(MdG) Der letzte Ritter

Dann war es soweit. Keine Philosphiererei mehr über Atome, keine gelehrten Gedanken, kein Annähern an den Wahrheitsgehalt einer Sage, sondern allein ihre möglichst effektvolle Inszenierung zum Zwecke der Unterhaltung mussten K´chens Gedanken an diesem Abend leiten.
Seufzend schlüpfte der Junge in sein Kostüm. Während die anderen Gaukler gleich mehrere Rollen verkörpern würden, sollte seine Bühnenlaufbahn damit beginnen, einen Pagen am Hof Maximilians, des Kaisers von Rom, darzustellen. Auf diese Weise würde der kleine Zauberer stets präsent, dabei aber vergleichsweise unauffällig bleiben.
„Ich möchte nicht“, erklärte Zaket, „dass du unerkannt deine Kunst wirkst. Die Leute sollen sehen, was mein Sohn kann!“
Und so wurde K´chen, wenn auch widerwillig, Teil der Geschichte, die sich im Zeitalter der Menschen abgespielt hatte.

Der Heilige Maximilian, Schutzpatron fahrender Ritter und Minnesänger, der seine Hand auch über jegliches Turnierereignis hielt, war der persönliche Schutzheilige seines Vaters Zaket, wie K´chen wusste. Den Vater in der Rolle seines Idols aufgehen zu sehen, stimmte das Kind nachdenklich. Konfessionsübergreifend war es üblich, einen Heiligen auszuwählen, an den man sich wandte, wenn gerade kein Priester greifbar war. Welchem der Heiligen fühlte er selbst sich nah? Nah genug, um ihn bei seiner Konfirmation im vierzehnten Lebensjahr als seinen Schutzpatron zu verkünden und damit in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen zu werden? Auch die bisher von dem jungen Zauberer vernachlässigte Religionsausübung würde von nun an zu K´chens neuen Leben gehören.

„Ich habe dir etwas befohlen!“ donnerte da die Stimme eines der Schauspielers über K´chens Kopf hinweg. Mühsam rekonstruierte der Junge, was die Darsteller um ihn herum bisher gesprochen und getan hatten. Ja, es war ein Befehl an den Pagen ergangen, den K´chen einfach überhört hatte. Einen Schild sollte er seinem Herrn herbeibringen.
Der Junge zuckte zusammen. Er verbeugte sich mehrmals, öffnete kurz den Mund, ohne jedoch den Mut zu einer laut ausgesprochenen Entschuldigung zu finden und flitzte dann los, Maximilian den gewünschten Schild von hinter der Bühne zu bringen. Dort wartete bereits eine der Tanten mit dem Requisit. Sie wuschelte K´chen den Kopfpelz, schnurrte „toll gespielt!“ und schickte den kleinen Kater wieder nach vorn auf die Bühne.
K´chens erleichtertes Grinsen manifestierte sich auf dem Gesicht des von ihm dargestellten Pagen. Alles wirkte überaus realistisch. Wie echt K´chens Erschrecken und Erleichterung tatsächlich gewesen waren, würde nie ein Karr erfahren.
Der jüngste der Gaukler konzentrierte sich nun stärker auf seine Arbeit und sein Wesen als Zauberer, welches die Verwandten ebenfalls nur als eine Arbeit verstanden.
Respektvoll hielt sich der Page zurück, während ein fremdländischer Gast am Kaiserhof vor den Augen des Kaisers einen Beutel hervorholte und unter geheimnisvollen Gesten öffnete. Der Karr zeigte das Behältnis herum, und der Hofstaat gab seinem Erstaunen Ausdruck, denn der Beutel war voller Atome!
Die Gaukler benutzten Murmeln aus Glas, um die Atome darzustellen. Bisher hatten die Darsteller diese stets durch geschicktes Fingerspiel ins Licht gehalten, bis sie ein Sonnenstrahl traf. An diesem Abend jedoch stand die Sonne zu tief dafür. Heute sorgte K´chen durch deutlich weniger geschicktes Fingerspiel dafür, dass magische Funken aus dem Lederbeutel sprühten. Der Zauberer musste dafür nichts weiter tun, als mit hinter seinem Rücken verschränkten Händen eine beliebigen Zauberformel zu wirken zu versuchen. Den verkampften Fingern geschuldet, konnte sie nicht anders als schiefgehen und dabei das gewünschte Lichterspiel zu produzieren.
Der den ausländischen Edelmann spielende Gaukler musste all seinen Mut zusammennehmen, um in das Behältnis zu greifen. Normalerweise pflegte er seinen Charakter selbstbewusst, ja überheblich zu spielen. Nun erfuhr er zum ersten Mal am eigenen Leibe, dass wohl auch den Nutzer der Atome deren Macht ein wenig unheimlich gewesen sein musste. So vorsichtig, als hielte er tatsächlich ein mächtiges Atom zwischen seinen Fingern, hielt der Kater Zaket eine der Glasmurmel entgegen. Sie leuchtete nicht heller als eine Kerzenflamme, doch in der Abenddämmerung verfehlte ein Ding, das völlig ohne Brennstoff aus sich selbst heraus glühte, nicht seine Wirkung. Die Anspannung des Hoftaates war deutlich zu spüren.
„Euren Schild!“ verlangte der Gast.
Vor den Augen des Hofstaates wollte er nun das Atom in den Schild einsetzen, um zu demonstrieren, wie dieser dadurch unzerstörbar würde. K´chen schloss die Augen, um sie nicht auf offener Bühne zu rollen. Mehr historische Blödheit und mehr Arbeit für ihn, eine Arbeit, die darin bestand, einen Zauberspruch nach dem anderen misslingen zu lassen.
„Bitte, lieber Gott, lass keine meiner Lehrer heute hier zugucken“, flüsterte der Junge. „Bitte keine Lehrer…“

K´chens Flehen kam zu spät. Zusammen mit seinem Paten folgte eine Magierin dem Stück, eine Katze, die der allgemeinen Gelehrsamkeit in der Akademie nichts abgewinnen konnte, sondern sich auf die Unterweisung der Schüler im Umgang mit ihren Kräften verlegt hatte. Ein Bühnenspiel hatte sie noch nie besucht, den Heiligen Maximilian kannte sie lediglich dem Namen nach und K´chens unsachgemäßge Anwendung seiner Begabun fand sie unterhaltsam.
Tric seinerseits verstand sich als Verfechter der Bronzewaffen-Theorie und wusste daher nicht so recht, was er von dem Stück halten sollte. Der Sterndeuter war überhaupt nur gekommen, um sich mit seinen eigenen tausend Augen davon zu überzeugen, ob K´chen in seinem neuen Leben denn nun wirklich so unglücklich war, wie er befürchtete. Ein kleiner Teil in ihm hoffte noch immer, dass dem nicht so wäre.
Ein einzelnes seiner Teilaugen hielt Tric beständig auf K´chen fixiert, ein vergößerter Ausschnitt der Welt, der in seinem Sichtfeld schwebte.
Seine Himmelsschwingenaugen ermöglichten Tric einen beinahe vollständigen Rundumblick. Aus der Masse der Umstehenden zeichneten sich besonders jene Leiber ab, die sich in Bewegung befanden, also in der Regel genau jene, auf die es in großen Personenansammlungen zu achten galt: die unvermeidlichen Beutelschneider. Sie erschienen dabei als die einzigen realen Körpern vor einem dahingetrichelten Bühnebild.
Die Schauspieler hingegen verlangten Tric einiges mehr ab. Sie bewegten sich alle in etwa gleich schnell, so dass keiner von Trics Himmelschwingengehirn als hervorstechend markiert und hervorhoben wurde. Zudem lief das Geschehen dermaßen langsam ab, dass es Tric als eine Abfolge unbewegter Gemälde anstatt fließender Bewegungen erschien. Dem raschen Fingerspiel eines Trickbetrügers vermochte ein Himmelschwing viel eher zu folgen als den weit ausholenden, dramatischen Gestik der Darsteller auf der Bühne.
„Nennt mich altmodisch, aber ich fand es unterhaltsamer, als Gaukler noch herumturnten“, brummte Tric zu sich selbst.

Seine Begleiterin kicherte.
„Der kleine K´chen macht seine Sache wirklich gut da oben“, kommentierte sie. „Wie er vorhin die Augen zukniff, als habe er abergläubige Angst vor den Atomen!“
„Hm, ja…“
„Im Ernst Tric! Dein Patenkind verfügt über einen über den eines Katerchens niederen Standes hinausgehenden Charme, dem sich niemand entziehen kann. Haben ihm die Monde den verliehen?“
„Das könnte ich dir beantworten, wenn mir K´chens vollständiges Sternzeichen bekannt wäre“, antwortete der Sterndeuter. „Die Mondkonstellation, unter der K´chen geboren wurde, verheißt im Allgemeinen jedenfalls nichts Gutes.“
„Dann wurde er mit Sicherheit geboren, um das von den Monden gebrachte Unheil abzuwenden!“ erwiderte der andere Zauberer voller Überzeugung.
„Und was ist mit seinem eigenen Unglück?“ zischte Tric zurück. „K´chen will nicht dort oben ste…“
„Sht! Sie deklamieren wieder!“ mischte sich ein Zuschauer ein. Tric und die Magierin hatten zu schweigen und dem Gang der Aufführung zu folgen.

Programmgemäß endete das Stück mit einem in sich zusammengesunkenen Kaiser Maximilian. Um ihn herum lagen die Rüstungen seiner Ritter, die meisten zerstört durch die Macht der schrecklichen neuen Waffen, aufgeschlitzt, als handle es sich lediglich um Mehlsäcke. Doch andere Rüstungen erschienen unbeschädigt – diese hatten ihre Träger in der vergangenen Szene freiwillig ablegt und dem Kaiser zu Füßen geworfen. Sie hatten ihre Treueschwüre an Maximilian zurückgenommen, als dieser nicht von der alten Krisgführung abgehen wollte. In Zukunft würden sie Wespentöpfe oder mit der Pest infizierte Rattenkadaver über Burgmauern schleudern, Fürsten im Schlaf erdolchen und Wasservorräte vergifte, kurz, ihre Ehre verkaufen und in Barbarei versinken, wie es die Geschichte gezeigt hatte. Denn ehrliche Kämpfe Mann gegen Mann und Heer gegen Heer waren ja durch die die gleichermaßen unbezwingbaren Waffen wie Rüstungen unmöglich gemacht geworden.

Ein kleiner Page stand neben dem einsamen Kaiser, ein Kind, das bereits auf der Schwelle zum Knappenalter stand, diese Position aber nun nie antreten würde, weil es keine Ritter mehr gab. Maximilan war der letzte.
Selbst der treue Page trug einen Atomdolch an seinem Gürtel, eher ein Spielzeug zum Werfen denn eine Waffe, und doch stark genug, das Schwert eines Ritters zu zerbrechen. Ein einzelnes Atom befähigte das Messer dazu. Es steckte im Knauf, wo es unheimlich aus sich heraus glühte.
Nicht zum ersten Mal hatten Schauspieler die Maximilansage auf die Bühne gebracht. Jedesmal war es ihnen durch ihr Spiel gelungen, den Schrecken der Atomklingen heraufzubeschwören. K´chens magisches Lichterspiel fügte eine völlig neue Dimension hinzu, nämlich, die dämonische Anziehungskraft, die von den Atomwaffen ausging, zu betonen. Überall auf dem Kontinent priesen die Menschen die Atomkristalle, deren sanftes Glühen ihnen eine Friedensära versprach. Im Dunkel der Geschichte aber blieb Kaiser Maximilian zurück. Zumindest hatte es das bisher stets getan und die Zuschauer in einer bedrückten, aber auch angenehm erhabenen Stimmung hinterlassen.
Nicht so diesmal.
K´chen, der den Pagen darstellte, brauchte ja nur ins Publikum zu schauen, in dem sich mancherlei Kriegsvolk fand. Atomare, also bronzene, Waffen trugen sie längst nicht mehr, denn Eisen war leichter zu verarbeiten. Die Namen der neuen Fürsten, die nach dem Kaiser gekommen waren, kannten diese Karr nicht mehr, doch Maximilian, den führten sie so respektvoll und andächtig im Munde. Ja, es gab wieder Ritter, edle Recken, die nicht nur ihrem adligen Dienstherren, sondern darüberhinaus höheren Werten verpflichtet waren. Geriet das eine auch bisweilen mit dem anderen in Konflikt, die Karr waren guten Muts, eines Tages zu lernen, sie sich dem Ideal immer besser annähern konnten.
„Ich sehe, dass Ihr weint, mein Kaiser“, sprach K´chen daher auf der Bühne in seiner hellen Knabenstimme. „Aber weshalb? Weil ihr keine blinkenden Rüstungen mehr seht, keine Rösser schnauben und keinen Edelmann seinen Minnedienst verrichten hört?“
Unendlich verwundert hob der Kaiser den Kopf. Zaket musste das nicht spielen, seine Überraschung stand ihm ehrlich ins Gesicht geschrieben.
„Ist es das, was einen Ritter ausmacht?“ fuhr K´chen fort. „Seine Gewandung? Oder ist nicht vielmehr sein Herz von edlen Trieben erfüllt, die ihn zu ebenso edlen Taten führen, die es zu rühmen gilt? Ist der Geist Eurer Zeit es nicht wert, auch auf den neuen Instrumenten besungen zu werden, die da kommen werden?“
„Ist er es?“ fragte Maximilian mit – diesmal wieder gespielt – zitternder Stimme.
„Ja, Herr“, nickte K´chen. Er schnurrte laut genug, um auch unterhalb der Bühne noch gehört zu werden. „Ich sage Euch, dass es immer Ritter geben wird!“
Damit hatte der Sohn der Monde den Nerv der Kriegsleute unter den Zuschauern getroffen! Die Kater und Katzen erhoben ihre Waffen und jubelten den Schauspielern zu!
Die Städtebürger und die fremden Gäste ließen sich nicht lange bitten. Sie feierten die Ritter des Stadtgrafen, die jungen Knappen aus den edlen Familien Markzats und alle ihre Verteidiger bis hin zum neusten Rekruten der Stadtwache und den abwesenden Waldläuferinnen. In diesem Moment fühlte sich jeder von ihnen als legitime Erben des großen Reiches der Menschen, erhoben in einen Stand, neben dem selbst der Adel des Königreiches verblasste.

Den Feiernden saßen die Taler locker, die sie nun für gebratenes Fleisch, Wein und nicht zuletzt auch an die Schauspieler ausgaben.
Zaket nahm seinen Sohn in den Arm, dem er verdankte, diesmal das Ende des Stückes aufrecht stehend erleben zu dürfen. „Gut gemacht, mein Junge!“ lobte der Kater seinen Zauberersohn.
„Mir klopft das Herz bis in die Kniekehlen und nach oben hin bis in meine Schnurrhaare rein!“ gab der Junge zu. „Die vielen Leute da unten! Und dann das Gefühl, in eine ganz andere Welt einzutreten, als beschreite man gleichzeitig fünf statt der üblichen vier Dimensionen des Weltenturms… Ich möchte das nie wieder erleben müssen!“
„Das ist das Lampenfieber“ nickte Zaket. „Ein Teil unseres Berufes, wie das Risiko des Schlachters, sich an seinem Messer zu verletzen. Aber das Lampenfieber wird dich nie daran hindern können zu spielen. Im Gegenteil, mein Sohn, es macht dich besser!“
K´chen bezweifelte das stark.

Zur Ruhe legte sich K´chen am Abend dieses langen Tages nicht wie die meisten Schauspieler unter der Bühne auf dem Markt, sondern auf seiner Schlafstätte im Gauklerwagen. Trotz der vorgerückten Stunde und seiner nicht zu leugnenden Erschöpfung war der Junge zum Stadtrand gewandert, um als einer der letzten das große Tor zu passieren, bevor es für diese Nacht geschlossen wurde.
Wer hier draußen vor den Stadtmauern auf ihn wartete, waren Fremde. K´chens Mutter weilte schon lange nicht mehr unter den Lebenden. Der Junge wusste, dass die Ermordung der Katze durch Straßenräuber seine Schwester Prisja schwer getroffen hatte und sie danach unabhängiger, zäher geworden war. Er selbst konnte sich kaum an die Zeit davor erinnern. K´chen vermisste nicht die mütterliche Wärme, sondern fühlte sich ganz im Gegenteil ein wenig besser bei dem Gedanken, nicht noch einer Fremden gegenübertreten und ihr verwandtschaftliche Zuneigung vorspielen zu müssen, die er so nicht empfand.
Der Junge warf einen Blick auf die Straße, die Wiesen und den sich dahinter abzeichnenden Wald, dann riss er sich von der Landschaftsbetrachtung los und kletterte in Zakets Wagen.

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