(MdG) Schlafende Seelen

Die Waldläuferinnen bereiteten ihrem Gefangenen ein ordentliches Krankenlager. Nachdem sie für ihn getan hatten, was in ihrer Macht stand, ignorierten sie den Patienten weitestgehend.
Sie waren nicht grausam, diese Kriegerinnen. Wenn der Gefangene herumstöhnen wollte, durfte er das gern tun, nur Mitleid hatte nicht zu erwarten, nicht von Katzen, die weitaus Schlimmeres gesehen hatten und in deren Augen eigentlich alles schon wieder gut war.
Nicht von der Seite des Himmelsschwings weichen wollte Prisja. Sie wagte nicht, den Verwundeten zu berühren, sandte ihm dafür aber sanfte Schnurrlaute.

Weitere Jugendliche waren ihrer Freundin aus der Wagenburg heraus gefolgt. Dreist wanderten sie außerhalb des Schutzkreises umher, nachdem sie einmal begriffen hatten, dass ihnen die Waldläuferinnen nichts tun konnten. Im Gegensatz zu Räubern waren diese ja an Gesetze gebunden!
Auch die Kriegerinnen schienen einzusehen, wie hilflos sie waren. Zwei von ihnen winkten die Halbwüchsigen sogar zu sich.
„Kommt her, schnuppert mit uns ein wenig Minze“, boten sie an.
„Haha! Klar!“
„Fein! Lässt der Leutnant euch ziehen, gehen wir als Freunde auseinander. Befiehlt sie uns, euch die Hälse umzudrehen, haben wir euch gleich in Greifweite!“
Prisjas Freunde wichen zurück. Sie kamen sich schon deutlich weniger mächtig vor und als die Waldäuferinnen dann auch noch in schallendes Gelächter ausbrachen, hockten sie sich beschämt zu Prisja und dem Himmelsschwing.
Währenddessen rang Zaket mit sich. Alles in ihm strebte danach, sich der Tochter und dem Freund zuzugesellen, doch hätte die Sippe für eine derartige Unvorsicht im Angesicht bewaffneter Feinde kein Verständnis aufgebracht. Die jungen Leute waren schon schlimm genug in ihrem Leichtsinn… und dann befand sich noch Zakets eigene Tochter darunter!

Arbele saß etwas weiter abseits mit dem Rücken gegen einen Baum gelehnt. Ihre Kameradinnen reichten ihr Wasser aus ihren Feldflaschen und getrocknetes Fleisch, auf dass die Heilerin wieder zu Kräften komme. Diese nahm einige langsame Schlucke, dann bat sie Leutnant Sarl heran, die sich auch sogleich neben ihre Schwiegermutter kauerte.
„Ist es dir aufgefallen?“ wandte sich Arbele an die Vorgesetzte. „Das Himmelsschwing trägt dasselbe Zeichen auf der Haut seines Arms, wie der Junge, der sich als einen der Verdächtigen bezeichnet hat!“
„Du meinst, es handelt sich um ein Bandenzeichen oder etwas in der Art? Das wäre natürlich möglich. Und da wir den Eierleger bereits als einen der Flüchtigen aus Markzat identifiziert haben, liegt es nahe, dass auch seine Komplizen sich uns durch ihr Mal verraten werden!“
Sarl erhob sich. Sie winkte die beiden Waldläuferinnen herbei, die vorhin ihre Scherze mit Prisjas Freunde getrieben hatten, und gemeinsam näherten sich die Kriegsleute den jugendlichen Fahrenden.
Als erste wurde Prisja begutachtet. Auch ihr Unteram wies den mit Tusche aufgebrachten Wappenumriss auf.
„Scheint wohl doch bloß ein Sippenzeichen zu sein, das jeder von denen trägt“, überlegte Sarl laut. Doch bereits die Begutachtung der drei anderen jungen Sippenmitglieder führte ihr den Trugschluss vor Augen. Denn diese waren nicht bar jeglichen Hautbildes, sie zeigten sich auch verwirrt angesichts der Unterschung.

„Unsere drei Verdächtigen hätten wir demnach gefunden“, erklärte Leutnant Sarl. „Ich entlasse die Sippe daher aus unserer Bewachung. – Hörst du, Gauklerfürst? Du kannst dir deinen Säbel wieder abholen!“
„Du meinst, du vertreibst uns mit Gewalt aus Markzat, damit wir eurem Prozess nicht im Weg stehen!“ fauchte Zaket zurück.
Zusammen mit dem Sippenoberhaupt sprang Spisu, die Schwester von K´chens ermordeter Mutter, aus der Wagenburg heraus. Mit vollen Armen auf Tric und die Kinder zu.
„Das sind ein wenig Proviant, warme Umhänge und ein paar Taler“, erklärte Spisu. „Im Gegensatz zu Kerzen sind diese Gegenstände im Stadtkerker nicht direkt verboten…“
Prisja umarmte die Verwandte ungestüm. „Vielen Dank, Tante Spisu!“
Zakets Schwägerin drückte Prisja ihrerseits an sich, dann blickte sie ihren Neffen traurig an.
„K´chen… es tut mir so leid, dass wir dich aus deiner Schule herausgeholt haben. Die alles wäre nicht passiert, wenn du sie nie verlassen hättest.“
Doch der Sohn der Monde wusste es besser. Die Schüler wurden ja nicht in ihrem Institut eingesperrt. Er wäre früher oder später in die Stadt gegangen, hätte sich seinen Wunsch nach einer Zaubermühle erfüllt und mit Sicherheit eine billige gewählt. Niemand konnte mit Sicherheit sagen, ob sich dieselben Ereignisse nicht eine Woche oder ein Jahr später exakt genauso abgespielt hätten. Und wäre nichts von alledem eingetroffen, dann gäbe es dennoch einen Geistesmagier in Markzat, dessen Herkunft und Motive unklar blieben, dessen Handlungen aber früher oder später auch auf das wohlbehütete Leben eines Akademiestudenten Einfluss genommen hätten.
„Keine von euch hat sich etwas vorzuwerfen“, sagte K´chen daher. „Von uns, meine ich.“

Teils erleichtert aufatmend, teils Tric auf seiner Plan zornige Blicke zuwerfend, ordneten die Fahrenden ihre Wagen zum Aufbruch. Dem Himmelsschwing lasteten sie es an, zwei der ihren an die Bewaffneten verloren zu haben. Nicht jeder hatte mitbekommen, was genau sich abgespielt hatte, aber dass es mit Tric in Verbindung stand, lag klar auf der Hand.
Aus diesem Grund meinte auch jeder zu wissen, was Zaket empfand, als dieser sich über dem Verwundeten aufbaute. Tatsächlich gingen auch dem Sippenoberhaupt ähnliche Gedanken durch den Kopf. Vor zehn Jahren hatte der Eierleger ihm prophezeit, dass er K´chen nicht würde behalten können. Und nun war nicht nur der Knabe seiner Sippe entfremdet, Zaket verlor auch noch seine Tochter. Könnte er nur bei ihnen bleiben, oder seine Gefolgsleute auffordern, zu den Waffen zu greifen! Doch als Sippenoberhaupt konnte er sich das nicht leisten. „Was Fahrende tun, das tun sie zusammen“ – der Spruch stieß in der Realität an seine Grenzen. Zaket durfte einfach nicht zulassen, dass die Seinen dem romantischen Anspruch, sich allesamt unter dem Galgen aufzureihen, wenn nur einer von ihnen angeklagt war, Genüge zu tun. Denn in der Welt der sesshaften Karr würde sich niemand gerührt angesichts von soviel Einigkeit dazu hinreißen lassen, den Angeklagten zu begnadigen.
Und natürlich war Tric mittelbar an der Verhaftung schuld. Weil es und die Kinder sich, wenn Zaket das richtig verstanden hatte, in Markzat dasselbe Hautbild hatten stechen lassen, waren sie als zusammengehörig erkannt worden. Aber das hatten die drei ja nicht vorausahnen können! Noch dazu hatte das Himmelsschwing die Flucht der Gaukler unter Einsatz seines Lebens gedeckt. Nein, Zaket konnte ihm nichts vorhalten.

Zaket sprach auf seinen Sohn ein, schaute dabei jedoch Prisja an. Welche Worte er dabei wählte, und ob sie sinnvolle Sätze ergaben, nahm der Vater kaum wahr. Er redete und redete, bis ihn Prisja einfach in den Arm nahm, K´chen seine Hand ergriff und Tric, nur halb bei Bewusstsein, nach ihm austrat.
„Mach Platz, das ist meine Decke!“
Prisja schlug die Hand vor den Mund, um ihr Kichern zu dämpfen.
„Ich… ja, natürlich!“ entfuhr es Zaket. Der große Kater wich ein Stück zurück.
Lag es an der bevorstehenden Trennung, dass sein Freund und die Kinder plötzlich irgendwie anders rochen? Bereitete Zakets Katzenhirn ihn auf diese Weise darauf vor, sie für immer verlieren zu müssen? Oder hatte sich tatsächlich etwas an den dreien verändert, das ihren nächsten Verwandten ausschloss?
Profund verunsichert leistete Zaket keinen Widerstand, als die Waldläuferin Sjee ihn zu den Wagen zurück führte.

Eskortiert von einer Handvoll Reiterinnen unter der Führung eines Unteroffiziers rumpelte der Zug schon bald die Landstraße entlang.
Prisja sah den Verwandten nach. Sie erwiederte das Winken Gahnes, Dareifs und Ussis, bis auch diese drei von den weiter hinten im Zug fahrenden Gefährten verdeckt wurden und nur noch die letzten beiden Waldläuferinnern auf ihren Pferden zu sehen waren.

Auch Prisja spürte, dass sich etwas verändert hatte. Im Gegensatz zu Zaket wusste sie auch, was das nur sein konnte: Allein K´chen, sie und Tric waren von der Geistesmagie berührt worden, die Geschwister unmittelbar und das Himmelsschwing in engem Kontakt mit K´chen während dessen geistigem Hilferuf.
Doch anstatt als Freude darüber, etwas Neues gelernt oder an sich entdeckt zu haben, wie sie Prisja nur allzugut aus ihrer erst kurz zurückliegenden Kindheit kannte, drückte sich die neue Verbundenheit der drei in völlig unerwarteter Weise aus: Es schien Prisja, als habe sie Tric und K´chen nach langer Trennung wiedergefunden. Was in K´chens Fall ja auch in gewisser Weise zutraf, mit dem Unterschied, dass sich die Geschwister nie wirklich gut gekannt oder gar vermisst hatten.
Zudem fehlte Zaket in Prisjas geistiger Wahrnehmung, fehlte Spisu, fehlten sogar Nynor, Naminerea und nicht zuletzt sämtliche Waldläuferinnen. Ihrer aller Formen wirkten unwirklich, als schliefen die sie bewohnenden Seelen, und Prisja wusste nicht, wie sie die Schläfer wach bekommen sollte. Oder warum sie das mit einem Mal wollte.
Am Ende war es einfach nur die Trennung von ihrem Vater und der Sippe, die ihr zu schaffen machte, mutmaßte die junge Frau.

Vorerst bedurfte Tric ihrer aller Unterstützung. Prisja strich behutsam über das Gesicht des Himmelsschwings, sortierte die verschwitzten Haarsträhnen dorthin, wo sie hingehörten und zupfte an den über den Zauberer gebreiteten Decken in dem vordergründigen Ansinnen, es dem Patienten bequemer zu machen, in Wirklichkeit aber, um ihn einfach nur der Anwesenheit der beiden Kinder Zakets zu versichern.
K´chen folgte einer etwas anderen Strategie, Tric aufzumuntern: „So habe ich mir das Leben nach der Schule nicht vorgestellt!“ murrte der Sohn der Monde. Er zerrte unwillig an der um sein rechtes Fußgelenk geschlossenen Fußfessel, die ihn derzeit eng mit der Schwester verband. „Wir werden ständig nur gefangen genommen!“
„Ständig?“ grinste Tric schwach zurück. „Also mir passiert so was erst, seit ich dich kennengelernt habe!“
„Du sprichst!“
Prisja klatschte in die Hände!
In diesem Moment verflüchtigten sich sämtliche Gedanken an irgendwelche schlafenden Seelen und machten dem Hier und Jetzt Platz, in dem das überaus reale Himmelsschwing in ebenso wirklicher Weise aus seiner Umnachtung zu ihr zurückgeklehrt war.

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