(MdG) K´chens Gesellenstück

„Es ging nur um irgendeinen blöden Bastard!“ rief K´chen aus, nachdem das Trio die Gesellschaft der Vorausgeworfenen Schatten endlich verlassen hatte. „Könnt ihr euch das vorstellen?“
Prisja nickte heftig. „Ich wüsste schon gern, was es mit dieser Angelegenheit auf sich hat“, gestand sie. „Um wen es geht, meine ich.“
Tric zuckte die Schultern. „Möglicherweise Stiefelhiras Vater, vielleicht sein eigenes Kind, weshalb nicht gleich die Eltern unseres Geistesmagiers? Wir wissen es nicht und es ist mir überdies völlig egal. Die Kreise, in denen sich dieser Nynor bewegt, sind nicht die unseren. Ich weiß nur, dass er einer ist, der uns hätte helfen können, wäre er nicht so borniert von seiner Sicht der Dinge überzeugt gewesen.“
„Wir sollten versuchen, uns nach Hause durchzuschlagen“, meinte Prisja.
„Ha!“ lachte K´chen. „Das hast du mir doch schon vorhin befohlen! Und weißt du was? Jetzt ist mir das gar nicht mal so unrecht, Schwesterherz!“
Tric konnte es kaum fassen, als die junge Karr vor allen seinen Augen zum Marktplatz strebte. Würde dort nicht zuallererst nach ihnen gesucht werden?
„Guck nicht so skeptisch drein“, versuchte K´chen den Paten aufzumuntern. „Das kriegen wir schon hin! Der Graf von Markzat lässt nach uns fahnden, er hat nicht den Ausnahmezustand ausgerufen oder so. Mit ein wenig Vorsicht schaffen wir es ungesehen bis zur Sippe.“

Bereits an der ersten Straßenkreuzung wurde der Junge eines Besseren belehrt.
„Stadtgardisten! Zwei!“ zischte Prisja. Sie schob die beiden Zauberer in die nächstbeste Nische, eine Lücke, die sich zwischen zwei Wohnhäusern auftat. Bis vor kurzem hatte hier ein kleiner Schuppen gestanden, der eingefallen und noch nicht wieder neu errichtet worden war.
„Wenn wir wirklich zum Markt wollen, müssen wie diese Straße nehmen“, überlegte Tric laut. „Mit jedem Umweg, den wir laufen, erhöht sich die Chance, entdeckt zu werden.“
„Nun, das kann eine ganze Weile dauern“ entgegnete K´chen. „Die beiden Kater dort sind nämlich zur Verkehrsbeobachtung abgestellt. Die bewegen sich keinen Schritt von ihrer Kreuzung fort. Sie beobachten die Wagen, die Abladevorgänge an der Molkerei und lauter so Kram.“
„Kannst du uns nicht auch unsichtbar machen, K´chen?“ mischte sich Prisja ein.
„Sagen wir: es handelt sich um einen grundsätzlich mittels Magie erzeugbaren Effekt“, antwortete ihr Bruder. „Aber als Luftzauberer bin ich noch zu unerfahren. Ich bekomme allein schon Kopfschmerzen davon, mir diese Spruchformel anzuschauen.“
Prisja verschonte das Himmelsschwing vor derselben Frage. Ihre Kindheit über hatte sie „Onkel Tric“ nur selten zaubern sehen, höchstens während der Gartenarbeit rund um seinen Turm. Als Zauberer war Tric eben nur wenig begabt. Ihm das vorzuhalten, wäre ungerecht gewesen, hatte es sich diese Existenz ja auch nicht ausgesucht. Auch das Himmelsschwing zum Üben anzuhalten, wäre sinnlos gewesen. Fleiß mochte in einem Handwerk zum Erfolg führen, in der Welt der Zauberer half er nur bedingt weiter, dann nämlich, wenn auch genügend Potential vorhanden, also angeboren war, dass es auszuformen galt.

„He, das ist doch wieder dein Zaubergesicht!“ entfuhr es Prisja, als sie ihren Bruder plötzlich in einer konzentrierten Haltung verharren sah. „Hast du nicht gerade gesagt, du könntest uns nicht unsichtbar werden lassen?“
„Sht!“ Tric legte den Arm um die Katze. „Dennoch wird uns K´chens Magie weiterhelfen“, versprach es leise. „Wart´s nur ab! Einen Luftmagier zum Freund zu haben, ist extrem praktisch.“
Ohne Gestik, allein durch Willenskraft und gewisperte Eselsbrücken, beschwor K´chen die Macht der Erdlinien. Der Effekt, auf den er sich konzentrierte, war sein Prüfungszauber gewesen, gewissermaßen K´chens Gesellenstück. Nur, weil ihm dieser Zauberspruch gelungen war, hatte man ihn aus der Akademie „vertrieben“ und der Knabe wollte verdammt sein, wenn er diese Formel nun nicht zu etwas nützlichem verwenden würde können!
Am Ende seiner Beschwörung angekommen, streckte K´chen seine beiden Hände aus, die Handflächen nach oben gerichtet und zu einer Schale geformt. Als Prisja genauer hinsah, konnte sie eine durchscheinende Membran erkennen, ähnlich jener Blase, die der Bruder gestern über Zakets Kopf hatte explodieren lassen. Es sah so aus, als hielte K´chen eine äußerst ätherische Kristallkugel in den Händen.
„Jetzt stell dir vor, du stündest auf der Bühne und spieltest unsere Flucht vor der Stadtwache“, forderte der Sohn der Monde Prisja auf. „Den Mund über die Kugel und drei, zwei, eins!“
Mit gehetzter Stimme erklärte Prisja, sie fürchte, nicht schnell genug laufen zu können, um zu entkommen. „Ich halte euch nur auf. Lauft in die andere Richtung weiter – beeilt euch!“
„Sie haben uns nicht gesehen. Oder doch? Ich bin mir nicht sicher…“ steuerte Tric bei.
K´chen selbst maunzte einige klägliche Laute in die Kugel.

Erneut musste der junge Zauberer magische Energie in das Blasenkonstrukt leiten, um die hineingesprochenen Worte darin zu versiegeln. Aber diesmal erschuf er nichts aus sich und den Erdlinien heraus, sondern wirkte Kis Macht auf ein von ihm bereits unabhängiges Objekt, was dem Jungen ungleich schwerer fiel. Die Blase war ihm nun so fremd wie ein Stuhl oder ein Zaun, nicht mehr Teil seines Körpers. K´chen benötigte ungleich viel mehr Konzentration, sie zu manipulieren. Unterstützende Gestik war in dieser Phase nicht mehr möglich, denn die Blase sollte ja möglichst ruhig gehalten werden.
Schweiß perlte K´chens Stirn herab und seine Finger zitterten.
„Sie hält“, seufzte er schließlich erleichtert.
Unendlich langsam senkte der Zauberer seine Hände unter der Blase, die an Ort und Stelle in der Luft hängen blieb.
Prisja rümpfte die Nase. „Und nun? Bleibt die jetzt in alle Ewigkeit so hängen? Was haben wir von dem Ganzen?“
„Ein erfahrener Zauberer kann eine solche Manifestation der Lüfte vermittels der Erdlinien auf eine weite Reise und zu einem ganz bestimmten Zielort schicken“, erklärte Tric Prisja. „Wenn hingegen K´chen es versucht, dann passiert…“
K´chens Blase tat einen Satz nach vorn, aus der Nische heraus, dann wuschte sie, zuerst in gerade Linie und dann im Zickzack, durch die Gasse.
„…das“, beendete das Himmelsschwing seinen Satz.

Die drei verloren das magische Konstrukt aus den Augen. Bereits aus nur wenigen Metern Entfernung betrachtet, erschien die Blase dem Betrachter unsichtbar, nicht vorhanden. Lediglich ein anderer Zauberer hätte sie aufspüren können – sofern er gerade aktiv mit den Erdlinien in Kontakt stand.
Der Zauber erreichte die Stelle, an der die Stadtwächter Wache hielten. Er passierte sie noch, doch dann ging die von K´chen investierte magische Energie zur Neige. Alle in der Blase konservierten Worte wurden wieder freigegeben. Für die Verkehrsgardisten klangen sie wie Wortfetzen, die man aus einiger Entfernung hörte.
„Da ist jemand! Auf der Flucht vor Kollegen, wie es sich anhört!“ erkannte einer der Karr.
„Vielleicht sogar unsere Stiefelhira-Verdächtigen?“ mutmaßte der andere. „Das gäbe eine fette Prämie!“
Die beiden verließen ihren Posten, ohne sich vorher noch einmal umzuschauen.
K´chen, Prisja und Tric konnten die nun nicht mehr bewachte Straßenkreuzung passieren.

Das Trio erreichte die auf dem Markt aufgebaute Bühne ohne weitere Zwischenfälle oder erzwungene Aufenthalte. Prisja trat auf das erstbeste Sippenmitglied zu und begann aufgeregt zu sprechen. Sie musste nicht lange zu einer Erklärung ausholen, bereits ihre ersten Worte fällten die Entscheidung der Verwandten.
„Was die beiden Kinder betrifft, betrifft uns alle!“ meinte der Kater. „Wir brechen auf und zwar rasch!“
„Dadurch lenkt ihr die Aufmerksamkeit auf euch“, warnte Tric den Gaukler. „Es wäre besser, wir drei würden uns von der Sippe fernhalten. Wir benötigen eigentlich nur ein wenig…“
„Ein wenig Ruhe“, fiel ihm der herbeigeeilte Zaket ins Wort. „Ruhe im Sinne von das Maul zu halten, Eierleger!“
Tric kannte die Sturheit seines alten Freundes nur zu gut. Es wusste, dass es jetzt keinen Sinn hatte, mit vernünftigen Argumenten auf das Sippenoberhaupt einzuwirken. Denn ob nun sprachfähig oder nicht, jede Lebensform Kis kam mit ihrem eigenen angeborenen Satz von Instinkten auf die Welt, gegen die zu handeln sich als nah am Unmöglichen herausstellte. Fahrende Karr taten alles als Sippe und sei es, gemeinschaftlich unter dem Galgen Aufstellung zu nehmen.

Die Karr nahmen auf ihrer Flucht aus der Stadt nur leicht zu tragende Besitztümer und unter diesen nur das Nötigste mit. Jonglierbälle waren wichtig, um den Lebensunterhalt zu verdienen, Lumpenpuppen, um die Kinder während einer Reise oder eben Flucht ruhigzustellen. Die teils sperrigen Requisiten der Schauspieler hingegen ließen sich irgendwann einmal ersetzen, und waren sie auch noch so teuer gewesen. Selbst ein teurer wetterfester Umhang musste verschmäht werden, lagen doch in den Wagen vor den Toren der Stadt noch genügend Ersatzexemplare.
Tric schulterte seinen Speer, doch K´chens Koffer mit seinen Unterrichtsmitschriften und Andenken an die Schulzeit musste zusammen mit den meisten Requisiten zurückbleiben. Alles, was der Junge nun noch besaß, waren seine Zaubermühle und das, was er auf dem Leib trug. Seine Abreise aus Markzat hatte sich das Kind zwar nicht wundervoll, aber doch völlig anders vorgestellt…

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