(MdG) Trics Turm

Niemand wusste genau, wie alt der Turm war, den sich bereits Trics Vorgänger zum Domizil erkoren hatte, oder wer ihn ursprünglich erbaut hatte. Gelehrte vermuteten, dass es sich um einen alten Wachturm handelte, dessen Besatzung die Stadt Markzat vor drohenden Überfällen durch ihre Nachbarn oder barbarische Horden warnen sollte. In diesem Falle würden die Ursprünge des Bauwerks in eine Zeit zurückreichen, in der Markzat, in der Gegenwart eine der mächtigsten Städte Alplands, noch ein unabhängiger Stadtstaat gewesen war. Der Vereinigung der Fürstentümer zum Königreich Alpland hatte sich Markzat lange Zeit erfolgreich widersetzt. Die Stadt hatte sich Alpland erst angeschlossen, als dieses mächtig und reich genug geworden war, ihren Ansprüchen zu genügen.

Eine wehrhafte Bastion stellte Trics aus grob behauenen Feldsteinen errichteter Turm noch immer dar, obwohl sein strategischer Wert sich durch die Hebung des umliegenden Geländes relativiert hatte. Nicht länger befand sich der Turm auf einem Hügel, sondern stand nun frei in der Ebene.
Neu hinzugekommen war ein überdachtes Observatorium in der einst zum Himmel hin offenen obersten Etage. Im Gegensatz zur in etwa quadratischen Grundfläche des alten Wachturms wies Trics Sternwarte runde Wände auf und setzte sich damit bereits optisch vom Rest des Gemäuers ab. Das Wetterdach wies mehrere Luken auf, durch die sich der Blick direkt in den Sternenhimmel richten lies.
Trics im Laufe seiner Karriere immer wieder auf den aktuellesten Stand der Technik gebrachte präzise Instrumente waren hier oben untergebracht. Das Himmelsschwing sorgte sich nicht darum, sie nach längerer Abwesenheit nicht mehr vorzufinden. Zum einen war die oberste Etage gegen Einbrecher aus dem Volk der Karr und seinem eigenen gesichert und zum anderen handelte es sich bei seinen Instrumenten um schwer verkäufliche Waren. Zu teuer waren sie in der Anschaffung, als dass viele Kunden den Schwarzmarktpreis dafür zu zahlen in der Lage gewesen wären und zu bekannt war Trics Siegel im Kreis möglicher Kunden. Viel eher musste der Zauberer um die Früchte seines Gartens, seine Einrichtung oder sein Bargeld fürchten, Dinge, deren Verlust Tric allerdings verschmerzen konnte.

Derzeit erschien das alte Gemäuer wie unter Belagerung stehend. Nach zwei Tagen zügiger Reise erreichte Zakets Sippe Trics Turm und schlug ihr Lager an seiner Basis auf. Zum ersten Mal hatte K´chen sämtliche seiner Verwandten um sich herum, wenn er Tric besuchte. Zaket, Spisu, Djemeng und die restlichen durch Bluts- oder Heiratsbande mit dem Jungen verbundenen Karr hatten allerdings kaum Augen für das Gemäuer. Zu tief steckte ihnen noch der Schock angesichts ihrer Flucht aus Markzat in den Knochen.
Obwohl sie doch nun ein sicheres Refugium erreicht hatten, schien sich Tric nicht über die Ankunft zu freuen. Stumm, beinahe ein wenig wehmütig, schritt es den Kiesweg entlang, der durch den Garten zum Eingangstor führte. Die Karr ließen das Himmelsschwing passieren, seinen unausgesprochenen Wunsch nach ein wenig Privatsphäre respektierend.
„Was hat es denn bloß?“ wunderte sich K´chen, doch seine Schwester wehrte ab: „Später.“

„Ihr könnt sagen, was ihr wollt“, meinte Zaket, dem Geflügelten nachschauend, „aber so ein Heilzauber führt einem erst einmal vor Augen, was das bedeutet mit der Auferstehung der Toten!“
In der Tat bewegte sich Tric, den Zaket erst vorgestern noch dem Tode nah gesehen hatte, bereits wieder so sicher und kräftig wie ein Gesunder.
„An den Zauberern zeigt uns Gott wirklich, wie es dereinst sein wird!“ bekräftigte auch Djemeng, die beste Akrobatin der Truppe.
„Aber vorher muss doch die Welt brennen!“ krähte Gahne empört.
Das Kind drängte sich durch die Karr-Leiber und richtete seinen Finger auf das Sippenoberhaupt.
„Und all die schlimmen Dinge eintreffen, mit dem Antichristen und solchen Monstern, die aus dem Meer kommen! Hast du das denn vergessen, Zaket? Das soll mal noch schön lange hin sein!“
K´chen kondensierte die Luft über Gahnes Kopf zu einer kleinen Wolke. Sie färbte sich immer dunkler, bereit, ihre Last über dem Kopf des Katzenkindes abzuregnen.
„Das kann ich auch mit der Luft in deinen Lungen tun, Gahne!“ warnte K´chen das Kätzchen. „Denk daran, wenn du wieder einmal vorlaut den Mund öffnest!“
„Du bist ja böse…“ beschwerte sich der Kleine – allerdings aus der vermeintlichen Sicherheit, die man hinter dem Rücken des Sippenführers stehend genoss.
Prisja ging vor dem Kätzchen in die Hocke. „Mach dir keine Sorgen, Kitten. So etwas können nur viel mächtigere Zauberer, als unser Mondensohn. K´chen ärgert dich nur. Aber du hättest auch nicht so flappsig über die Bibel reden dürfen! Das ist Gottes Wort, Gahne, damit darfst du keinen Spaß treiben!“
„Yeah, okay“, antwortete Gahne kleinlaut und in der Hoffnung, sich durch den Klang des „engelischen“ einen besonders bußfertigen Anstrich zu verleihen.
„Regen, bitte!“ wandte sich Prisja an ihren Bruder und K´chen erfüllte ihren Wunsch, indem er die Wolke abregnen ließ. Prisja fing das Wasser mit ihren Pfoten auf und wusch sich das Gesicht vom Straßenstaub der letzten Tage rein.
„Ah, das hat gut getan!“ seufzte sie danach zufrieden.

Zaket lachte Prisja zu. Er zog seine Kinder an seine Seite und sprach zu ihnen, noch bevor er die Sippenältesten in seinen Plan einweihte: „Wir wechseln unser Revier. Alpland ist groß genug für mehrere Dutzend Sippen Fahrender, obwohl es natürlich nicht leicht werden wird, uns in einer anderen Grafschaft zu etablieren. Allerdings gibt es keine Konflikte unter unserem Volk, die sich nicht durch eine geschickte Hochzeit in Wohlgefallen auflösen lassen.“
„Vater!“ quieckte Prisja erschrocken.
Dass sie an dem ganzen Schlamassel mitschuldig war, wollte die junge Katze ja gar nicht abstreiten. Der Gedanke an eine Zwangsehe mit dem Sohn eines konkurrierenden Sippenoberhauptes, die es Zakets Gauklern ermöglichen würde, ihren Unterhalt in dessen Revier zu verdienen, wollte Prisja allerdings nicht schmecken.
Zaket senkte den Kopf. „Es tut mir leid, Tochter“, erklärte er. „Ich hätte dich damit nicht überfallen dürfen. Nur denke ich schon seit einer ganzen Weile darüber nach, mir wieder eine feste Partnerin zu suchen.“
„Ach so ist das“, antwortete Prisja. Sie vermochte nicht zu sagen, ob diese sie diese Eröffnung nicht ebenso schockierte wie jene, die sie ihrem Vater gerade dummerweise unterstellt hatte. „Weißt du, Vater, das kommt jetzt ein bisschen plötzlich und unvorbereitet.“
Zaket stemmte seine Fäuste in die Hüfte, legte den Kopf in den Nacken und lachte.
„Natürlich verstehe ich das! Ein Fest haben alle erwartet und ich Dummkopf überfalle euch mit Sippenpolitik. Also lasst uns lieber tun, wofür wir geboren wurden: Karr unterhalten. Und Karr, das sind wir ja auch selbst!“

Mit diesem Credo waren die Gaukler aufgewachsen. Lediglich K´chen hatte es als exotischen Ausspruch einer Gruppe Fremder kennengelernt, bei der er manchmal seine Sonntage verbracht hatte, wenn die Gaukler ihr Winterquartier in Markzat aufgeschlagen hatten.
Der Sohn der Monde bemühte sich, sich nützlich zu machen, demonstrierte gar den drei kleinen Landplagen freiwillig seine Zauberkunst und zeigte sich in allen Dingen von seiner besten Seite. Wenn er das bis zum Abend durchhielt, so hoffte der Zauberer, würden ihm die Verwandten sicher erlauben, zur Belohnung in Trics Turm anstatt in ihrer Gesellschaft unter freiem Himmel zu übernachten.
Plötzlich fühlte sich K´chen von seinem Vater gepackt und herumgedreht. Zaket lächelte den Jungen an.
„Sag mal, willst du nicht deinem Paten da drin Gesellschaft leisten, während wir hier alles für das Fest richten? Feiern kannst du auch noch mit uns, wenn die Arbeit getan ist! Auf zwei Pfoten weniger kommt es uns da nicht an.“
„Das ist eine Fangfrage, oder, Vati?“ hakte K´chen nach, doch Zaket schüttelte den Kopf.
„Lieber einen ‚Faulenzer’ heute, als einen Jungen, der mich morgen hasst“, erklärte er. „Dich bei den Waldläuferinnen in Fesseln zu sehen, hat mir vor Augen gehalten, dass du dich bei uns die ganze Zeit über so fühlst.“
„Vater, ich…“
„Vier Jahre, Mondensohn! Diese vier Jahre bist du uns schuldig. Die bist du deiner Mutter schuldig, die dir erst die Chance auf dieses Leben verschafft hat! Wenn du uns während dieser Jahre nicht als deine Familie akzeptieren kannst, so sieh deine Zeit bei uns wenigstens als geregeltes Arbeitsverhältnis, nicht als Gefangenschaft an.“
Zaket versetzte dem Sohn einen spielerischen Klapps und fügte hinzu: „Und jetzt mach dich fort zu deinem Zaubererkollegen!“

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