(MdG) Schwerter, Feuer und gute Geschäfte

„Man muss keine Magier sein, um Lesen und Schreiben zu können“, schrie das Himmelsschwing den Verkäufer im Zaubermühlengeschäft an. Die ungewöhnliche Begrüßung ließ den graugetigerten Karr seinen Kopf neugierig zur Seite legen.
„Was willst du mir damit mitteilen?“ fragte er verwirrt, wobei er seine Rede mit gekünstelten Schnurrlauten unterlegte.
„Das es sich gehört, ein ‚Gebraucht’-Schild an eine Ware aus zweiter Hand zu klemmen, besonders, wenn es sich um eine geladene Zaubermühle mit gleich drei Schächten handelt! Eine wie der, die du gestern K´chen hier verkauft hast!“
Tric riss sein Schwert aus der Lederscheide. Es richtete die Spitze auf den Verkäufer.
„Das Kind hätte sterben können, bei dem Versuch, seine Neuerwerbung gebrauchsfähig zu machen. Du wirst ihm das bezahlte Geld zurückerstatten!“
„Ich reagiere nicht freundlich darauf“, entgegnete der Graugetigerte kühl, „wenn mir jemand eine Waffe auf die Brust setzt und Geld verlangt!“
K´chen spürte die Erdlinien ganz leicht beben, wie sie es jedes Mal taten, wenn ein Magieanwender sich ihrer Macht bediente. Er wusste, dass im Kopf des Verkäufers ein Zauberspruch Gestalt annahm, vermochte aber zu nicht sagen, welcher Art dieser war. Nur eines war sicher: die Formel würde sich gegen das Himmelsschwing richten.

Tric spürte, wie das Metall seiner Waffe sich erhitzte. Die dünnen Lederbänder, die es um den Griff gewickelt hatte, würden seine Haut nicht lange vor der Hitze schützen.
„Ein echter Schwertkämpfer wüsste, dass nicht die Spitze, sondern die Schneide zum Gegner gehört“, verhöhnte der Händler Tric. „Aber du wirst die Waffe ohnehin gleich nicht mehr halten wollen.“
Tric presste die Lippen zusammen.
Die Geschwister beobachteten, wie das Schwert des Himmelsschwings über die gesamte Länge sichtbar zu glühen begann. Als nähme die Erinnerung an das Feuer, in dem sie einst geformt worden war, erneut Gestalt an, leckten Flammenzungen über die Klinge. Heißer und heißer wurde das Metall. Der von dem Graugetigerten gewirkte Zauber war nicht nur in der Lage, den Schwertkämpfer zu verletzen, sondern sollte überdies dessen Waffe zuverlässig ruinieren.
Doch plötzlich begann das Feuer, sich in der Spitze des Schwertes zu konzentrieren. Aus dem überraschten Gesichtsausdruck des Graugetigerten schlossen K´chen und Prisja, dass dies ganz und gar nicht dem von ihm gewünschten Effekt entsprach. Schon leckten die Flammen über die Spitze der Waffe hinaus gierig nach der Robe des Karr!
Schweißtropfen rannen unterdessen Trics Stirn herab.
<Das ist kein Feuer, das ist kein Feuer!> vermeinten die Geschwister, es denken zu hören. <Es ist nur rohe Magie, die diese Form angenommen hat!>
Doch ob Feuer oder Magie, Tric hatte die Kontrolle darüber übernommen und lenkte es auf den Hervorrufer zurück.
Kis Macht kam nicht gern zu dem Sternkundigen. Einmal von jemand anderem beschworen, beugte sie sich ihm jedoch willig. Daher gelang dem Himmelsschwing die Abwehr gegen es gerichteter Zauberer vergleichsweise zuverlässig. Das geistige Manöver kostete Kraft. Schon begannen Trics Knie und Hand zu zittern. Unter Aufbietung äußerster Willenskraft legte es auch noch die andere Hand um das Heft des Schwertes. Die Klinge bebte, als sich die in ihr wirkende Macht umkehrte!
Die von Tric übernommenen Energien flossen über den Körper des Graugetigerten. Sie suchten zielgerichtet jegliches Metallteil an dessen Ausstattung, aber bis die Feuermagie all die die Münzen, Schnallen und Fingerringe gefunden hatte, versengte sie dem Karr an mehreren Stellen seinen Pelz und die Kleidung. Der Händler hüpfte auf und ab, schlug mit der flachen Hand auf die kleinen Flämmchen und jammerte dabei aufs Kläglichste. Erst, nachdem die winzigen Brandherde gelöscht waren, konnte sich der Kater endlich die glühenden Metallteile vom Leib streifen.

„Ich… ich habe nur wenig Bargeld im Haus“, ächzte der Händler. „Wie ich es erhalte, rinnt es wieder davon, daher kann ich euch das bezahlte Geld nicht zurückgeben. Ich schreibe euch einen Schuldschein aus! Lasst die kaputte Mühle bei mir und sobald ich wieder etwas verkauft habe, erhaltet ihr euer Geld. Mit Zinsen!“
K´chen schüttelte den Kopf.
„Was? Nicht? Aber du bekämst mehr heraus, als dein Vater bezahlt hat!“
Erneut lehnte K´chen ab. Unter anderen Umständen hätte er nicht gezögert, in einen Umtausch einzuwilligen. Doch unter keinen Umständen durfte er sich nun, da er wusste, welcher Schatz noch in ihrem dritten Schacht schlummerte, von der Mühle trennen!
Verständnislos versuchte der Graugetigerte, K´chen das Konzept der Zinsen begreiflicher zu machen und ihm aufzuzeigen, dass der vorgeschlagene Handel nur Vorteile für den Kunden mit sich brächte.
Tric drehte sein Handgelenk leicht. Die Spitze seines Schwerts kitzelte den Verkäufer unter dessen Kinn. „Denk dir etwas Besseres aus!“ forderte das Himmelsschwing.
„Ja… ja! Sogleich! Du bist ein Zauberer, Himmelsschwinge, das hast du bewiesen. Wie wäre es, wenn du dir ebenfalls eine Mühle aussuchtest? Gewissermaßen zwei zum Preis von einer?“
„K´chens Leben ist mehr wert!“
Der Graugetigerte schnaubte verächtlich. „Nun lasst uns einmal nicht sentimental werden. Das Katerchen ist für sein Alter begabt, aber doch nur ein Gauklerjunge. Pass mal auf, K´chen: Spruchstreifen und Spezialwachs im Wert deiner Zaubermühle, wie gefällt dir das? Ein besseres Startkapital für dein Leben nach der Zaubererprüfung kannst du dir doch nun wirklich nicht wünschen!“
„Er…“ begann Tric, doch K´chen winkte ab.
„Nein, lass gut sein, Onkel Tric! Ich nehme das Zeug gern an! Ich meine, der Händler hat mich ja nicht gezwungen, die alten Streifen aus der Mühle heraus zu zaubern. Das haben Prisja und ich ganz allein entschieden.“
Im Nachhinein betrachtet, wäre es ohnehin die klügste Lösung gewesen, ins Geschäft zurückzukehren und einen Ersatz für die unbrauchbare Zaubermühle zu verlangen.
„Siehst du, der kleine Kater ist vernünftig“, grinste der Graugetigerte. „Im Gegensatz zu einer Himmelsschwinge, die noch immer mit einem auf mich gerichteten Schwert hier im Raum steht.“
„Das im Raum steht“, korrigierte Tric gewohnheitsmäßig. Es warf noch einmal dem Jüngeren einen fragenden Blick zu, bevor es seine Waffe wieder wegsteckte. Glücklicherweise hatte die teure Klinge keine starken Schäden davongetragen. Das im Nu beendete Zaubererduell hatte sie nicht mehr beansprucht als die Angriffe eines Gegners in einem regulärenzu parieren.

„Wer hat dir die Mühle verkauft?“ wandte sich Prisja an den Graugetigerten.
„Jemand, der euch mehr Ärger machen kann als ich“, antwortete dieser ausweichend. „Und es lag wirklich nicht in meiner Absicht, das Katerchen hereinzulegen. Ich hatte am Tag des Kaufes einfach zu viel zu erledigen. Da ist es mir entfallen, die Mühlenschächte zu überprüfen. So ist die Maschine versehentlich im Verkauf gelandet.“
„Er sagt die Wahrheit“, erklärte Prisja.
Tric blieb skeptisch: „Wieso bist du dir da so sicher?“
„Meine Schwester besitzt eine ausgeprägte Personenkenntnis, wie es sich für eine Schauspielerin geziemt!“ behauptete K´chen.
Obwohl der junge Zauberer glaubte, den wahren Grund zu kennen, hätte er ihn um nichts in der Welt vor den Ohren Fremder und schon gar nicht des Graugetigerten wiederholen mögen. Offenbar litt Prisja noch immer an den Nachwirkungen der Geistesmagie, genau wie K´chen es vor der Gasse an sich selbst beobachtet hatte. Doch wo K´chen nur eine Ahnung bezüglich des Innenlebens des Dienstboten beschlichen hatte, schien sich Prisja in vollständiger Klarheit zu sonnen. Der Graugetigerte hatte nicht gelogen – ob die Schwester das so genau sagen konnte, weil sie von vornherein über eine bessere Personenkenntnis verfügte als K´chen?

„Wenn du bloß nicht dazu gekommen bist, es aber für notwendig erachtet hast, die Schächte zu prüfen, dann kann der Verkäufer selbst kein Zauberer gewesen sein“, schlussfolgerte Tric indessen. „Es handelt sich um Hehlerware!“ sagte sr dann dem Graugetigerten auf den Kopf zu. „Um Diebesgut!“
„Dem Elixier sieht man nicht mehr an, ob die Zutaten in Nachbars Garten geerntet wurden“, zitierte der Graugetigerte ein Sprichwort der Himmelsschwingen, das sich erstaunlich weit unter den Karr verbreitet hatte. „Der Junge hat ein gutes Geschäft gemacht und dabei solltet ihr es bewenden lassen. Wozu etwas zu beweisen versuchen, das euch am Ende noch als Mittäter und ohne eure Mühle dastehen lässt? Und überhaupt! Nur, weil ein Nichtzauberer eine Zaubermühle besitzt und verkauft, muss man dahinter noch lange kein Verbrechen wittern. Er kann das Gerät gezielt für den Weiterverkauf erworben haben, ein Zauberer mag sie ihm anstelle von Bargeld für einen Dienst gegeben haben oder der Zauberer hat ganz einfach seinen Diener mit dem Verkauf an mich beauftragt… alles mögliche wäre denkbar.“
Keiner der drei konnte dem etwas entgegenhalten. Doch da ihr Interesse an der Herkunft der Zaubermühle weiter ging, da die gesamte Problematik einer sagenhaften Spielart der Magie daran hing, durften sie nicht locker lassen. Doch noch nicht einmal das Angebot einer reichlichen Menge Taler entlockte dem Graugetigerten nichts weiter als ein „Ich erinnere mich nicht mehr daran, wie der Zwischenhändler ausgesehen hat, ob es Mann oder Weib, Karr, Himmelsschwinge oder Emubeni gewesen sein soll.“.
Da sie hier nicht weiterkamen, verließen K´chen, Prisja und Tric das Geschäft.
„Gehen wir irgendwo essen, Kinder“, entschied Tric. „Kommt, ich lade euch ein!“

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