(MdG) Erde, Wasser, Feuer, Luft

K´chen wusste nicht, wie lange er gesessen und gestarrt hatte. Er war in eine merkwürdige Starre gefallen, eine Betäubung jeglichen Gefühls, die zwar keine Furcht, aber auch keine Hoffnung zuließ. Der junge Zauberer erwachte aus diesem ihm ungewohnten Zustand, als zur großen Verwunderung aller die nach Markzat ausgesandte Botin bereits nach kurzer Zeit wieder zurückkehrte. Eine menschenähnliche Gestalt saß vor der Karr im Sattel, oder besser: sie hing dort, kaum mehr bei Bewusstsein.
K´chen erkannte seinen Paten. Sein Herz krampfte sich zusammen, als er sah, wie Trics Blut trotz der langsamen Gangart des Pferdes bei beinahe jedem Hufschlag auf die Uniform der Reiterin spritzte.
„Ein Verletzter!“ kündigte die Waldläuferin unnötigerweise an. „Ein Verletzter mit einem Pfeil der Kollegen aus der Stadt im Rücken, aber nichtsdestotrotz ein Verletzter.“

Prisja stieß einen erstickten Schrei aus, als Tric mehr tot als lebendig an ihrem Wagen vorbeitransportiert wurde. Da gab es kein Halten, es half auch kein vernünftiges Zureden! Die junge Katze verließ die schützende Wagenburg. In den Armen trug sie eine bunt bemalte Plane, mit der die Gaukler sonst ihre Bühne blickdicht gegen Zuschauer absicherten, die kein Eintrittsgeld bezahlt hatten. Auf diese Plane wurde Trics Körper in Seitenlage gebettet. Jemand breitete eine Decke über seine Füße und stopfte eine weitere unter die Wange des Himmelsschwings.
Zuerst konnte Prisja den Pfeil, der das Himmelsschwing getroffen hatte, nicht erkennen. Trics Flügel und die Schwingkölbchen zuckten unkontrolliert. Die Flügel fuhren aus und falteten sich wieder ein. Dann wiederum klappten die Häute nach vorn, als wollten sie sich auch um Bauch und Gesicht des Himmelsschwings falten.
Die Karr wusste nicht, dass es sich hierbei um eine angeborene Reaktion handelte. Robuster als sie den Anschein erweckten, stellten die Flügel eines Kindes aus Trics Volk dessen verlässlichsten Schutz dar. Bis der Körper sie im Wachstum überrundet hatte, liesen sie sich als praktischer Kokon wie eine wärmende Decke um den Leib schlingen. Und obgleich einem erwachsenen Himmelsschwing diese Möglichkeit in eingeschränktem Maße noch immer zur Verfügung stand, griff es verständlicherweise nicht gern darauf zurück.

„Ruhig!“ versuchte die Waldläuferin den Verletzten zu beruhigen. „Ganz ruhig, Mann!“
Prisja hätte ebenfalls gern tröstende Worte gesagt, doch die Worte blieben ihr in der Kehle stecken. Sie vermochte den Blick nicht von dem in Trics Rücken steckenden Objekt zu lösen. Die Waldläuferin hatte den Schaft bereits soweit abgebrochen, wie es für einen Transport zu Pferde nötig war. Das Objekt zu entfernen, hatte sie sich ohne die Hilfe eines erfahreneren Feldschers nicht zugetraut. Zum einen mochten dabei innere Organe beschädigt werden und zum anderen wirkte die Pfeilspitze derzeit wie ein Stöpsel. Einmal herausgezogen würde nichts mehr einen massiven Blutverlust des Patienten stoppen.
Die Hand des Verwundeten tastete nach dem Pfeil in seinem Rücken. Tric wusste nicht, wie tief der Schaft in seinen Leib eingedrungen war. Aber ihm war klar, dass es immenses Glück gehabt hatte. Kriegspfeile waren in der Lage, einen Karrkörper (und erst recht den eines Himmelsschwings) zu durchschlagen. Zuweilen traten sie auf der anderen Seite wieder aus, ohne stecken geblieben zu sein.
Tric war sich dessen bewusst, dass es schlimm um ihn stand.
„Erde… Wasser… Feuer…“ ächzte der Zauberer.

Der noch immer vor Sjee auf deren Pferd festgehaltene K´chen begriff, dass Tric instinktiv einen Heilspruch zu wirken versuchte. Zu diesem Zweck mussten alle vier Elemente verbunden werden. K´chen kannten die gedankliche Eselsbrücke auswendig, welche das Erreichen der Heilwirkung erleichtern sollte:
„Das Fleisch kommt von der Erd´/wie uns die Bibel lehrt
Wasser reinigt Wunde/damit sie gleich gesunde
Feuer brennt sie aus/wird keine Entzündung draus
Luft, die kühlt den Geist/damit der Schmerz vereist“
Weniger erfahrene Heiler sagten das Lehrgedicht immer wieder auf, während sie ihre Zauberkraft fließen ließen. Mächtigeren Magieanwendern genügte die Nennung der vier Elemente in befehlsmäßigem Tonfall: „Erde! Wasser! Feuer! Luft!“
Noch nie hatte K´chen miterlebt oder auch nur davon gehört, dass jemand einen Heilzauber stumm und ohne Konzentrationshilfen gewirkt hätte. Selbst Magier taten sich damit schwer, wenngleich sie wenigstens auf wissenschaftlich hohem Niveau erklären konnten, warum dem so war.
Während Tric sich zunehmend verzweifelter bemühte, Zugriff auf die passenden Erdlinien zu erhalten, erinnerte sich K´chen an die Worte einer Gastdozentin an der Akademie: „Die Kühlung einer Wunde durch Luft ist bei einer herkömmlichen Verarztung gar nicht nötig. Wenn ihr den Patienten fesselt, kann der nicht mehr vor Schmerzen zucken, da braucht der auch keine Linderung. Aber im Geflecht der Magie, in einem Heilzauber, da müssen nun mal alle vier Elemente vertreten sein.“
Wie die meisten Schüler hatte K´chen über die in schnoddrigem Tonfall der alten Kriegsfrau vorgetragene Rede gelacht. Während sich sein Pate vor K´chens Augen auf der lustig-bunten Stoffbahn unter Qualen wand, fand der Junge die Worte ganz und gar nicht mehr lustig…

„Erde! Wasser! Feuer!“ versuchte sich Tric immer wieder an der Rezitation. Über Wasser kam es nicht hinaus. Es gelang ihm nicht, das Feuer zu beschwören, so dass es verzweifelt auf das Lehrgedicht zurückgriff: „Feuer brennt… brennt aus…“
Doch das Feuer gehorchte Tric nicht. Es wollte nicht zu seiner Unterstützung erscheinen, sich ihm nicht beugen.
„Feuer brennt sie aus, wird keine Enzündung draus!“ wisperte K´chen den dritten Vers. Doch selbst wenn er direkt neben seinem Paten gehockt hätte, der Junge hätte nichts zu dessen Heilung beitragen können. K´chen kannte die Formel des Heilzaubers nicht. Er hatte lediglich eine Vorlesung darüber gehört, aber nie den exakten Zauber gelernt, der die Elemente harmonisch miteinander in Einklang brachte und dann auch noch auf einen lebendigen Körper übertrug.

Unterdessen war die Waldläuferin Arbele, die sich vorhin als Schwiegermutter der Befehlshaberin herausgestellt hatte, herbeigetreten. Sie schob Prisja so sanft es ging zur Seite. Danach rollte sie den Körper des Himmelsschwings auf den Bauch, ergriff die Handgelenke der bei ihm knieenden Waldläuferin und führte sie zu dem Pfeilschaft.
„Auf drei!“
Die Kriegerin nickte. Sie hielt sich bereit, am Ende des „Eins, zwei, drei!“ den Pfeil aus dem Körper des Verletzten zu ziehen.
„Eins!“ sprach Arbele. „Zwei! Und drei!“
Prisja zuckte zusammen, als das Eisen mit einem schmatzenden Geräusch aus der Wunde fuhr und sich unidentifizierbare Fleischstücken verschiedenster Färbung gleich mit aus dem Körper lösten. Im selben Moment ertönte der Kommandoton der Waldläuferveteranenin: „Erde! Wasser! Feuer! Luft!“

Nicht zum ersten Mal in seinem Leben beobachtete K´chen die Wirkung eines Heilzaubers. Doch während der praktischen Demonstrationen an Schürfwunden, Beulen und aufgeschlagenen Knien der Zauberschüler, die sich spielende Kater nun einmal zuzogen, hatte kein Zauberer jemals so zu kämpfen gehabt, wie hier draußen am Waldrand. K´chen begriff, dass ein Heiler zu sein harte Arbeit war, die weit über ein Lächeln und dem Austeilen von Süßigkeiten an die Patienten hinausging.
„Erde!“
Der junge Zauberer spürte, wie sich die Erdlinien aufbäumten.
„Wasser!“
Die magische Energie zu beschwören, war die eine Sache. Manche Zauberer erflehten sie mit beinahe religiöser Inbrunst von Ki, aber die meisten zitierten sie einfach herbei, ohne sich um eine gute Meinung der Erde zu ihrem Tun zu scheren.
„Feuer!“
Doch einmal hervorgerufen, musste die Macht auch beherrscht werden. Eine Formel zu kennen, bedeutete noch lange nicht, sie auch jederzeit zuverlässig anwenden zu können.
„Luft!“
Gleich vier Elemente miteinander zu verschmelzen, sie sowohl während des Prozesses ihrer Verbindung als auch als Ganzes unter Kontrolle zu behalten, gehörte zu den schwersten Aufgaben, denen sich ein Zauberer stellen konnte.
„Frau Arbele hat die Spezialisierung auf ein Element bereits vor langer Zeit aufgegeben, um sich den Zugang zu dieser Formel zu erleichtern“, erklärte Sjee im Flüsterton. „Ihre Fähigkeiten als Zauberin sind äußerst eingeschränkt, aber dafür lebensrettend, wie du ja selbst siehst.“
Der Jungzauberer vermochte nur stumm zu nicken. Vor seinen Augen spielten sich ihm unverständliche Prozesse in und um die Wunde herum in Trics Körper ab. Zuerst setzte sich die Zerstörung fort, als unrettbar beschädigtes Gewebe in magischer Energie verbrannt wurde. Nichts würde einen Patienten am Leben halten, wenn es sich bei dem auf diese Weise zu vernichtenden Organ um ein lebensnotwendiges handelte. Hier stieß die Formel an ihre Grenzen und ob es mächtigere Varianten gab, war K´chen nicht bekannt.
Dafür konnte er nun beobachten, wie der Blutstrom versiegte und sich die Wunde schloss. Haut, Fleisch und Blutreserven wurden neu gebildet, nicht vollständig, jedoch in einem Maße, das es dem Leib ermöglichte, den Rest selbst in kürzester Zeit selbst zu erledigen.
Am Ende der Behandlung sah die Heilerin nicht minder mitgenommen aus als der Patient. Tric litt noch immer an einer leichten Wunde, doch es würde nicht daran sterben und sich schon bald wieder aus eigener Kraft erheben, ja, laufen können.
Das Himmelsschwing ächzte. Endlich gelang es ihm, seine Flügel zusammenzufalten. Sie verschwanden in den beiden senkrechten Schlitzen von Trics ledernem Jagdhemd.

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