(MdG) Flucht aus Markzat

Der große Aufbruch der Sippe blieb nicht unbemerkt.
Fiel es noch nicht weiter auf, dass sich die Gaukler einzeln und in Gruppen vom Markt zurückzogen, so ließen sich die zur Abreise nötigen Handgriffe im Hauptlager vor dem Tor kaum verschleiern. Da wurden in aller Eile die Zugtiere zu den Wagen getrieben, die Kinder hinten hineingescheucht und scheinbar wahllos Säcke und Körbe hinterhergeworfen. Was das Ganze umso verdächtiger erscheinen ließ, waren Details wie eine Wäscheleine, die unbeachtet zwischen zwei Bäume gespannt hängen blieb, mehrere Flaschen Minzessenz, die umfielen und ausliefen, als die Trinkenden aufsprangen und sich nicht einmal die Mühe machten, sie wieder hinzustellen, sowie das protestierende I-ahh der Esel, die sich eben noch am Inhalt ihrer Futtersäche gütlich getan hatten. Sie wurden brutal von ihrer Mahlzeit fortgerissen und ohne Verdauungspause sofort vorgespannt.
Ein Kater riss noch in aller Eile ein Lieblingskleidungsstück von der Leine herunter und sprang dann auch dieser Mann auf einen Kutschbock.
Derlei unziemliche Eile fiel auf, zumal sich die Stadtwache ohnehin in einem Zustand erhöhter Wachsamkeit befand.
Eine Gruppe am Tor postierter Stadtgardisten stürmte daher das Lager der Fahrenden. Zaket sah, wie die Männer vorher noch einen Rekruten zurück in die Stadt schickten. Zweifelsohne sollte der Junge Verstärkung bei den restlichen Wachhäusern anfordern.

Der K´chen bereits vom Frühstück bekannte Maultiertreiber gab den Zugtieren die Peitsche. Doch nur langsam, viel zu langsam, setzten sich die Esel in Bewegung.
„Lauf! So lauft doch!“ flehte der Alte die Tiere an.
K´chen nahm Zaket die Zügel des eigenen Wagens aus der Hand. Er lenkte das Gespann nahe an das von den störrischen Eseln gezogene heran und brüllte: „LAUFT!“
Ein Windstoß entwich der Kehle des Zauberers zusammen mit dem Schrei. Winzige Blitze zuckten durch die Luft. Sie entluden sich im Fell der Zugtiere. Endlich preschten die solcherart malträtierten Esel los.
„Besonders nett war das aber nicht“, lies sich aus dem Inneren des Wagens ein kleines Kätzchen vernehmen.
K´chen keuchte: „Neben…wir…kungen…“
„Die Blitze waren gar nicht geplant“, gab Zaket an das Kind weiter.
„Ach so.“

Schneller und disziplinierter, als es K´chen für möglich gehalten hätte, brachten die Fahrenden Ordnung in ihren Wagenzug. Der Junge blickte angestrengt nach vorn, um nicht sehen zu müssen, was sich am Ende der Reihe abspielte. Von dort war nun lautes Waffengeklirr zu vernehmen. Die schnellsten der Stadtgardisten mussten einige Nachzügler gestellt haben, bevor diese es in die rettenden Wagen geschafft hatten.
„Nicht hinsehen, nicht hinsehen, nicht hinsehen…“ dachte K´chen angestrengt.
Doch der Sohn der Monde konnte seine beherrschte Haltung nur wenige Sekunden aufrechterhalten. „Vater!“ wandte er sich an Zaket. „Das ist nicht in Ordnung! Wie viele müssen da kämpfen, müssen zurückbleiben, damit zwei von uns entkommen können? Und ich bin noch nicht einmal ein richtiges Sippenmitglied…“
„Hör genauer hin!“ schnitt Zaket seinem Sohn das Wort ab. „Da hinter uns klirrt Stahl auf Stahl, nicht wahr? Und sicher keine Dolche! Welcher Gaukler, den du kennst, führt eine schwere Blankwaffe?“
„Du“, erwiderte K´chen.
Als ausgewiesenem Sippenoberhaupt stand Zaket dieses Recht zu. Das Ansehen eines solchen bei den Mächtigen entsprach dem eines Dorfoberhauptes, sei dies nun ein vom Adel eingesetzter Vogt oder einfach nur der Dorfälteste. Da Zaket nun Dorfvogt, -büttel und -richter in Personalunion darstellte, war er auch zu Beginn jedes Winters rechenschaftspflichtig gegenüber demjenigen Fürsten, der für die Dauer des Aufenthaltes der Sippe in ihrem Winterquartier als ihr Landesherr galt. Eine Sippe Fahrender, die es sich mit dem Adel verscherzte, würde auch im Winter rastlos von Ort zu Ort ziehen müssen. Würde dieses Schicksal auch die eigene Sippe treffen oder genügte es, einfach in Zukunft die Markzatregion zu meiden?
Zakets Stimme riss K´chen aus seinen Betrachtungen. „Aber ich sitze hier neben dir auf dem Kutschbock, nicht wahr, mein Sohn? Also, wer kämpft dann dort hinten?“
„Ja, wer?“ K´chen hielt sich am Holz des Kastenwagens fest und richtete seinen Blick nach hinten.
Dort, rasch hinter den Wagen zurückbleibend, focht Tric das Himmelsschwing einen Kampf gegen gleich vier Gardisten, drei Katzen und einen Kater, aus. In der Stadt hatte es eine derartige Konfrontation gescheut, denn ob man nun gewann oder verlor, gewaltsamer Widerstand gegen die Stadtwache konnte zu nichts Gutem führen. Doch einmal in die Enge getrieben, hielt das Himmelsschwing sich nicht mehr zurück. Im Gegensatz zu den gepflasterten Straßen Markzats bot das Schlachtfeld vor der Stadt Tric einen taktischen Vorteil, den es weidlich auszunutzen verstand…

„Er tut es schon wieder, nicht wahr?“ erkundigte sich Zaket bei seinem Sohn.
„Äh… ja“, musste K´chen zugeben.
Der Erwachsene nickte. „Es sieht lächerlich aus, aber so sind die Wege der Himmelsschwingen nun mal. Ein Drittel Mensch, ein Drittel Zauberer und ein Drittel vermaledeite Unberechenbarkeit, das ist die Dreieinigkeit der Lufträuber, hat dein Großvater immer gesagt.“
K´chen schmunzelte. „Aber es funktioniert“, erklärte er.
Was Zaket so albern vorkam und K´chen so ungemein praktisch fand, war ein Teil der Natur der Himmelsschwingen. Bekanntlich kam deren Flugfähigkeit durch Magie zustande. Anders hätte niemand erklären können, wie die Insektenflügel Körper in der Luft halten konnten, die zwar zart, aber dennoch viel zu schwer zum Schweben waren.
Es gehörte zum bereits weniger verbreiteten Wissen, dass ein Himmelsschwing einen erhöhten Ort benötigte, von dem es sich stürzen konnte, um sich anschließend, daher der Name, in den Himmel hinaufzuschwingen.
Was nur den allerwenigsten Karr, dafür aber dem kleinsten Kind der Himmelsschwingen bekannt war, war nun dies: Ein kniehoher Feldstein genügte zu diesem Zweck. Immer wieder sprang Tric auf einen Findling, nutzte ihn als Absprungpunkt, schraubte sich nach oben und fiel anschließend aus der Luft über seine Gegner her. Vier gutausgebildete Kämpfer hatten Mühe, sich des einzelnen Zauberers mit seinem Schwert zu erwehren.
„Das ist aber nicht normal für Himmelsschwingen, oder?“ flüsterte K´chen beeindruckt von dem Schauspiel.
„Wenn sie alle so kämpfen könnten, wie dein Pate, wären sie keine Räuber und Landplage mehr, sondern eine Armee“, stimmte Zaket zu. „Aber Tric hat das nicht immer gekonnt. Als ich ihn kennenlernte, war er eher ein Jäger als ein Kämpfer. Den Umgang mit dem Schwert hat er erst perfektioniert, als er etwas besaß, das es zu beschützen galt.“

„So?“ wunderte sich K´chen. „Und ich dachte, Tric lebt allein! Dass es keine Partnerin… keinen Partner… kein was auch immer gäbe!“
„Gibt es auch nicht“, antwortete Zaket. „Und glaub´ mir, gäbe es so eine Person, würde nicht nur mein Gesicht, sondern mein ganzer Pelz rot anlaufen! Was ich meinte, was Tric vor Gefahren beschützen versucht, das sind wir. Du, um es genau zu nehmen. Der Rest von uns erfreut sich dieses Schutzes lediglich dir zuliebe, fürchte ich. Weißt du, in irgendeiner Weise könnte man Tric und mich als Freunde bezeichnen. Aber du bist etwas Besonderes für ihn, wie der Sohn, für den zu sorgen er sich nie zutraute.“
Aber da das Himmelsschwing nicht zu Zakets Sippe gehörte, verstand K´chen, wurden die Gefühle seines Vaters von Eifersucht beherrscht. Wie konnte es dieser Eierleger wagen, Zakets Jungen für sich zu vereinnahmen!
Der Sohn der Monde ließ sich ernüchtert in seinem Sitz zurückfallen. Alles war so kompliziert geworden! Als ob die Geistesmagie, die Intrige um Stiefelhira und die Flucht nicht genügten, selbst die Gefühle derer, die nur noch einander hatten, spielten völlig verrückt! Keines dieser Probleme war leicht aufzulösen. Stürmten sie auch noch alle zuerselben Zeit auf einen ein, erschienen sie völlig unlösbar, so wie eine schwarze Wand, hinter der es nichts mehr gab.

„Ich bin gespannt“, wechselte Zaket das Thema, „wann die Gardisten bemerken, dass sie in ihrem sinnlosen Bemühen, Tric zu fangen, den Rest von uns entkommen haben lassen. Ha! Er wird uns übrigens in Kürze eingeholt haben. Himmelsschwingen fliegen in etwa so schnell wie ein galoppierendes Pferd, wenn sie es drauf anlegen. Ein Pferd ohne unsere schweren Wagen hinten dran natürlich.“
K´chens Mundwinkel verzogen sich gerade zu einem Lächeln, da erschallte ein Horn. Weithin zu hören kündete es von Problemen in der Stadt. Diesen Ton kannte jeder Markzater.
Weitere Noten erklangen, Noten, die K´chen nicht verstand. Sie verschlüsselten die Natur des Problems und die Art der erbetenen Hilfeleistung.
„Eine Jagdgesellschaft?“ wunderte sich Zaket. „So nah an der Stadt?“
„Schlimmer!“ ächzte K´chen. „Das Hornsignal ist für die Waldläuferinnen gedacht! Sie sollen uns an unserer Flucht hindern!“

Als Tric das Horn vernahm, hielt es für einen Moment inne. Es schwebte etwa vier Meter über dem Boden. Sekundenlang verharrte das Himmelsschwing in Verteidigungsposition, während es den Schock verarbeitete, der mit Hornsignal einherging.
Nun spürte es auch seine Erschöpfung. Sehr viel länger würde es den robusteren Karr keinen Widerstand leisten können. Ein rascher Rückzug schien ratsam…
Die wenigen Sekunden Unsicherheit genügten einem auf der Mauer Markzats postierten Schützen, endlich seinen Pfeil auf das Himmelsschwing abzufeuern. Immer wieder hatte der Karr auf den flinken Gegner angelegt, ihn mit seiner Waffe verfolgt, den Bogen aber jedesmal wieder senken müssen, wenn er die Spannung nicht mehr aufrechterhalten konnte. Doch nun, da Tric ein wenig länger stillgehalten hatte und zudem keine Gefahr bestand, mit dem Schuss versehentlich einen mit dem Himmelsschwing in Nahkampf verwickelten Kameraden zu treffen, lies der Bogenschütze sein Geschoss auf Tric zusausen!
Tric sah sein Verderben nicht kommen. Es las lediglich in der Körpersprache seiner Gegner, dass sich das Blatt mit einem Mal gewendet hatte: Die Karr verschwammen vor Trics Augen, was bedeutete, dass sie langsamer wurden, demzufolge nicht mehr aktiv gegen ihn vorgingen.
Rein instinktiv tat Tric das einzige, was die Natur seiner Art für einen solchen Fall als lebensrettenden Ratschlag mitgegeben hatte: zusehen, an Höhe zu gewinnen!

Tric schrie vor Schmerz auf, als die stählerne Spitze des auf ihn abgefeuerten Pfeils zwar seinen Hals verfehlte, jedoch im unteren Rückenbereich in seinen Leib eindrang. Höhe und höher schraubte sich das Himmelsschwing. Sein Körper und die ihm innewohnende Magie führten unbeirrt den letzten Befehl aus, den ihnen das Gehirn vor dem Treffer erteilt hatte.
Zwei weitere Pfeile verfehlten ihr Ziel. Sie schossen an Tric vorbei, erreichten den Zenit ihrer Flugbahn und fielen wieder zu Boden, ohne Schaden angerichtet zu haben.
Endlich gewann Tric ein Mindestmaß an Selbstbeherrschung zurück. Es biss die Zähne zusammen und steuerte in Richtung des Waldes, dorthin, wo sein Turm auf ihn wartete und wohin Zakets Sippe unterwegs war.
Doch ob es ihnen dort Gesellschaft würde leisten können, stand in den Sternen. Der in Trics Rücken steckende Pfeil stammte nicht von einem Jagdbogen, sondern einem für den Kriegseinsatz angefertigten Modell. Er hatte das Himmelsschwing mit ungleich stärkerer Wucht erwischt, als dieses erwartet hatte. Hustend, eine Blutspur hinter sich herziehend, taumelte Tric in der Luft, um nach einigen hundert Metern in etwas überzugehen, das man mit einiger Toleranz als kontrollierten Absturz bezeichnen konnte.

Die vier Stadtgardisten verfolgten die Flugbahn ihres Kontrahenten mit den Augen.
„Der wird irgendwo noch vor dem Wald runtergehen“, schätzte eine der Frauen. Unwillig, die Verfolgung eines Gegners aufzunehmen, dessen Kampfkünste die einer einfachen Stadtgardistin bei weitem überstiegen, ergänzte sie: „Sollen sich doch die Waldläuferinnen darum kümmern!“
„Am besten“, stimmte ihre Kameradin zu, „sie holen ihn mit einem zweiten Pfeil vom Himmel, bevor er landen kann!“
Währenddessen half die dritte Katze ihrem männlichen Kollegen, sich auf dem Feldstein niederzulassen und seine Kampfverletzungen behandeln zu lassen.
„Himmelsschwingen sind und bleiben Wilde!“ fuhr die vorherige Sprecherin fort. „Ich halte nicht viel von dem Geschmeiß. Wenn sie eine Stadt betreten, überlegen sie ganz instinktiv, was es da wohl rauszuholen gibt…“
Die Katze reichte der Erste Hilfe leistenden eine tönerne Flasche mit einer desinfizierenden Lösung zu. „Wisst ihr“, sprach sie dabei, „ich habe gestern die Vorstellung auf dem Markt gesehen. Die beiden gesuchten Kinder waren unter den Schauspielern. Sie kommen mir nicht wie Verbrecher vor. Meiner Meinung haben sie sich mit diesem Lufträuber einfach den falschen Umgang ausgesucht!“
„Und ich halte nicht viel von der ‚ich bin ja so niedlich und unschuldig’ – Masche“, erwiderte die heilkundige Gardistin. „Glaub mir, das ist alles nur gespielt! – Naja, vorerst ist das nicht mehr unser Problem.“

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