(MdG) Vater Bothos Einsichten

„Für eine Reise durch den Wald seid ihr korrekt ausgestattet“, erklärte Botho dem Trio im Anschluss an die Mahlzeit. „Ich würde euch dennoch gern ein paar Geschenke machen.“
Der schwarze Kater trat an seine Werkband an der gegenüberliegenden Höhlenwand. Er nahm einen hölzernen Köcher von der Wand, sortierte ein Dutzend Pfeile hinein und kam dann mit dem Köcher, einem Bündel Bogensehnen sowie einem Kurzbogen zurück.
„Ich habe noch einen Luftzauberer kennegelernt, der sich im direkten Kampf Mann gegen Mann wohlgefühlt hätte“, erklärte der Erwachsene, während er die Waffe und das Zubehör in K´chens Schoß legte. „Obwohl ich natürlich hoffe, dass du dein Geschenk nur dazu zu verwenden brauchst, Tric bei der Jagd zu unterstützen.“
Der kleine Kater war noch nicht einmal dazu gekommen, seinen Mund zu Worten des Dankes zu öffnen, da hatte Botho bereits einen Kampfstab mit metallbeschlagenen Enden von den Wand genommen. Diesen überreichte er Prisja.
Verblüfft sahen sich die Geschwister an. „Erst nur jeder ein Essmesser, dann die Schleuder und der Wanderstab, und nun das“, scherzte Prisja. „Pass auf, Bruder, wenn das so weitergeht, trage ich am Ende der Reise eine Hellebarde mit mir herum und du schiebst ein Katapult vor dir her!“
‚Wenn uns am Ende wirklich eine Verschwörung erwartet, könnte das sogar notwendigt sein’, dachte Tric. Es hätte seine Erkenntnis gern mit den Geschwistern geteilt, ohne ihren Gastgeber miteinzubeziehen, doch so sehr es sich auch bemühte, seine Gedanken wollten sich einfach nicht über Trics Kopf hinaus ausbreiten. Tric wusste einfach nicht, wie es das anstellen musste und so blieb es bei intensivem Wünschen in Verbindung mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck.

Das Himmelsschwing zwang sich zu einem Lächeln, als Vater Botho sich anschickte, nun auch seinen dritten Gast mit einer Gabe zu bedenken.
„Du besitzt bereits einen ein Schwert und einen sehr guten Speer, wie ich sehe“, meinte der Karrpriester. „Nimm statt einer Waffe das hier!“ Mit diesen Worten warf er dem Himmelsschwing ein Bündel Kleidung zu. „Und hier sind noch ein paar Flicken für K´chens Hose!“
Prisja nahm Lederstreifen und passendes Flickzeug aus seiner Hand entgegen. Um die Beinkleider ihres Bruders wollte sie sich später kümmern. Zuerst fand sie es viel spannender, Tric beim Auspacken seines Geschenks zuzuschauen.
Der Zauberer fand eine komplette Lederkluft in dem Päckchen vor. Hemd, Hemdbrust und Hose waren viel feiner gegerbt, als er es die Karr in Markzat oder den Dörfern, wo Tric sonst seine Kleidung zu erhandeln pflegte, vermochten. Im Gegensatz zu seiner eigenen Kleidung war diese hier auch nicht wildfarben, sondern grau und blau. Pelzbesatz fehlte völlig, dafür hatte der Schöpfer der Kleidunggstücke sie mit Federn, Holzperlen und Lederbändern verziert. Die Muster und Applikationen waren verspielt und strahlten doch gleichzeitig edle Würde aus, ein Widerspruch, der das Himmelsschwing bis ins Innerste berührte.
Der Zierrat wirkte ein wenig mitgenommen: hier und da war die Farbe von einer Perle abgesprungen und das Flechtwerk der Bänder ein wenig gelockert, ansonsten jedoch war die Kluft nicht im Mindesten abgetragen.
Tric probierte die Sachen unverzüglich an. Zu seiner Überraschung stellte es fest, dass sie wie angegossen passten. Wer immer die Kleidungsstücke angefertigt hatte, wusste mehr als nur wie ein Himmelsschwing aussah, sondern musste über Kenntnis darüber verfügen, wie man sich im Flug bewegte!
Wieso besaß Botho Kleidung in Trics Größe? Und dann auch noch eine Hemdbrust, ein Kleidungsstück, das allein für Himmelsschwingen typisch war? Die Frage entschlüpfte Prisjas Mund, kaum, dass sie ihr durch den Kopf geschossen war.
„Oh, die habe ich nicht selbst angefertigt“, gab Botho schmunzelnd Auskunft. „Die Sachen gehörten einem allzu frechen Lufträuber, dem ich sie abgenommen habe. Es musste nackt davonfliegen.“

„Ein echter Lufträuber…“ murmelte Tric. Also hatte ein anderes Himmelsschwing diese Kleidungsstücke vor ihm getragen. Der Zauberer versuchte, seine mit dieser Eröffnung verbundenen Gefühle zu ergründen. Bedeutete es ihm etwas, Produkte der Handwerkskunst jenes Volkes, aus dem es hervorgegangen war, zu tragen? Fühlte es sich seinen Wurzeln nun näher? Ferner? Nichts von alledem? Hatte es all die allein in seinem Turm verlebten Jahre lang womöglich doch etwas verpasst?
Vielleicht, möglicherweise aber auch nicht. Tric empfand eine tiefe, familiäre Verbundenheit zu Zakets Kindern, freundschaftliche Gefühle gegenüber dem Gauklerfürsten und emotionslose Verantwortung gegenüber den Schülern, für die er Gastvorlesungen hielt Darüberhinaus konnte ihm die Gesellschaft anderer Zweibeiner weiterhin gestohlen bleiben!

Botho seufzte verhalten. Er mochte nach außen hin dieselbe bizarre Mischung aus Jäger und Wirker übernatürlicher Kräfte wie Tric darstellen, doch sah es im Inneren des Karr völlig anders aus. Prisja war das sofort aufgefallen, nun wurde es auch Tric immer klarer und wäre K´chen nicht so in der Freude über seinen neuen Bogen gefangen, selbst dem kleinen Bücherwurm wäre es nicht entgangen.
Schließlich hielt es Prisja nicht mehr aus. „Du vermisst doch das Leben unter anderen Karr!“ sagte sie dem Priester auf den Kopf zu. „Warum quälst du dich so, indem du es dir selbst versagst?“

Botho zückte einen schmalen Kamm. Er fuhr wiederholt mit den Zinken durch seinen Pelz, richtete selbst noch den Flaum zwischen seinen Fingern und wiederholte die Prozedur an der anderen Hand. Solange er damit beschäftigt war, wurde die Antwort auf Prisjas Frage hinausgezögert…
Was in Trics Augen amüsant erschien, gar ein wenig an Stutzertum erinnerte, gehörte zum natürlichen Erbe der Karr: Ausgiebiges Putzen diente dazu, das seelische Gleichgewicht wiederherzustellen.
„Vater Botho…“ flüsterte Tric. „’Das ist allein meine Sache’ ist ebenfalls eine legitime Antwort! Du musst nicht…“
Der Karr schüttelte seine schulterlange dunkle Mähne. „Nein, Tric, es ist schon in Ordnung. Ich spüre, dass ihr drei euch mit Problemen herumplagt, die nicht leicht aufzulösen sind. Zur Abwechslung einmal eine Frage beantwortet zu bekommen, sollte euch gut tun.
Ich war Erzieher am königlichen Hof, wo ich die Königskinder, die Sprösslinge der Höflinge und die kleinen Adligen, die wir mit den Nachbarkönigreichen getauscht haben, zu unterrichten hatte. Ihrer Titel würdige Edeldamen und -männer sollte ich aus ihnen machen! Diese Aufgabe habe ich zu ernst genommen…“

Mit Staunen folgten die Karr-Geschwister Bothos Erzählung über das Leben am königlichen Hof. Nicht anders als Zakets Gauklersippe reiste auch der Hofstaat von Pfalz zu Pfalz. Eine einzige Heimat gleich Trics Turm oder Bothos Höhle kannten die Höflinge nicht. Man sagte, das ganze Land sei die Hütte eines Königs und dass es zu groß für einzige Schlafstätte sei. Die meiste Zeit des Jahres über beherbergten feste Mauern und Dächer den Hofstaat, doch handelte es sich um immer wieder anderen Mauern und Dächer. Das einzige, das sich nie änderte, das der Existenz dieser Karr Struktur verlieh, war das Hofprotokoll. Überlebenswichtige Regeln zum Verhalten auf Reisen gehörten ebenso dazu, wie in den Augen des Priesters sinnlose Festlegungen.
Und dann gab es da noch Normen, die nicht nur sinnlos, sondern der Entwicklung seiner Schützlinge abträglich waren. Wenn die Kinder beispielsweise zu Tisch saßen, durften sie erst dann zum Besteck greifen, wenn es der Kronprinz auch tat. Legte dieser Junge Messer und Gabel ab, galt die Mahlzeit als beendet, unabhängig davon, ob die restlichen Kinder oder die wenigen Erwachsenen am Tisch satt waren oder nicht. Ergeben hatten sich Kater, Katzen und Kitten seit Generationen in diese Zustände gefügt. Jedes Prinzchen hatte seine Macht ausgenutzt, um die von ihm Abhängigen zu piesacken. Doch in dieser Generation hatte es sich zugetragen, dass ein Hoflehrer namens Botho dem Kronprinzen des Reichs Alpland eine saftige Ohrfeige für sein Fehlverhalten versetze!

„Du hast was getan, Vater?!“ rief Prisja erschrocken aus.
„Er hat den Kronprinzen geschlagen!“ entfuhr es K´chen.
„Mit Macht kommt Verantwortung“, erklärte Botho achselzuckend. „Je früher der Junge das begreift, umso besser, dachte ich mir. Lernt er es nicht von mir, wird es ihm ein Krieg schmerzhaft nahe bringen – ihm und den Unschuldigen im Land. Und verinnerlicht er sich seine Lektion selbst dann nicht, wenn er auf dem Thron sitzt, erwartet ihn die Verdammnis im Jenseits. Eine hinter die Lauscher erschien mir dagegen das geringere Übel.“
„Das war keine Einzelerscheinung, richtig? Du hast den ganzen Mist nicht mitgemacht und wurdest des Hofes verwiesen“, fasste Tric zusammen.
Botho nickte. „Ja, so war es. Nach meiner Entlassung aus den Diensten des Königs zog ich durch Alpland, immer auf der Suche nach einem Ort, an dem ich mich niederlassen und meiner Berufung als Priester und Lehrer folgen konnte. Doch überall, wo ich hinkam, misstrauten die Domherren und die weltlichen Adligen gleichermaßen einem Mann, der des königlichen Hofes verwiesen worden war. Man duldete mich, doch unterlief mir der kleinste Fehler oder wurde generell ein Sündenbock gesucht, dann bekam ich die Ablehnung der rechtschaffenen Bürger zu spüren. Wenn ich nicht fortgeschickt wurde, richteten es die Lokalherrscher so ein, dass ich früher oder später von selbst ging.
Irgendwann war ich es einfach leid, in jeder neuen Stadt erklären zu müssen, wo ich herkam und warum man es dort nicht mir ausgehalten hatte. Ich suchte mir ein Heim im Wald. Seither habe ich schon so manches Leben gerettet. Aber damit brüste ich mich nicht, denn dieses Weiterleben kann stets nur der Anfang sein. Ich ziehe lediglich Genugtuung aus dem Wissen, diesen Seelen mehr Zeit auf Erden verschafft zu haben, um zu guten Menschen zu werden.“

Tric schüttelte den Kopf – nicht über Bothos Worte, sondern darüber, wie selbstverständlich die Menschen sich in Redensarten und Weisheiten der Karr tummelten. Ein „guter Mensch“ konnte jeder sein, ob nun Karr, Emubeni, Himmelsschwing oder was da noch an sprechenden Wesen den Erdkreis bewohnte. Man führte die Menschen im Mund, ohne sich ihrer wirklich zu erinnern. Wer waren diese Ebenbilder Gottes? Wohin waren sie verschwunden? Wann? Unter welchen Umständen? Und wie genau sah sie aus, die Verbindung zwischen den Kulturschaffenden der Gegenwart und der Menschheit? Wie war Tric mit Adam und Eva verwandt, wie mit seinem Patenkind K´chen und wie mit dem Emubeni-Kaufmann, der ihm in Markzat so kurz über den Weg gelaufen war?
Würde es ihm helfen, diese Fragen beantwortet zu bekommen, wenn es seine Weggefährten mit den Möglichkeiten der Geistesmagie betrachtete? Würde…
„Tric!“
„Huh? Oh!“ Tric fuhr zusammen. Wie tief es in seine Gedanken versunken gewesen war, bemerkte es erst jetzt, da Prisja es daraus herausgerissen hatte.
„Vater Botho hat uns etwas gefragt“, erklärte Prisja.

Tric blickte dem schwarzen Karr in die Augen. Es blinzelte, leicht verwirrt, jedoch ohne den geringsten Anflug von Schuldbewusstsein.
Botho wiederholte seine Frage: „Was treibt euch an, Reisende?“
„Wir wollen…“ begann Tric. „Wir glauben… es gibt Hinweise auf eine… Also, wir reisen dem König entgegen, da es sein könnte, dass in Markzat ein Attentat auf ihn verübt werden soll. Davor wollen wir ihn warnen.“
„Ihr?! Zwei Kinder und ein Söldner? Sind die Vorausgeworfenen Schatten wieder einmal zu beschäftigt damit, ihre Rollen in den Intrigen der jeweiligen adligen Familien zu spielen, die ihnen ihre Fresschen hinstellen?“ fauchte Botho. „Die Wappenlosen vergessen allzu leicht, dass ihre erste Pflicht in der Aufrechterhaltung der Stabilität des Reiches besteht!“
Tric senkte den Kopf. „Bis vor kurzem wussten wir nicht einmal von deren Existenz“, gestand es.
„Wie es sein sollte“, nickte Botho. „Aber wenn ihr nun einmal in solcher Ereignisse hineingeraten seid, solltet ihr schon darüber informiert werden, welche Flöhe noch alles im selben Pelz speisen.“
„Du glaubst uns also, Vater?“ fragte Prisja erfreut.
Botho schüttelte den Kopf. „Ihr habt mir eröffnet, was ihr vermutet und nicht mehr oder weniger als dass ihr das wirklich glaubt, kaufe ich euch ab. In meinen Augen sind allein eure Befürchtungen schon schwerwiegend genug, um es zu rechtfertigen, den König darüber zu informieren.
Seht, der vorletzte König war so krank, dass das Reich nur noch auf dem Papier existierte, weil die Fürsten ohne eine starke Herrscherfigur schalteten und walteten, wie es ihnen beliebte. Sie verloren das große Ganze aus den Augen. Seine Nachfolger war ein grausamer, egoistischer Tyrann. Ihn haben die Wappenlosen beseitigen müssen, weil er eine größere Gefahr für das Königreich darstellte als jedes feindliche Heer. Du und ich, Tric, wir waren damals kleine Kinder, deine Begleiter noch nicht einmal geboren. Wir hatten das Glück, in besseren Zeiten aufwachsen zu dürfen.
Unser jetziger König Hespio hat seine Fehler, wie jeder Sterbliche, aber unter seiner Regentschaft ist Alpland wieder zu seinem früheren Stolz aufgeblüht, Adel, Städtebürger und Volk leben in neuem Wohlstand. Die Fahrenden haben uns völlig neue Künste geschenkt. Magierakademien entstehen allerlanden. Diesen König gilt es zu schützen und diesbezüglich kann man gar nicht zu viel Vorsicht walten lassen!“

Bis zu diesem Punkt hatte jedes Argument des Priesters überzeugend geklungen. Als Botho jedoch vorschlug, die drei Reisenden könnten ja einfach in seiner Höhle warten, bis der Zug des Königs hier vorbeikäme, anstatt ihm weiter entgegenzuwandern, begriffen Tric und Prisja, dass der Karr ihnen einfach nur glauben wollte. Bothos eigentlicher Beweggrund war nichts anderes als seine Sehnsucht nach der Gesellschaft anderer Personen.
„Warum habt ihr eigentlich nicht bei dem alten Wachturm einige Tagesmärsche vor der Stadt gewartet?“ erkundigte sich der Priester. „Der liegt doch auch direkt an der Hauptstraße!“
Tric zuckte zusammen! „Das ist eine lange Geschichte…“ murmelte es.
„Ha!“ lachte Botho. „Es ist im Gegenteil eine sehr kurze Geschichte: Ihr habt Schiss vor dem Magier, der dor leben soll, was? Haha! Niemand ist frei von Aberglaube. Selbst die Frau Papst nicht, denn sie hält Katzen.“
Prisja und K´chen tauschten hilfesuchende Blicke aus. Tric schloss seine Augen. Schneller als es üblicherweise seine Art war, rang sich das Himmelsschwing zu einer Entscheidung durch.
„Es war kein Magier, sondern ein Zauberer in dem Turm und der ist tot“, eröffnete es Botho. „Ich lebe jetzt dort. Vor zehn Jahren, da war ich nur wenig älter als Prisja heute, wurde ihr kleiner Bruder ganz in der Nähe meines Turms geboren…“

Niemand sprach, während Tric die ganze Geschichte erzählte. Von der Schicksalskonstellation, K´chens Ausbildung in Markzat, wie er die Akademie verlassen musste, seine Zaubermühle erhielt und damit der ganze Schlamassel anfing, in den die drei geraten waren.
Botho hörte aufmerksam zu. Er unterbrach nicht, auch nicht, um nachzufragen. Erst, als Tric mit seinem Bericht zu Ende gekommen war, sprach der Priester aus, was es zu sagen galt:
„Geistesmagie? Magie der Menschen? Wenn ihr vor den König tretet, solltet ihr die Dinge zuerst simpel halten! Nicht, weil der Mann einfach gestrickt wäre, aber ihr dürft ihm nicht gleich als drei Größenwahnsinnige erscheinen. Sprecht von dem Attentat, erwähnt, dass Magie im Spiel sein könnte, aber eröffnet die Details erst nach und nach. Herrje, es gibt dabei so viel zu beachten…!“
Beinahe im selben Atemzug versprach der Priester dem Trio, ihnen Unterkunft zu gewähren und sie am nächsten Morgen zum königlichen Tross zu begleiten. Botho wusste, wie man vor Adligen sprechen musste, auch wenn er, wie er zugab, sich nicht immer in seinem Leben daran gehalten hatte.

Tric, Prisja und K´chen entspannten sich zusehends. Es tat gut, zur Abwechslung einmal Fürsorge statt Misstrauen oder Ablehnung entgegengebracht zu bekommen. Doch Botho genügte das nicht. Er wollte seine Gäste nicht mit Mitleid überhäufen, sondern ihnen einen angenehmen Aufenthalt bieten. Daher schob er sofort nach seinem Versprechen die Themen Politik und Magie weit von sich. Hatte er auf seinen Reisen nicht genügend erzählenswerte Anekdoten erlebt, die mit keinem von beiden in Verbindung standen? Sicher hätte auch die Gauklertochter so manches zu berichten und K´chen würde es sich nicht nehmen lassen, ein paar einfache Zielübungen im Abendlicht vor der Höhle zu absolvieren. Nicht, dass der Junge dabei viel lernen würde, doch in gewissem Sinne sah er seinen Bogen als ein neues Spielzeug an, das ausprobiert werden wollte!
Am nächsten Morgen war Tric als erster auf den Beinen. Prisja und K´chen räkelten sich noch auf dem Sofa des Einsiedlers, das Himmelsschwing aber hatte bemerkt, dass das Feuer in Bothos Kamin ausgegangen war und schlenderte in den hinteren Teil der Höhle.
Tric konzentrierte sich auf die Formel eines einfachen Feuerentzünderzaubers. Sie bewirkte nichts weiter, als solche Dinge zu entzünden, die von Natur aus brennen konnten und überdies bereits so arrangiert waren, dass man erwarten durfte, dass sie es in naher Zukunft tun würden. Vernachlässigte Heuschober in einem trockenen Sommer stellten ebenso legitime Zielobjekte dar wie ordnungsgemäß errichtete Lagerfeuer.
Doch wie sich das Himmelsschwing auch bemühte, im Kamin geschah nichts.

In seinem Rücken hörte Tric die hölzernen Sprossen der Strickleiter gegen die Steinwand schlagen. Botho kam aus seiner Schlafkammer herunter zu seinen Gästen.
„So ein nützlicher Spruch… habe ihn extra gelernt…“ knurrte Tric.
Botho trat an die Seite des Zauberers. „Du bist also ein Zauberer. Aber kein Feuerelementarist, oder?“
Tric schüttelte den Kopf. „Das hat damit nichts zu tun. Die Spezialisierung auf eine Zauberschule funktioniert nicht anders als die eines Wissenschaftlers auf die Mathematik – er kann sich jederzeit dafür entscheiden, nachzuholen, was er verpasst hat und, sagen wir, Botanik, hinzulernen. Nein, Vater, an meiner Spezialisierung liegt es nicht. Ich bin einfach grottenschlecht, was Zauberei anbelangt!“
Botho nahm einen Feuerstein und ein Stück Stahl vom Sims, den er über die Feuerstelle gemauert hatte. „Es gab schon Feuer, bevor es Zauberer hab!“ meinte der Priester.
„Ja“, erwiderte Tric finster. „Und es brennt munter weiter, nachdem es sie getötet hat…“
Botho entgegnete nichts darauf. Mit seinem Feuerzeug schlug er Funken und schon bald brannte wieder ein Feuer im Kamin.

Das Himmelsschwing seufzte. „Seit dem Brand in meinem Turm gehorcht mir dieses Element noch weniger als die Magie im Allgemeinen.“ Leise fügte es hinzu: „Mein Lehrer ist dabei umgekommen.“
„Gibst du dir die Schuld dafür?“ forschte Botho.
„Nein. Ich habe geschlafen, als das Feuer ausbrach, weil ich die ganze Nacht über die Sterne beobachtet hatte. Als ich erwachte, fing ich sofort an zu husten und dachte zuerst, ich hätte mir eine Erkältung eingefangen. Dann roch ich das verschmorte Holz, hörte die Balken knacken und der Qualm trieb mir die Tränen in die Augen. Das Treppenhaus war bereits zusammengebrochen. Ich war ein halbes Kind, Vater Botho, und in die Hölle da unten hineinzutauchen, habe ich nach dem ersten zaghaften Versuch aufgegeben. Ich flog höher und als ich die Dachplattform erreichte, da leckten die Flammen bereits nach den Möbeln in der obersten Etage. Ich rettete mich durch das Natürlichste auf der Welt, was für einen Karr eine Verzweiflungstat dargestellt hätte: Einen Sprung in die Tiefe. Als ich dann von außen ins Ergeschoss eindringen konnte, da… da kam ich bereits zu spät.“
Ironischerweise bestatteten die Himmelsschwingen ihre Toten stets in einem Feuer. Was mit der Asche geschah, wusste Tric nicht. Es hatte daher die mit den Überresten des Mobiliars vermischte Asche seines Meisters einfach an Ort und Stelle liegen lassen und neue Dielen darüber gezogen. Es erschien ihm natürlich, aber was wusste es schon über derartige Angelegenheiten?

„Es sind solche Tage“, gestand Tric heißer, „an denen man sich fragt, ob da mit dem toten Körper wirklich nur ein Gewand liegt, das eine Seele abgelegt hat, oder ob es mein Lehrer ist, für immer zerstört. Für die Menschen muss es leicht gewesen sein, fest zu glauben, immerhin wandelte der Messias unter ihnen und so… Aber unsereins…“
„Benötigst du dein Menschenblut, um dich Gott näher zu fühlen? Er hat auch deine tierischen Vorfahren geschaffen, sogar noch vor den Menschen. Alles kommt von Gott.“
„Aber die Tiere können ihn nicht sehen. Deswegen fällt es uns so schwer zu glauben, weil wir Mensch und Tier zugleich sind!“
Botho lächelte freundlich. „Ich freue mich darauf, diese und viele andere Diskussionen mit dir weiterzuführen, während wir dem König entgegenreisen, Zauberer. Aber jetzt knurrt mein Magen. Ich habe gestern ein wenig Milch von einem Bauern geschenkt bekommen, die lass uns kochen und wenn wir gefrühstückt haben, brechen wir auf!“

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