuen Waffen gelesen, die Maximilian so fürchtete. Atomwaffen nannte man sie, das bedeutet „unteilbar“.“
„Ja, ich weiß“, fiel Prisja ein.
Dieses Gespräch brachte überhaupt nichts, fand die Gauklerin. Dennoch war es angenehm, hier mit ihrem lange abwesenden Bruder zu sitzen und über Allgemeinplätze zu plaudern. Einmal etwas mit dem Knaben gemeinsam zu haben!
„Die Waffen, Rüstungen und Schilde der Menschen waren durch die Atome absolut unzerstörbar geworden – ihre Burgmauern hingegen nicht. Nicht die von Jericho, Uruk, Chinesisch, Havannah oder Berlin, den mächtigsten Festungen der Menschen.“
„Wer weiß“, meinte K´chen mysteriös. „Was, wenn sich nun alles ganz anders abgespielt hat?“
„Zum Beispiel?“
„Na, hat jemals irgendjemand ein Atom gefunden?“ rief K´chen aus. „Über den gesamten Kontinent verteilt finden wir Relikte der Menschen, nur kein einziges Atom.“
„Vielleicht haben die Menschen alle verbraucht…“
„Das wurde auch von der Steinkohle behauptet, aber die Klacker haben tief genug gebuddelt, um Flösze zu finden, die nicht einmal den Menschen bekannt waren. Mittlerweise hätte irgendjemand die Atome körbeweise fördern müssen! Daher meinen die Gelehrten, dass „Atom“ einfach nur ein anderes Wort für Bronze gewesen sein könnte. Natürlich ängstigten diese festeren Klingen Waffen die Menschen, die vorher nur kupferne gekannt hatten, und sie erschienen ihnen unzerstörbar. Aber in dem Maße, in dem sich die neue Technik ausbreitete, verloren die Leute ihre Scheu davor. Weißt du, Prisja, es gibt Überlieferungen, die sind weitaus jüngeren Datums als Maximilian, und die erwähnen immer noch Panzer. Also schwer gerüstete Reiter. Die sollen sogar auf Ketten balanciert sein. So geschickt bist nicht mal du, das kann kein Karr, das vermag echt nur ein Mensch!“
„Hm.“
K´chen seufzte, wusste er ja bereits, was die Schwester sagen wollte: Eine historisch akkurate Atomwaffe aus Bronze war langweilig auf der Bühne.

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