(MdG) Bestimmung und eine Entscheidung

Tric ließ sich genauestens beschreiben, was Prisja gesehen und dabei gefühlt hatte. Am Ende des Berichts meinte es, es könne ebensogut an ihm gelegen haben, dass die Gauklerin sich in seinen Erinnerungen wiedergefunden hatte. Immerhin sei es eine Weile K´chens Geistesmagie ausgesetzt gewesen und könne als Zauberer durchaus etwas davon zurückbehalten haben.
Prisja fand diese Schlussfolgerung einerseits vernünftig, andererseits erklärte sie nicht, wie sie vor einigen Tagen im Wäldchen bei den Waldläuferinnen empfunden hatte.
K´chens Gedanken wiederum wollten einen gänzlich anderen Weg beschreiten:
„Hira!“ zischte der Junge. „Stiefelhira muss gar kein Zauberer gewesen sein. Aber er hat erfahren, wer der Geistesmagier ist und auch begriffen, dass sie von jedem erlernt werden kann. Da hat er die Mühle gestohlen, um sich die Gabe anzueignen. Aber der Geistesmagier hat es gemerkt und Hira musste seine Beute beim Graugetigerten versetzen. Nur, der Besitzer der Mühle hat ihn erwischt und dann hat er Hira gezwungen, sich mit dem eigenen Dolch die Kehle durchzuschneiden – durch Geistesmagie!“
Prisja lächelte. „Ist das die neue Version deiner Theorie, Brüderchen?“
„Du musst mir nicht glauben“, erwiderte der Sohn der Monde. „Aber der Geistesmagier ist in der Stadt und in den nächsten Tagen kommt der König dort an. Wer weiß, was dann alles geschehen wird? Wir müssen etwas unternehmen! Etwas wie zum Beispiel dem König entgegenfahren und ihn persönlich vor dem Geistesmagier warnen!“
„Wir. Als gesuchte Verbrecher.“
„Ach was, Onkel Tric!“ K´chen winkte ab. „Das weiß der König doch noch nicht! Wir müssen ihn eben vor seiner Ankunft in Markzat abpassen. Und wir drei müssen selbst die Magie des Geistes erlernen – aber richtig!“

K´chen sprang auf. Er streckte sich von den Fingern bis zur Schwanzspitze. Dabei blickte der Junge nach oben. Und dort sah er sie. Die Schicksalskonstellation, die sich bereits am Tag seiner Geburt am Himmel abgezeichnet hatte. Kin und Kan standen noch nicht ganz in einer Linie nebeneinander. Erst im Verlauf der Nacht würde sich Kin zu seinem Bruder heruntersenken. Bis dahin verlieh seine leicht versetzte Position dem „Gesicht“ den Anschein, als würde Gott im Himmel die Augenbrauen hochziehen, wie es ein Lehrer tat, den ein Schüler gerade mit einer unerwartet klugen Frage überrascht hatte. Zumindest war es das, was K´chen bei dem Anblick durch den Kopf ging.
Mit einem Mal stand Zaket neben seinem Sohn. „Ja, da ist das Bild wieder“, murmelte er.
„Die Schicksalskonstellation!“ hauchte K´chen.
Der Gauklerfürst brummte abfällig. Wo waren die Monde denn gewesen, als seine Lebensgefährtin starb? Hatten sie die Sippe vor dem Räuberüberfall gewarnt, wie es ihre Pflicht als böses Omen gewesen wäre? Ganz sicher nicht!
„Dieses Bild erscheint aller zehn Jahre, das hat nichts zu bedeuten!“ behauptete Zaket. „Unsere Schicksalschläge halten sich nicht an einen Zehnjahresrhythmus, mein Sohn.“
„Mag sein.“ K´chen lehnte sich an den Vater. „Aber ich sehe das heute zum ersten Mal und will es in mich aufnehmen. Vor zehn Jahre war ich ja ein bisschen mit dem Geborenwerden beschäftigt!“
Die beiden lachten gemeinsam. K´chens zehntes Lebensjahr war abgschlossen, das elfte begann und würde viele Veränderungen mit sich bringen.

„Ich fand es übrigens gut, dass du wieder heiraten willst“, gestand K´chen dem Vater.
„So? Wie das?“
„Alles andere, was du besitzt oder dir gefällt, hattest du schon lange bevor meiner Rückkehr, ja, lange vor meiner Geburt. Eine neue Lebensgefährtin aber würden wir zusammen kennenlernen und dann hätten wir etwas gemeinsam.“
Unwillkürlich musste Zaket lachen! K´chens Kinderlogik war so völlig fremd, aber gleichzeitig ergab sie absolut Sinn.
„Und was hat sich an deiner Einstellung geändert“, forschte Zaket, „in diesen wenigen Stunden, seit du von meinem Plan erfahren hast?“
„Ich habe in letzter Zeit oft über den Bibelspruch mit dem glimmenden Docht und dem geknickten Halm nachgedacht. Den der liebe Gott nicht löschen oder brechen wird.“
„Ja, den kenne ich.“
„Aber ich will mehr, Vater! Ich will das Glimmen wieder zur Flamme entfachen!“
Zaket nickte. „Sicher. Da wir mit Tric nun einen erwachsenen Zauberer in der Sippe haben, wird es dir nicht schwer fallen, deine Studien auch während deiner Zeit bei uns nicht zu vernachlässigen.“
Doch damit wollte sich der kleine Kater nicht mehr zufrieden geben. Hatte er sich erst heute vormittag noch über Zakets Erlaubnis, als Volljähriger zur Akademie zurückzukehren und bis dahin von Tric lernen zu dürfen, gefreut, so eröffnete er dem Vater nun, dass der Gauklerzug den König treffen musste und es überdies gut sein konnte, dass er, K´chen, schon bald darauf seiner eigenen Wege zöge.
„Es geht darum, die Geistesmagie zu erforschen. Wäre das in den Studierstuben der großen Universitäten möglich, wäre es bereits jemand gelungen. Also werde ich wohl ganz neue Wege auf der Suche danach beschreiten müssen.“
Die Magie des Geistes! Als profundem Kenner der ältesten Sagen und Mythen war Zaket dieser Begriff nicht fremd. Aber es war eine Sache, eine Figur auf der Bühne darüber dozieren zu lassen, seinen minderjährigen Sohn davon reden zu hören, er werde sie demnächst einfach mal so erforschen, eine völlig andere!
„Das hast du dir vorgenommen?! Die verlorene Magieschule zu rekonstruieren?“
K´chen entwand sich der Umarmung seines Vaters. „Das ist mein Schicksal!“
„Unsinn! Das ist nur, was du dir wünschst!“

Zaket trat von seinem Zauberersohn zurück. Er sah sich nach dem noch immer mit Prisja auf der Türschwelle seines Turmes sitzenden Tric um.
„Tric! Hör dir das mal an! Ich wusste ja, dass manche Zauberer größenwahnisinnig werden, aber mir war neu, dass sie das bereits auf ihrer Schule lernen!“
Lächelnd trat Tric zu Vater und Sohn. „Es geht um die Suche nach der Geistesmagie, richtig?“
„Richtig. Darum, dass K´chen offensichtlich vorhat, sich in den Wald zu schlagen, bis er eine Höhle gefunden hat, in der eine prall mit Schriftrollen gefüllte Truhe auf ihn wartet oder etwas in der Art!“ Zaket wedelte mit den Fingern vor Trics Gesicht, als mache er das Himmelsschwing für K´chens Anwandlung verwantwortlich. In Trics Blickfeld verschwamm alles mit Ausnahme der sich rasch bewegenden Finger zu einem impressionistischen Hintergrundgemälde vor dem einzig realen Lebewesen. Mit einer raschen Handbewegung schnappte sich Tric das Handgelenk des Karr und drückte heftig zu.
„Au, was soll das?“
„Ups, tut mir leid…“ Tric lies Zaket los. „Jagdinstinkt. Ist angeboren und schwer zu unterdrücken, wenn etwas in nächster Nähe vor mir herumzappelt.“
„Na, dann hast DU wenigstens eine Ausrede für deine Verrücktheit. Mein Sohn hingegen… was sagen die Sterne zu der Angelegenheit, Eierleger? Wie ich dich kenne, hast du doch längst ein Horoskop für K´chens Leben nach der Schule erstellt!“
„Die Gestirne sprechen von einer Veränderung der Lebensumstände und kündigen eine große Reise an“, antwortete das Himmelsschwing, „aber sie verraten mir nicht, wohin diese führen soll. K´chens nach meiner Methode erstelltes Horoskop ist genauer als ein herkömmliches, doch auch ich vermag, wie es scheint, nur einen Spruch zu produzieren, der sich ebensogut nach K´chens wie nach deinem Geschmack auslegen lässt, Zaket.“
„Aber ich dachte, die Monde hätten bereits am Tag meiner Geburt…“ begann K´chen, doch Zaket fuhr ihm über den Mund: „Schluß mit dem ganzen Wahrsagerkram! Dein – unser aller! – Schicksal wurde bereits vor unserer Geburt von Gott dem Herrn beschlossen und er hat dich an die Stelle gesetzt, an die du gehörst! Die Sterne haben damit überhaupt nichts zu tun.“
„Ja, aber wer hat denn das Himmelsgewölbe überhaupt erst entstehen lassen?“ entgegnete K´chen verschmitzt. „Das war der liebe Gott, Vater!“
Zur Überraschung des Jungen stimmte der Sternkundige Zaket, und nicht etwa ihm, zu.
„Du hast Recht, die Sterne zu lesen ist nicht unbedingt nötig“, gab Tric zu. „Und unser Platz im Leben ist tatsächlich längst bestimmt. Aus diesem Grund wird es K´chen nichts nützen, fortzuziehen, wenn er zum Schauspieler bestimmt ist. Es werden Ereignisse eintreten, die ihn zur Sippe zurückführen. Ist es ihm aber in die Wiege gelegt, die ganze Welt zu bereisen, um die Geistesmagie zu meistern, dann wirst du ihn nicht halten können.“ Trics Facettenaugen schweiften in weite Ferne, als er sich eines Beispiels bediente: „Du wirst erst erfahren, ob ein Tod im Feuer auf sich wartet, wenn du während des Brandes versuchst, dein Haus zu verlassen…“ <Wir lesen die Sterne, um auf solche Katastrophen vorbereitet zu sein, aber selbst, wenn wir stets genau wüssten, was uns erwartet, wie sollte man sich auf bestimmte Verluste jemals wirklich vorbereiten?>
K´chens Schwanz peitsche unkontrolliert. Er spürte die Tric Worte unterlegende Gefühlsspur wie eine Waldläuferin die Fährte eines Wildtieres las. Eine Tierfährte hätte der junge Zauberer lediglich als solche erkennen, nicht einer Tierart zuordnen oder verfolgen, können. Trics Gefühle hingegen hätte er mit einiger Anstrengung zu entschlüsseln vermocht, das spürte K´chen deutlich. Die Nachwirkungen der geistesmagischen Formel machten K´chen zu einem Jäger unter allen Karr. Doch wo es Jäger gab, existierten auch Wilderer. Ein solcher befand sich zu diesem Zeitpunkt in Markzat, wo er womöglich bis zum Tag der Ankunft des Königs auf Lauer lag.

K´chen zog seinen Vater zu Boden. „Vater, hör mir jetzt bitte zu!“
Noch bevor Zaket wusste, was ihm geschah, saß er bereits auf einem der Luftkissen seines Sohnes. Auch für Tric und sich selbst hatte K´chen jeweils eines dieser Polster erschaffen. Und dann begann er zu erzählen. Jedes Detail seiner Abenteuer wurde vor Zaket ausgebreitet, jede Schlussfolgerung und falsche Fährte vorgeführt. Bereits nach wenigen Minuten übernahm Tric das Reden. Sein Bericht fiel weniger sprunghaft als der des Jungen, aber nicht minder ausführlich aus. K´chen beschäftigte sich damit, sein Kissen zu vergrößern. Als er es geschafft hatte, legte er sich auf den Rücken und beobachtete die Monde, während sein Pate weiter sprach.
Am Ende von Trics Bericht seufzte Zaket vernehmlich.
„Ich wäre ein Tor, würde ich mich den Folgerungen aus euren Erlebnissen verschließen, Tric. Es deutet tatsächlich vieles darauf hin, dass jemand die Magie des Geistes einsetzt, vielleicht nur mithilfe gefundener Spruchstreifen, möglicherweise, indem er die Sprüche wirklich selbst beherrscht. Und natürlich kann einem solchen Gegner nur durch seine eigenen Waffen Einhalt geboten werden – falls er denn Übles plant. Bisher hat lediglich jemand einen Informanten umgebracht. Ich sage ‚lediglich’, aber du weißt, wie ich es meine.“
„Der Mord an Stiefelhira muss in keinem Zusammenhang mit unserer Entdeckung stehen“, stimmte Tric zu. „Aber jemand hat versucht, uns die Tat in die Schuhe zu schieben, Zaket.“
„Der Geistesmagier?“
„Ich denke schon. Unser Feind hat es immerhin geschafft, den Grafen innerhalb kürzester Zeit von unserer Schuld zu überzeugen, damit wir ganz legal beseitigt werden können. Er will unter keinen Umständen als das, was er ist, erkannt werden und da ist ein wenig gesundes Misstrauen gegenüber seinen Plänen ja wohl angebracht! Euer König Hespio sollte erfahren, was ihn möglicherweise in Markzat erwartet.“
„Da stimme ich dir zu. Ich werde unser Möglichstes tun, uns eine Audienz zu verschaffen. Schon allein, um euch drei von dieser Mordanklage freizubekommen! Aber K´chens Suche nach der Geistesmagie? Warum sollten sich ausgerechnet unsere Kinder auf eine solche Queste begeben? Sag mir das mal!“
„Weil“, argumentierte Tric, „sie deren Wirkung bereits gespürt haben. K´chen und Prisja werden das Phänomen daher zuverlässig erkennen, wenn sie erneut darauf stoßen.“
„Na, und weil Prisja keine Zauberin ist!“ mischte sich K´chen ein. „Wenn es stimmt, dass die Geistesmagie auch von jemand erlernt werden kann, der selbst kein Zauberer ist, dann will ich das mit jemand überprüfen, dem ich vertraue.“
„Und vertraust du mir nicht?“
„Doch, das tue ich!“ rief K´chen, konnte aber nicht verhindern, dass sein Geist das mitgedachte <Jetzt schon> ausstrahlte.

Zakets Nackenfell stellte sich auf und Tric saß mit einem Mal kerzengerade. Die beiden Erwachsenen starrten einander in die Augen.
„Du hast das…?“ ächzte Tric.
„…gehört, ja, Eierleger. Ich habe K´chens Gedanken in meinem Kopf gehört. Nun, überraschend kann es nicht. Wenn Magie nur auf anderer Zauberer wirkte, wäre sie ja ziemlich sinnlos.“
Tric und K´chen mochten drei oder Atemzüge getan haben, als Zaket bereits wieder lächelte.
„Das komische Gefühl ist weg, mein Sohn“, erklärte der Gauklerfürst. „Dafür weiß ich jetzt, wie es sich anfühlt, von der Magie des Geistes angegriffen zu werden. Dabei waren deine Gedanken noch nicht einmal als Angriff gedacht! Aber so offen, so völlig ohne jede Verteidigung, dazustehen…“
<Du…> K´chen bemühte sich, seinen neuen Sinn wieder einzuziehen, als er bemerkte, erneut zu senden. „…willst mir etwas Wichtiges sagen!“ beendete er seinen Satz.
Zaket nickte. „Deine Schwester darf die Sippe nicht verlassen, K´chen. Du weißt, dass sie jederzeit rollig werden kann. Aus diesem Grund verheiraten Bauern und Städter ihre Töchter sobald wie möglich. Nun, wir sehen das etwas lockerer, vernünftiger, möchte ich meinen, dennoch kann ich nicht erlauben, dass sich meine Tochter auf eine wer weiß wie lange Reise ins Unbekannte begibt! Sie darf sich nicht zu weit von Katern entfernen.“
„Daran habe ich überhaupt nicht gedacht“, flüsterte K´chen. „Dass sie krank wird, wenn sie zur Rolligkeit keinen Partner findet!“
Tric wiegte seinen Kopf. „Aber einen Nichtzauberer dabei zu haben, kann nicht schaden. Da hat das Kind Recht, mein Freund.“
„Auf einen solchen Reisegefährten werdet ihr nicht verzichten müssen“, erwiderte der Karr. „Nur, dass ich es sein werde.“
„Du, Zaket?! Bist du dir wirklich ganz sicher?“
„Ach, komm schon, Tric! Ich bin älter als du, aber doch nicht klapprig! Meinen Säbel weiß ich zu führen, beinahe wie eine Katze.“
Tric verschloss seine Gedanken tief in seinem Geist – nur für dein Fall. „Ja. Ja, das ergibt schon Sinn“, meinte er zögerlich.
Zaket erhob sich. „Gut, dann… dann werde ich mal mit Prisja reden. Und mit den anderen. Macht ja keinen Sinn, ihnen zu verschweigen, was ich vorhabe.“

Während der Vater sich entfernte, richtete sich auch K´chen wieder in sitzende Haltung auf. Er rückte enger an Tric heran, um möglichst im Flüsterton mit dem Paten sprechen zu können:
„Das gefällt mir nicht, Onkel Tric! Ich freue mich natürlich, dass mein Vater uns begleiten will. Wie sollte ich nicht, jetzt, wo er sich endlich mal dafür interessiert, was ich tue? Aber meine Suche ist nicht seine. Er wollte heiraten, mit seinem neuen Weib, Prisja und mir wieder eine richtige Familie sein. Aber nun? Zaket verlässt seine Sippe, sein ganzes Leben, wegen mir! Ihm so was anzutun, ist genauso schlimm, wie jemand zu töten.“

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