(MdG) Die vorausgeworfenen Schatten

Tric zog ein stummes Gebet in Betracht, als den Gehetzten auch schon Hilfe von irdischer Seite zuteil wurde. Jemand winkte den Flüchtigen aus einem Kellerfenster heraus zu.
„Hier rein!“
Ohne lange nachzudenken, folgte Tric der Aufforderung. Bürgerstatus hin oder her, Himmelschwingen auf der Anklagebank fanden sich von vornherein im Nachteil – was im übrigen auch für Fahrende galt. Ehe es sich der Urteilsfähigkeit eines Karr auslieferte, wollte es Tric lieber mit dem Unbekannten versuchen.
Einem ausgewachsenen Karr wäre es nicht leicht gefallen, sich durch die enge Öffnung zu zwängen. Einem filigran gebauten Himmelsschwing und zwei Jugendlichen, von denen eine noch dazu eine ausgebildete Aktobatin war, gelang das Kunststück jedoch problemlos.
Eine im Dunkeln nicht genau erkennbare Gestalt verrammelte die Fensterluke von innen mittels zweier Laden und eines schweren Riegels.

„Und nun?“ schimpfte Prisja. „Ich meine, das haben unsere Verfolger doch gesehen! Das kann ihnen gar nicht entgangen sein, dass wir hier reingehuscht sind! Und überhaupt!“ Die Katze seufzte. „Durch unsere Flucht haben wir sicher alles nur noch schlimmer gemacht…“
„Das da draußen sind alles gesetzestreue Städtebürger“, ließ sich der Retter der Flüchtigen vernehmen. „Die würden sich schuldig machen, kämen sie uns jetzt nach. Nur die Stadtwache darf ein Gebäude einfach so stürmen oder gar aufbrechen. Bis die allerdings alarmiert ist, werden wir von hier verschwunden sein.“
Der fremde Karr presste seine Handflächen fest gegen die Wand zum Nachbarkeller, woraufhin diese ein wenig zu zittern begann. Der Kater stemmte sich nun mit seinem gesamten Gewicht dagegen. Erst, als zusätzlich der kleine K´chen seinen Rücken gegen das Mauerwerk lehnte, bewegte sich die gut verborgene Geheimtür in ihrer Verankerung. Ein Abschnitt der Wand drehte sich um eine verborgene Achse einmal um sich selbst, bis die Vorderseite die Rückseite war und die vier auf der anderen Seite standen.
Im Nebenraum angekommen, entzündete der mysteriöse Retter des Trios an Haltern in der Wand befestigte Fackeln. In ihrem Schein schenkte er dem Sohn der Monde ein Lächeln. Ob K´chens Beitrag nun tatsächlich die Öffnung des Durchgangs beschleunigt hatte oder nicht, war in diesem Augenblick irrelevant.
Prisja und Tric tauschten ein Grinsen aus. Wenn ihr jüngerer Verwandter gerade einmal nicht lautstark mit seinem Schicksal haderte, konnte sich niemand dem Charme des kleinen Tabby entziehen. Noch nicht einmal ein zerlumpter Fremder, der sich als ihr Feind herausstellen würde.
„Moment mal! Wieso glaube ich das?“ schoss es der Gauklerin durch den Kopf. „Das ist doch Unsinn! Ein Feind würde uns kaum retten!“

Und doch sollte sich die Katze nicht täuschen.
Im Licht der Fackeln konnte Prisja nun mehr Details erkennen. Die verwahrlost erscheinende, an vielen Stellen mit Leder oder Fetzen aus schwereren Stoffen geflickte Kleidung ihres Retters stand in einem schwer aufzulösenden Widerspruch zu seinem makellos gepflegten Säbel, einem Säbel, den er unvermittelt aus einer auf den Rücken geschnallten Scheide zog und auf Tric richtete! Natürlich drückte das Feindseligkeit, zumindest aber eine gesunde Portion Misstrauen, aus, doch nicht erst die Bedrohung hatte Prisja zu ihrer Einschätzung des Katers verholfen. Sie hatte es Sekundenbruchteile vorher gewusst.
Zwei weitere Gestalten, ein Karr und ein Himmelsschwing, die bisher einem Würfelspiel nachgegangen waren, erhoben sich nun von ihren Schemeln. Die beiden griffen nach am Tisch lehnenden Streitkolben. Sie erweckten den Eindruck, damit auch umgehen zu können. Über ihrer Kleidung trugen sie lederne Westen, bis über die Knie reichende schwere Stiefel und jeder einen aus über einen Holzrahmen gespanntem Leder bestehenden Helm.
Auffällig war außerdem das Wappen, welches die beiden auf ihren Lederwesten zur Schau trugen: Es handelte sich um ein lediglich als Umriss ausgeführtes Wappenschild und nun, das Prisja genauer hinschaute, entdeckte sie es auf einem Ring am Finger des Säbelträgers wieder. Prisja fragte sich, ob nicht auch die von ihr als Flicken abgetanen Ergänzungen auf der Kleidung des Katers diesem einen gewissen Schutz vor Verletzungen oder Waffengewalt verschafften.
Verdutzt suchte sie Trics Blick, doch das Himmelsschwing konnte ebenfalls nur mit den Schultern zucken. Von der kurzen, unwillkürlichen Geste abgesehen stand Tric wie erstarrt in dem Kellerraum. Seine Arme auszubreiten oder die Hände zu bewegen wagte es nicht.
Auch K´chens Augen hatten sich vor Schreck geweitet.

„Nun tut doch nicht so, als verstündet ihr das alles nicht“, fuhr ihr Retter die drei an. „Legt eure Waffen ab wie zivilisierte Leute und lasst uns reden!“
Während das Himmelsschwing die drei mit einem Teilauge regelrecht sondierte, nahm der streitkolbentragende Karr Tric sein Schwert ab und ließ sich K´chens Zaubermühle aushändigen.
„Ich verstehe das wirklich nicht“, wagte Prisja einzuwerfen. „Ich bin fremd in der Stadt.“
„Soso“, murmelte der Säbelträger. „Ich dachte mir schon, dass die Angelegenheit weite Kreise gezogen hat. Bis über Markzat hinaus, das verwundert mich nicht wirklich. Aber ich erwarte natürlich nicht, zu erfahren, wer genau dich gesandt hat.“
„Nynor!“ meldete sich das Himmelsschwing zu Wort. „Sieh doch mal genauer hin! Das sind keine von unserem Stand. Sie tragen keine Wappen. Das sind nur Auswüchse der örtlichen Unterwelt, die deiner Höflichkeit gar nicht wert sind!“
„Ich pflege auch im kriminellen Aussatz Markzats nach Potential Ausschau zu halten“, wies Nynor seinen Untergebenen zurecht. „Wäre dem nicht so, stündest du heute nicht hier, mein Mädchen.“
Anders als Tric lies dieses Himmelsschwing die Unfähigkeit seines Karr-Vorgesetzten, mit dem doppelten Geschlecht der Lufträuber umzugehen, unkommentiert stehen. Vielleicht glaubte „sie“, sich damit einen Anstrich von Professionalität zu geben, oder hatte gelernt, dass „ihre“ feminine Erscheinung in der von Karr dominierten Welt durchaus ihre Vorteile mit sich bringen konnte.
„Und wer seid ihr drei?“ wagte Prisja zu fragen. „Wenn nicht der Aussatz, dann vermutlich die kriminelle Elite Markzats?“
„Die kriminelle Elite Markzats hatte heute morgen eine Begegnung mit seinem Schöpfer“, erwiderte Nynor. „Weswegen wir ins Spiel kommen. Nehmen wir einmal spaßeshalber an, ihr wüsstet wirklich nicht, dass die leeren Wappen für die ‚Vorausgeworfenen Schatten’ stehen und dass wir die Methoden des Abschaums zu nutzen gelernt haben, aber nicht zu dieser Schicht gehören. Der Wappenumriss kann lebensrettend sein. Falls ihr euch fragt, wieso ihn dann nicht jeder Gassenjunge auf seinen Beutelschneidertouren fälscht, dann erhaltet ihr eine ungefähre Vorstellung von der Macht des Symbols und derjenigen, die für seine Rechtskräftigkeit garantieren.“

Am Ende seiner kleinen Rede angelangt, packte Nynor unvermittelt K´chen! Er hielt ihn fest und führte seine Säbelklinge an den Hals des Jungen. Die Bewegung war viel zu schnell erfolgt, als dass Prisja oder Tric hätte reagieren können.
Der Sohn der Monde starrte auf das blanke Metall. Nynors Säbel nahm seine gesamte Wahrnehmung ein. Die Waffe wuchs in K´chens Gedanken auf titanische Ausmaße an, bis sie groß genug gewesen wäre, die ganze Stadt mit einem Hieb von Kis Angesicht zu fegen. Markzat, K´chens wohlvertrautes Markzat, hatte sich plötzlich in einen anderen Ort verwandelt. Natürlich wusste jedermann, dass es Diebe und Räuber gab. Räuber und Gardist war ein beliebtes Kinderspiel, und die Erwachsenen zeigten ebensoviel Interesse an wie Abgestoßenheit von einem Verbrechen. Wäre der Graf nicht eines Tages auf die Idee verfallen, Eintrittsgeld dafür zu erheben, der Gerichtssaal würde bei jeder Verhandlung vor Zuschauern aus allen Nähten platzen. Doch von den Kleinkriegen des Adels untereinander, mal gegen und dann wieder verbündet mit den Kriminellen der Stadt, hatte der junge Zauberer noch nie etwas gehört.

„Setzt euch!“ befahl Nynor.
Prisja und Tric blieb vorerst nichts anderes übrig, als am Tisch Platz zu nehmen.
K´chen verspürte Erleichterung, als Nynor ihn losließ. Das Gefühl sollte nicht lange vorhalten, denn der Karr schleuderte ihn zielsicher in die Arme seines Artgenossen mit dem Streitkolben, der nun an Nynors statt das Kind bedrohte. Er selbst rückte sich den beiden Gefangenen gegenüber einen Stuhl an den Tisch heran.
„Wer immer den Suchauftrag nach euch ausgegeben hat, muss ein Stadtfremder gewesen sein“, eröffnete Nynor das Gespräch. „Denn sonst hätte er nicht versäumt, eure Namen hinzuzufügen… Tric und Mondensohn.“
Tric bezweifelte das. „Du überschätzt uns, Nynor und du überbewertest unseren Bekanntheitsgrad. Ich selbst genieße ausschließlich in Gelehrtenkreisen einen Ruf, Prisja gehört zu den Fahrenden und K´chen ist ein ganz normaler Junge wie hunderte andere in der Stadt. Selbst, wer ihn oft in den Straßen gesehen hätte, hätte ihn als nebensächlich abgetan.“
„Nein, ich habe euch ganz im Gegenteil unterschätzt“, widersprach der „Vorausgeworfene Schatten“. „Denn bis heute hielt ich euch für das, was du sagtest. Aber wenn ihr Sohlnagel beseitigt habt, dann steckt ihr bis über beide Ohren in Geschäften drin, die ich euch nicht zugetraut hätte.“ Nynor legte eine kurze Pause ein, grinste und ergänzte: „Geschäfte, die vermutlich über eure Fähigkeiten gehen, denke ich, jetzt, wo ich euch hier in unserer Gesellschaft zittern sehe.“

K´chen atmete wie befreit auf, obwohl er doch noch immer im Griff des Bewaffneten hing. Es ging gar nicht um die Geistesmagie! Dieser Nynor hatte keine Ahnung, was in der von ihm beschlagnahmten Zaubermühle steckte! Er glaubte einfach nur, was der Herold verkündet hatte und ging davon aus, Stiefelhiras Mörder in seiner Gewalt zu haben! Nun, der Tote würde sich mit Sicherheit im Besitz vieler brisanter Informationen und Dokumenten befunden haben, von denen man mit Recht annehmen konnte, dass es sein Mörder darauf abgesehen hatte.
„Dir und deinen Freunden wird nichts geschehen, wenn ihr redet“, versprach Nynor dem Kind. „Ich verlange lediglich die Informationen, in deren Besitz sich Stiefelhira befand, im Tausch gegen euer Leben und Freiheit.“
„Wir wissen nichts von…“ begann Tric. Doch noch doch bevor das Himmelsschwing sich zuende artikulieren konnte, beugte sich Nynor vor und brüllte: „Wer ist der Vater?!“
Tric zuckte zusammen. Seine Stummelantennen legten sich vor Schreck eng an die Kopfhaut an, bis sie unter dem dichten, blonden Haarschopf des Zauberers verschwunden waren. Tric benötigte eine Weile, um sich von dem akkustischen Schock zu erholen, von dem mit der Situation einhergehenden einmal ganz zu schweigen.
Karr waren normalerweise noch lärmempfindlicher. Die wildesten und lautesten ihrer Feiern rangen Himmelsschwingen nur ein müdes, gelangweiltes Lächeln ab. Der Barde, den Prisja als kleines Mädchen spielen gehört hatte, hatte in der Fremde Wiegenlieder seines Volkes zum Besten gegeben, um die Katzenohren der Karr nicht zu überfordern…
Aus diesem Grund litten nicht nur Zakets Kinder, sondern auch Nynors Karr-Geflogsmann unter dem Ausbruch des Schattens.

„Nicht der, von dem du´s glaubst“, lies sich da plötzlich K´chen vernehmen.
„Guter Versuch, Kleiner“, lobte Nynor den Gefangenen. „Aber was würdest du sagen, wenn ich nun bar jeder Vermutung wäre? Hm? Tut mir leid, ich möchte schon eine aussagekräftige Antwort. Einen Namen!“
„K´chen, hör auf! Das ist kein Spiel!“ fuhr Tric auf. An Nynor gewandt erklärte es: „Wir haben mit diesen Intrigen nichts zu tun. Wir wissen nicht, wovon du sprichst und wenn K´chen meint, dir nur entkommen zu können, indem er sich etwas ausdenkt, das dich zufrieden stellt, dann solltest du dich schämen, ein unschuldiges Kind so weit gebracht zu haben!“
„Ihr habt eure ‚Unschuld’ bereits verloren“, behauptete Nynor. „Streckt die Hände vor!“
Als Tric und Prisja zu zögerlich reagierten, griff der Schatten einfach zu. Er packte zuerst das Himmelsschwing beim Handgelenk, drehte dieses einmal herum und schob dann Trics ledernen Hemdsärmel nach oben.
„Halt still, es tut nicht weh“, forderte der Karr seinen Gefangenen auf. „Falls du aber zappelst, schlage ich dir in deine überhebliche Visage und das wird wehtun!“
Prisja drückte sich eng an den Zauberer. „Onkel Tric…“ flüsterte sie furchtsam. „Mach ihn besser nicht wütend!“
Nynor holte einen Becher mit schwarzer, an Tusche erinnernder zäher Flüssigkeit aus einer Nische in der Wand hervor. Er griff zu einem Pinsel und brachte mit routinierten Strichen ein Zeichen auf Trics Unterarm auf.

„Wenn ich euch gleich gehen lasse…“
<Er lässt uns gehen!> frohlockte K´chen. Seine Schwester meinte, die Freude des Jungen ganz genau hören zu können. Oder lag es daran, dass sie ebenso empfand und lediglich ihre eigenen Gefühle in ihrem Bruder gespiegelt sah?
„…erhaltet ihr eure Waffen zurück und überdies dies hier“, erklärte er dabei. „Wollen wir noch einmal spielen, dass ihr das Zeichen nicht erkennt, Himmelsschwinge?“
Tric blickte den Karr finster an, ohne sich zu einer Antwort hinreißen zu lassen.
„Vermutlich seid ihr so neu in dem Geschäft, dass ihr noch glaubt, mit Sturheit alles erreichen zu können“, murmelte Nynor. „Ihr werdet noch lernen, dass es sich auf lange Sicht lohnen kann, Hilfe von unerwünschter Seite anzunehmen und verdammt noch mal auch einzusehen, wann ihr verloren habt und nachgeben müsst!“
„Wir gehören nicht…“ wisperte Prisja kläglich, doch ihr Protest erstarb von selbst ohne Zutun der Bewaffneten.
Nynor schüttelte verständnislos den Kopf. „Ihr hättet leben können, und damit meine nicht die paar Tage, die ihr demnächst als verurteilte Mörder in euren Zellen auf den Galgen warten werdet. Aber, bitte, ihr wolltet es ja nicht anders.“
Nynor ging dazu über, Prisja dasselbe Symbol wir Tric auf den Arm zu pinseln, eines der dem Trio bereits bekannten leeren Wappen. An drei Stellen befanden sich Auslassungen. Möglicherweise markierten sie die Identität des Zeichners oder eine Botschaft, die Nynor ähnlich informierten Betrachtern vermitteln wollte. Zwei der Lücken davon befanden sich nah beieinander am linken Rand des Umrisses, ein dritter ging direkt durch die untere Spitze des Schildes.
„Dieses Symbol stellt euch unter den Schutz unserer Organisation“, führte Nynor aus. „Es markiert außerdem mein Anrecht, als erster zu hören, was ihr auszusagen habt. Jeder Schatten wird das respektieren, aber merkt euch: der Schutz erstreckt sich auf in diese Angelegenheit Involvierte, nicht auf die Mordanklage. Versteht ihr den feinen Unterschied?“
„Wenn er und erwischt, lässt der Graf lässt uns aufhängen, aber vorher darf uns nur die richtige Bande im Kerker verprügeln“, knurrte Tric.
„Na, also“, meinte Nynor schmunzelnd.

Nun war K´chen an der Reihe, sein Zeichen aufgebracht zu bekommen. Sein Fell sträubte sich am ganzen Körper ob dieser Behandlung, die sonst nur ein Gutsherr seinem Vieh zukommen ließ. Die tuscheartige Flüssigkeit klebte an den Härchen, die sich auf K´chens Arm aufstellten, aber das meiste blieb auf der Haut haften.
„Überlegt euch in Ruhe, ob ihr euch nicht doch lieber mir anvertrauen wollt“, sprach Nynor zu den drei Gefangenen. „Ihr werdet zudem feststellen, das es schwer wird, eure Beute, seien es Schriftstücke oder das gesprochene Wort, zu verkaufen, jetzt, wo ihr mit diesem Zeichen markiert wurdet. Wie dem auch sei, versäumt ihr es, hierher zurückzukehren, wird sich euer Leben in Zukunft ein wenig aufregender gestalten. Sohlnagels alte Freunde, seine Feinde, die Stadtwache, die Unterwelt und die Vorausgeworfenen Schatten der anderen Familien – sie alle werden hinter euch her sein. Sie alle SIND bereits hinter euch her.“

Nynor musterte das Trio eindringlich.
„Wollt ihr wirklich wieder das raus auf die Straße? Denn wenn ihr im Stadtkerker landet, erlaubt euch das Zeichen, nach mir zu schicken, bloß ob ich dann noch mehr für euch tun kann, als mir eure letzte Beichte anzuhören und jeden Tag einen Kuchen vorbeizuschicken, kann ich wirklich nicht garantieren.“
„Einen Kuchen?“ widerholte Tric spöttisch
„Das war ernst gemeint“, erklärte Nynor. „Ich habe kein Interesse daran, andere unnötig leiden zu sehen. Dazu habe ich oft genug Personen notwendigerweise leiden lassen müssen. Ihr versteht das vielleicht noch nicht…“
„Dann hilf uns!“ versuchte das Himmelsschwing, zu dem Karr-Agenten durchzudringen. „Wir werden unschuldig als Mörder gejagt und könnten weiß Gott Hilfe gebrauchen!“
Nynors Gesicht verfinsterte sich. „Auch das ist ein Satz, den ich in meinem Leben zu oft gehört habe. ‚Ich bin unschuldig!’ Von allen Lügen, die mir untergekommen sind, ist diese die erbärmlichste, verabscheuungswürdigste. Bist du vor der Tat selbst nicht zurückgeschreckt, so finde gefälligst den Schneid, es zuzugeben! Weißt du, ich bin zu lange in dem Geschäft, um noch die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen und zu klagen, ‚oh, wie furchtbar, ich stehe einem Mörder gegenüber’. Nein, Himmelsschwinge, ich höre ihnen zu. Wenn ich dann gehört habe, was ich wissen muss, höre ich mir auch noch an, was kein gräflicher Richter mehr nachfragen würde. Und erst dann fälle ich mein Urteil über denjenigen. Das kann ich mir leisten. Also, möchtest du reden?“
Tric presste die Lippen aufeinander und die Umstehenden meinten sogar, das Geräusch aufeinanderknirschender Zähne zu vernehmen. Das Himmelsschwing drehte sich wortlos um und schritt auf die Geheimtür zu.

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