(MdG) Glaube, Hoffnung und Bärenfallen

Die Geschwister mussten Tric versprechen, sich nicht so weit voneinander oder dem Himmelsschwing zu entfernen, dass sie außer Sicht gerieten.
Um diese Jahreszeit gab es reichlich wildes Gemüse und Pilze im Wald zu finden, so dass der Zauberer sich sicher war, auch innerhalb des eingeschränkten Suchradiuses innerhalb angemessener Zeit eine Mahlzeit zusammenzubekommen. Seine pflanzenbezogene Magie einzusetzen, würde dem Himmelsschwing bei diesem Unterfangen allerdings nichts nützen. Zwar konnte Tric Stängel zum Tanzen, Wurzeln zum Zugreifen und Blütenkelche zum Öffnen bringen, es vermochte auch die Größe eines Gewächses zu manipulieren, doch die über ein Jahr des Wachstums in ihren Früchten angereicherte Sättigung ließ sich nicht innerhalb weniger Minuten herbeizaubern. Trics Pflanzen daheim waren gesünder und prächtiger als nicht magisch gehegte Exemplare. Sie warfen allerdings nicht spontan Früchte ab, wenn den Zauberer das Verlangen nach einer Obstmahlzeit befiel.
Versonnen bröselte Tric Erdkrumen zwischen den Fingern, während es die Gegend absuchte. Der Waldboden war an dieser Stelle von Erdlinds genannten Würmern aufgewühlt. Diese Stelle des Waldes musste daher als Paradies für Angler auf der Suche nach Köderwürmern gelten. Trics Gedanken wanderten von den Linds zu den Flüssen, Bächen und Seen des Königreiches und schließlich zum Wasser als Element. ‚Wenn ich schon Einfluss auf das Pflanzenreich ausübe, wie viel mehr könnte ich dann erst gemeinsam mit einem auf Wasser spezialisierten Zauberer erreichen?’ dachte es. ‚Zu schade, dass K´chen sich für ein anderes Element entschieden hat.’
Ob sein Patensohn wohl unbewusst ansgestrebt hatte, seinem geflügelten Mentor möglichst ähnlich zu werden? Tric schob den Gedanken von sich. Mit seiner unschuldigen Frage nach einem Geschwisterkind des Himmelsschwings hatte der Junge bereits genug ausgelöst. Nein, Tric vermisste die Gesellschaft dieser unbekannten, womöglich irgendwo am anderen Ende der Welt glücklichen, Person nicht. Was es allerdings nicht davon abhielt, von einem Wasserzauberer-Zwilling zu phantasieren, der seine Liebe zur Gartenarbeit teilte.

Über seine Tagträume versäumte Tric, seinen Patensohn weiterhin zu beobachten. Wäre es K´chen aufgefallen, er hätte seine Schritte vorsichtiger gesetzt, sich nur im engeren Umkreis bewegt. Der tiefe Wald mit seinen dem Kind bislang unbekannten Geräuschen und Gerüchen ängstigte Zakets Sohn. In der Gesellschaft der beiden Älteren trat diese Furcht nicht zutage. Auf sich allein gestellt hingegen, dessen war sich K´chen sicher, hätte er seine Queste nach in der ersten Stunde abgebrochen. Doch das brauchten die beiden anderen ja nicht unbedingt zu wissen…
Sich noch immer von seinem Paten aus der Entfernung beschützt wähnend, strolchte K´chen unbefangen durch das Unterholz. Prisja hatte schon eine Schürze voller Pilze gesammelt und er nicht eine einzige braune Katzenbeere? Das konnte der Junge nicht auf sich sitzen lassen!
Forsch schlug K´chen niedrig hängendes Geäst zur Seite, wo es seinen Weg behinderte. Er hüpfte über Wurzeln, kickte übermütig Steine beiseite, stieg auf den Stamm eines gestürzten Baumes, stieß sich zum Sprung ab – und schrie auf!
K´chens Zehen standen kurz davor, wieder auf dem Boden aufzukommen, als dem Jungen auffiel, wohinein er da sprang: Gut verborgen öffnete zu seinen Füßen eine gespannte Bärenfalle ihr zahnbewehrtes Maul. K´chen würde direkt darin landen. Er sah es vor sich, ohne etwas dagegen unternehmen zu können.
„Neeeeeeeeeiiiiiiiiiiiiiiii!“ schrie K´chen, während sich Sekunden zu Ewigkeiten zu dehnen schienen. Schon spürte er den weichen Waldboden unter seinen Zehen. Seine Fußsohle berührte die Mittelachse der Falle. Die schnappte unbarmherzig zu! Näher und näher kamen die metallenen Spitzen K´chens Waden. Doch bevor sie sich in ihren Fang hineinbohren und ihn festhalten konnten, hielten die beiden Fallenhälften in ihrer Bewegung inne.
K´chen konnte sich nicht über die Rettung im letzten Moment freuen. Er stand wie erstarrt, unfähig, sich zu rühren. Wie sehr er sich auch bemühte, der Schock musste ihm wohl zu tief in den Gliedern stecken, um auch nur zu blinzeln.
‚Das ist nicht normal, das muss Magie sein’, dachte der Junge. Zu mehr als Denken war er nicht in der Lage. Er stand am ganzen Körper paralysiert in der ebenfalls in der Bewegung erstarrten Bärenfalle. Selbst seine Lunge hatte aufgehört, sich zu dehnen und wieder zusammenzuziehen. Dennoch spürter der Junge keinen Schmerz. Er spürte genaugenommen überhaupt nichts mehr von seinem Leib, obwohl er noch fest darin verankert war.

K´chens Augen starrten unverwandt weiter in die Richtung, in die sie geschaut hatten, bevor die merkwürdige Lähmung von ihm Besitz ergriffen hatte – also nach unten. Er hörte Schritte, die rasch näher kamen, glaubte, Trics leisen Gang darin zu erkennen, wurde jedoch eines Besseren belehrt.
Ein Paar nackter, schwarzbefellter Karr-Füße erschien in K´chens Blickfeld. Der Besitzer der Füße stank nach Wald, nach Schweiß und nach altem Leder.
Der Fremde bückte sich. Von unten herauf blickte er den Jungen an. „Ich weiß, dass du mich hören kannst“, sprach er. „Hör zu! Ich werde gleich die Zeitsperre aufheben, dann schnappt die Falle zu, aber du wirst nicht rechtzeitig genug herausspringen können. Ich stopfe daher jetzt zwei Hartholzkeile zwischen deine Beine und die Zähne. Das sollte dich retten, schmerzhaft wird die Sache allerdings trotzdem.“
Prüfend musterte der Karr K´chens Gesicht. Eine Reaktion auf seine Worte erwartete er in den gelähmten Zügen nicht finden, wohl aber eine allgemeine Einschätzung von K´chens Gesinnung. Wer war dieser kleine Bursche, der hier im Wald herumstreunte? Hatte er es mit einem tapferen oder einem weinerlichen Jungen zu tun?
Die Prüfung schien zur Zufriedenheit des Fremden ausgefallen zu sein, denn er lächelte und erklärte: „Ich denke, du bekommst das hin.“

Wie angekündigt brachte der Karr zwei hölzerne Pflöcke in Position, als plötzlich weitere Schritte und aufgeregte Rufe zu hören waren:
„Wer bist DU?“
„Was TUST du da?“
Am liebsten hätte K´chen vor Erleichterung den Atem ausgestoßen und gejubelt! Das waren Prisjas und Trics Stimmen! Seine Begleiter waren ihm zu Hilfe geeilt!
„Später“, erwiderte der Barfüßige, ohne sich zu den beiden Ankömmlingen umzudrehen. Im Hocken schlug er ein Kreuz vor seinem Körper. Sofort im Anschluss daran spürte K´chen die Kontrolle über seinen Körper zurückkehren. Im selben Moment schloss sich auch die Falle! Der erste Keil hielt, der zweite jedoch wurde von der Wucht des zuschnappenden Eisens zermalmt. Die Zähne drangen in K´chens Haut ein – nicht tief, aber schmerzhaft genug, um dem Opfer ein Wimmern zu entlocken.
„Da wird eine neue Hose fällig“, kommentierte der Barfüßige. „Ich empfehle Leder.“
K´chen streckte seine Arme aus. Tric trat an seine rechte Seite, Prisja an die linke
„Gut mitgedacht!“ lobte der Fremde. „Sobald ich die Falle aufhabe, zieht ihr ihn raus!“
„Ich könnte dir mein Schwert als Hebel anbieten“, begann Tric, doch der Waldbewohner winkte ab. Er verharrte weiterhin in Hockstellung. Nun fixierte er die Bärenfalle ebenso intensiv wie vorhin K´chens Gesicht. Der Karr hob die Hand zum Mund, bewegte sie vor und zurück, als wolle er ein Gähnen kaschieren. Dann reckte er den Kopf in den Nacken und gähnte tatsächlich – herzhaft, langanhaltend und so offensichtlich gespielt, dass die Schauspielerin Prisja darüber lachen musste.
Doch noch während des Gähnens öffneten sich wie von Zauberhand die Zangen der Falle.

Tric und Prisja hoben K´chen zur Seite. Während das Himmelsschwing die Hose des Kindes noch weiter aufriss, um die darunterliegenden Verletzung zu inspizieren, trat Prisja auf den fremden Karr zu. „Bist du ein Priester, Vater?“ fragte sie.
Der Fremde nickte. „Gott der Herr wandelte einst als Lebender unter uns. Nicht als Karr, sondern als Mensch natürlich, aber ich behaupte, die Erfahrung war ähnlich. Er erinnert sich daran, wie hart das Leben sein kann und ermöglicht meinem Stand kleine Wunder wie dieses. Wenn wir denn stark genug glauben.“
K´chen fuhr herum. „Das soll ein Wunder gewesen sein?“ lachte er. „Du hast gegähnt und weil das ansteckend ist, hat die Bärenfalle mitgemacht?“
„Vieles in der Welt ist lustig, aber nichts lächerlich“, rügte der Priester das Kind.
Er trat dicht auf K´chen zu, baute sich vor ihm zu voller Größe auf. Der Kater war beinahe so groß wie Zaket und nicht weniger muskulös. Sein kurzes Fell war von blauschwarzer Farbe, die Augen von einem Gelbton, der einem Wolf alle Ehre gemacht hätte. Er trug eine fransenbesetzte Lederhose, eine ebensolche Weste und ein gewebtes Kragenhemd von kreuzförmigem Zuschnitt, das in einen knielangen Lendenschurz überging. Um die Taille hatte er einen Stoffgürtel geschlungen, von dem ein Jagdmesser in hölzerner Scheide sowie mehrere Beutelchen herabhingen. In dem Gürtel steckte ein Handbeil, halb Werkzeug und halb Waffe, dessen Axtblatt aus einem einzigen riesigen Kristall bestand. Es mochte sich um eine Atomwaffe handeln, überlegte Prisja.
Wie sich diese Aufmachung mit dem ehrenwerten Stand eines Klerikers vereinbaren ließ, erschloss sich den Reisenden nicht. Doch dass es sich bei ihrem neuen Bekannten um einen solchen handelte, verriet unmissverständlich das Kreuz aus Bergkristall, welches an einem Kettchen um den Hals des Karr baumelte. Kein in Kreuzform geschliffener Quartz oder Diamant wäre so klar geblieben, wenn ihn jemand, der nicht die Priesterweihe empfangen hatte, zu tragen versuchte.
Ein solcherart gesegneter Karr, ein Priester, dem Wunder gewährt wurden, sollte es nötig haben, sein Werk durch Gesten zu untermalen? K´chen fand das noch immer mächtig amüsant!
Dem geweihten Mann blieb die Belustigung des Kindes nicht verborgen. „Wie stark kannst du ohne Hilfsmittel an deinen Herrn und Vater glauben, kleiner Kater?“ forschte er. „In der Schlacht, wenn dir die Pfeile um die Ohren fliegen? Oder wenn einer in deinem Bein steckt?“
„Sehr stark, Vater!“ behauptete der junge Zauberer.
Der Prieser schüttelte den Kopf. „Das ist kein Glaube, sondern Hoffnung. Du wünschst dir, dass alles gut für dich ausgeht, sprichst vielleicht auch ein Stoßgebet, aber überzeugt davon, gerettet zu werden, bist du nicht. Denn sonst wären das Stoßgebet und der Wunsch ja überflüssig und du wandeltest in vollkommenem Seelenfrieden über das Schlachtfeld.“
„Das kann niemand!“ behauptete Tric.
„Stimmt – aber wir könnten es. Klerikale Magie beruht auf dem Prinzip, deinen Seelenfunken über die Materie zu stellen. Der Zeit zu entkommen, wie ich es dem Jungen vorhin für den kurzen Moment ermöglichte, bis ich ihn erreicht hatte. Die Seele ist rein, Himmelsschwing, vom Körper getrennt. Alles Vorstellbare ist für sie auch machbar, doch setzen uns unsere Körper und Lebenserfahrung Grenzen dessen, was wir uns vorstellen können. Gott der Herr ist keine Wunscherfüllungsmaschine. Nur, wenn wir so fest glauben, dass das Fleisch keine Macht mehr über uns besitzt, lässt er seine Wunder durch uns geschehen.“
K´chen senkte den Kopf. „Du hast mich aus der Falle befreit. Ich sollte dir dankbar sein, anstatt mich über deine Technik lustig zu machen…“ Gleich in der nächsten Kirche würde K´chen eine größere Summe spenden, erklärte er. Den Priester schien diese Absicht überaus zu belustigen. „Wolltest du nicht dem Herrn danken?“ fragte er. „Da gibt es einen direkteren Zugang: Bete mal wieder, kleiner Zauberer!“

K´chen srich über seine Weste mit der Sternenstickerei. Es freute ihn, anhand der arkanen Symbole sofort als Angehöriger seiner Art erkannt zu werden. Tric hingegen blieb wieder einmal unerkannt. Ihr neuer Bekannter stufte ihn als Leibwächter des minderjährigen Zauberers ein, wie seine nächsten Worte an K´chen bewiesen.
„Du und dein Söldner und die junge Frau hier – deine Schwester? – ihr drei könnt gern in meinem Heim übernachten“, bot der Karr-Priester an. „Das Abendessen steht auf dem Herd und ich könnte deine Wunde dort weitaus besser versorgen als hier im Wald. Nun, was sagst du?“
„Dass ich das Angebot ablehnen sollte, um dir keine Umstände zu bereiten“, erwiderte K´chen. „Aber dass das vielleicht wiederum unhöflich wäre. Also, ich würde schon gern mitkommen!“
„Dann folgt mir!“

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