(MdG) Die Einsiedelei

Tric, Prisja und K´chen hatten erwartet, zu einer Blockhütte im Wald geführt zu werden, doch stattdessen geleitete ihr neuer Bekannter sie zurück zum Fuß des Gebirges. Er strebte auf eine Stelle zu, die sich auf den ersten Blick in nichts von der restlichen Felswand unterschied. Ob der Kater sein Domizil weiter oben am Berg erbaut hatte?
Prisja beugte sich zu ihrem Bruder herunter. „Ich mag nicht schon wieder klettern“, wisperte sie ihm zu.
K´chen wollte bereits aus vollem Herzen zustimmen, als ihm etwas auffiel: Der Fels hier befand sich ja in Bewegung! Gleich einem zum Trocknen aufgehängten Laken bewegte sich die vor den Reisenden aufragende Wand im Abendwind.
„Hier wirkt Magie!“ frohlockte der junge Zauberer. „Luftmagie!“
Der Priester wandte sich zu seinen Gästen um. Er lächelte den Jungen an. „Genaugenommen handelt es sich bei der Magie um die Kunstfertigkeit eines Malers aus Markzat. Was du siehst, ist nichts weiter als eine…“
„…bemalte Plane“, beendete Tric den Satz. „Ich habe das allerdings auch erst zu spät bemerkt.“
„So ist es!“ Der Priester schlug die Plane zurück und befestigte sie, so dass der Eingang zu seiner Wohnstatt nun offen stand. Hinter dem Ledervorhang befand wurde eine natürliche Höhle offenbar, die dem Karr als Heimstatt diente. „Lasst uns das letzte Licht des Tages ausnutzen“, meinte er.

„So, und nun fühlt euch wie zuhause, Reisende. Wenn ihr etwas wissen wollt, fragt, und wenn ihr nach mir rufen müsst, dann nennt mich Botho.“
„Ich bin K´chen Mondensohn“, entschlüpfte es K´chen. „Und das ist meine Schwester Prisja.“
Tric blickte zu Boden. Unmutig schüttelte es den Kopf. Erst, als es den prüfenden Blick des Priesters auf sich ruhen und nicht weichen spürte, knurrte es: „Tric.“
„Wirklich nett, eure Städte“, kommentierte Botho, „wenn ihr dort gelernt habt, noch nicht einmal einem geweihten Mann Vertrauen schenken zu können.“
„Ich bin selbst kein Freund der großen Städte!“ beeilte sich Tric zu versichern.
Botho stieß ein freundschaftliches Lachen, unterlegt von einem tiefen Schnurren aus dem Bauchfell heraus, aus. Er legte dem Himmelsschwing seine Hand auf die Schulter. „Haha! Auf deine Weise bist du ebenso voller Unschuld wie deine jungen Freunde, Tric. Sei unbesorgt! Welche Bürde auch immer ihr drei mit euch herumtragt, für diese eine Nacht dürft ihr sie getrost vergessen. Solltet ihr überdies das Bedürfnis verspüren, die Beichte abzulegen, dann seid versichert, dass keines eurer Worte diese Höhle verlassen wird.“

Die vier betraten Bothos Heim. In an der Höhlenwand befestigten Haltern steckende Kerzen sorgten auch bei zugezogener Plane für ausreichende Beleuchtung.
Die beiden Karr-Geschwister begannen sofort ohne Scheu oder Zurückhaltung mit der Erkundung der Wohnhöhle. Keines der großen Katzenwesen hätte ein anderes Verhalten von seinen Artgenossen erwartet. Tric das Himmelsschwing streunte weniger aufgeregt durch Bothos Höhle als die beiden jungen Karr, doch unterzog es sie in seiner Weise einer nicht nicht weniger gründlichen Begutachtung.
Die Höhle maß in der Höhe etwa vier Meter. Bothos Gäste entdeckten mehrere Einkerbungen und Schlitze knapp unter der Decke, die ihnen wie von der Hand intelligenter Wesen verursacht erschienen. Was dort oben einmal befestigt gewesen sein musste, lies sich allerdings nicht mehr erahnen.
Über einem Herd im hinteren Teil der Höhle führte ein offenbar natürlicher Kamin in den Fels hinein. Eine geräumige Nische linker Hand des Eingangs war als Werkstatt eingerichtet. Hier lagen Werkzeuge für einfache Holz- und Lederarbeiten, außerdem ein Rahmen, auf den ein Gerber zu schabende Felle und Häute spannen konnte, sowie Federn, Pfeilschäfte und -spitzen.
Rechter Hand des Eingangs hatte Botho eine Sitzecke eingerichtet. Über zwei Regale verteilt sammelten sich persönliche Gegenstände, darunter auch einige Schriftrollen und eigenhändig zu Büchern gebundene beschriebene Blätter. Auf einem niedrigen Tisch lag eine gedruckte Bibel, ein Importpodukt aus der Faustienmagokratie.
Wo der Bewohner der Höhle schlief, konnten die Gäste nicht sehen, doch entdeckte Prisja hinter dem größeren Regal eine die Wand hinaufführende Strickleiter, die zu einem in diese Höhle mündenden Gang führte. Es stand zu vermuten, dass sich dort oben noch mindestens eine weitere Kammer anschloss. Einstmals musste an dieser Stelle ein kleiner Wasserfall ausgetreten sein. Prisja meinte sogar, die erodierten Überreste eines nun ausgetrockneten natürlichen Beckens am Fuß der Leiter erkennen zu können.

Botho legte seine kristallene Axt ab, während seine Gäste staunend in seinem Domizil herumstreunten. „Bevor ich mir diesen Ort herrichtete“, berichtete er, „haben hier Höhlenmenschen gelebt. Natürlich waren sie schon lange aus der Gegend fortgezogen, als ich herkam, sonst hätte ich es vermutlich nicht überlebt, in ihr Revier eingedrungen zu sein. Aber sie haben einiges zurückgelassen, das sich als nützlich erwiesen hat. Mein Beil ist eines dieser Relikte.“
Botho musste den Stiel bereits mehrfach durch einen neuen ersetzt haben. Wie alt das Axtblatt selbst war, ließ sich nicht sagen.
„Höhlenmenschen sind wahre Meister im Umgang mit Kristall und Edelsteinen“, fuhr der Priester fort. „Es heißt sogar, sie seien in der Lage, sie im Fels aufzuspüren.“
„Man erzählt sich viel über diese Bande“, warf Tric ein. „Mir genügt es, zu wissen, dass es sich bei den meisten Artefakten, die wir von ihnen besitzen, um Waffen handelt. Dinge, mit denen man sich gegenseitig die Gliedmaßen abschneiden kann!“
„Ja, da hast du Recht“, stimmte der Karr zu. „Lässt man die Schauermärchen außen vor, sollte uns allein diese Erkenntnis zur Vorsicht gemahnen.“

Botho schöpfte Wasser aus einem Vorratsfass und brachte saubere Tücher herbei. Er wies K´chen an, sich hinzusetzen und sein Bein auf dem niedrigen Tisch auszustrecken, damit er die Verletzung des Jungen versorgen konnte. Während er mit seinem Patienten beschäftigt war, erkundigte sich der Priester, welcher Konfession seine Gäste angehörten.
„Johannes!“ antwortete K´chen sofort, denn dies war die Glaubensrichtung, die in Markzat praktiziert wurde, der Stadt, die er als seine Heimat betrachtete.
„Er ist tatsächlich johannisch getauft“, stellte Prisja klar. „Im Fluss vor der Grafenstadt. Ich selbst folge wie der Rest der Familie dem Wulfila-Evangelium. Und wenn wir unterwegs fernab einer Kirche sind, wende ich mich an die Heilige Petronilla.“
„Ich glaube, sie haben mich im Waisenhaus auch getauft“, erklärte Tric. „Johannisch, nehme ich an. Und da ich in meinem Leben nicht viel herumgekommen bin, und nichts anderes kennengelernt habe, verehre ich den Herrn aus Gewohnheit nach der Art der Christen.“
Falls Vater Botho an diesen Worten Anstoß genommen haben sollte, so ließ er es sich nicht anmerken. In nüchternem Tonfall erkundigte er sich, ob das Himmelsschwing einen Heiligen verehre.
„Simrnmrngst“, knirschte Tric zwischen zusammengepressten Lippen.
Prisja entschlüsselte die Aussage dennoch mühelos und lachte! „Sie machen dir Angst, Tric? Ja, aber wieso denn?“
Das Himmelsschwing zuckte die Achseln. „Ich weiß, das ist albern, aber ich finde es nun einmal merkwürdig, wie sich Kater männliche Heilige wählen und Katzen weibliche. Sollte man nicht nach dem streben, was einem selbst zur Einheit fehlt?“ Hilfesuchend schaute Tric zu Botho. „Deswegen habe ich lieber gleich einen Engel gewählt, Michael, den Erzengel der Menschen. Ich interessiere mich sehr für unsere mystischen Vorfahren!“
„Ihr seid mir ja eine buntgemischte Truppe!“ schmunzelte Botho. Unverhohlene Sympathie sprach aus seinem Tonfall. „Dann nehmt mal Platz. Setzt euch!“

„Nein, wirklich, ihr solltet euch ausruhen. Seid doch die Wanderschaft nicht gewohnt!“ fügte der Kater hinzu, als Prisja schon in Richtung der kleinen Küchenzeile tänzeln wollte und Tric begann, den Esstisch freizuräumen. Vehement verwehrte sich Botho dagegen, Hilfe auch nur beim Tischdecken anzunehmen. Selbst dem zurückgezogen lebenden Tric ging schnell auf, dass der Priester jede Sekunde genoss, die er sich um Gäste kümmern durfte. Wieso lebte er dann hier draußen im Wald, fragte sich das Himmelsschwing? Ob wohl ein Gelübte dahinterstand?
Das Himmelsschwing fixierte seine Begleiter. Wenn es selbst schon die eigene Neugier kaum im Zaum zu halten vermochte, wie musste es dann erst den Geschwistern aus dem Volk der Karr ergehen? Und wie, dieser Gedanke stahl sich ungebeten in Trics Geist, schützte sich ein Geistesmagier dagegen, von solchen und ähnlichen Gefühlen schier erschlagen zu werden, wenn er sich in Gesellschaft befand? Wie überlebte ein solcherart begabtes Wesen in einer Großstadt wie Markzat? So viel gab es zu ergründen… Tric wünschte sich nur, er könne diese Forschungen allein aus wissenschaftlicher Neugier betreiben, anstatt zum Selbstschutz im Alltag dazu gezwungen zu sein.

Botho servierte seinen Gästen ein Gulasch aus Wild und Pilzen. Das Gericht schmeckte herb, nicht gut, aber auch nicht schlecht. Prisja bedauerte, dass sie sich nicht daran versuchen hatte dürfen es zu verfeinern. Eine ungewisse Zahl von Tagen, an denen das von ihr mitgeführte Beutelchen mit Salz das einzige Gewürz sein würde, das die drei kennen würden, lag vor den Reisenden. Nicht immer würden sie am Ende eines Tages eine Herberge zum Übernachten finden – und selbst wenn, so vermochte ein von der Hand in den Mund lebender Wanderer sich in einem Gasthaus nicht gerade die leckere Zuckertorte zu leisten. Die einzige Möglichkeit, sich etwas Geld zu verdienen, bestand in der Arbeit eines Tagelöhners – falls K´chen und Tric überhaupt einmal einen Tag ihrer Suche nach der Geistesmagie für solch weltliche Dinge zu opfern bereit wären.
Seufzend tauchte Prisja ihren Löffel erneut in die Schale mit dem Fleischeintopf.

„Und?“ erkundigte sich Botho, „Ich gehe davon aus, dass ihr wisst, wohin ihr möchtet. Aber wisst ihr auch, was auf eurer Reise vor euch liegt?“
Tric nickte, ebenfalls einen weiteren Löffel in den Mund schiebend. An seiner Stelle antwortete Prisja: „Ja, Vater Botho. Dieser Teil des Waldes wird Unheilswald genannt, das ist mir bekannt. Ich habe ihn schon oft durchquert, als wir noch mit den Wagen meiner Sippe unterwegs waren. Die Straße nach Markzat führt ja direkt hindurch.“
„Die Hauptstraße, ja“, meinte Botho. „Sie verbindet die Städte miteinander wird daher aus den Steuereinnahmen instand gehalten. Aber daneben gibt es eine Unzahl unwichtigerer Wege und natürlich die Pfade hinauf zu den Erzgruben. Seid ihr zu einer unterwegs? Ein Grubenzauberer kann sich heutzutage ein gutes Auskommen vedienen.“
K´chen schüttelte heftig den Kopf! Grubenzauberer?! So gab es also doch eine Existenz auf der Welt, die schlimmer war als die eines Bühnenzauberers!
Aber Botho hatte schon Recht, Zauberer wurden in den Zechen Alplands immer gern eingestellt. Die leicht zugänglichen Bodenschätze waren bereits von den Menschen in deren Epoche abgebaut worden. Was es noch an Schätzen der Erde zu erbeuten gab, bedurfte größter Anstrengung und bester Werkzeuge, um es ans Licht zu holen. Beim Bergbau handelte es sich also um eine gefahrvolle Arbeit, die allein durch den Einsatz von Zauberei überhaupt möglich wurde. Doch was blieb den Karr anderes übrig, als sich der Herausforderung zu stellen? Der ungleich härtere Stahl, den die M´Klaa produzierten, war so teuer, dass ihn sich nur die reichsten Adligen für ihre Leibwachen leisten konnten. Die Luftzauberer des Insektenvolkes trieben während der Verhüttung den Sauerstoff aus dem Eisen und stellten so den Klackerstahl her, dem aufgrund dieser Herstellunsgweise der Ruf anhaftete, ein magisches Metall zu sein. Trotz intensivster Forschungen war es noch keinem oberirdisch lebenden Magier gelungen, die Prozedur und die notwendigen Formeln zu rekonstruieren.
„Hätte der liebe Gott einen Bergknappen aus mir machen wollen, er hätte mir sechs Beine und ein Paar Fühler gegeben wie den Klackern!“ erklärte K´chen aus vollstem Herzen.
Trics eigene Fühler zuckten belustigt auf diese Worte hin. Es hob seine Hände. „Ein Paar Greifwerkzeuge zu wenig auch bei mir“, stimmte er K´chen zu. „K´chen und ich sind, jeder auf seine Weise, Kreaturen der Luft, Vater. Wir gehören ins Freie.“
„Ich wiederum sehe die Wolken noch früh genug, wenn ich in den Himmel abberufen werde“, erwiderte Botho. „Meine Heimat ist dieser Wald, Unheil hin oder her.“

„Ja…“ Tric gestikulierte mit seinem Löffel. „Wie kommt der Unheilswald überhaupt zu seinem Namen? Ich habe Prisja und ihre Sippe nun schon oft die Straße entlang nach Markzat eskortiert. Andere Wälder kenne ich nicht, die Fahrenden hingegen sehr wohl. Sie halten diesen hier für nicht bedrohlicher als die in anderen Landesteilen.“
„Tja“, meinte Botho. „das kann ich euch auch nicht sagen. Dabei leben ich schon viele Jahre hier im Unheilswald. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, Reisende vor seinen besonderen Gefahren zu schützen. Worin genau diese bestehen sollen, habe ich nie herausgefunden. Aber das sage ich euch: Selbst wenn es sich lediglich um eine im Laufe der Zeit aufgebaute Legende handelt, nagt doch die Angst am Wanderer, sobald er nur den Namen dieses Waldes hört. Dadurch werden Reisende fahriger, unfallgefährdeter, kurz, schutzbedürftiger als ohne dieses Wissen.“
Tric verstand das gut. Die Angst vor etwas konnte manchmal schlimmer sein, als das Ereignis selbst.

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