(MdG) „Die Bäume halten Felsen fest“

Das Königreich Alpland erschien auf einer Landkarte viel größer, als es eigentlich war. Ein bewaldetes Hochgebirge mit vielen Schluchten und Höhlen dominierte das Reich. Städte lagen weit auseinander, regelrecht isoliert, sobald genug Schnee gefallen war. Ein großer Teil des Landes war schlichtweg unzugänglich.
Oftmals mussten die Reisenden schmalen Pfaden folgen, die nur deswegen als solche erkennbar waren, weil die drei sie dazu erklärten. Der Weg zum Dorf von Trics Zaubererbekannten war ein solcher. Doch zum ersten Mal war etwas, das sich K´chens Freunde vornahmen, nicht mit weiteren Komplikationen verbunden. Sie erreichten die Alm, schlossen ihr Geschäft ab und befanden sich bereits wieder auf dem Rückweg, ehe sie sich richtig angekommen fühlen konnten.
Nun ging es wieder bergab, zurück zur Hauptstraße. Prisja spielte mehr mit ihrem neuen Wanderstab, als dass sie ihn als Hilfsmittel verwendet hätte. Auf Anraten der Zauberin hin hatte die Gauklerin diesen Eichenstab im Dorf erworben, mit dem sie sich im Notfall auch gegen Straßenräuber würde verteidigen können. Eine Katze, die keine Waffe führte? Und wenn ihr Begleiter auch tausendmal ein Schwert besaß, dieser Gedanke war der Dorfältesten zu merkwürdig erschienen!
K´chen seinerseits trug eine neue Schleuder am Gürtel. Nicht, weil er noch ein Kind war, sondern weil ein Bogen einfach viel zu teuer gewesen wäre. K´chens Schleuder bestand nicht mehr aus einem gegabelten Ast und einem Stück Schnur wie das Spielzeug aus Kindertagen. Das neue Modell war eine Konstruktion aus einem verdrehten Lederriemen und einer Kelle, die eigens dafür angefertigte Projektile verschoss. Doch diese wertvollen Kugeln hob der Junge für den Notfall auf. Bei der täglichen Jagd auf Kleinwild und Vögel würden es herkömmliche Steine tun müssen.

Die Umgewöhnung vom zwar auch nicht ungefährlichen, aber bequemen Reisen im Wagen zu einer Wanderung auf ihren eigenen Füßen fiel Tric, Prisja und K´chen nicht leicht. Doch so strapaziös ihre Reise den dreien auch vorkam, sie fanden immer wieder Momente, in denen sie den Ausblick genießen, Anekdoten austauschen oder einfach nur herumalbern konnten. Und obwohl zumindest Tric die beiden anderen seit Jahren kannte, gab es immer wieder etwas Neues zu erfahren.
„Nicht jede Rolligkeit führt zu einer Schwangerschaft“, klärte Prisja den Zauberer gerade über ihr Volk auf. „Aber sie tötet die Katze, die ihr Lager nicht mit einem Kater teilt.“
Das Himmelsschwing blieb skeptisch: „Möglicherweise erzählen eure Männer euch das nur, um euch leichter unter Kontrolle zu halten. Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie das Leben in einer geschlechtlich zweigeteilten Art aussieht. Ist es nicht ebenso so schwierig, wie wenn sich zwei Fürsten mit ihren jeweiligen Untertanen dieselbe Stadt teilen müssten? Früher oder später will einer der alleinige Herrscher sein und selbst wenn nicht gibt es täglich Reibereien.“
„Hehe“, kicherte Prisja. „Ja, das ist ein guter Vergleich.“
Verständnislos schüttelte Tric den Kopf. „Verrückt, wie ein Volk sich selbst fremd bleibt und das noch für normal hält…“

„Wie ist das eigentlich bei euch?“ mischte sich K´chen ein. „Haben Himmelsschwingen kein Geschlecht oder sind sie beides?“
Tric musterte den Jungkater. Ein Teil von ihm beharrte darauf, seine Antwort nicht mündlich geben zu müssen, weil ein anderes Medium die Information viel unmittelbarer übertragen könne. Doch dieses Medium stand dem Zauberer nicht offen, jedenfalls nicht bewusst. Daher erwiderte Tric: „Beides. Das weiß du auch. Was möchtest du denn nun wirklich wissen?“
K´chen druckste ein wenig herum. „Naja“, meinte er dann. „Wer von beiden bekommt denn nun das Kind?“
„Beide natürlich“, antwortete Tric ohne zu Zögern. „Es sind zwei Eltern, daher muss es auch zwei Kinder geben. Sonst würden wir ja immer weniger!“
„Heißt das, du hast einen Bru…“ begann K´chen, doch seine Schwester ließ ihn nicht ausreden. „Sh, Mondensohn“, rügte sie ihn, von einem vorwurfsvollen Brummen unterlegt.
Trics Facettenaugen schienen ein klein wenig trüber als sonst in die Welt zu blicken, doch der Moment verging. „Schon gut“, meinte es dann. „Ich erinnere mich nicht an meine frühe Kindheit, K´chen. Meine Eltern und meinen Zwilling habe ich nie kennengelernt. Vielleicht gab es nie einen, weil mein Vater das Ei noch im Bauch hatte… Nachzuvollziehen war meine Herkunft schon nicht mehr, als ich noch im Waisenhaus lebte. Ich denke, meine Verwandten sind alle tot. Aber da ist keine Trauer um sie in mir, mein Freund. Da ist überhaupt nichts.“
Prisja öffnete ihren Mund ein klein wenig, eher vor Mitgefühl als, um etwas zu sagen. Eine Hand auf die Schulter ihres kleinen Bruders legend, suchte sie mit der anderen Trics Klauenfinger.
„Prisja!“ lachte Tric. „Es besteht wirklich kein Grund, mich trösten zu wollen! In meinem Leben gibt es genug reale Verluste, ohne dass ich mein Herz mit Gedanken an völlig fremde Personen beschweren müsste!“

Gern hätte Prisja den Wahrheitsgehalt dieser Worte überprüft. Doch die Magie des Geistes entzog sich ihrem bewussten Zugriff. Ganz verlassen hatte sie die beiden Kinder noch nicht, doch wurde sie bereits schwächer in ihnen. Gleich den schweren Steinen aus den Märchen, die man immer wieder halbieren konnte, ohne dass sie jemals ganz verschwanden, weigerte sich der Funke der Geistesmagie, gänzlich zu verlöschen. Immer wieder wurden sich die drei einzelner Gefühle ihrer Mitreisenden bewusst oder sahen Erinnerungsfetzen aufblitzen.
Wie störend, ja gefährlich, das im Alltag sein konnte, wurde den Reisenden bald klar. Wenn der Pfad vor ihren Füßen steil abfiel, zu ihrer Rechten ein Abhang gähnte und zur Linken eine Felswand aufragte, dann war es nicht sonderlich hilfreich, K´chens Studentenkammer in allen Details vor Augen zu haben. Zudem wurde K´chen seine Aura der Niedlichkeit zunehmend unangenehmer. Regelrecht schlecht wurde ihm davon, wie er betonte! Sich ihrer zu bedienen, um sein Leben zu retten – jederzeit wieder. Aber sie im Alltag mit sich herumtragen? Niemals!
Kurz und gut, die Kinder mussten einfach in den Griff bekommen, was mit ihnen vor sich ging!

Ein lautes Knirschen zu ihrer Linken ließ die drei aufhorchen. Einem Instinkt folgend trat Tric zwei Schritte auf den Abgrund zu, warf sich hinunter und schoss in die Höhe. Erst nachdem es diese sichere Position eingenommen hatte, begann es sich umzusehen.
Bewundernd faltete Prisja ihre Hände bei dem Anblick. K´chen griff nach oben, riss Prisjas Hände auseinander und zerrte den Arm der Schwester herum. Mit deren eigenen Fingern deutete er die Felswand hinauf.
„Schau!“
Dort oben hatten sich mehrere kleine Steine gelöst, die nun den Berg herab kullerten. Doch diese Kiesel waren nur der Anfang. Eine Staubwolke und das zunehmend lauter werdende Poltern kündigten einen größeren Steinschlag an.
„Zurück!“ schrie Tric. „Den Weg zurück woher wir gekommen sind!“
Schon kamen die aus den höheren Hanglagen in die Tiefe stürzenden Gesteinsmassen in Sicht. Einzelne Brocken wurden aus ihrer Bahn geschleudert und sprangen voran.
Prisja verlor keine Zeit. Sie ergriff nun ihrerseits K´chens Handgelenk und zerrte den Bruder hinter sich her. Tric seinerseits legte seinen Körper flach in den Wind und schoss auf die Geschwister zu. Bereits Prisja war zu schwer für das Himmelsschwing, doch zumindest K´chen vermochte es zu tragen.
Verbissen, unsicher, ob ihre Anstrengungen genügen würden, die Gefahrenzone hinter sich zu lassen, hasteten die drei den Pfad hinauf. Der aufgewirbelte Feinstaub erreichte die Fliehenden. Bald sahen sie die Welt nur noch wie durch dichten Nebel. Ein kleinerer Stein traf Tric am Fuß. Es hörte K´chen erschrocken aufschreien, aber keinen Ton von Prisja. Dafür schlug Trics Herz bis zum Hals. Einem Hasen rasch den Todesstoß zu versetzen war etwas anderes, als mit K´chen im Arm in Höchstgeschwindigkeit zu fliegen.
Trics vor den Toren Markzats empfangene Wunde stach und es konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken. Im selben Moment begann sich K´chen in den Armen seines Retters zu winden. Der Junge stieß Tric von sich in Richtung Abgrund. Er kam auf dem Boden auf, versuchte sich aufzurappeln, musste sich aber sofort unter einem weiteren Geröllbrocken ducken. „Flieg, Narr!“ schrie K´chen, bevor er endlich weiter den Pfad hinauf rannte.
Doch genau das vermochte sein Pate nicht. Tric hing in der Luft, einigen weit springenden Steinen ausweichend, unfähig, die Gefahrenzone zu verlassen und damit die Geschwister im Stich zu lassen.

So schnell, wie er gekommen war, legte sich der Gesteinsregen auch wieder. Die Sicht klarte auf und Tric schwirrte auf den Gebirgspfad zu.
K´chen war gestolpert und laf auf dem Bauch, seinen Hinterkopf mit den Händen schützend. Er richtete sich von selbst auf, als er Tric neben sich landen sah.
Die beiden dahen sich um. Der Weg vor ihnen war nun mit Geröll bedeckt, schwierig zu begehen, aber nicht unpassierbar. Was jedoch viel wichtiger war, wo war K´chens Schwester abgeblieben?
„Prisja…?“
Die beiden fanden ihre Begleiterin eng an die Felswand gepresst. Prisja zitterte, war aber wohlauf.
„Man sollte denken, ein Pflanzenzauberer sei im Wald der beste Schutz, den man sich vorstellen kann!“ bemerkte K´chen. Es lag keine Anklage in den Worten des Jungen, nur freundschaftliche Frotzelei, dennoch fühlte sich Tric ins Innerste getroffen.
„Ich… ich versuche, es besser zu machen“, stotterte es. „Nein, ich verspreche es!“
„Das war ja auch nicht gerade eine typische Waldgefahr“, verteidigte Prisja den Zauberer. „Steine sind keine Bäume. Die paar, die da oben am Hang wurzeln…“
Tric untebrach die Rede der Gauklerin: „Prisja, du bist göttlich! Das ist es!“
„Was ist was?“ Prisja schüttelte ihre lange, mähnenartige Haarpracht. „Sind Steine jetzt neuerdings Bäume? Lass uns lieber dem Heiligen Ninurta für unsere knappe Rettung danken und weiterreisen!“
Der Held der Berge, Ninurta, wurde in der Liturgie stets als Himmelsschwing mit den Muskeln eines Karr dargestellt. Mit diesen starken Armen hätte er die beiden Kinder außer Gefahr tragen können. Tric hatte es nicht vermocht, doch war sich der Zauberer nun sicher, etwas ähnlich nützliches beitragen zu können.

Durch kaum sichtbare Schlitze zog Tric seine Flügel wieder unter sein Jagdhemd. Es mochte das tröstliche Gefühl der Geborgenheit, wenn sie sich um seine nackte Haut legten. Einmal dem Ei entschlüpft, ersetzten die Flügel einem Himmelsschwingküken die schützende Schale.
Solcherart psychisch gewappnet drückte Tric seine Handflächen gegen die Felswand. Der Pflanzenzauberer öffnete seine Sinne für das Leben hier oben. Alle Lebewesen waren mit Ki verbunden, und als Zauberer verfügte Tric über einen Zugang zu diesem Netzwerk, den er nun durchtrat.
Es trotzten in der Tat nur wenige Bäume dem Steilhang. Ihre Wurzeln lagen teils offen, teils gruben sie sich in die dünne Schicht Mutterboden ein, die mit dem losen Gestein vermengt war. Tric erinnerte sich an ein Kinderlied, das es im Waisenhaus gelernt hatte: „Die Felsen halten Bäume fest und auch so manches Adlernest.“ In Wirklichkeit war es andersherum: Die Bäume hielten mit ihren Wurzeln den Hang stabil. Jemand musste sie lediglich dazu überreden, dieser Aufgabe ihre ganze Aufmerksamkeit zu widmen. Tric tastete nach das Gebirge durchziehenden Erdlinien. Es fand nur wenige Äderchen, doch ihre Macht genügte für seine Zwecke.
Der Zauberer versetzte dem magischen Geflecht einen gezielten Stoß! Wie Fadenwurzeln von einer großen ausgingen, strömte Kis Energie daraufhin aus den Erdlinien heraus und in dünnen Fädchen durch den Fels. Wo die Fäden auf die Baumwurzeln trafen, veränderten sie das Holz. Es wuchs in die Länge, wurde beweglicher, ohne dabei an Kraft einzubüßen.
Tastend, prüfend, machte Tric/Baum die gefährlichen Stellen des Berghanges ausfindig. Der Zauberer befand sich in den Bäumen, wie die Finger eines Puppenspieler in einer Handpuppe steckten: Nicht besonders elegant, aber es lies sich damit arbeiten. Tric ließ die Wurzeln sich neu ausrichten und dann wie mit Krallenhänden zupacken. Einmal programmiert war die Bewegung beliebig oft reproduzierbar. Überall, wo die solcherart präparierten Wurzeln zugriffen, wurde der Hang stabilisiert.
Lächelnd trat Tric von der Felswand zurück. „Meine Magie wird uns voraus wandern und unsichere Stellen sicher machen“, erklärte es. „Aber das kostet mich einiges an Konzentration. Ich werde nicht der gesprächigste Reisegefährte sein.“
„Und auch nicht der Hellste“, kommentierte K´chen.
„Danke!“ sagte Prisja. Ihrem Bruder hingegen versetzte sie einen Klapps.
„Na, ist doch wahr!“ beschwerte sich K´chen, fiel dann aber artig in den Dank ein.

Durch Trics Zauber geschützt erreichten die drei Reisenden heil an Knochen und Gliedern das Tal. Sie standen nun wieder an derselben Stelle, an der sie die Straße am Vortag verlassen hatten, um das abgelegene Dorf aufzusuchen.
„Ich bin ja kein Fährtenleser“, meinte K´chen, „Aber wenn der Zug des Königs hier vorbeigekommen wäre, während wir die Alm besucht haben, die Spuren könnten doch nicht mal wir übersehen? Oder, Tric?“
Der Zauberer nickte geistesabwesend. Die Gauklerin beschlich das Gefühl, es tat es nur, weil ihr Bruder aufgehört hatte, zu sprechen.
„Tric…“ flüsterte Prisja. „Du kannst jetzt loslassen!“
„Oh… ja.“ Tric zog seinen Geist von den Erdlinien zurück. Der Zauber löste sich auf.
„Über lange Zeit aurechterhaltene Zauber können tückisch sein“, dozierte K´chen. „Ich glaube, Ki mag die Gesellschaft von Zauberern und Magiern. Daher lässt sie uns ungern gehen.“
Tric sah das skeptischer: „Vielleicht hat sie uns auch nur gern dort, wo sie sehen kann, was wir tun und ihr keine bösen Überraschungen bescheren. Doch dem sei, wie es sei, ich denke, wir sollten hier rasten und die letzten Stunden Tageslicht nutzen, um uns etwas zu essen zu suchen. Nicht nur, weil ich möchte, dass unser Proviant so lange wie möglich hält. Etwas Frisches wird uns auf den Schrecken hin gut tun!“

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