(MdG) Ein kurzes Aufatmen

Tric erwachte erst wieder aus seinem Dämmerzustand, als die Reiter längst das Ziel der heutigen Etappe ihrer Reise erreicht hatten. Unter seinem Körper fühlte das Himmelsschwing eine wollene Decke und darunter den Erdboden. In einiger Entfernung sprachen Personen ohne Scheu miteinander. Die Stimmen waren laut, selbstbewusst und bisweilen hart, aber nicht boshaft. Nichts in diesem Ersteindruck vermittelte eine Bedrohung oder gar Gefangenschaft. Zufrieden seufzte Tric, doch dann zuckten seine Nasenflügel!
Ganz in der Nähe stank es nach einem größeren Brand!
Erschrocken schoss Tric in die Höhe!
„Au!“ stöhnte es, als die Narbe seiner magisch geheilten Wunde sich ob der raschen Bewegung meldete. „Aua!“

Prisja trat an die Seite des Zauberers. „Übernimm dich nicht, Tric“, bat sie. „Es besteht kein Grund, schon wieder herumzuhüpfen wie eine Grille!“
„Aber… das Feuer?“
Prisja stand ruhig neben Trics Lager unter einem Kastanienbaum. Die Katze erweckte nicht den Anschein, als befände sich irgendjemand in Gefahr.
Das Himmelsschwing sah sich um. In einiger Entfernung stiegen dicke, fettige Qualmwolken in den Himmel und eine Rußschicht bedeckte den Boden. Ein Brandherd war jedoch nirgends zu erkennen. Trics suchender Blick entdeckte Meiler, dann erblickte es auch die Hütten, zwischen denen die königlichen Ritter lagerten. Es begriff, dass sich die Reisenden in einer Köhlerei befanden.
„Wir übernachten heute hier“, erklärte Prisja. „Ritter Dornak hat uns erklärt, dass der König bei dieser Gelegenheit gleich die Qualität der Kohle inspizieren lassen möchte.“
„In den Tagen der Menschen hat Gott die Kohle in die Erde gelegt wie das Erz“, murrte Tric. „Ohne dass dafür ein Wald sterben musste.“
„Na, ich sehe schon, du bist wieder ganz der Alte“, lachte Prisja. „Ob das jetzt gut oder schlecht ist, wenn wir vor den König treten?“ Sie zuckte die Achseln. „Egal, ich freue mich, dass es dir jetzt besser geht.“

Tric richtete sich auf und lehnte sich gegen den Stamm der Kastanie.
Prisja nahm neben ihm Platz. „Besser, aber noch nicht wieder ganz gut, hm mrmmm?“ forschte die Katze, wobei ihre Worte in ein tröstendes Schnurren überingen. Sie ergriff Trics Hand mit ihrer linken und deutete mit der anderen in Richtung des Weges. „Schau nur! Da kommen sie!“
Tric folgte Prisjas Fingerzeig mit den Augen. Zwei weitere Terrorvogelreiter, Ritter wie Dornak, ritten den Waldweg entlang auf das Köhlerlager zu.
Hinter den beiden Reitern tauchte nun eine offene Kutsche zwischen den Bäumen auf, gefolgt von einer Menge Fußvolk sowie weiteren Reitern. An der Kutsche flatterte die Fahne des Königreiches Alpland munter im Fahrtwind. Sie zeigte den goldenen Löwenkopf auf marienblauem Grund.
Nun konnten Tric und Prisja auch die Insassen der Kutsche erkennen. König Hespio reiste darin gemeinsam mit seiner Gattin und zwei jüngeren Karr. Sie kuschelten sich in mit Schaffell bezogene Sitze und wirkten entspannt, ja sogar überaus guter Dinge.
Dem Monarchen war deutlich anzusehen, dass er trotz dieser bequemen Methode des Reisens beileibe kein Schwächling war. Hochgewachsen und kräftig gebaut war er, doch kein Gramm seines Gewichtes bestand aus überflüssigem Fett. Jederzeit hätte sich dieser Mann auf dem Schlachtfeld dem gegnerischen Heerführer stellen können. Automatisch suchte Tric in den Augen des Karr nach der Dummheit, welche leider Gottes gern mit körperlicher Kraft einherging. Doch Hespio schaute verständig in die Welt. Tiefgrüne Augen blitzten schelmisch im silbergrauen Gesichtsfell, als der König einen Scherz mit einem der Reiter, seinem Aussehen nach einem entfernten Verwandten, austauschte. Des Monarchen pechschwarzes Haar wehte lang und ungezähmt im Wind, ganz anders als die gekünstelten Locken seines Wappentiers.
Hespio trug das Menschenwams, wie das herrschaftliche Kleidungsstück genannt wurde. Es handelte sich um einen feingewebten, an den Nähten mit Spitze verzierten Kittel aus Leinenstoff. Auf der linken Schulter befand sich ein breiter Aufsatz, der wie ein großer Flicken wirkte. Allein dieses das Wams auf den ersten Blick verunzierende Stück stammte tatsächlich aus Menschenhand, bei dem darunterliegenden Gewand handelte es sich um Karr-Arbeit. Die einstigen Herrscher Markzats hatten noch das komplette Wams getragen, zu dem auch noch ein mittlerweile verschollener Helm gehört hatte. Im Laufe der Zeit aber war das Kleidungsstück immer weiter zerlumpt und nur der robusten Schulterschutz trotzte dem Verfall. In seinem Inneren arbeiteten winzigste Augen, welche das Licht der Sonne aufnahmen. Zu welchem Zweck sie das taten, blieb unklar, doch es wurde vermutet, dass mit den eingefangenen Sonnnenstrahlen dereinst eine Maschine in dem verlorengegangenen Helm angetrieben worden war. Doch ob nun funktionsfähig oder nicht, das Menschenwams war eines der herrschaftlichen Insignien des Königreiches, seit die Herren Markzats es Alpland anlässlich ihres Anschlusses an das Reich zum Geschenk dargebracht hatten.

Königin Dorithe war nur wenig kleiner als ihr stattlicher Gatte. Auch wirkte ihr Fell ein wenig länger und flauschiger. Natürlich wies auch ihr Fell genau wie Hespios eine Tabbyzeichnung auf, aber genauso gut hätte man sagen können, eine Pfütze sei ebenso Wasser wie das Weltenmeer. Dorithes Fell war weiß, doch nicht von der blassen Farbe wie das der einheimischen Karr. Dieses Weiß reichte strahlend hell von den Fingern bis an die Ellenbogen, was sich vermutlich an den Füßen wiederholte. Der Rest des Körpers erschien beige und wie von einem Goldschimmer umgeben. Anders als bei den hiesigen Tabbys befanden sich keine Streifen auf dem Körper. Das seltsame Gold-Weiß-Farbschema wurde nur im Gesicht von zartroten Tabbystreifen und dem M-Zeichen geziert. Auch ihr Schwanz, welchen die Katze liebevoll um die Hüfte ihres Katers drapiert hatte, war von demselben Rot. Die perfekt gerundeten blaue Augen Dorithes mochten die Seele des unglücklichen Betrachters in unbekannte Tiefen ziehen und in die Sternenleere wieder ausspeien, für immer verändert und niemals wieder mit dem Anblick bloßer Natur zufrieden zu stellen…
Tric konnte Säugetierkörpern – noch dazu halben, denen ein Geschlecht fehlte – nicht viel abgewinnen. Aber die Pupillenaugen der Karr faszinierten es und so verlor sich der Zauberer eine Weile in der Betrachtung dieser blauen Augen.
Prisja hatte bei ihrer ersten Begegnung mit Tric ebenfalls blaue gehabt und K´chens Augen waren noch immer blau, bevor sie in der Pubertät ihre endgültige Farbe annehmen würden. Dorithe musste dieses Alter längst hinter sich gelassen haben, dennoch besaß die Katze weiterhin blaue Augen. Tric vermochte nicht zu sagen, ob es sich vielleicht um ein anderes Blau als das kindliche handelte. Das Himmelsschwing wusste nur, dass es ein besonders schönes Exemplar Karr vor sich hatte.

Immer näher kamen Reiter und Kutsche der Siedlung der Holzfäller und Köhler. Schon strömte das Volk zusammen, formierte sich zu einem Spalier und begrüßte seinen Herrscher mit Jubel und Ehrenbezeugungen.
Tric erhob sich mit Prisjas Hilfe von seinem Ruhelager. Es erkannte Botho zwischen den Karr, die sich über die Präsenz des geweihten Mannes offenbar ebenso wie über den Besuch ihres Regenten zu freuen schienen, oder zumindest das Zusammentreffen beider Ereignisse als ungemein gutes Omen betrachteten. Und auch K´chen war nicht verlorengegangen, sondern war trotz seiner Fußverletzung schon wieder in einem Baum herumgeklettert, von dem er nun heruntersprang. Dank seines Luftkissens kam der Junge dabei sicher auf. Tric schmunzelte. Es freute ihn, zu sehen, wie dieser magische Effekt dem kleinen Zauberer immer selbstverständlicher wurde.
K´chen gesellte sich einer Gruppe Karr ganz unterschiedlichen Alters, offenbar einer Köhlerfamilie, zu. Doch dann verschwammen die Identitäten der Einzelpersonen in einer einzigen Masse, auch ohne dass dazu die Magie des Geistes herangezogen hätte werden müssen. König Hespio fuhr ein und das Volk huldigte seinem Herrscher.
Prisja und K´chen verneigten sich tief, weil Hespio von Alpland ihr König war.
Tric verneigte sich ebenso tief, weil der Karr mit seinem Gefolge das mächtigste Raubtierrudel im Revier darstellte, dem man nicht in die Quere kommen wollte.
Botho verneigte sich nicht weniger tief – um das Anliegen seiner drei neuen Bekannten nicht zu gefährden, aber auch um der alten Zeiten willen, in denen er und Hespio zwei gute Freunde, wenngleich unterschiedlichen Standes und Alters, gewesen waren.

Der Zug des Königs kam zum Stehen. In Windeseile wurden Zelte errichtet, Feldbetten gerichtet, Banner und Wimpel aufgehängt und dann galt es ja auch noch die Pferde und Laufvögel zu versorgen und darauf zu achten, dass die ersteren nicht als Abendmahl der letzteren endeten. Karr und Emubeni, Fürsten, Höflinge und Bedienstete wuselten durcheinder, einem seit langem eingeübten und erprobten Schema folgend. Jeder Handgriff saß und fiel doch einmal ein lautes Wort, dann handelte es sich um einen Scherz.
König Hespio und seine Familie begaben sich zu einer bereits im Vorfeld aufgebauten Tafel. Der König hatte keine Eile, sich zum Essen niederzulassen. Geduldig wechselte er Worte mit jedem Gefolgsmann und jeder -frau, die ein Anliegen an ihn herantrugen. Sein Blick ruhte auch auf den Dienern. Hespio wusste genau, wer sich über ein Lob freute, wenn derjenige besonders gute Arbeit leistete, wen er bereits mit lobenden Worten bedenken musste, sobald derjenige nur ausreichende Leistung erbrachte und welchen seiner Untertanen das wenig berührte, weil sie als Ausdruck der Wertschätzung ihrer Tätigkeit lieber einen Vierteltaler zusätzlich in ihrem Lohnbeutelchen fanden.
Prisja vermochte ihren Blick kaum von dem munteren Treiben zu lösen, das sich da vor ihen Augen abspielte. „So müssen sich die Leute fühlen, wenn wir in ihre Dörfer kommen“, hauchte die Gauklerin. „Mir war das nie zuvor so bewusst…“
Nur mit großer Überwindungskrat gelang es der Katze, sich endlich loszureißen. Sie ergriff Trics Hand und zog das Himmelsschwing in Richtung einer der Hütten. „Komm!“ forderte sie es auf. „Die Köhler haben auch für uns ein Abendessen vorbereitet und während wir bei ihnen zu Gast sein dürfen, will uns Botho noch etwas Wichtiges sagen!“

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