(MdG) Ich will Zauberer werden!

Ein gutes Herz mochte Zaket besitzen, doch auch ein solches quoll nicht jederzeit vor Fröhlichkeit über. Die Belastung der vergangenen Tage begannen gerade erst, von dem Gauklerfürsten abzufallen. Zu behaupten, er sei wieder ganz der Alte, wäre eine Lüge gewesen. Dennoch – Zaket tat sein Bestes, seine Verwandten und Freunde aufzuheitern, da er frohe Karr um sich herum als die beste Medizin kannte, die auch ihn wieder kurieren würde. Inmitten der tanzenden, singenden, speisenden und sich in Geschichklichkeitsspielen messenden Sippenmitglieder schien die Rechnung aufzugehen.

Prisja hingegen wurde von den Eindrücken, die auf sie einstürmten, regelrecht überschwemmt. Wo sich ihr Vater einfach nur freute, weil sich die anderen freuten, schien Prisja derselbe Prozess um einiges stärker in sich selbst zu wirken. Die junge Gauklerin hatte Mühe, ihre eigenen Gefühle von denen der Sippenmitglieder zu trennen. Auf der Suche nach einem Gegenpol suchte sie Trics Nähe – und wünschte sich sogleich, es nicht getan zu haben. Denn auch die Verbindung zu dem Himmelsschwing fiel um einiges intensiver aus als erwartet.
Der Zauberer hockte sinnierend auf der Schwelle seines Turmes hockte, den es bald für lange Zeit – möglicherweise für immer – hinter sich würde lassen müssen. Angesichts des bevorstehenden Abschieds von seinem Heim erinnerte sich Tric daran, wie es den Turm zum ersten Mal betreten hatte. Und Prisja fand sich mitten in dieser Erinnerung wieder…

Tric spannte seine Flügel weit. Der Wind schien auf seiner Seite zu sein, denn er trug das kleine Himmelsschwing in exakt die Richtung, in die es zu reisen wünschte. Erst gegen Mittag zwang ein Abflachen des Windes das Kind, seine Flügel zum Flattern zu benutzen. Tric wusste es nicht, aber in Wahrheit war es die Magie seines Volkes, die es fliegen ließ. Welche Verrenkungen das Kind dabei mit den Flügel anstellte, war nebensächlich. Bisweilen half es natürlich wirklich, sich vom Wind tragen zu lassen, aber kaum ein Himmelsschwing lotete jemals sein wahres, volles Potential aus.
Der kleine „Junge“ mochte etwa zehn Jahre alt sein. Was immer es über seine Spezies und deren Flugfähigkeit zu sagen gab, dieses spezielle Individuum war am Ende seiner Kraft. Es musste eine Rast einlegen, die jedoch schnell zur Qual geriet, wenn es daran dachte, dass die anderen Kinder im Waisenhaus um diese Uhrzeit zu Mittag aßen, es selbst aber hier draußen allein unter einem Baum hockte, der um diese Jahreszeit noch keine Früchte trug.
Doch dann rief sich Tric wieder ins Gedächtnis, was nach dem Essen folgen würde und sein Entschluss, weiterzufliegen, festigte sich. Den Hauswirtschaftsunterricht schwänzte das Kind bereits seit vielen Tagen und das aus, wie es meinte, gutem Grund. Lieber kletterte es auf hier draußen auf einen Baum, stürzte sich in die Tiefe und vertraute sich wieder den Luftströmen an!
Des Nachts suchte sich Tric Schlafplätze, die es für sicher hielt, faltete seine Flügel so gut es ging, um seinen schmalen Körper, wartete den Morgen ab und nannte das Schlafen. Nach solcherart durchwachten Nächten reiste es weiter.

Prisja kannte die Strecke, die das Kind flog. Die von Markzat aus zu Trics Turm führende Straße hatte sich in den vergangenen zwanzig Jahren kaum verändert. Noch an diesem Vormittag waren Prisja, ihr Bruder und der erwachsene Tric sie entlang gewandert.
Das kleine Himmelsschwing benötigte die doppelte Zeit, um die Strecke zu überwinden. Es waren fünf hungrige Tage, in denen es lediglich seine Entschlossenheit vorantrieb. Endlich klopfte das Kind an die Tür des alten Wachturms.
Prisja beobachtete, wie sich die Pforte öffnete. Sie blickte nach oben, weil es das Himmelsschwingenkind, dessen Erinnerung sie durchlebte, auch getan hatte.
Der Bewohner des Turmes, obgleich ebenfalls ein Himmelsschwing, erschien Prisja eindeutig männlich. Das mochte daran liegen, dass sich das Wesen in seiner Gewandung der Mode männlicher Zaubererkollegen angepasst hatte oder daran, dass Tric ihr von ihm als seinem Mentor – einem maskulinen Wort – erzählt hatte.
Dieser Zauberer nun staunte nicht schlecht, als da plötzlich ein mageres Kind seiner eigenen Art vor ihm stand, das ärmlich, aber dem kühlen Frühjahrswetter angepasst gekleidet war und ihn aus geweiteten Facettenaugen erwartungsvoll anblickte.
„Du bist keiner von den Bergsippen, richtig? Kommst du aus der Stadt? Hat dir jemand eine Botschaft für mich anvertraut?“
Klein-Tric schüttelte den Kopf, nickte und schüttelte erneut.
„Ich komme aus dem Waisenhaus, aber ich gehe nicht dahin zurück!“ presste das Kind hervor.
Prisja hörte die Stimme des jungen Tric auf ihrer Kopfhöhe entstehen, spürte aber nicht die damit einhergehenden Lippenbewegungen. Nur die wenigsten körperlichen Empfindungen Trics hatten sich in der Erinnerung erhalten.
„Ich will Zauberer werden!“
„Das kannst du nicht einfach so, dazu muss man geboren werden“, erwiderte das ältere Himmelsschwing. „Aber ungeachtet dessen werde ich kein Kind vor der Tür stehen lassen. Komm ersteinmal herein!“

Wenig später saß Tric an einem Esstisch im Wohnzimmer des Turms. Die Treppe war zu dieser Zeit noch intakt und das Turminnere wirkte aufgeräumter als in der Gegenwart.
„Wieso willst du nicht zurück ins Waisenhaus?“ forschte der Zauberer, während sein kleiner Gast sich durch eine Aufschnittplatte arbeitete, zwischendurch an einer heißen Brühe nippte und seinen Blick immer wieder über die Schriftrollenkollektion seines Gastgebers wandern lies. „Behandelt man euch schlecht?“
„Ich bin einer der Ältesten dort. Ich muss bald weg und soll eine Arbeit bekommen, aber ich will nicht als Knecht oder Magd verschachert werden!“ gab Tric Auskunft.
Prisja musste lachen. Sie stellte fest, dass es ihr problemlos möglich war, denn ihr Karr-Körper existierte ja noch, obwohl ihr Geist gerade in einer fremden Erinnerung steckte. Trics Aussage war wieder einmal so typisch für das Himmelsschwing!
„Ich habe mich bei der Stadtwache beworben, aber die lehnten mich ab.“
Prisja kam das nicht weiter befremdlich vor. Ein Waisenkind, das überdies kein Karr war, sondern möglicherweise der Sprössling eines im Kerker gestorbenen Lufträubers, brauchte sich gar nicht erst Hoffnungen auf eine Karriere im Dienste der Stadt zu machen.
„Deswegen will ich Zauberer werden“, wiederholte Tric.
„Mit den Zauberern ist das so…“
„Ja, das weiß ich doch! Aber bei mir ist das angeboren! Meine Magie ist bloß zu schwach, so dass es sich nicht lohnt, dafür einen Akademieplatz zu bezahlen. Die Tanten im Waisenhaus haben um ein Stipendium beim Grafen ersucht. Da hieß es, ich sei keine Gefahr für mich oder andere Leute und müsse daher auch nicht auf Kosten der Stadt ausgebildet werden.“
„So. Das sagen die Leute also.“
Der Zauberer aus dem Turm lachte lauthals! Prisja las aus Trics Erinnerungen, dass das Kind glaubte, der Artgenosse lache es aus. Ihr Personenkenntnis verriet der Gauklerin jedoch, dass der Spott jemand anderem galt. Und tatsächlich: „Das ist der größte Unsinn, den ich jemals gehört habe!“ dröhnte das Himmelsschwing. „Einen Zauberer nicht sein Wesen entfalten zu lassen, ist, als lehrten die Karr ihre Kinder nicht mehr den Gebrauch des Schwanzes oder das Laufen auf zwei Beinen! Hör zu, mein Junge, ein Zauberer zu werden, kannst du wirklich nicht lernen. Weil das kein Beruf ist, sondern was du bist. Was es damit auf sich hat, einer zu sein, will ich dir gern vermitteln. Welchen Beruf du einmal ergreifen wirst, hängt von anderen Dingen ab.“
Und so wurde der kleine Zauberer Tric zuerst ein Gärtner, dann ein Sternkundiger und schließlich notgedrungen aufgrund seiner zurückgezogenen Lebensweise auch noch ein passabler Jäger.

In der Gegenwart ließen es sich die Fahrenden noch immer gut gehen,
Dass Prisja sich erhob und beim Laufen schwankte, erschien keinem Sippenmitglied beachtenswert, waren ja einige von ihnen ebenfalls schon angesäuselt.
Prisja, sah, wie sich K´chen zu Tric gesellte. In dem Bemühen, den Paten von seinem Kummer abzulenken bat er Tric, ihm die Sternkonstellationen dieser Nacht erläutern. Sonderlich viele Sterne waren nicht zu sehen, denn alle drei Monde standen genau wie vor zehn Jahren in voller Pracht und überstrahlten alles andere.
Tric öffnete gerade den Mund zu seinen Erläuterungen, als Prisja ebenfalls die Schwelle des Turms erreichte.
„Wie lange wird das noch anhalten?“ kam es ein wenig kläglich von der Karr. „In anderer Leute Gefühle einzudringen, ohne es zu wollen?“
Die beiden Zauberer zuckten wie eine Person zusammen.
<Sie spürt es noch?!> dachte Tric, für K´chen deutlich zu hören.
„Du kannst das <auch> noch?!“ entfuhr es dem Sohn der Monde.
Prisja nickte stumm.
„Obwohl sie gar keine Zauberin ist!“
Prisja drängte sich zwischen Tric und K´chen. Anklagend wies sie auf die Monde.
„Das ist wahrhaftig eine Unglückskonstellation!“ behauptete sie.

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