(MdG) Leutnant Sarls Dilemma

Leutnant Sjarls Dilemma

Zakets Sippe hatte es unterdessen durch die Wiesen und Felder bis in ein kleines Wäldchen geschafft. Doch dort sahen sich die Flüchtlinge der äußersten Verteidigungslinie Markzats, den Waldläuferinnen, gegenüber.
„Alleeeeeees Haaaaaaalt!“ brüllte Zaket, kaum, dass er die ersten berittenen Katzen erblickte. „Waaaaaaaagenbuuuuuurg bildeeeeeeen!“
Die Sippenmitglieder reagierten unverzüglich. Gespanne wurden gebremst und neu ausgerichtet. Gehorsam richteten sich die Esel sowie die beiden vor die schwersten, hintersten Wagen gespannten Ochsen nach den Kommandos ihrer zweibeinigen Herren.
Es war eine trügerischer Sicherheit, die sich die Sippe schaffte. Die Waldläuferinnen waren mit Bögen, Speeren und Handbeilen bewaffnet, und in den Köpfen der Fahrenden überstürzten sich die Gedanken an Gefangenschaft, Verlust oder gar Tod. All die Präsenzen, die er zwar nicht direkt fühlen konnte, derer er sich jedoch seit dem Erlebnis auf dem Stoppelfeld bewusster war als zuvor, lasteten auf K´chen. Sein Kopf fühlte sich zuerst dumpf an, dann steigerte sich der Druck, als lege sich ein eiserner Ring darum. Gleichzeitig vermeinte der Junge, seine Verbindung zu den Erdlinien ein Stückweit verloren zu haben.
„Unsinn… ich habe nur Kopfschmerzen… da kann man sich schlechter konzentrieren…“

„Mein Name ist Leutnant Sarl!“ donnerte die Stimme einer der Waldläuferinnen über die Wagen der Gaukler.
Woran man Sarls Rang erkennen sollte, blieb K´chen und Zaket unklar. Auch keiner der anderen Gaukler wusste, wie man die unterschiedlichen Ränge der Katzen an deren Kleidung ablesen sollte. Es existierten keinerlei sichtbare Rangabzeichen. Selbst die Uniform beschränkte sich auf eine Reithose und ein ledernes Wams mit dem Wappen der Stadt. Ihre restliche Kleidung wählte jede Waldläuferin selbst. Da gab es Stirnbänder neben Lederhelmen, hohe Stiefel neben Mokassins, Handschuhe neben Knieschützern, Umhänge und selbst in den Farben des Waldes gefärbte Körperbehaarung zu sehen. Die älteste der Katzen trug sogar ein Kettenhemd aus der gräflichen Asservatenkammer. Es stand zu vermuten, dass sie eine Heilkundige oder Zauberin war und damit für die Truppe wichtig genug, um zusätzlich geschützt zu werden.
„Wer führt hier das Kommando?“ verlangte der Leutnant zu wissen.
„Ich“, antwortete Zaket von seinem Sitz auf dem Kutschbock aus. „Zaket der Stückeschmied.“
„Mit dir haben wir keinen Händel“, erwiderte Leutnant Sarl. „Doch unter deinem Schutz befinden sich derzeit drei des Mordes verdächtige Personen. Noch stehst du unter keiner Anklage, aber wenn du uns nicht die aus Markzat geflohenen Verdächtigen auslieferst, könnte es sehr wohl dazu kommen.“
„Hm.“ Zaket nickte bedächtig. „Mordverdächtige, soso. Das ist eine ernste Sache, nicht? Wenn ihr uns jetzt auch noch sagen könntet, wen genau ihr meint…“
Die Gaukler brachen in schallendes Gelächter aus! Natürlich hatte das Hornsignal aus der Stadt nicht die exakte Beschreibung der Verdächtigen übermitteln können!
„Wir können warten“, erwiderte Leutnant Sarl. „Unseren Teil der Aufgabe haben wir erfüllt, indem wir euch aufhalten.“ Sie beugte sich in ihrem Sattel vor. „Aber wenn heute, morgen oder im nächsten Jahr die Männer von der Stadtwache hier eintreffen, dann wollen sie die Verdächtigen mitnehmen. Hast du sie bis dahin nicht übergeben, machst du dich mitschuldig an ihren Taten. Hast du das verstanden, Gauklerfürst? Dein Wortwitz wird dich nicht vor dem Machtwort des Grafen retten.“
„Dennoch machst du selbst Wortspiele“, meinte Zaket schmunzelnd, in dem Bemühen, Zeit zu schinden. Er wusste, dass er auf verlorenem Posten stand. Den Waldläuferinnen war seine Sippe nur in der Anzahl der Köpfe überlegen. Was die Bewaffnung und Kampferfahrung der Fahrenden anging, konnten sie sich nicht mit den Katzen messen. Überdies handelte es sich bei den Reittieren der Waldläuferinnen nicht um zwar zuweilen störrische, aber letzten Endes harmlose, Grautiere, sondern um große Pferde, mit hoher Wahrscheinlichkeit abgerichtete Streitrösser, die aktiv in einen Kampf eingreifen würden.

Niedergeschlagen hockte K´chen auf dem Kutschbock neben seinem Vater. Was sollte er jetzt nur tun?
Im Rücken der beiden tauschte sich das Trio aus den K´chen bereits bekannten drei Kitten über die Ereignisse aus, die sich um sie herum abspielten:
„Warum hat die Katze dort denn eine Fackel in der Hand?“ wunderte sich der kleinere der beiden Kater.
„Am helllichten Tage!“ war von dem etwas größeren zu hören und das Mädchen ergänzte: „Die ist ja blöd!“
„Vielleicht haben sie etwas verloren und deswegen Licht gemacht?“ überlegte der Kleinste. „Im Wald ist es doch dunkel!“
„Das Feuer ist für Brandpfeile gedacht!“ rief K´chen nach hinten in den Kastenwagen. „Wenn die in unsere Wagen einschlagen, dann brennt bei uns das Holz, dann brennen bei Tante Spisu die Planen und am Ende brennen wir alle. Dann seid ihr tot, ohne dass ich jemals eure Namen erfahren hätte!“
„Oh, ich heiße Ussi“, grinste das Mädchen.
„Ich bin Dareif!“ krähte der kleinere Kater.
„Gahne“, stellte sich das dritte Kind vor.
„Herrlich. Einfach herrlich“, stöhnte K´chen.
„Ja, nicht wahr?“ stimmte ihm Ussi zu. „Das sind Waldläuferinnen!“ verkündete sie dann voller Stolz, wobei sie eine Stoffpuppe hochob, der jemand ein Kettenhemd auf den Leib gestrickt hatte. „Genau wie meine Dranria.“
Weise nickte das Mädchen, um dann fortzufahren: „Sie beschützen die Reisenden, K´chen, aber sie zeigen sich nur ganz, ganz selten. Da haben wir richtig Glück gehabt.“
Zornig funkelte K´chen seine kleinen Verwandten an. Begriffen die denn nicht, was hier vor sich ging? Vor Wut knirschte er mit den Zähnen und am liebsten hätte er Ussi ihre Puppe links und rechts um die Ohren gehauen. Doch dann ging dem Jungen auf, wer das noch mehr verdient hatte: Nicht das überdrehte Trio hinter ihm, sondern die eigentlichen Verursacherinnen all der Aufregung!

Abrupt erhob sich K´chen von seinem Sitz. Er fasste die Anführerin der Waldläuferinnen fest ins Auge. „Schämst du dich denn gar nicht, Leutnant? Unsere Kleinen verstehen überhaupt nicht, was hier vor sich geht und ich, ich tue das auch nicht! Ihr benehmt euch so gemein wie die Höhlenmenschen!“
Eine der Katzen steuerte ihr Pferd neben das der Anführerin. Sie tat das allein mit den Füßen, denn in den Händen hielt sie einen Bogen, in den sie ein mittels einem teergetränkten Lappen als Brandpfeil vorbereitetes Geschoss eingelegt hatte. Flamme und Rauch bildeten einen Schweif hinter der Frau.
„Dich kenne ich doch!“ wandte sie sich an K´chen. „Du bist der kleine Luftzauberer von heute morgen!“
K´chen hob überrascht den Kopf. Nun, da sie mit ihrem Pferd vor ihm stand, erkannte er in ihr die Katze, die an diesem Vormittag eine Rekrutin – und ihn selbst – im Zielen unterwiesen hatte.
„Wir haben dich kurz darauf noch einmal gesehen, wie du mit einem Mädchen auf den Feldern Reste gesucht hast“, erinnerte sich die Waldläuferin. „Aber während ihr beiden das tatet, haben andere aus eurer Sippe in der Stadt einen Mord begangen. Junge! Euren Zusammenhalt in allen Ehren, aber kannst du es wirklich mit deinem Gewissen vereinbaren, mit deinem Schweigen einen oder mehrere Mörder zu decken?“

„Der Mord hat sich ereignet, als ich auf dem Feld war?“ rief K´chen aufgregt.
Mitnichten hatten er und Prisja es auf bei der Ernte übersehene Feldfrüchte abgesehen gehabt, doch lag es K´chen fern, jetzt darauf einzugehen, was er tatsächlich auf dem Acker getan hatte. Wichtig war ja nur diese eine Information, zur Tatzeit an einem ganz anderen Ort als in der Gasse, in der man Stiefelhira ermordet aufgefunden hatte, beobachtet worden zu sein!
Die Waldläuferinnen bestätigten die Aussage der Bogenschützin einhellig.
Leutnant Sarls in der Stadt lebender Gatte war sofort, nachdem die Leiche aufgetaucht und identifiziert worden war, in den Wald geeilt, voller Stolz, auch einmal als erster eine Neuigkeit zu wissen. Nun musste der Ärmste allein im Lager der Waldläuferinnen ausharren, weil das Horn sein Weib ausgerechnet heute aufgescheucht hatte.
Doch all das ging das Gauklerkind nichts an..
„Also…“, hub der Leutnant zu sprechen an.
K´chen unterbrach sie mit der Eröffnung: „Ich bin der Verdächtige. Mir wird unterstellt, Hira Sohlnagel umgebracht zu haben. Mir und meiner Schwester, die mit mir zusammen zur Tatzeit auf den Feldern vor den Toren der Stadt war!“
„Oh“, ließ sich Ussi vernehmen.
„Worum geht’s?“ erkundigte sich Dareif.
Gahne sagte nichts, wofür ihm K´chen in diesem Moment außerordentlich dankbar war.
„Hm“, brummte die Bogenschützin.

Leutnant Sarl tauschte einen sorgenvollen Blick mit der Schützin aus. „Ich weiß, woran du denkst, Sjee“, erklärte sie. „Seit der Graf seine Richter abgesetzt hat und die Rechtssprechung persönlich in die Hand nimmt, spricht er seine Urteile völlig willkürlich. Du weißt ja, wie fahrig und unkonzentriert er uns bereits letzten Monat erschien, als ich meinen Dienstbericht ablieferte. Wer weiß, wo die Gedanken des hohen Herrn derzeit weilen, aber sicher nicht bei seiner Stadt! Er ist launisch geworden und ein Alibi zu besitzen stellt keine Garantie mehr für die Kinder dar, mit dem Leben davonzukommen.“
Die Schützin nickte. „Aber immerhin wissen wir jetzt, dass sie unschuldig sind, Frau Leutnant“, meinte sie.
„Immer vorausgesetzt, der Junge spricht die Wahrheit!“ mischte sich eine dritte Waldläuferin, die mit dem Kettenhemd gerüstete Katze im fortgeschrittenen Alter, ein. „Dass der Herr Graf während unseres Rapports ein bisschen verdattert wirkte, ist auch mir nicht entgangen. Dieser Gauklerjunge könnte dafür umso schlauer sein. Fakt ist, dass wir nicht wissen, wie die Verdächtigen aussehen. Der kleine Luftmagier gaukelt uns vor, er sei es. Du stellst fest, dass er ein Alibi besitzt, lässt ihn und seine Sippe daraufhin ziehen, nur, um hinterher zu erfahren, dass ein anderer der Mörder ist? Jemand, der sich morgen auf der Landstraße über uns lustig macht? Möchtest du das wirklich, Tochter?“
„Arbele! Dass ich das Werben deines Sohns um meine Hand akzeptiert habe, heißt nicht, dass du auf einmal im Rang über mir stündest!“ fauchte Leutnant Sarl zurück. „Ich halte deine Respektlosigkeit in den Akten fest… ebenso wie ich mich der Weisheit deines Einwurfs nicht verschließen kann.“

Im Wagen zupfte Gahne an der Weste des Älteren. „K´chen, K´chen! Hast du das mitgekriegt? Die wollen uns gehen lassen!“
Sämtliche Gunstboni, die sich dieses Kind in der letzten Minute bei K´chen erarbeitet hatte, verflüchtigten sich schlagartig.
„Wir warten auf die Ankunft der Kollegen aus der Stadt“, entschied die Anführerin der Waldläuferinnen. „Bis dahin bekomme ich deinen Säbel, Gauklerfürst! Und die Zaubermühle, die bei dem Verdächtigen am Gürtel hängt.“
K´chen beschlich das Gefühl, dass er zwar seine kleine Mühle innig liebte, diese jedoch aus einem ihm unbekannten Grund nicht für längere Zeit ununterbrochen bei ihm aushielt. Wieder einmal musste er die Maschine aus der Hand geben.
„Du hast uns noch gar nicht daraus vorgezaubert!“ beschwerte sich Dareif.
„Dabei hattest du es fest versprochen!“ fügte Gahne vorwurfsvoll hinzu.
„Du hast uns noch überhaupt gar nichts vorgezaubert“, wusste Ussi traurig zu sagen. „Weder mit noch ohne Mühle!“
K´chen schickte sich an, vom Kutschbock zu klettern. Von ihrem Pferd herab hielt Sarl ihn fest. „Wohin meinst du, zu gehen?!“
„Meinetwegen auch ins Gefängnis!“ schimpfte der Sohn der Monde. „Das ist das nämlich das reinste Tollhaus hier mit den dreien!“
„Uns Waldläuferinnen ist es nur selten vergönnt, ein Familienleben zu führen“, entgegnete Leutnat Sarl. Dann zuckte sie zusammen. Ein einziger Blick ins Innere des Wagens und auf die Gauklerkinder hatte ausgereicht, in ihr Sehnsüchte zu wecken, die nicht zu einer Soldatin passen wollten. Der Anblick des heranwachsenden K´chen verstärkte diese Gefühle zusätzlich. Es war wieder einmal soweit, begriff die Katze. Morgen, vielleicht auch erst übermorgen, würde sie in die halbjährlich wiederkehrende Phase der Rolligkeit eintreten. Ihr Urteilsvermögen würde sich dann trüben, wenn der angeborene Trieb nach Fortpflanzung alles andere, selbst die innige Liebe, die Sarl zum ihren Lebensgefährten empfand, in den Hintergrund treten ließ. Da hatte sich ihr Schatz ja genau den richtigen Moment für seinen Besuch ausgesucht – und Stiefelhira den denkbar ungünstigsten, um sich die Kehle durchschneiden zu lassen!

„Nimm den Verdächtigen zu dir auf dein Pferd, Sjee, und pass gut auf ihn auf“, bat der Leutnant. „In den nächsten Tagen vertraue ich dir noch etwas anderes an, meine Gute: Dein erstes eigenes Kommando.“
Sjee nickte stumm. Sie verstand genau, was in ihrer Befehlshaberin vorging. So unabhängig die Waldläuferinnen in ihrem Lager vor der Stadt auch lebten, jede von ihnen war rechtlich an einen Partner gebunden. Bei den meisten dieser Ehen handelte es sich um eine reine Zweckgemeinschaft aufgrund der Notwendigkeit, der Rolligkeit zu begegnen. Einige Waldläuferinnen, wie der Leutnant, empfanden allerdings wahre Zuneigung zu ihren Partnern.
Leutnant Sarl wandte sich nun an eine weitere ihrer Untergebenen. Sie sollte nach Markzat reiten und dort melden, dass die Gauklersippe sich in sicherem Gewahrsam befände.
„Beeil dich!“ wies Sarl die Reiterin an. „Ich möchte niemanden länger als nötig leiden sehen!“

Prisja seufzte im Wagen der Tante. Der Leutnant erinnerte sie stark an Nynor, den Vorausgeworfenen Schatten. Beide waren Krieger und Personen von Ehre, aber leider standen sowohl die Waldläuferin als auch der Schatten auf der generischen Seite.
Prisjas Fell sträubte sich bei diesem Gedanken. Noch nie zuvor hatte die Gauklerin die Welt in Verbündete und Gegner einteilen müssen! Während eines Räuberüberfalls war es dazu gekommen, doch so schrecklich die Erinnerungen an derartige Ereignisse war, sie waren vorüber gegangen. Doch seit dem heutigen Morgen hatte sich Prisjas gesamte Lebenswelt in eine andere vewandelt. Sie umfasste nun Intrigen, Geheimnisse, Betrug und verschleierte Identitäten.

K´chen überschaute indessen die Wagenburg und die Sippenmitglieder vom Pferderücken aus, als blicke er über ein Schlachtfeld. Es fehlten die Gefallenen, aber der Anblick der Verwandten, die einer ungewissen Zukunft entgegensahen, der leeren Säbelscheide auf Zakets Rücken und der Kinder, die sich furchtsam an ihre Mütter beziehungsweise die nächstbeste greifbare Katze drückten, schnürte K´chen die Kehle zu. Trost- und vielleicht auch ein wenig hilfesuchend richtete der Junge seinen Blick zum Himmel…

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