(MdG) Wie ein Pfeil im Wind

Bereits sehr zeitig am nächsten Morgen erwachte der junge Kater. Er ignorierte seine bestickte Weste und die sittliche Kleidung, schlüpfte lediglich in eine kurze Hose und schlang sich ein Stirnband um seinen Haarschopf. So trat K´chen hinaus ins Freie, um den ersten Wind des Morgens durch seinen Pelz fahren zu spüren.
In Markzat hatte der Zauberschüler zu diesem Zweck im Hof Frühsport betrieben oder war durch die Straßen gelaufen. Hier draußen jedoch war „Weite“ nicht nur ein Wort. Durch keinerlei Bebauung mehr gebremst, blies der Wind um einiges heftiger als K´chen es gewohnt war.
Der Knabe schritt über die Wiese vor dem Tor, wobei er seine Arme wie Mühlenflügel bewegte, dann auf der Stelle hüpfte und schließlich, nachdem er seine Glieder für gelockert genug hielt, zu rennen begann. Ein Ziel musste sich der Läufer selbst setzen, denn die Wiese schien kein Ende zu nehmen. Selbst der Wald, der auf den ersten Blick gar nicht so weit entfernt zu sein schien, kam nicht wesentlich näher.
K´chen lief und lief. Er fühlte sich frei wie selten zuvor.
„Wieso bin ich nie auf die Idee gekommen, ab und zu einmal hier hinaus zu kommen, als ich noch in der Stadt wohnte?“ fragte sich der Junge.

Zwei Waldläuferinnen, ihrem Alter nach eine Rekrutin mit ihrer Ausbilderin, bemerkten den Läufer und riefen ihn herbei.
„Na, Kleiner?“ erkundigten sie sich freundlich. „Trainierst du, um dich bei der Stadtwache zu bewerben? Viele Knaben wollen das heutzutage.“
K´chen schüttelte den Kopf. „Nein. Ich bin einfach ein Luftzauberer, das ist alles. Und an Tagen, an denen der Wind nur schwach geht, muss ich mir mit eben meinen eigenen machen.“
„Ein Windmagier also?“ schmunzelte die ältere Katze. „Dann komm mal her! Das wird dir gefallen!“
Sie reichte K´chen einen Übungsbogen, der den Jungen in seiner Länge überragte.
„Versuch, ihn zu spannen“, forderte die Waldläuferin K´chen auf. „Es muss nicht weit sein. Ja, so ist es gut! Und jetzt leg einen Pfeil ein und spanne den Bogen erneut! Halte ihn ruhig nur ganz kurz, und lass ihn dann fliegen! Ich möchte, dass du spürst, wie der Wind deinen Schuss beeinflusst.“
Mit zunehmender Begeisterung folgte K´chen jeder Anweisung. Bisher hatte er den Wind nur aus der Perspektive bewegter Luftströmungen kennen gelernt. Er selbst war der Wind gewesen, ihm ausgeliefert zu sein, eine völlig neue Erfahrung. Nun spürte K´chen, was ein Fels spüren musste, der von den Lüften umbraust wurde – eine überaus bereichernde Erfahrung für einen Luftzauberer.

Seinen ersten Pfeil lies der Zauberer einfach fliegen, wie ihm geraten worden war.
Für seinen zweiten Schuss hob K´chen den Bogen an und dann musste er auch schon wieder loslassen, weil seine Kraft nicht ausreichte. In dem Bemühen, nicht noch das Holz gegen die Wange geschleudert zu bekommen, zuckte der Junge zurück und verlor sein soeben abgefeuertes Geschoss aus den Augen. Erst, als dieser beinahe den höchsten Punkt seiner Flugbahn erreicht hatte, entdeckte K´chen den Pfeil wieder und folgte seinem Abstieg.
Mit dem dritten Schuss visierte er einen morschen Daum an, wie er das Schützen eben hatte tun sehen. Nur dass diese auf dreißig und mehr, anstatt bloße drei Meter Entfernung gezielt hatten. Tschack! Und schon steckte der Pfeil im Holz.
„Ein Gardist werde ich aber trotzdem nicht, Frau Waldläuferin!“ erklärte K´chen nach seinem dritten Schuss.
Die Frauen lachten!
„Das musst du auch gar nicht“, erwiderte die Jüngere.
„Aber wenn du des öfteren allein in der Wildnis umherstreifst“, fügte die Ältere hinzu, „solltest du dich mit mindestens einer Waffe vertraut machen. Wirklich beherrschen wirst du den Bogen erst, wenn du ausgewachsen bist, jedoch ist es nie zu früh, mit dem Üben zu beginnen.“

Nur ungern gab K´chen den Bogen der Besitzerin zurück. Er nahm sich vor, so bald wie möglich einen leichteren zu kaufen. Schwierigkeiten würde dem Gauklerjungen dabei höchstens sein Alter, nicht aber sein Stand bereiten. Noch aus uralter Zeit verfügten die Fahrenden innerhalb des Königreiches Alpland über das Jagdprivileg in den von ihnen durchquerten Gebieten, sofern sie es nicht weiter als zweihundert Schritt von einer Straße entfernt ausübten. Die Fürsten zogen dieses Zugeständnis den den Nomaden zugeschriebenen Diebstählen von Kleinvieh vor. Auch Zakets Sippe führte genügend Wildfallen mit sich, um ihren eigenen Bedarf zu decken. Der Handel mit Wildfleisch, -pelzen und -leder hingegen war seinem Stand nicht gestattet, so dass es sich nicht lohnte, mehr zu erbeuten, als von der Sippe verwertet werden konnte.
Während sie vor der Stadt lagerten, war es den Fahrenden möglich, die ungleich beliebteren Milchprodukte zu erwerben, die auf dem Markt feilgeboten wurden. Die Wildfallen blieben daher auseinandergebaut in ihren Lederbeuteln. Käsebrote, mit verdickter Milch bestrichene Brötchen und randvoll mit Joghurt gefüllte Schalen warteten auf dem Frühstückstisch auf K´chen.

Mittlerweile waren hier alle Sippenmitglieder auf den Beinen, ob sie sich nun am Decken der Tafel beteiligten, die Tiere versorgten oder ebenfalls Frühsport trieben.
„Und ich dachte immer, Zauberer kämen nicht aus ihrer Stube und von ihren Büchern fort“, wunderte sich ein älterer Karr, als er K´chens ansichtig wurde. Er betätigte sich als Maultiertreiber, war in seiner Jugend aber ein kräftiger Gewichtheber gewesen. Seine einstmals stattliche Gestalt wirkte auch jetzt noch beeindruckend. Auf welche Weise der Alte wohl mit ihm verwandt war, fragte sich K´chen? Sicher über Zakets Zweig der Familie.
„Das sind die Magier“, antwortete der Junge dem Verwandten.
„Tja, man lernt nie aus, fürchte ich“, entgegnete der Alte. „Aber mit Geschichten über das Früher werde ich euch alle auf der Reise noch genug langweilen. Benutzen wir unsere Münder jetzt lieber zum Essen, alle miteinander!“

K´chen rollte sich im vom Morgentau nassen Gras, in der Hoffnung, hier draußen auf dem Land ginge dieser alte Trick noch als Waschen durch. Dann hängte er seine kurze Hose und das schweißnasse Stirnband im Wagen auf, trocknete sich mit einem Handtuch die letzten Tautropfen aus dem Pelz und wechselte in seine bestickte Weste, die einfache Hose und seine Sandalen. Den Kittel faltete er ordentlich zusammen und verstaute ihn in einem Korb unter seinem Bett. Er würde ihn erst wieder beim nächsten Stadtgang benötigen.
Danach verlies der Junge den Wagen wieder und nahm zwischen den anderen draußen Speisenden Platz. Einige von ihnen würden heute mit den Schauspielern und Artisten von gestern tauschen und an deren Stelle auf die Bühne treten. Andere hatten nichts mit den Aufführungen zu tun, sondern betätigten sich ausschließlich als Schneider, Kindererzieher, Kundschafter, Fallensteller, Tierpfleger, Köche und dergleichen mehr. Wer dabei welche Rolle übernahm, wechselte nach Lust und Laune. Jedes Sippenmitglied verstand sich etwas auf jedes dieser Gebiete, ohne dabei an die spezialisierten Handwerker aus der Stadt heranzureichen. Ihr Können genügte zum Überleben und, das war einem Karr ebenso wichtig, dafür, diesem Überleben Lebensgenuss abzugewinnen.

K´chen schrak vom Tisch zurück, als jemand plötzlich mehrere kleine Objekte in seine Tonschale warf. Sie versanken im dünnen, beinahe trinkbaren Joghurt. Mit dem Löffel fischte der Junge danach. Er pustete die Joghurtsuppe fort, sah genauer hin und erkannte, dass es sich um schwarze, rote und gelbe Beeren handelte.
„Johannes-Beeren!“ schnurrte K´chen. Er sah sich zu dem Spender um und erkannte seine Tante Spisu. „Die esse ich am liebsten bunt durcheinander!“
„Ich dachte mir, dass du die magst“, bekannte die Katze. „Weder Zaket noch meine Schwester konnten dem Geschmack etwas abgewinnen, aber Prisja ist ebenfalls ganz wild darauf.“
„Danke“, sagte K´chen leise.
Wie konnten es die anderen so gut mit ihm meinen, wie konnte er sich an diesem Morgen so willkommen in ihrer Mitte fühlen, wenn er doch gar nicht hier sein wollte?

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