(MdG) In den Gassen von Markzat

Das Trio passierte das Gauklerlager, schweigend, die Köpfe gesenkt, so dass sich die Wachen am Stadttor fragten, was wohl zwischen diesen Leuten vorgefallen sein musste. Da sich jedoch mit Tric ein Bürger Markzats in der Gruppe befand, hielten die Karr seine beiden Begleiter nicht mit Fragen auf – ein weiterer Vorteil, den die Gauklersippe aus Zakets Freundschaft mit dem Zauberer zog.
Nachdem die drei das Tor durchschritten hatten, hob Prisja den Kopf. „Gehen wir zur Akademie?“ fragte sie.
K´chen schüttelte den Kopf. „Vorher möchte ich mit dem Händler sprechen, dem wir gestern die Zaubermühle abgekauft haben.“
Trics Hand fuhr zum Griff des um seine Hüfte gegürteten Schwertes. „’Sprechen’ ist gut!“ knurrte es. „Ich werde mich ebenfalls mit diesem Kater auseinandersetzen! Ein Zauberer, der einen anderen dermaßen reinlegt, sollte keiner mehr bleiben dürfen!“
K´chen und Prisja konnten nicht sagen, woher, aber sie <wussten> mit einem Mal, wie Trics Drohung zu verstehen war. Den Zaubererstatus erlangte ein Lebewesen durch seine Geburt. Ihn wieder zu verlieren, musste daher unweigerlich mit dem Tod des Zauberers einhergehen.
Prisja schlug die Hand vor den Mund, K´chen aber lachte. „Hauptsache, es spricht nicht mehr vom Heilerbesuch“, flüsterte er.
„Aber Tric will den Händler… er kann ihn doch nicht einfach abmurksen… und dann auch noch einen Tabby…“ stammelte die Katze.
Doch die beiden Zauberer hatten bereits den kürzesten Weg zum Geschäft des Graugetigerten eingeschlagen. Diesen verfolgten sie zügig, ohne sich auf Diskussionen einzulassen.

Ein breitschultriger Karr in der Rüstung eines Stadtgardisten verwehrte der kleinen Gruppe die Passage durch eine zum Gelehrtenplatz führende Gasse. „Hier geht es vorerst nicht durch“, erklärte der Kater. „Für niemanden! Falls ihr doch darauf besteht, behindert ihr die Arbeit der Stadtwache, worauf strenge Strafen stehen!“
Am massigen Leib des Katers vorbei lugten die Geschwister in die Gasse hinein. Sofort fielen ihnen die vielen geöffneten Fenster auf, aus denen Anwohner nach unten blickten. Für die Dauer der Ermittlungen waren auch sie in ihren Häusern eingesperrt, doch sie litten keineswegs unter der Anweisung. Wie hätte ein Karr auf die Idee verfallen können, die heimatliche Gasse zu verlassen, wenn es dort etwas so spannendes wie eine Tatortsicherung durch die Stadtwache zu bestaunen gab?
„Kommt schon, haut ab!“ forderte der Gardist die drei noch einmal auf. Als sich Tric als erster zum Umkehren wandte, trat ihm ein Kater in Prisjas Alter entgegen. Er grinste dem Himmelsschwing und den beiden Artgenossen entgegen.
„Ein Blick auf die Leiche für einen Vierteltaler! Na, interessiert?“
„Es hat ein Mord stattgefunden?“ fragte Prisja angewidert.
„Ja!“ bestätigte der Bursche. „Und du kannst dir ansehen, wie es jetzt mit dem Toten und den Wächtern weitergeht!“ Er rückte näher an die Katze heran. „Wir können es uns zusammen anschauen…“
Prisja verschränkte die Arme. „Gewiss nicht mit dir!“
Weniger enttäuscht, als Prisja es erwartet hätte, kam der Jugendliche daraufhin auf sein ursprüngliches Angebot zurück: „Ein Vierteltaler, für euch alle drei zusammen, dafür lässt euch mein Vetter die Stiege benutzen. Wisst ihr, dem sein Dachboden hat ein Fenster in die Gasse rein, aber der Hauseingang befindet sich im nicht abgesperrten Bereich. Praktisch, was?“
Der Dienstbote eines in der Stadt ansässigen wohlhabenden Herrn drängte sich an Prisja und den beiden Zauberern vorbei. Wortlos drückte er dem Karrjugendlichen das geforderte Bruchstück einer Münze in die Pfote und ließ sich zu dessen Vetters Wohnhaus führen.
K´chen hatte erwartet, der Mann würde vor Vorfreude glühen, doch spürte er nichts dergleichen. Gelangweilt, auf der Suche nach Zerstreuung, die ihn ein kleines bisschen berühren würde, betrat der Dienstbote das Haus. Offenbar fehlte es ihm an ebenso wenig im Leben wie seinem Herrn.
Woher er das alles wusste, vermochte K´chen nicht zu sagen. Er konnte nur vermuten, dass es sich um einen nachwirkenden Einfluss seiner Anwendung der Geistesmagie handelte.
Der Junge warf einen prüfenden Blick auf seine Zaubermühle. Doch, nein, mit der war alles in Ordnung, der Sicherhungsbolzen saß fest und der dritte Slot mit dem noch unbekannten Zauberspruch drehte sich nicht einmal ansatzweise.

„Suchen wir uns einen anderen Weg zu dem Geschäft“, meinte Tric.
Doch noch einmal wurden die drei aufgehalten, bevor sie diesen Ort verlassen konnten.
„Was ist denn dort passiert?“ wollte eine ältliche Katze von ihnen wissen. „Sagt es mir schon! Ihr kommt doch gerade aus der Gasse raus!“
„Wir sind nur daran vorbeigegangen, gute Frau“, wehrte Tric ab. „Aber es scheint so, als wäre in dieser Gasse jemand ermordet worden.“
„Ich weiß wer das war!“ mischte sich eine kleine, der alten Frau recht ähnlich sehende, in K´chens Alter stehende Katze ein. „Ich war da oben auf dem Dachboden von dem Vetter des schnuckligen Roten, aber der Mistkerl hat mich überhaupt gar nicht geküsst!! Es gab nur eine olle, langweilige Leiche zu sehen!!!“
Die Frau ergriff das Handgelenk des Mädchens. „Dachboden?! Geküsst?! Darüber sprechen wir zuhause noch einmal ausführlich! Mit deinem Vater und deiner Mutter!“
Prisja kicherte verhalten.

„Verflixt!“ fauchte K´chen. „Jetzt will ich es aber auch wissen!“
Er setzte sich in Bewegung, um Großmuter und Enkelin nachzulaufen.
„He, du! Wer ist denn nun umgebracht worden?“
Das Kind drehte sich im Griff seiner Großmutter um. „Der Stiefelhira!“ erklärte es stolz.
K´chen stoppte auf dem Fuß.
„Hira Sohlnagel“, pfiff er durch die Zähne. „Lieber Himmel!“
„Ja“ krähte das Kätzchen. „Die haben ihm mit seinem eigenen Krummdolch die Kehle aufgeschlitzt. Das war sooo eklig anzusehen! Stiefelhira hat das Messer noch in der Hand gehabt, wo´s ihm der Mörder hingelegt hat und…“
Die Stimme des Kindes verklang allmählich.

Mittlerweile hatten Prisja und Tric zu dem Jungen aufgeschlossen.
„Müsste man diesen Stiefelhira kennen?“ erkundigte sich Prisja bei ihrem Bruder.
K´chen nickte heftig. „Stiefelhira war ein stadtbekannter Gauner. Nicht nur bei den Verbrechern, sondern jeder kannte seinen Namen. Er war so gut, dass er es sich leisten konnte, bekannt zu sein. Man konnte ihn einfach nie einer seiner Taten überführen.“
„Ist das derselbe Mann, von dem es heißt, er würde nie gehängt werden?“ fragte Tric. „Weil er sich im Besitz viel zu wertvoller Information befände?“
„Genau der“, bestätigte K´chen. „Die Leute sagen, er spekuliere jetzt auf das Amt des Generalbevollmächtigten des königlichen Geheimdienstes. Wenn der König demnächst nach Markzat käme, wolle er seinen Wert schon beweisen. Neulich, da hat Stiefelhira einem der Stadträte ein gerade gekauftes lebendiges Schwein aus dem Sack gestohlen und den exakten Wert in Bargeld hinterlassen – in Kupfermünzen!“
„Es scheint so, als habe dieser Mann jemanden auf dem falschen Fuß erwischt, der über ein noch weitreichenderes Netz an Kontakten verfügte als er selbst“, fasste Tric die Situation zusammen. Dass er das Stadtleben verabscheute, bedeutete nicht, dass der Zauberer nicht über einen gewissen Einblick in dasselbe verfügt hätte. Gerade in seiner Profession als Horoskopersteller durften man sich zwar den Anschein der Weltfremdheit geben, aber nicht wirklich unter diesem Handicap leiden.
„Nun ja. Kümmern wir uns aber lieber um unseren Verbrecher“, beendete Prisja das Thema.
Tric nickte grimmig. „K´chen?“
„Hier lang!“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s