(MdG) K´chens Hypothese

Mit der Erweiterung seiner Kenntnisse als Astronom und Astrologe, vor allem aber durch seine neu geknüpften Beziehungen zu den Zauberern von der Akademie, hatte sich Trics finanzielle Situation in den letzten zehn Jahren deutlich gebessert. Obgleich es nicht zu den Wohlhabenden gehörte, war es mitnichten arm. Tric konnte dieselben Vergnügungen wie ein Angehöriger der Mittelklasse erkaufen, wenngleich nicht ganz so oft wie diese.
Seine Einladung ermöglichte den beiden Gauklerkindern, in einer Gastwirtschaft Platz zu nehmen, anstatt an einer der über die ganze Stadt verteilten Buden im Stehen halb verbranntes Grillfleisch zu sich nehmen zu müssen.
Die drei bestellten eine große Schüssel Fleischeintopf für jeden. Das war gesund für Karr, schmeckte aber nicht besonders aufregend, nicht zu vergleichen mit Joghurt oder süßer Milch! Aus diesem Grund ließ Tric nach dem Essen noch ein Stück Quarkkuchen für die Karr und ein kleines Beerentörtchen für sich selbst kommen. Dazu tranken die Geschwister Wasser, während das Himmelsschwing auf ein Getränk verzichtete und stattdessen eine weitere Handvoll Beeren verspeiste. Seine Art deckte ihren Flüssigkeitsbedarf weitestgehend aus der Nahrung und nur, wer wie Tric in engem Kontakt mit den Karr lebte, gewöhnte sich das Trinken an. Tric sagte nicht nein zu einer gelegentlichen Tasse Tee oder einem Krug Bier, musste aber aufpassen, nicht durch zu große Wasserzufuhr aufzuquellen wie ein Kuchen.

Die drei ließen sich Zeit bei ihrer Mahlzeit. Tric und Prisja verfielen ins Plaudern und merkten kaum, dass K´chen nur ab und zu seinerseits eine Bemerkung einwarf. Schließlich, die Zeche war längst entrichtet und das benutze Geschirr abgetragen, platzte es aus dem Kind heraus: „Ich wette, es war Hira!“
„Der Hehler?“ fragte Prisja.
„Nein, der Geistesmagier!“ widersprach K´chen. „Das passt alles zusammen und es würde alles über seine Fähigkeiten erklären!“
„Stiefelhira könnte ein Zauberer gewesen sein, ja“, lenkte Tric ein. Dennoch war offensichtlich, dass es K´chens Hypothese keinen allzu großen Wahrheitsgehalt zubilligte. In seinen Augen gab es eine viel einfacherere Erklärung für die beinahe übernatürlichen Diebesfähigkeiten des Ermordeten: Schamlose Übertreibung. Wuchs nicht der Protagonist jeder Legende mit wiederholter Erzählung seiner Taten irgendwann zu titanischer Größe?
„Du glaubst also, jemand in der Stadt hat herausgefunden, dass Stiefelhira nicht nur ein Zauberer, sondern noch dazu ein Geistesmagier war?“ verfolgte Prisja die Überlegungen ihres Bruders weiter. „Und wollte ihn vielleicht mit diesem Wissen erpressen? Dann musste Hira die Mühle rasch loswerden, um sich nicht verdächtig zu machen?“
K´chen nickte eifrig. Die Schwester hatte die Worte gefunden, die ihm gefehlt hatten.
„Wer sich jetzt vor allem nicht verdächtig machen darf“, warft Tric ein, „das seid ihr! In der Stadt treibt sich ein Geistesmagier herum, möglicherweise wurde er auch, folgen wir K´chens Argumentation, bereits von jemand ermordet, der um sein Geheimnis wusste und jetzt auf der Suche nach der Mühle sein könnte. Deswegen werden wir uns heute völlig normal verhalten. Ihr beiden geht nach Hause und dann stellt ihr euch auf die Bühne und spielt! Ich halte heute Nacht wie geplant mein Astronomieseminar an der Akademie, wobei ich mich diskret nach allem umhören werde, was ungewöhnlich erscheint oder zu eurem Erlebnis auf dem Feld passen könnte. Nun, Kinder? Verbleiben wir so?“

„Du hoffst doch nur“, zischte K´chen, „das Ganze möge sich in Wohlgefallen auflösen! Damit wir unsere Leben weiterführen können wie bisher!“
Noch nie zuvor hatte sich der Junge in dieser Weise gegen seinen Paten verhalten. Eine Meinungsverschiedenheit hier und da, ja, das war vorgekommen, aber jedes Mal in aller Freundschaft und mit der Erkenntnis, wieder etwas gelernt zu haben, aufgelöst worden.
Tric seine Mittelmäßigkeit und Zufriedenheit mit einem ereignislosen Leben vorzuwerfen, hätte sich der jüngere Zauberer bis zu diesem Tag weder getraut, noch auch nur die geringste Veranlassung dazu gesehen.
„Aber das wird nicht funktionieren!“ klagte K´chen den Älteren weiter an. „Schon mal gar nicht mit meinem Leben, Tric! Denn das ist zuende gegangen, bevor es überhaupt beginnen konnte!“
Der Sohn der Monde schob seinen Stuhl zurück, verließ die Wirtschaft raschen Schritts und spurtete davon. Tric und Prisja erkannten, dass er zumindest in die von dem Erwachsenen angewiesene Richtung lief, also in Richtung des Marktplatzes, wo die Bühne seiner Sippe stand. Sie folgten ihm in geruhsamerem Tempo, um dem Jungzauberer nicht erneut Grund zu einem Wutanfall zu liefern.
„Ich habe schon irgendwie geahnt, dass mein Bruder nicht für immer in die Sippe zurückkehren, sondern uns in vier Jahren wieder verlassen würde“, gestand Prisja dem Himmelsschwing, während die beiden K´chen folgten. „Aber so, wie er jetzt ist, hält er keine vier Jahre durch. In K´chens derzeitigem Zustand verlieren wir ihn viel eher… und endgültiger, fürchte ich.“
Tric nickte. „Wenn ich nur wüsste, wie wir ihm helfen können!“ stieß es hervor.
Prisja sträubte ihr Fell in einer Abwehrreaktion gegen ihre eigene Unfähigkeit, dem Bruder zu helfen. Wider besseres Wissen verfiel auch sie ins Rennen und Tric blieb nichts anderes übrig, als der Katze nachzueilen.

K´chens Lauf war inzwischen abrupt gebremst wurden, als der kleine Kater in ein unerwartetes Hindernis lief. Das Hindernis war selbstbeweglich, schwer bepackt und hörte auf den Namen Naminerea von Marktzat. Naminerea war einer der Herolde der Stadt. Er war ein würdevoller, gebildeter Mann, der nicht im mindesten darauf gefasst war, von einem schwarzbraun gestreiften Bündel aus Fell und Zorn wie von einem Katapultgeschoss mit voller Wucht getroffen zu werden!
Ein Aufschrei der Überraschung entfuhr dem Herold, er hob die Arme und verlor dabei den Stapel Schriftrollen, den er getragen hatte. Die Pergamente verteilten sich über die Straße. Dabei entrollten sich einige, andere hingegen gerieten in die Reichweite der Fänge verwilderter Straßenkatzen, der nächsten Verwandten der Karr im Tierreich. Markzat bot einer beachtlichen Population solcher Katzen, aber auch streunenden Hunde, mehreren Kolonien Füchse und nicht zuletzt den obligatorischen freilaufenden Hühnern, Ziegen und Schweinen der Städtebürger Heimat. Dem bedauernswerten Naminerea kam es so vor, als stürze sich jedes einzelne dieser Tiere auf seine Papiere.
„Oh! Tut mir leid!“ entschuldigte sich K´chen. „Warte, ich helfe dir beim Aufsammeln!“
„Du hast bereits genug ‚geholfen’!“ rief der Mann der Stadt. „Du lässt deine Dreckspfoten von den Dokumenten!“
„Das sind Dokumente?“ entfuhr es K´chen. Nun beugte er sich erst recht neugierig über die verstreuten Schriftrollen! Welches Siegel sie wohl tragen würden?
Mit einem Mal spürte der kleine Kater den bestimmten Griff einer Erwachsenenhand um seinen Unterarm. Tric hatte ihn eingeholt und zog den Sohn der Monde nun vom Ort des Zusammenstoßes fort.
Hinter dem Zauberer lächelte Prisja den Herold entwaffnend an. „Es tut uns fürchterlich leid, mein Herr“, erklärte sie. „Es wird nicht wieder vorkommen. – K´chen! Ab nach Hause!“
Naminerea von Markzat würdigte die drei keines weiteren Blickes. Mit seinem durcheinandergeratenen Schriftrollenfundus setzte er seinen Weg zum nächsten öffentlichen Platz fort. In einiger Entfernung von dem Kater, dort, wo die Straße in die Freifläche mündete, fanden sich auch Prisja, K´chen und Tric ein.
„Jetzt habe ich ihn schon einmal umgerannt, da will ich mir auch anhören, was er zu verkünden hat!“ erklärte K´chen.

Naminerea erhob nun seine Stimme: „Bürger der Stadt Markzat, Frauen, Kinder und Besucher! Ein schreckliches Verbrechen, ein Mord, hat innerhalb unserer Stadtmauern stattgefunden. Zwar, das Opfer der Tat war selbst ein Verbrecher, aber Mord bleibt Mord und darf nicht ungesühnt bleiben! Ich darf verkünden, dass die Täter bereits bekannt sind und in Kürze gefasst sein werden!“
„So?“ wunderte sich K´chen, als der Herold mit der Verlesung der Personenbeschreibung begann. „Ich bin gespannt…“
„Sht!“ würgte ihm Tric das Wort ab. Dann hauchte es kaum wahrnehmbar: „Wir müssen sofort weg hier!“
„Wie bitte?“
„Wir müssen sofort von hier weg, Prisja!“ wiederholte Tric.
„Warum?“
„Weil der da“, bei diesen Worten deutete der Zauberer auf den Herold, „gerade uns beschreibt!“

Im selben Moment schien dieser Sachverhalt sich auch Naminerea erschlossen zu haben. Mit einem „Moment mal, die kenne ich doch!“ – Ausdruck in seinem Gesicht wandte der Kater den Kopf in Richtung der Straße, in der die steckbrieflich Gesuchten ihn angerempelt hatten.
„Da sind sie!“ rief er den Umstehenden zu. „Da stehen die Gesuchten! Ergreift sie!“
K´chen und seinen Freunden blieb nichts anders übrig, als Fersengeld zu geben. Der Eintopf und der Kuchen in K´chens Bauch beschwerten sich aufs Heftigste über dieses erneute Gerenne, doch ließ sich der in seinem Körper steckende Luftzauberergeist nicht unterkriegen.
„Dasssn Misssverschännnis!“ keuchte Prisja im Laufen. Sie spuckte aus und wiederholte: „Ein richtiges Mist-Verständnis!“
Tric schubste die Karr weiter voran. Es erlaubte sich noch nicht einmal ein „Lauf!“ zu artikulieren.
Das Himmelsschwing konnte nur hoffen, nicht ausgerechnet in eine Richtung zu fliehen, in der Naminerea von Markzat seine Runde bereits beendet und ihren Gesuchtenstatus verkündet hatte…

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