(MdG) Ein neues Sippenmitglied

K´chen begann zu schnurren, als er durch Trics Gemüsegarten auf das Tor zulief.
Nicht nur des Vaters Erlaubnis, auch die deutlich zu spürende Präsenz der Erdlinien an diesem Ort trugen zu K´chens Ausdruck des Wohlbehagens bei. Über die Jahre hinweg hatte der hintereinander von zwei gleich Zauberern bewohnte Turm eine magische Aura angenommen. Dadurch fiel es Tric leicht, jene Zauber aufrechtzuerhalten, die seinen Pflanzen Gesundheit und dem Boden Fruchtbarkeit bescherten. Des Zauberers Heim selbst stützte das Geflecht der magischen Formeln, so dass sie nur einmal zu Beginn jeder Jahreszeit erneuert und an die veränderten Wetterverhältnisse angepasst werden mussten.

In Markzat hatte K´chen dieses Gefühl, einen magisch aufgeladenen Ort zu bewohnen, nie erlebt. Die Magier reinigten die Akademie in regelmäßigen Abständen von sämtlichen magischen Restenergien. Sie gingen mit den Fragmenten von Kis Macht um, wie eine Hausfrau mit den Überresten einer Mahlzeit oder dem Staub, der sich auf den Möbeln ansammelte. Zu unterschiedlich gestalteten sich Persönlichkeit und magische Ausrichtung der in der Akademie beschäftigten Zauberer und der Schüler, als dass sich eine harmonische Aura auf dem Akademiegelände hätte ausbilden können. Um chaotischen Zuständen vorzubeugen, ließen die Magier eine Konzentration von Kis Macht daher nur in ausgewählten Laboren zu.

K´chen betrat den Zaubererturm. Er stand nun in einem Gemütlichkeit ausstrahlenden Wohnraum, der beinahe das gesamte Erdgeschoss einnahm. Hier reihten sich Wandregale aneinander, in denen sich Schriftrollen und Ziergegenstände befanden, und eine aus einem Sofa, zwei Ohrensesseln sowie einem niedrigen Tisch bestehende Sitzgruppe lud zum Verweilen ein. Mehrere sich überlappende Teppiche dämpften das Geräusch der eigenen Schritte.
Zwei Türen führten, wie sich der Knabe erinnerte, in die Besenkammer sowie einen Aufbewahrungsraum für all jenen Ramsch, von dem sich Tric nicht sicher war, ihn nicht vielleicht doch eines Tages zu benötigen. Trics restliche Gemächer standen in ihrer Unordnung seinem Ramschlager in nichts nach, lediglich dieser erste Raum, über den nur die allerwenigsten Besucher hinauskamen, präsentierte sich aufgeräumt und sauber.

An der dem Eingang gegenüberliegenden Wand des alten Wachturms ragte noch immer der Rest einer steinernen Treppe in die Höhe, endete jedoch bereits in Kopfhöhe K´chens. Das Relikt führte nun für jeden anderen Benutzer als ein Himmelsschwing ins Leere. Tric hatte, nachdem der komplette Turm einst ausgebrannt war, zwar die Etagen in ihrer ursprünglichen Anordnung wieder hergestellt, aber auf ein neues Treppenhaus verzichtet.
„Ich weiß überhaupt nicht, weshalb mein Meister diese Treppen behalten hat“, kamen K´chen Trics Worte wieder in den Sinn. „Es hatte doch Flügel wie ich!“
Damals hatte der kleine Mondensohn seinem Paten aus vollster Überzeugung zugestimmt. Aber damals war K´chen ja auch erst drei Jahre alt gewesen und vermochte jeden Ort in Trics Turm Huckepack auf den Schultern des Zauberers sitzend zu erreichen. In der Gegenwart war der Junge auf die Strickleitern angewiesen, welche Tric für die wenigen Gäste bereithielt, die es in die oberen Geschosse begleiten durften.
„Onkel Tric!“ rief K´chen daher nach oben, dorthin, wo eine Öffnung in der hölzernen Decke des Eingangsraums dem Zauberer Zugang zu seinen Privatgemächern erlaubte. „Ich bins!“

Als der Pate nicht sofort reagierte, kletterte K´chen die Steintreppe hinauf. An ihrem Ende hatte Tric eine Vorrichtung angebracht, die der Junge noch nicht kannte. Von unten war sie ihm wie eine über den Rand der Treppe ausgelegte Planke erschienen. Diese Planke, so stellte der Junge nun fest, bestand aus festem Eichenholz. Dass sie federte, als er sie betrat, lag daran, dass es sich um ein Sprungbrett handelte! Tric hatte es samt Auflage hier oben montiert, dem Ganzen einen neuen Anstrich verpasst und die Oberseite der Planke mit Teppichboden bespannt.
K´chen verlies das Brett wieder und kehrte auf die Treppe zurück. Im Gegensatz zu seinem Paten war er ja kein Himmelsschwing, das sich von diesem Startpunkt aus in luftige Höhen zu schrauben vermochte!
Nun ergab auch die Entdeckung eines flachen Weidenkörbchen Sinn, welches Tric auf der ersten Treppenstufe abgelegt hatte. Darin aufbewahrte Nägel, Pailetten, Schmuckbänder und ein Döschen mit Kleber verrieten K´chen, dass sein erwachsener Freund noch an weiteren Verzierungen seines Spielzeugs arbeitete.
‚Wieso sollte eigentlich nur Tric seinen Spaß haben?’ fragte sich der Junge, noch immer auf der obersten Stufe der Treppe stehend.
Grinsend lies der Zauberer das Luftkissen entstehen, welches ihm seit vielen Jahren gute Dienste leistete und unter den Mitschülern in der Akademie als sein Markenzeichen gegolten hatte. Das magische Konstrukt vermochte sich in niedriger Höhe über dem Boden in alle Richtungen zu bewegen, konnte auch bis auf Hüfthöhe steigen und bremste Abstürze aus geringen bis mittleren Höhen zuverlässig. Auf exakt jene letzte Funktion kam es K´chen jetzt an.
Nachdem ihm die Rückkopplung mit den Erdlinien verraten hatte, dass sein Luftkissen vollständig und an der gewünschten Stelle am Boden unter dem Sprungbrett erschienen war, betrat K´chen die Planke aufs Neue. Er trat bis ganz nach vorn, wippte ein paar Mal und sprang schließlich ab!

„Juhu-hau!“ rief K´chen, als er in der Luft unerwartet mit Tric zusammenstieß. „Au!“ wiederholte er, dann stürzten Himmelsschwing und Karr als ein Knäul aus Armen, Beinen, Flügeln und Köpfen auf das Luftkissen.
Tric stöhnte schmerzerfüllt. Nicht nur der Aufprall, auch seine auf eine leichte Wunde heruntergezauberte Schussverletzung setzten dem Himmelsschwing zu. Es richtete sich in sitzende Haltung auf und schob K´chen von dem Luftkissen herunter.
„Dieses Sprungbrett haben Zaket und ich aus einer öffentlichen Badeanstalt geklaut. Gut, was?“
„Schon, schon“, antwortete K´chen. „Aber an den Bergessen haben sie nicht nur solche Bretter, sondern auch Waldläuferinnen. Die schießen auf Raubvögel, die sich ohne Vorwarnung auf die Badegäste stürzen!“
„Es tut mir leid“, entschuldigte sich Tric. „Ich hätte damit rechnen müssen, dass du das Brett ausprobieren würdest.“ Seufzend fasste es seinen Werkzeugkorb ins Auge. „Jammerschade, dass ich das nicht mitnehmen kann…“
„Mitnehmen? Mitnehmen wohin?“

Tric richtete sich gänzlich auf. Es blickte K´chen ernst an und erklärte: „Auf die Flucht. Ich werde in Markzat steckbrieflich als Mörder gesucht, wie du weißt. Meine akademische Karriere liegt damit zumindest in dieser Stadt vorerst auf Eis. Über kurz oder lang wird den Waldläuferinnen gar nichts anderes übrig bleiben, als mich zu verhaften, sollte ich den Turm im Einzugsgebiet ihrer Heimatstadt weiterhin bewohnen. Schau, Sohn der Monde, mir bleibt keine Wahl, als mit deiner Sippe mitzuziehen.“
K´chen strahlte! Also war sein Pate nun mit demselben Los gestraft wie er selbst? Das bedeutete, jeder von ihnen würde es zumindest nicht allein tragen müssen!
Ungestüm umarmte der Junge das viel größere, aber nicht wesentlich schwerere, Himmelsschwing. Tric musste in paar Schritte rückwärts laufen, um nicht umgestoßen zu werden.
„K´chen!“ erwehrte es sich des Gefühlsausbruchs. „Hör mir zu! Leicht wird das nicht! Dein Vater ist jetzt schon eifersüchtig auf mich.“
„Nicht mehr, wenn du erst Teil seiner Sippe bist“, widersprach K´chen. Soviel hatte er bereits über die Fahrenden gelernt. „Wir haben jetzt vier Jahre Zeit, jede Akademie in Augenschein zu nehmen, die es in Alpland gibt, um dir einen neuen Posten und mir einen Studienplatz zu finden“, freute sich der junge Zauberer. „Und währenddessen spielen wir Zakets neues Stück! Du kannst den Engel darstellen, der Maria und Joseph warnt, rasch nach Ägypten zu fliehen!“
„Viel Zeit, aber wenig Platz im Wagen“, murrte der Ältere. „Ich habe mich sofort nach unserer Ankunft hier ans Packen meiner Sachen gemacht. Über den Gedächtnisspeicher einer Schreibmaschine müsste man verfügen! Die Menschen haben schon gewusst, warum sie die Dinger so reisetauglich gebaut haben!“
K´chen nickte. „Vielleicht finden wir ja die anderen beiden, die´s in Alpland gibt“, lockte er seinen Paten.

Gemeinsam sichteten die beiden Zauberer Trics Besitztümer. Sie packten alle Instrumente und Schriftwerke, die der Sternkundige als unentbehrlich einstufte, in einen Transportkorb. Dann räumten sie einen weiteren Korb leer, um auch diesen mit Schriftrollen, losen Notitzblättern, Rechenschiebern, Lupen verschiedenster Stärke und gleich mehreren Etuis mit Federkielen und Anspitzern, sowie Tuschefässchen zu füllen. Der Rucksack mit Trics persönlichen Gegenständen, einigen Ersatzspeerspitzen, ein wenig Kleidung und einer Handvoll Erinnerungsstücke, nahm sich dagegen winzig aus. Als letztes legte Tric ein kleines Fernrohr auf den Rucksack, welches sich am Gürtel befestigen lies und einem Reisenden gute Dienste erweisen würde. Die schwarze Röhre, die Okular und Objektiv aufnahm, war mit Szenen aus der Mythologie der Himmelsschwingen kunstvoll verziert, was den ohnehin bereits beachtlichen Wert des Instruments noch einmal erhöhte.
Tric stellte noch einen letzten Stapel aus vornehmlich seiner Ramschkammer entnommenen Waren zusammen, die er im Laufe der Reise zu verkaufen gedachte, um sich bei dem Gauklerfürsten für die Aufnahme zu revanchieren.
„Er nimmt dich doch mit, oder?“ fragte K´chen plötzlich. „Mein Vater, meine ich!“
„Darüber mach dir mal keine Sorgen“, beruhigte Tric den Jüngeren. „Ein Heiliger ist dein Vater nicht, aber er hat ein gutes Herz.“

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