(MdG) Der komische Bruder

K´chens Schwester gesellte sich der Sippe zu, als die Tafel bereits wieder aufgehoben wurde. Sie hatte auf dem Markt übernachtet, mit Zaket in der Stadt gefrühstückt und half nun ganz selbstverständlich den anderen Sippenmitgliedern bei den Aufräumarbeiten.
K´chen beobachtete die junge Frau, während er versonnen über den dünnen Pelz zwischen seinen Fingern leckte.
Prisja war sechzehn Jahre alt und musste seit etwa vier Jahren regelmäßig rollig werden. Im Gegensatz zu den Katzen in der Stadt hatte sie sich dennoch noch nicht an einen Gatten binden müssen. So, wie die Fahrenden die Elternschaft auf alle Sippenmitglieder verteilten, gestanden sie ihren Töchtern auch mehr Freiheiten zu, was deren Verehelichung anging. Führte eine Rolligkeit zur Schwangerschaft, so wurde nur darauf geachtet, dass irgendein Mann aus der Sippe der Vater des Kindes war und keiner der beiden Partner durch die Liebelei einen Ehebruch, also einen Verstoß gegen ein göttliches Gebot, begangen hatte. Konnte kein Vater in der eigenen Sippe identifiziert werden, so führte das nicht selten zur Verbannung von Mutter und Kind, war jedoch alles in bester Ordnung, wurde nicht erwartet, dass aus der gemeinsamen Elternschaft auch eine Lebensgemeinschaft hervorging.
Ihre Einstellung zur Liebe und Familie machte die Sippen der Fahrenden nicht unbedingt beliebter bei den kirchlichen und weltlichen Mächten…
Wem stand Prisja nah? Wer half ihr über die halbjährlich wiederkehrenden Phasen der Rolligkeit hinweg? Wen hasste sie und würde ihn niemals zu ihrem Partner wählen?
K´chen wusste es nicht. Er fragte sich, ob es ihn überhaupt interessierte.

Bevor der Junge zu einem Schluss kommen konnte, fand er sich von drei kleinen Kindern, zwei Katern und einem Kätzchen, umringt.
„Prisja hat vorhin gesagt, du hast ne Mühle gekauft!“ krähte der eine Junge. „Wo steht´n die? Weit weg? Können wir da mal unser Lager daneben aufschlagen?“
„Eine Zaubermühle, du Dummkopf“, rügte der kleinere der beiden Kater seinen Freund.
„Ja“, strahlte der andere unbeirrt. „Kannst du die mal zaubern lassen, wenn wir da dran vorbeifahren?“
„Ich…“ K´chen gab sich einen Ruck. „Warum kommt ihr nicht heute Nachmittag zur Vorstellung, wenn ihr sehen wollt, wie ich mit der Mühle zaubere?“
Alle drei Kitten drehten ihre Oberkörper ein wenig beschämt hin und her.
„Wir dürfen nicht in die Stadt“, erklärte das Mädchen mit gesenktem Kopf. „Zaket hat es uns verboten.“
„Weil wir in der Stadt nämlich nur Unsinn anstellen!“ gaben die beiden Jungen fröhlich Auskunft.
„Es ist nicht ganz leicht, Zauber in die Mühle zu laden“, meinte K´chen. „Ich mache das nicht mal einfach so.“
„Völlig klar“, nickte das Mädchen. „Aber für Sippenmitglieder tust du es!“
„Äh…“
K´chen starrte in die erwartungsvollen Augen der Kitten. Sie zweifelten nicht im Geringsten daran, wie es nun weitergehen würde, nämlich mit einer Vorführung der magischen Kräfte des Sohns der Monde.
Der junge Zauberer war versucht, den Kindern eine schroffe Abfuhr zu erteilen. Aber wollte er wirklich seine eigenen enttäuschten Gefühle in den Augen der Kleinen gespiegelt sehen? Wenn es doch nur um ein bisschen Bienenwachs ging, das er obendrein kostenlos erhalten hatte?

„Prisja!“ brüllte der Junge. „Trab mal an!“
Die Schwester näherte sich dem Sohn der Monde mit einem Geschirrtuch in der Hand. Sie holte aus, um K´chen das nasse Ding ins Gesicht zu schlagen, überlegte es sich dann aber im letzten Moment anders. „So sprichst du nicht mir deiner großen Schwester!“ fauchte sie lediglich.
K´chen nickte geistesabwesend.
„Interessierst du dich noch immer für meine Zaubermühle und wie sie funktioniert? Ja? Dann komm mit in den Wagen. Ich lade sie auf, um den Kitten hier eine Demonstration zu geben.“
„Oh ja, gern!“
Begeistert folgte Prisja K´chen nicht etwa in den Wagen, sondern sie schob ihn vor sich her die Stufen hoch und an einen kleinen Tisch im Inneren.
„Fang an!“ jauchzte die junge Frau.
K´chen warf der Schwester einen konsternierten Blick zu. „Sag mal, fängst du gleich an, aufgeregt auf und ab zu hüpfen?“ erkundigte er sich.
Prisja legte den Kopf schief. „Würde es denn helfen?“ grinste sie.

Seufzend begab sich der Zauberer an sein Werk. Zuerst fuhr er mit dem Wachsblock immer wieder über die Papierstreifen. Eine hauchdünne Beschichtung entstand, völlig ausreichend für K´chens Zwecke.
Der Zauberer wählte drei Sprüche aus seinem Repertoire aus, die er der ihm über die Schulter blickende Prisja allerdings nicht im Vorfeld verriet. So routiniert, als schriebe er auf ein Blatt Papier, verband K´chen ein Zeichen mit dem nächsten. Oft genug hatten die Zauberschüler diesen Vorgang ja in der Akademie geübt.
Nachdem er drei Streifen auf diese Weise vorbereitet hatte, holte K´chen die Zaubermühle von seiner Schlafstatt und begann, den ersten Wachspapierstreifen in den obersten der Schächte im Inneren der Maschine einzuführen. Doch es wollte ihm nicht gelingen. K´chens Streifen bog sich in seinen Fingern, als sei er im Inneren der Mühle auf Widerstand gestoßen. Der Junge stutzte, setzte erneut an, und musste wieder kapitulieren.
Prisja trat von einem Bein aufs andere. „Soll ich mal probieren?“ bot sie an.
Mit einem gefauchten „Kach!“ wies der Bruder jegliche Hilfe von sich. Er versuchte es erneut, dann endlich stockte er.
„Nein… das ist unmöglich…“
„Ist deine Mühle etwa kaputt?“
K´chen schüttelte unwirsch den Kopf. Dann hielt er seine Neuerwerbung nah vor die Augen und spähte hinein. Prisja störte den Bruder nicht in seiner Konzentration. Sie sah zu, wie K´chens Finger zur Kurbel zuckten, dort nach dem Sicherheitsbügel tasteten, die ein versehentliches Drehen verhindern sollte. K´chen löste die die Arretierung und stuppste die Kurbel ganz sachte an. Sie weigerte sich, sich zu drehen.
K´chen verband die Kurbel nacheinander mit den anderen beiden Schächten seiner Zaubermühle. Jedesmal mit dem selben Ergebnis: Die Kurbel bewegte sich nicht durch Schnippen, obwohl sie sich im Leerlauf hätte befinden müssen. Stattdessen sprühten Funken, wie sie K´chen während der kleinen Parade von der Akademie zum Marktplatz produziert hatte.

„Nein!“ klagte der junge Zauberer. „So ein verdammter Betrüger!“
K´chen legte die Mühle auf dem Tisch ab.
„Es ist eine gebrauchte“, erklärte er.
„Ist das schlimm?“
„Ja. Weil der Vorbesitzer in allen drei Schächten einen Streifen zurückgelassen hat!“
„Rupf sie halt raus!“ schlug Prisja ungerührt vor. „Soll ich dir eine meiner Nadeln leihen?“
„Das geht nicht. Es geht wirklich nicht, nicht einmal mit einer Klacker-Pinzette! Streifen und Mühle verbinden sich während des Aufspulvorgangs. Wie genau, das verstehen nur die Magier, aber selbst die können es nicht rückgängig machen, ohne dabei die ganze Mühle zu zerstören. Es gibt nur einen einzigen Weg, die Streifen wieder herauszubekommen: indem man sie ganz normal aus der Mühle herauszaubert.“
„Aber du weißt nicht, um welche Zaubersprüche es sich handelt, die da drin eingeladen sind?“
K´chen musste über Prisjas Wortwahl schmunzeln.
„So ist es“, sagte er. „Es gibt unzählige. Es könnten sonst welche Effekte ausgelöst werden, wenn ich die Streifen aufs Geradewohl aktiviere! Erbeben oder riesige Feuerlohen oder Liebeszauber! Alle möglichen Schrecken!“
Prisja schüttelte den Kopf. „Es werden verbreitete Zaubersprüche sein“, meinte sie ungewöhnlich ernsthaft. „Ein so mächtiger Zauberer, der Erdbeben auslösen kann, hätte doch keine Veranlassung, seine Mühle für ein paar Taler zu verkaufen, K´chen! Außerdem gibt es viel mehr normale Zauberer auf der Welt als so übermächtige, wie sie in den Märchen vorkommen. Ich glaube, die Gefahr ist nicht allzu groß.“
„Zu groß, um es hier im Lager zu riskieren, deine Hypothese zu testen“, sagte K´chen.
Prisja stimme ihrem Bruder unumwunden zu.

„Aber die Welt ist weit“, überlegte K´chen laut. „Und bis heute Nachmittag haben wir nichts zu tun…“
„Eben!“ bestätigte Prisja.
„Und wenn ich sterben sollte, bei dem Versuch, die Schächte freizuzaubern, dann habe ich auch nichts verloren!“ zischte K´chen.
„Bruder! Sag so was nicht!“
„Entsetzt, Schwester? Darüber, dass ihr mich von meinem Leben fortgeholt und hier eingesperrt habt, warst du nicht entsetzt! Ist mir doch egal, wenn ich heute draufgehe! Dann sterbe ich wenigstens bei dem, was mir alles bedeutet und muss nicht mit euch…“
Prisja richtete den Finger auf ihren Bruder. „Sag nichts, was ich später bereuen werde, gehört zu haben!“
„Was ist denn das für ein komischer Satz?“
„Und was bist du für ein komischer Bruder?“
K´chen packte seine Zaubermühle.
„Ich bin nicht komisch!“
Er erhob sich abrupt.
„Ich bin nur anders als ihr!“

Der Sohn der Monde stürmte aus dem Gauklerwagen, dichtauf gefolgt von Prisja.
Zu zweit rannten sie aus dem Lager hinaus und die Straße entlang. Erst als ihnen die Luft ausging, gingen die Geschwister zum Gehen über. Schweigend schritten sie nebeneinander her. Schließlich erreichten sie eine Stelle, wo sich anstelle der Wiese links und rechts der Straße bereits abgeerntete Felder erstreckten.
Wie auf ein geheimes Kommando blieben Bruder und Schwester gleichzeitig stehen. K´chen nickte entschlossen. Noch immer wortlos verließen die beiden die Straße und steuerten auf die Mitte eines der Felder zu. Lediglich ihre Schnurrhaare vibrierten unter der Anspannung und ihre Schwänze peitschten vor Aufregung.

„Also gut“, sprach K´chen.
Er hielt die Mühle mit seiner linken Hand in Brusthöhe vor sich. In welche Richtung die Ausgänge der Schächte zeigten, schien irrelevant zu sein. Prisja konnte sich das denken, dennoch hätte sie gern danach gefragt. Sie sah K´chen die andere Hand zur Kurbel heben, die Sicherhung lösen und zu drehen beginnen. Ob der Bruder länger kurbeln musste, je komplexer so ein Zauberspruch war? Sicherlich…
<Ob K´chen…>
Die kleine Zaubermühle war gut geölt. Sie bewegte sich, ohne ein einziges Geräusch von sich zu geben.
<…länger kurbeln muss, wenn…>
Der Zaubervorgang fand in absoluter Stille statt,
<…so ein Zauber…>
denn auch die Geschwister wagten es kaum, zu atmen.
<…schwieriger ist?>
Ein Wachstropfen entrann dem Gerät und sank zu Boden.
<Nein, so ein Unsinn!>
Dann warf die Zaubermühle einen bereits arg in Mitleidenschaft gezogenen Papierstreifen aus.
<Das würde ja die ganze Funktionsweise der Mühle ad absurdum führen!>
Prisja blinzelte.
„Was hast du gerade gesagt?“ wollte sie fragen, doch was sie tatsächlich von sich gab klang so: <Hast du wirklich gerade mit mir gesprochen? Was hast du gesagt?>
Der Gedanke war im Hirn der Katze entstanden und im Bewusstsein ihres Bruders angekommen, noch bevor Prisjas Zunge über das erste „Was“ hinausgekommen war.
<Ich meinte, dass es in einer Zaubermühle keinen Unterschied ausmacht, wie komplex der durch sie gewirkte Zauber für den Verfasser war. Also, zumindest keinen relevanten Unterschied in der Anzahl der Umdrehungen.> K´chen stutzte. <Moment mal! Ich habe das nicht gesagt, nicht wahr? Ich habe es nur gedacht!>
<Du Blitzmerker>, erwiderte Prisja. Ihre Stimmbänder ließen der Aussage ein Kichern folgen.

<Hörst du, was ich denke? Oder nur, was ich dich wissen lassen will?> erkundigte sich K´chen vorsichtig.
Die Distanziertheit ihres jüngeren Bruders stieß Prisja vor den Kopf, erst recht, seit sie diese unmittelbar spüren konnte, ohne auf Vehikel wie Körpersprache oder gar das gesprochene Wort zurückgreifen zu müssen.
<Seit wann interessiert dich, was jemand aus der Sippe denkt?> fuhr die junge Karr K´chen an. <Du willst uns doch gar nicht kennenlernen!>
<Das will ich schon. Also, ich würde es wollen, wenn ihr mich nicht zwingtet, mit euch zu leben!>
Was zwischen sich zwischen den Geschwistern im ätherischen Medium zwischen ihnen abspielte, bemühte sich nun gar nicht mehr, sich in Worte umzusetzen. Ungefiltert trafen die Emotionen der beiden Kinder Zakets aufeinander. K´chen sah sich durch die Augen Prisjas, durch ihre Sicht auf die Welt verzerrt.
Prisja hingegen waren Auge und Hirn egal. Sie suchte sich im Herzen des Jüngeren. Doch alles, was sie dort fand, war eine große Wunde, eine Wunde, die Zakets Entscheidung, seinen Sohn nach dem Ende seiner Ausbildung wieder zu sich zu holen, dem Kind zugefügt hatte. Wie konnte etwas, das der Sippe Freude bereitete, solches Leid in K´chen auslösen?
Ob nachvollziehbar oder nicht, gerechtfertigt oder übertrieben, Prisja fühlte, wie K´chen fühlte und K´chen fühlte, was in Prisja vorging. Um mit dem Ansturm der fremden Gedanken fertig zu werden, hatten sie nur den jeweils anderen. Doch die Barrieren zwischen den Geschwistern ließen es nicht zu, die angebotene Hilfe auch anzunehmen, denn das hätte ja bedeutet, der Sicht des Gegenübers auf die Dinge Wert beizumessen, zuzugeben, dass man sich geirrt hatte. Aber wenn sich beide geirrt hatten, dann gab es am Ende gar keine Wahrheit, oder zumindest keine, die sich den Karr-Geschwistern erschloss!

Unendlich verwirrt standen Bruder und Schwester wie erstarrt. K´chen umklammerte noch immer die Mühle. Er nahm kaum wahr, dass er bereits den zweiten Schacht zum Rotieren gebracht hatte. Wer konnte das Wirrwarr in seinem Geist auflösen? fragte sich K´chen. Und würden er und Prisja die Präsenz eines Dritten in ihrer Mitte überhaupt ertragen können?
<Hilfe!> schrie der Sohn der Monde und dann: <Nein, helft mir nicht! Bleibt mir fern! So helft mir doch! Ich weiß auch nicht… nicht mehr… weiter…>
In der physischen Welt brachen Bruder und Schwester auf dem einsamen Feld zusammen. Ihre aufgepeitschten Gefühle aber kamen noch lange nicht zur Ruhe.
Erst als ein dünnes rotes Rinnsal aus K´chens Ohren entwich, griff die Ohnmacht nach dem Jungen. Aber er konnte die Ruhe, die sie mit sich brachte, nicht begrüßen. Die Dunkelheit, die sich um K´chen legte, brachte keine Erleichterung mit sich, sondern ließ weder Gedanken noch Gefühle guter oder schlechter Art zu.

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