(MdG) Ach, wie süß!

Leutnant Sarl und Feldwebel Sjee waren unterdessen in die Begutachtung der Gegenstände vetieft, die sie dem gefangenen Himmelsschwing abgenommen hatten.
Verächtlich schob Sjee Trics Geldbeutel zur Seite. Ihre Verachtung galt nicht der Währung als solcher, sondern den Kollegen in der Stadt. Bargeld neigte dazu, unwiederbringlich zu verschwinden, wenn es in Sichtweite eines Stadtgardisten geriet – dieses Vorurteil traf bei weitem nicht auf jeden Gardisten zu, doch es hatte schon seinen Grund, dass es sich überhaupt ersteinmal etablieren konnte. Mit ihrer Geste signalisierte Sarl, dass sie sich von derlei Gelegenheitsplünderei distanzierte.

Sarl wiegte ein Metallplättchen in der Hand, in welches das Siegel des gräflichen Wildhüters eingraviert war. Zaket besaß ein ähnliches Exemplar. „Eine Erlaubnis zur Jagd in den gräflichen Wäldern und zum Fischfang mit dem Speer in den Weihern“, kommentierte der Leutnant den Fund. „Nun, das sollte uns nicht weiter wundern. Es ist sein Schwert, das mich misstrauisch gegen den Eierleger macht.“
„Als Freies darf es das besitzen! Tric ist ein Bürger Alplands wie ihr!“ rief K´chen.
„Sicher“, lenkte Sarl ein. „Aber wie viele Freie legen sich tatsächlich ein Schwert zu? Selbst von denen, die es sich finanziell leisten könnten doch nur die wenigsten! Es ist nicht nur völlig unnötig, mit einem Schwert durch die Wälder zu ziehen, sondern eine Beleidigung von uns Wächterinnen. In der Stadt ist es respektlos den Kollegen von der Garde gegenüber.“
Prisja presste die Lippen aufeinander. Wie oft hatte sie Tric oben auf Zakets Wagen mitfahren sehen, stets auf Bedrohungen lauernd, bereit, sich beim kleinsten Anzeichen eines Überfalls in die Lüfte zu schwingen und K´chens Familie zu verteidigen? Wo waren denn die Waldläuferinnen an jenen Tagen gewesen? Die Antwort, die sich Prisja verschloss, lautete: für die Augen einer Gauklerin unsichtbar zwischen den Bäumen verborgen und und bereit, ihr Leben für die Sicherheit der Stadt, nicht aber für jeden dahergelaufenen Wander, zu riskieren.

Trics Lippen bewegten sich.
„Was hat es gesagt?“ fragte Sjee.
„Dass, wenn Stiefelhira ein Schwert geführt hätte, er er vielleicht noch am Leben wäre“, antwortete K´chen. „Sind wir deswegen jetzt besonders verdächtig?“ fauchte er.
„Es würde helfen, erzähltet ihr uns eure Geschichte von Anfang an“, meinte Leutnant Sarl lächelnd. „Keine Einzelverhöre, keine Drohungen oder Schlimmeres“, versprach sie. „Sprecht einfach nur, wie es euch in den Sinn kommt!“
Sjee nickte zustimmend. „Die Pflanzen und Tiere des Waldes kennen hunderte Möglichkeiten der Täuschung. Wir Waldläuferinnen erkennen schon, ob jemand die Wahrheit spricht oder nicht.“
Das mochte übertrieben sein, oder lediglich zur Verunsicherung der Gefangenen dienen, doch wie dem auch war, die Worte der Schützin ermutigten K´chen und seine Freunde. Abwechselnd, sich zuweilen gegenseitig ins Wort fallend, berichteten die drei, was ihnen seit der Ankunft der Gaukler in Markzat widerfahren war. Über die Geistesmagie liesen sie kein Wort fallen. K´chen ersetzte die entsprechenden Passagen einfach durch „in der Mühle gespeicherte mächtige magische Formeln“.

„Da hätten wir also den Mord an einem Unterweltspitzel, einen vermuteten Adelsbastard und einen Zauberer, dem sein hochkarätiges Arsenal abhanden gekommen ist“, fasste Leutnant Sarl zusammen. „Herauszufinden, wie diese Fälle zusammenhängen, falls sie sie das überhaupt tun, ist Aufgabe der Städter.“
Die Waldäuferin stieß Prisja kameradschaftlich mit dem Ellenbogen an. „Verflixt, Mädel, so wie ihr drei dreinschaut, hat es euch gut getan, das alles mal jemanden zu erzählen. Ihr sitzt hier, wie der Ochs´ im Sprichwort vorm neuen Tor stehen soll und könnt kaum fassen, in was ihr da hinein geschlittert seid. So gucken nur Unschuldige.“
„Oder Verbrecher, die dermaßen gut in ihrem Metier sind, dass sie euch alle an der Nase herumführen!“ wagte sich Prisja an einen Scherz. K´chen und die die drei Katzen lachten. Tric hustete immerhin, was im Grundsatz dasselbe aussagen sollte, nur in der Ausführung zu wünschen übrig lies.
Prisja ergriff die Hand ihres Bruders. Der junge Zauberer verstand sofort, was die Schwester vorhatte. Denn <das verängstigte Gauklermädchen drückte die Hand seines kleinen Bruders ganz, ganz fest>. So formuliert nahm der Sachverhalt eine ganz andere Färbung an.
K´chen fuhr sich mit der flachen Hand über seinen Kopf, so dass das Tabby-M auf seiner Stirn zerwuschelt wurde. Bewusst zu versuchen, niedlich auszusehen, hätte noch bis gestern lächerlich gewirkt. Doch nun verfügte der Sohn der Monde über ein gewisses Verständnis der Geistesmagie. Anstatt auf Körperhaltung oder Gesichtsausdruck konzentrierte sich K´chen auf die fremdartigen Energien in ihm, jene Magie, die noch nicht einmal zu Kis Gräten zurückverfolgbar war. Er versuchte, sie so zu formen, dass er und seine Schwester den Waldläuferinnen als die abgrundtief herzigsten, goldigsten und hilfebedürftigsten Kreaturen erschienen, die jemals aus dem Leib einer Katze geschlüpft waren.
Eine nicht zu unterschätzende Unterstüzung bei seinem Plan erhielt der Zauberer durch die Natur selbst. Immerhin stand Leutnant Sarls Rolligkeit kurz bevor, was sie empfänglich für die Reize erwachsener Kater machte, sie die Welt aber auch mit den Augen einer Mutter sehen lies. Zudem liefen die Gedanken der Waldläuferin ja bereits vor K´chens Manipulation in die von dem Jungkater… ach nein, dem herzallerliebsten Katerchen natürlich! …so herbeigesehnte Richtung.
Nichts von dem, was der Sohn der Monde ausstrahlte, war eine Lüge. Der Zauberer überhöhte lediglich das Vorhandene, als stehe er an der großen Tafel im Klassenzimmer und unterstriche die Hauptinformation eines Lehrtextes mit knallgelber Kreibe.
Selbst Arbele, die in ihrem Alter schon gar nicht mehr unter Rolligkeitsschüben litt, konnte sich K´chens durch Geistesmagie verstärkter Aura nicht entziehen.
„Du weißt, wie Stadtleute denken“, wandte sich Arbele an ihre Schwiegertochter. „Vor allem, wenn dieser Sohlnagel an etwas beteiligt war, hing am Ende oft nicht der Schuldige, sondern der seinen Intrigen in dieser Rolle Dienlichste. Unter Umständen weiß der Graf selbst, dass unsere Gefangenen nicht die Täter sein können. Aber stadtfremde Sündenböcke hinzurichten, damit keine der Fraktionen innerhalb Markzats vor den Kopf gestoßen wird, ist das so eine abwegige Vermutung?“
„Nein“, zischte Sjee.
„Ist es nicht“, bestätigte auch Sarl.
In der Tat waren der Mord und die Verkündung der Schuldigen erstaunlich schnell hintereinander gefolgt. Beinahe mochte man meinen, alles sei bereits im Vorfeld vorbereitet worden…

Sarl zückte die Schlüssel zu den Fesseln der beiden Jugendlichen.
„Die Fahrenden sind uns heute noch einmal entkommen“, sprach sie, während sie die Ketten aufschloss. „Die Verfolgung geht natürlich weiter, wie auch die Fahndung nach der irgendwo im Wald abgestürzten Himmelsschwinge.“
Sjee und Prisja halfen gemeinsam Tric auf die Füße. Es stand schwankend, unsicher, aber bei Weitem nicht mehr wie ein tödliches verwundetes Wesen.
„Mein Schwert!“ forderte das Himmelsschwing sofort.
Sarl nickte ihren Untergebenen zu. „Gebt es ihm zurück! Es muss ja das Kätzchen beschützen.“
„Und kann ich bitte meine Zaubermühle wiederhaben?“ bat K´chen.
Der Zauberer meinte, die Unsicherheit der Waldläuferinnen beinahe körperlich spüren zu können. Innerhalb von Sekundenbruchteilen verwandelte sie sich in Ablehnung.
„Die Mühle ist derzeit ein zu heißes Eisen. Niemand weiß, wem man sie eigentlich zurückgeben sollte“, argumentierte Tric, gleich einem Recken auf alten Tagen auf sein Schwert gestützt. „Am Ende dient es dem Grafen sogar, wenn K´chen die Maschine weit mit sich fort nimmt.“
„Ich habe mir so lange eine gewünscht!“ ergänzte K´chen flehentlich.
Wiederum sprach er nur die Wahrheit. Was nun den bettelnden Tonfall des Jungen anging: nach all den abenteuerlichen Ereignissen der vergangenen Stunden erinnerten sich Körper und Geist des Zauberers ganz einfach daran, erst zehn Jahre alt zu sein und zollten dieser Tatsache Tribut. K´chen war am Ende seines Mutes. Er hatte keine Kraft mehr zu spenden, sondern wollte sich nur noch in die Geborgenheit der Schwester und des Paten zurückziehen. Irgendetwas im Arm zu halten, das vorzugsweise kein Kuscheltier war… man war ja immerhin schon zehn…
„Also gut“, sprach Leutnant Sarl zu den von ihren Fesseln befreiten Geschwistern. „Nehmt die verdammte Mühle, verschwindet von hier und hütet euch, jemals wieder in die Nähe der Stadt zu kommen!“

Unter den Augen der Waldläuferinnen stieg Tric auf einen Baumstumpf. Es kostete das Himmelsschwing einige Mühe, doch konnten es weder Prisja noch K´chen von seinem Vorhaben abhbringen. Wie bereits im Kampf vor den Toren Markzats sprang Tric nach unten, um sich anschließend wieder nach oben zu schwingen.
„Nicht!“ entfuhr es Prisja. „Kannst du wirklich schon wieder fliegen?“ fragte sie misstrauisch.
„Nicht besser oder schlechter, als ich auch laufen kann“, antwortete das Himmelsschwing. „Genaugenommen sogar etwas besser, weil mir die Luft weniger Widerstand entgegensetzt als die holperige Landstraße.“
Das Wäldchen fing den an diesem Abend vorherrschenden leichten Wind ab. Die Luftströmungen behinderten Tric weder, noch trugen sie es voran. Höher als zwei Meter zu steigen, und die über den Wipfeln der Bäume wirksamen Winde auszunutzen, traute sich das Himmelsschwing allerdings noch nicht wieder zu. In schleppendem Tempo bewegte sich Tric voran, was bedeutete, dass seine Geschwindigkeit der eines zügig ausschreitenden Wanderers entsprach.
Auf dem Boden marschierten Prisja, K´chen und die Waldläuferin, die Tric gefunden hatte. Solange K´chens Niedlichkeitsaura wirkte, würde sie alles für das Kind tun, und danach zumindest noch durch den Befehl ihres Leutnants gebunden die Freigelassenen bei Zakets Sippe abliefern. Was würden die restlichen Fahrenden für Augen machen, ihren verlorenen geglaubten Gefährten so kurz nach der Trennung bereits wieder zu begegnen!

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