(MdG) Eine Katze wird entführt

Der Himmel hellte sich bereits wieder auf, als die letzten Gaukler sich zur Ruhe legten. Seit sie darüber informiert worden waren, dass in naher Zukunft nicht nur eine Audienz bei König Hespio bevorstand, sondern sich ihr Sippenoberhaupt danach mit seinem Sohn womöglich auf eine weite Reise begeben würde, hatten sie gefeiert, als stünde der Abschied bereits am nächsten Tag an.
Was Tric betraf, so traf dies ja auch zu. Für ihn galt es, Abschied von dem Ort zu nehmen, der dem Himmelsschwing seit dem zwölften Lebensjahr Zuflucht vor einer ihm zu großen Teilen wesensfremden Welt geboten hatte.
Noch lange, nachdem die Karr einer nach dem anderen in Schlaf gefallen waren, schwebte Tric vor seinem Turm in der Luft. Als schließlich selbst der alte Rumrr selig dort schnarchte, wo er gerade gesessen hatte, stieg Tric höher hinauf. Es steuerte das Observatorium in der obersten Turmebene an, wo es mit einem venehmlichen „tapp“ landete. Denn so lautlos es sich in der Luft zu bewegen vermochte, am Boden ließen seine Jägerreflexe deutlich zu wünschen übrig. Tric wartete einige Sekunden ab. Nachdem keine Reaktion auf das Geräusch erfolgte, betrat es das Turminnere.

Mit den Worten „Wach auf, K´chen, wir müssen noch vor dem Mittag aufbrechen!“ rüttelte das Himmelsschwing sein im Erdgeschoss schlafendes Patenkind wach.
K´chen schoss von seinem Schlaflager auf Trics Sofa hoch! „Wieso? Haben die Waldläuferinnen es sich etwa anders überlegt? Sind sie hier?!“
„Nein, darüber sei mal unbesorgt. Aber wir müssen deine Schwester entführen.“
„Prisja – entführen?“
„Naja, wecken, genauer gesagt.“
K´chen schälte sich aus seinen Decken. Er beobachtete, wie Tric die Schwester wach rüttelte. Wieso hatte sich denn ausgerechnet die ihrer Sippe so verbundene Prisja in Trics Turm zur Ruhe gelegt anstatt in Zakets Wagen oder unter dem offenen Sternenhimmel? Was um Himmelswillen geschah hier?

„Prisja kann nicht mehr in der Sippe leben“, erklärte Tric, während es K´chen ein leichtes Bündel und einen Stock in die Arme drückte. Den eigenen Rucksack hatte es bereits geschultert und auch Prisja trug Reisegepäck bei sich. „Solange sie die Nachwirkungen der Geistesmagie spürt, ist das völlig unmöglich.“
„Tric und ich haben das besprochen, nachdem du dich hingelegt hattest“, flüsterte Prisja ihrem Bruder zu. „Bei Vater ist nichts zurückgeblieben von dem kurzen Kontakt, den er mit deinem Geist hatte. Bei mir schon. Weil ich in nächster Nähe gestanden habe, als deine Spruchrollen losgingen. Ich sehe die Erinnerungen von Leuten und von Orten! Ich hasse mich dafür, das jetzt zu sagen, aber die Liebe der Sippe reicht nicht aus, um mir darüber hinwegzuhelfen. Ich benötige deine Wissenschaft, Sohn der Monde.“
„Wir lieben dich auch“, entfuhr es Tric. Unbeholfener, als K´chen es von einem „Mann“ dieses Alters erwartet hätte, ergänzte der Zauberer: „Äh… wie deine Familie. So in der Art. Tun unser Bestes…“
Für einen flüchtigen Moment wollte K´chen herzlich loslachen. Er, der Patenonkel und die Schwester teilten etwas Vertrautes, das über ihre familiäre Beziehung hinausging. Beinahe bildete der Junge sich ein, dass sie schon immer eine Familie gewesen wären, aber die Rollen neuerdings irgendwie vertauscht waren.
Trics seiner „Liebeserklärung“ an Prisja folgende Unruhe lies K´chen nicht erkennen, ob sein Pate dieses flüchtige Gefühl ebenfalls gespürt hatte.
„Dann lasst uns abhauen“, wisperte der Junge.

Auf Zehenspitzen verließen die drei Trics Turm. Sie schlichen am Rande des Gauklerlagers entlang, wobei Tric und Prisja ihren jungen Freund stützten. K´chen lief wie in Trance zwischen den beiden, denn er konzentrierte sich auf einen Zauberspruch. Um diese Uhrzeit sangen schon nicht mehr die sprichwörtlichen frühen Vögel, sondern die etwas später erwachenden Arten. Deren Gesang nun verstärkte der Luftzauberer, damit er jedes andere Geräusch übertöne. Gleichzeitig lies K´chen eine zweite Komponente in den Zauber einfließen: Das beruhigende Gefühl, dass alles in Ordnung sei, weil die Vögelchen doch so lieblich zwitscherten und man sich über nichts Sorgen zu machen brauchte. Eingelullt durch die Illusion würden die Fahrenden weiterschlafen und eventuelle nicht von Morgenvögeln verursachten Geräusche ignorieren.

Als die drei die Straße erreicht hatten, stöhnte K´chen gequält. Seine erwachsenen Freunde schrieben es der Anstrengung zu, die eine selten geübte Zauberformel nun einmal mit sich brachte, zudem für ein Kind unter den Bedingungen ihrer Flucht! K´chen belies die zwei in ihrem Glauben. Er badete in ihrem durch liebevolle Blicke und kurzes Streicheln gespendeten Trost. Wozu klarstellen, dass die übertriebene Wonne, die sein Zauber heraufbeschwören hatte sollen, den Zehnjährigen beinahe erbrechen ließ? Am Ende hätten die beiden den Jungen noch deswegen ausgelacht! Nein, dann lieber den Erschöpften spielen.

Die drei hasteten die Straße entlang, bis endlich der Wald sie umfing und Trics Turm nicht mehr zu erkennen war.
Nachdem es nun kein Zurück mehr gab, drängte Prisja ihren Abschiedsschmerz in den Hintergrund und erkundigte sich tapfer, wie sich die beiden Zauberer das Reisen mit ihr denn nun vorstellten.
„Was, wenn ihr mich irgendwo in der Fremde zurücklassen müsst, weil ich rollig werde, aber die dortigen Karr mir nur dann helfen, wenn ich einen von ihnen heirate?“ <Solange ihr beiden bei mir seid, habe ich die Sippe nicht wirklich verlassen. Aber wenn auch ihr aus meinem Leben verschwindet… Bitte! Ich will das nicht!>
Tric hörte nicht die Worte, die sich unfreiwilig über Prisjas Geist hinaus ausbreiteten. Es spürte jedoch ihre Bedeutung, die „Färbung“ der Energie, die es erreichte.
„Ich sagte dir doch bereits während der Feier, ich wüsste eine Lösung für das Problem“, erwiderte es. „Und sie liegt in der Alchemie.“
„Ich muss irgendwelche Wässerchen und Pillen schlucken?“ Prisja lachte unsicher. „Wenn es so einfach wäre, warum tut es dann nicht jede? Nicht alle Mädchen wollen sofort heiraten, weißt du?“
Tric blickte Prisja ernst an.
„Aus deiner Frage nach dem Wann würde eine nach dem Ob überhaupt“, meinte es nach einer Weile. „Die betreffende Medizin ist mehr als nur ein Kräuterumschlag, der Zahnbeschwerden lindert. Sie vermag euer gesamtes Gesellschaftssystem auszuhebeln und in den damit einhergehenden Wirren jene mit in den Untergang reißen, denen sie eigentlich helfen sollte.“

Die Rolligkeitsphasen, denen sie unterworfen waren, ließen die Katzen in den Augen ihrer männlichen Artgenossen als der minderwertigere, würdelosere Teil ihrer Art erscheinen.
Obwohl einer weiblichen Karr grundsätzlich alle Wege offenstanden, die auch männliche Angehörigen ihres jeweiligen Standes beschreiten konnten, hatte sie es schwerer, sich in einem Gewerbe, einer Wissenschaft oder innerhalb der kirchlichen Hierarchie zu etablieren, denn ihr stets der Makel der Tierischkeit an. Die meisten betätigten sich in den typischen Frauenberufen als Jägerinnen, Soldatinnen oder Hausfrauen und mussten es hinehmen, dass ihre Ehegatten ihre Einnahmen verwalteten und Dokumente unterzeichneten.
Was würde sich an dieser Aufteilung der Welt ändern, gäbe es eine Medizin, welche die Trübung der weiblichen Urteilsfähigkeit während der rolligen Tage aufhob? Wenn die waffentragende Hälfte der Bevölkerung mit einem Male das dazu passende Selbstbewusstsein entwickelte? Möglicherweise gar nichts. Karr waren Gewohnheitstiere, wie man so schön sagte.

„Zudem kann sie dich auf den Scheiterhaufen bringen“, ergänzte Tric seine Worte.
„Was?!“
Tric grinste über das ganze Gesicht. Dann klärte es Prisja auf: „Wenn du dich für das Zölibat entschieden hast und dabei ertappt wirst, den Trank eingenommen zu haben, um deinen Schwur einhalten zu können.“
„Ach so!“
Aufgrund ihrer Rolligkeit konnten weibliche Karr eigentlich nicht Zölibatinnen werden. Kam es trotzdem vor, so war die Frau entweder krank, eine Betrügerin oder eine Teufelsbündlerin. Aber da sich auch nur die wenigsten männlichen Priester für ein Leben ohne weltliche Lebensgefährtin entschieden, wog ihr Nachteil zumindest auf diesem Gebiet nicht sonderlich schwer für die durchschnittliche Dorfpfarrerin.
„Mit dem Trank der Ruhe wurde in Kirchenkreisen und im Erbrecht viel Schindluder getrieben“, eröffnete Tric den beiden Karr. „In Alpland ist er daher verboten, darf weder hergestellt noch gehandelt werden.“
K´chen hob den Kopf. „Darf man das Zeug trinken?“ fragte er.
Anerkennung flutete aus Trics Geist direkt in K´chens. „Die Einnahme ist nicht verboten, das hast du richtig erkannt“, bestätigte der Zauberer.
„Und woher bekommen wir dein Wundermittel, Tric? Wenn man es doch nicht brauen oder kaufen darf?“
„Die Magierinnen, die den Trank ursprünglich erfunden haben, um frei von der Notwendigkeit, eine Ehe schließen zu müssen, ihre Leben der Forschung zu widmen, die wollen natürlich nicht darauf verzichten,“ gab Tric Auskunft. „In einem Dorf ganz in der Nähe lebt eine Zauberin, die weiß, wie man die Medizin anmischt. Ich werde sie fragen, was sie dafür verlangt, mich die Rezeptur zu lehren.“
„Und dann stellst du den Trank für mich her und machst dich damit strafbar“, meinte Prisja traurig. „Unser Leben wird von nun an wirklich völlig anders sein…“

„Ja“, murmelte K´chen. Auch er sehnte sich nach seinem alten Leben. Geistesmagie hin oder her, sein Studium an der Akademie war alles, was er bisher gekannt hatte und alles, was er sich wünschte. Tric wiederum schmerzte es, seinen festen Beobachtungspunkt und seine über die Jahre hinweg gesammelten Aufzeichnungen aufgeben zu müssen und vor Prisjas Augen tanzten die Gesichter jedes einzelnen Sippenmitglieds.
Die drei teilten ein Gefühl, das in den Bühnenstücken niemals zum Ausdruck gebracht wurde: Sich auf eine große Reise zu begeben, die das Schicksal der Welt zu ändern vermochte, fühlte sich nur davor und vielleicht wieder danach edel und her an. WÄHREND man sich auf dieser Reise Queste befand, war es einfach nur <Scheiße!>.

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