(MdG) Die Geistesmagie

„K´chen! K´chen, wach auf!“
Wie eine Lumpenpuppe hing der Sohn der Monde in den Armen des Himmelssschwings, das sich verzweifelt bemühte, das Katerchen ins Leben zurückzuholen.
Was sagten die Priester noch einmal über den Seelenzustand eines Ohnmächtigen? Dass die Seele die bewusstlos verbrachte Zeit einfach überspränge?
„Schön für die Seele“, knurrte Tric. „Aber in der Zwischenzeit kann dem Körper alles mögliche zustoßen. Verantwortungsloses Mistding…“
„Nein, das ist er nicht!“ ertönte da, noch sehr schwach, Prisjas Stimme. „Das ist mein Bruder wirklich nicht! Er leidet nur unter der Veränderung.“
Tric lies K´chens reglosen Körper auf den Ackerboden zurücksinken und nahm stattdessen Prisja in die Arme. „Kannst du dich aufrichten?“ forschte er. „Oder wird dir schlecht davon?“
„Mit ist schwindlig“, antwortete Prisja. „Aber nicht schlimmer, als wenn ich liegen bliebe.“
„Gut. Gut! Vorsichtig, Prisja, übertreib´s nicht!“

Prisja richtetet sich zu sitzender Haltung auf. Sie zog ihre Beine an, überkreuzte sie und hielt ihre Fußgelenke mit den Pfoten fest. Um sich zu beruhigen begann die Karr zu schnurren.
„Tric“, seufzte sie nach einer Weile erleichtert. „Wie kommst du denn plötzlich hierher?“
„Mich überkam das starke Gefühl, gebraucht zu werden“, gab der Zauberer Auskunft. „Und dann wusste ich exakt, wo ich hinmusste. Ich flog zielsicher zu diesem Ort, obwohl ich die ganze Zeit über nicht das Gefühl hatte, mit den Erdlinien verbunden zu sein. Aber was sonst als Magie sollte mich geleitet haben?“
„Natürlich die Erdlinien!“ ereiferte sich Prisja. „Das war sicher so ein verrückter Zauber von K´chen! Also, eher vom Vorbesitzer seiner Mühle…“
„Vorbesitzer?!“ Tric fuhr auf! „K´chen hat eine gebrauchte Zaubermühle erworben? Etwa eine, in der sich noch Spruchstreifen befanden?“
Prisja nickte. Tric konnte es kaum fassen, was sich auf dem Feld abgespielt hatte: „Und ihr beiden seid auf die Idee gekommen, die Zauber einfach so auszulösen? Ohne irgendwelche Vorkehrungen zu treffen oder auch nur jemanden Bescheid zu sagen?!“
„Äh… ja?“
„Himmel, Arsch und Wolkenbruch!“ fluchte Tric. „Selbst die kleine Prisja, die ich vor zehn Jahren kennen gelernt habe, hatte mehr Verstand im Kopf als du heute gezeigt hast! Bekommt dir das Erwachsenwerden nicht oder was ist in dich gefahren?!“

„Lass sie in Ruhe, Onkel Tric“, bat da der wieder erwachte K´chen, wenngleich mit noch schwacher Stimme. „Sie hat schon genug wegen mir leiden müssen.“
„Ach“, spuckte Tric aus. „Und jetzt soll ich mich wohl freuen, dass du so rasch wieder zu dir gekommen bist und dir deine Torheit vergeben?“
Die beiden kurzen Antennen des Himmelsschwings, die bei dieser Spezies normalerweise nur wenige Zentimeter über das Schädeldach hinausragten und daher leicht übersehen werden konnten, richteten sich nach vorn, ganz so, als wolle Tric seinen Patensohn mit sämtlichen ihm zur Verfügung stehenden Sinnesorganen erfassen. Selbst, wenn es sich bei diesen nur noch um funktionsuntüchtige Rudimente handelte.
„Den Hintern versohlen sollte man dir, Sohn der Monde! Du elender, flatterhafter Luftzauberer machst deiner ‚Zunft’ wirklich alle Ehre!“
K´chen grinste breit. „Naja, das mit dem Vergeben wäre ein Anfang“, meinte er. „Oder du könntest mir dazu gratulieren, als erster Zauberer seit den Tagen der Menschen die Geistesmagie zu beherrschen.“
Tric blieb lange stumm. Es starrte den kleinen Kater einfach nur nieder, als habe dieser einen unangemessenen Witz erzählt.
„Die Geistesmagie zu beherrschen“, wiederholte das Himmelsschwing dann.
K´chen senkte betreten den Kopf.
„Nicht direkt“, gab er zu.
„Das hätte mich auch… wie meinst du das? Nicht direkt?“
„Im Sinne von ansatzweise, Onkel Tric.“
Der ältere Zauberer baute sich vor seinem Schützling auf. Tric spreizte seine Flügel weit auseinander und stemmte die Fäuste in die Seite.
„Willst du, K´chen, Sohn Zakets, Sohn der Monde, durch Schicksal und Taufe zu meinem Patenkind geworden, allen Ernstes behaupten, du hättest einen Spruch der Geistesmagie gewoben? Als frischgebackener Zauberer? Heute? Hier auf diesem Acker?“
„Nicht direkt einen Spruch. Aber einen Effekt der Geistesmagie, das sehr wohl.“
K´chen hob den Kopf. „Es kann gar nichts anderes gewesen sein!“
Er stieß seine Schwester mit dem Ellenbogen in die Seite.
„Erzähl du Onkel Tric, was uns zugestoßen ist, Prisja! Du bist keine Zauberin und kennst unsere Fachbegriffe nicht. Wenn Tric es in deinen Worten ausgedrückt hört, bleibt ihm gar keine andere Wahl, als uns zu glauben!“

Noch emotional ausgelaugt von dem Durchlebten, lieferte die Katze einen schnirkellosen Bericht dessen ab, was sich auf dem Acker ereignet hatte. Trics Facettenaugen wurden immer größer, jedes einzelne Segment von ihnen. Es lies sich K´chens Zaubermühle übergeben.
„Hm. Zwei Schächte sind leergezaubert, den dritten hast du nicht angerührt.“
„Das waren unsere ‚Gedankensprache’ und der Hilferuf, den du gehört hast“, vermutete Prisja.
Tric schüttelte den Kopf. „Geistesmagie“, flüsterte es. „Aber das ist doch unmöglich!“
K´chen erhob sich. „Ist es nicht!“ widersprach er. „Sie war hier! Hat sich hier manifestiert, wollte ich sagen.“
Der Junge entwand dem älteren Zauberer seine Zaubermühle wieder.
„Brauchst du vielleicht noch eine Demonstration?“
„Lass die Pfote von der Kurbel!“ befahl Tric. „Du hast vorhin aus dem Ohr geblutet, das ist nie ein gutes Zeichen! Wir suchen jetzt einen Heiler auf!“
Mit Prisjas Hilfe erhob sich K´chen. Die beiden stützten sich gegenseitig, doch bereits nach den ersten Schritten gewannen sie an Sicherheit. K´chens Erschöpfung und Prisjas Übelkeit verflüchtigten sich wie von Zauberhand, obwohl Tric kein bißchen magisch nachgeholfen hatte.
K´chen strebte auf die Stadt zu. Tric beschlich das ungute Gefühl, dass sein Ziel alles andere als die Stube eines Heilkundigen darstellte. Um das Schlimmste – wie immer das aussehen mochte – zu verhindern, folgte es dem Sohn der Monde auf dem Fuß.

„Moment mal, wartet!“ rief Prisja ihren beiden vorauseilenden Zauberergefährten hinterher. „Was soll all das Gerede über Geistesmagie? Ich dachte immer, alle Magie würde mit dem Geist gemacht?!“
Tric hielt in seinem Lauf inne und griff dabei nach K’chens Westenkragen, damit ihm der Junge nicht entfleuchte.
„Nicht mit dem Geist,“ stellte es klar. „Diese Spielart Zauberei wirkt auf den Geist.“
K’chen nickte eifrig: „Wir führen heute ‚Die Kämpen des Königs’ auf, nicht wahr? In der Sage provoziert Ruksal den Ritter Atir solange, bis dieser zuerst angreift und damit den Pakt bricht. Hätte Ruksal die Geistesmagie beherrscht, so hätte sie ihrem Rivalen lediglich einen Befehl geben müssen und sich all ihren Wortwitz sparen können.“
Prisja konnte nicht so recht nachvollziehen, wieso das ihren kleinen Bruder so begeisterte. Die beste Szene des Stückes wäre verdorben!
Tric hakte ein: „Ja, die Geistesmagie ist eine höchst gefährliche Waffe. Man kann damit Leute zwingen, Dinge zu vergessen oder zu handeln, wie sie es niemals freiwillig tun würden. Alles mit einem einzigen Befehl.“
Prisja dachte kurz nach. „Das vermag jeder Landesherr seinen Bauern gegenüber,“ meinte sie abfällig.
„Nicht wirklich,“ argumentierte Tric. „Einige von euch Karrvolk verfügen über ein Bewusstsein der eigenen Würde, wie mir scheint, denn man hört bisweilen Gesindeauftsänden. Leibeigene unter dem Bann von Geistesmagie wären nicht in der Lage dazu und seien sie noch so stark im Willen. Hierbei geht es nicht um Willensduelle, sondern um absolute Beherrschung. Was wären wohl die Folgen für euer hübsches wohlgeordnetes Königreich Alpland, wenn ein aufsässiger Knecht sich derartiges Wissen aneignete?“
„Aber dann, dann wäre es vielleicht besser, diese Zauber blieben verloren?“
Tric atmete tief aus und nickte. „Das wäre es.“
„Aber nur, wer einen Zauber selbst beherrscht, kann ihn auf einen Spruchstreifen niederschreiben“, warf K´chen ein. „Irgendjemand im Königreich versteht die Geistesmagie bereits anzuwenden! Keiner weiß, wer es ist oder welche Pläne er damit verfolgen mag! Deswegen müssen wir die Magie des Geistes auch haben! Zur Verteidigung!“
Trics Blick ruhte lange auf dem kleinen Zauberer, doch es sagte nichts weiter.

Die Rückkehr ins Lager der Fahrenden lief unter ebenso düsteren Gedanken ab wie der Weg der Geschwister hinaus zu den Feldern. Doch noch bevor die drei das Gauklerlager erreicht hatten, brach sich jener Teil des Himmelsschwings, der sich nicht nur als Patenonkel von Zakets Kindern, sondern als Zauberer verstand, seine Bahn.
„Deine Geistesmagie, K´chen!“ forderte Tric. „Erzähl mir davon!“
Der Junge verbannte jeglichen Stolz aus seinen Gefühlen, um sich besser auf die Fakten zu konzentrieren. Er hatte sich dieses Verhalten bereits in der Akademie angewöhnt, doch war es nun nicht mehr der auszubildende Sohn der Monde, der auswendig gelerntes Wissen wiedergab, sondern K´chen der Zauberer, der mit einem Kollegen seine aktuellen Forschungsarbeiten besprach.
„Es schien mir, als handle es sich nicht um Formeln, sondern um eine einzige Fähigkeit, die lediglich aktiviert werden muss“, beschrieb K´chen, was ihn die Benutzung der Spruchstreifen gelehrt hatte. „Wenn das einmal gelungen ist, steht einem jeder gewünschte Effekt offen, den dieses Magiegebiet zu produzieren in der Lage ist.“
„Als würdest du ‚Luftmagie’ in einen Spruchstreifen ritzen und mir die Wahl überlassen, welche Formel aus deinem Kanon ich gerade benötige?“ vergewisserte sich Tric.
K´chen nickte heftig. „Die Spruchstreifen haben mir für eine kurze Zeit die Fähigkeit verliehen, die Geistesmagie zu wirken. Ich habe mich unbewusst für die Gedankensprache entschieden und dann den gedanklichen Hilferuf an dich abgeschickt. Wenn ich vorher gewusst hätte, was ich da tue, hätten mir sicherlich auch echtes Gedankenlesen oder gar die Kontrolle über Denken und Handeln offen gestanden!“
Wie bei der Benutzung einer Zaubermühle üblich, ging kein Lerneffekt mit K´chens Erlebnis einher. Niemand konnte sich eine magische Formel allein durch das Abzaubern von einem Spruchstreifen aneignen. Nur noch ein einziges Mal stand den beiden Zauberern die Magie des Geistes offen, um mit dem letzten Spruchstreifen wieder aus ihrem Leben zu verschwinden. Aber dass sie existierte, hier, im Markzat der Gegenwart, anstatt lediglich in Legenden…

K´chen unterbrach Trics Gedankengänge mit einer weiteren Eröffnung: „Und noch etwas: das Ganze scheint ohne eine aktive Verbindung zu Kis Gräten zu klappen…“
Wie jeder Zauberer verfügte K´chen über ein ganz persönliches Gedankenkonstrukt, mit dem er das Wesen der Erdlinien visualisierte. Er verglich die Energieströme mit dem Aufbau des Fischskeletts: von machtvollen Hauptgräten zweigten etwas weniger starke Rippenbögen ab, doch daneben existierten auch Muskelfleischgräten, die einen genau wie im Fischfleisch zuweilen ohne Vorwarnung in die Zunge stachen.
„Zuerst hat die Zaubermühle an die Erdlinien angekoppelt, aber ich denke, das war nur, um mir den Einstieg zu erleichtern. Kis Gräten haben mir geholfen, das Tor zur Geistesmagie aufzustoßen, doch ich glaube, die Erdlinien werden überhaupt nicht benötigt, um sie zu wirken.“
„Das klingt ein wenig sehr nach Wundern, findest du nicht?“
„Kann sein“, gab K´chen zu.
„Es ist Magie, und die beruht immer auf dem Aderngeflecht von Kis Flügeln“ beharrte Tric streng. „Wenn es dir anders vorkam, dann sicher aus dem Grund, weil dir die Zaubermühle die sonst notwendige Konzentration abgenommen hat. Du und ich, wir verfügen einfach nicht über genügend Erfahrung mit diesen Mühlen. Diese ungewohnte Art zu zaubern verführt uns zu Hypothesen, die keiner Prüfung standhalten!“
Merkwürdig beschwingt setzte K´chen einen Fuß vor den anderen. Nun gut, hatte er sich eben geirrt, was die Erdlinien anging. Aber was bedeutete das schon? Er diskutierte seine Theorien mit einem Kollegen, wie es sonst nur die Magier taten! Genau, wie er es sich immer gewünscht hatte!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s