(MdG) Hespios Entscheidung

Endlich waren die drei Flüchtlinge mit ihrem Bericht am Ende angelangt. Erneut ergriff die Unsicherheit von ihnen Begriff, während sie auf das Urteil des Königs warteten.
Hespios Berater zogen einen Kreis, der die Fremdlinge ausschloss, um den Monarchen. Das Königspaar und die Höflinge sprachen in gedämpften Tonfall. Sie schienen nicht so leicht zu einer Einigung zu kommen, wie K´chen gehofft hatte. Worte flogen zwischen den Männern und Frauen hin und her, zunehmend lauter werdende Worte und Satzfetzen, die sich auf Ereignisse bezogen, die K´chen nicht zuordnen konnte.
Hier und da zuckten die Hände der Diskutierenden zu einer raschen Putzgeste Richtung Gesicht. Hätten die Schwänze der Karr nicht in speziellen Schwanzhalftern gesteckt, sie wären hin und her gepeitscht und hätten die Aufregung ihrer Träger damit verraten. Kein Karr, egal, wie gut er oder sie die eigene Körpersprache im Griff hatte, vermochte die unfreiwillige Bewegung des eigenen Schwanzes zu beherrschen. Daher trugen adlige Kater und Katzen derartige Halfter, um sich bei gesellschaftlichen Anlässen keine Blöße zu geben.

Einer der Adligen aus des Königs unmittelbarem Gefolge richtete seine Finger auf Botho. „Dieser Kater“, erklärte er, „ist mehr als nur der Führer der drei durch den Unheilswald, Hespio. Botho versucht, seinen Status bei Hofe wieder herzustellen, indem er dir solche Schauergeschichten auftischt!“
„Das ist doch Unsinn!“ wollte K´chen widersprechen. Ausgerechnet Botho, der dem Hofleben nichts abgewinnen konnte und bis gestern überhaupt nichts von den Vorgängen in Markzat gewusst hatte! Doch der Sohn der Monde beherrschte sich und das war gut so. Er begriff, dass keiner der Versammelten, noch nicht einmal Bothos Freund Dornak, der Geschichte Glauben schenkte. Sie alle warfen Botho vorwurfsvolle bis verächtliche Blicke zu. Lediglich der König schien sich unschlüssig zu sein, was K´chen erlaubte, Hoffnung zu schöpfen.
„Hespio! Mein König!“ ereiferte sich eine Ritterin. „Wie wollten diese da einer Verschwörung auf den Grund gekommen sein? Es sind Straßenkinder ohne Rang und Namen! Sie verstehen die Welt um sich herum gerade in dem Maße, das es ihnen erlaubt, ihre kleine Existenz zu meistern. Sie haben keinerlei akademische Grade inne und maßen sich an, über die Menschenmagie zu spekulieren!“
Tric öffnete den Mund zum Protest. Im letzten Moment besann sich das Himmelsschwing und presste die Lippen fest aufeinander.
Hespio blieb skeptisch, sowohl den Gästen als auch seinem Hofstaat gegenüber. Der König nahm das Wort an sich: „Ich erkenne euren guten Willen und eure Sorge um mich an. Aber ich erkenne auch die Wahrheit in den Worten meiner Berater. Dass ihr Attentäter sein sollt, liegt zu glauben mir fern. Aber an eine Gefahr in Markzat vermag ich nicht zu glauben. Wer weiß, was ihr da wirklich gehört und zu eurer Theorie zusammengezimmert habt… oder was Botho euch da eingeredet hat.“

K´chen trat unaufgefordert einen Schritt vor. Unter den Augen der Mächtigen des Reiches löste er seine Zaubermühle vom Gürtel und bot sie der Königin dar.
„Bitte! Im dritten Schacht befindet sich noch ein Spruchstreifen der Geistesmagie! Zaubert sie ihn ab, dann wird sie sehen, dass wir uns das alles nicht bloß ausgedacht haben!“
„Das werde ich gewiss nicht!“ erklärte Dorithe belustigt.
Die restlichen Höflinge schienen ob des Vorschlages empört, Hespio runzelte besorgt die Stirn.
„Jedenfalls nicht hier, ohne Vorkehrungen getroffen zu haben!“ ergänzte die Königin.
„Ich sagte doch, Botho ist alles zuzutrauen!“ rief einer der Höflinge, der Kater, der Botho bereits früher angeklagt hatte, aus. Er starrte auf K´chens Zaubermühle, als müsse diese jeden Augenblick explodieren. „Das könnte sehr wohl ein Anschlag sein!“
Hespio winkte ab. „Zu plump, der Versuch.“
Prisja und Tric wechselten besorgte Blicke. Auch K´chen begriff, dass es nicht gut um ihre Mission stand. Botho hielt den Blick gesenkt, als plage er sich mit schwersten Vorwürfen.
Der Sohn der Monde konzentrierte sich auf die Geistesmagie. Sie musste ihm einfach gehorchen, hier und jetzt! K´chen benötigte seine Niedlichkeitsaura, um die Karr, wenn schon nicht von der Wahrheit seiner Geschichte, aber doch von seiner Unschuld zu überzeugen. <Einen Anschlag auf den König? Wer tat denn so etwas Dummes? Wo doch der Priester ihnen erklärt hatte, wie wichtig es war, dass Hespio sich auf dem Thron behauptete! Retten wollten sie den König!>
Doch was durchschlagende Wirkung bei den idealistischen Waldläuferinnen gezeigt hatte, versagte im Angesicht der intrigengeschulten Höflinge. Angewidert rümpfte selbst Ritter Dornak die Nase. Der durch Geistesmagie jünger und verletzlicher erscheinende K´chen genoss bei ihm keinen Gunstbonus, eher das Gegenteil. Kinder hatten möglichst schnell erwachsen zu werden und in ihre Pflichten hineinzuwachsen, unabhängig, welchem Stand sie angehörten!

Der König erhob seine Stimme: „Es wäre nicht das erste Mal, dass Feinde etwas Gefährliches an den Hof gebracht hätten. Ich bin nicht vollends von eurer Harmlosgkeit überzeugt, Botho, Tric, Prisja und K´chen. Daher entscheide ich, dass ihr mich unter Bewachung nach Markzat begleiten werdet.“
K´chen ballte seine Hände zu Fäusten. „Aber er darf nicht nach Markzat reisen! Es ist zu gefährlich!“
„Das wäre es wohl, beträte ich die Stadt uninformiert.“
„Er darf sie gar nicht betreten, weder un- noch informiert!“ betonte K´chen aufs Neue.
Ein echter Geistesmagier, noch dazu einer, der keine Skrupel hatte, seine Kräfte gegen einen Edlen des Reiches einzusetzen, der scherte sich nicht darum, ob der König nun wusste, was auf ihn zukam oder nicht. Einem solchen Gegner hatte niemand etwas entgegenzusetzen. K´chen wünschte sich, Zugriff auf die volle Macht zu haben, die er in Ansätzen spürte. Nicht, um Hespio einen Befehl zu erteilen, nein, das niemals, wohl aber, um den König an allem teilhaben zu lassen, was er erlebt und gefühlt hatte.
„Euer Auftritt hier ändert einiges, jedoch nicht unser Ziel“, meinte der König. „Morgen inspiziere ich die Köhlerei, während Dorithes Garde wieder vorausreitet und gegen Mittag brechen wir ebenfalls Richtung Markzat auf.“
„Nein…“ Prisja blickte den König flehentlich an. Wie konnte man ihn anbetteln müssen, doch bitte sein eigenes Leben und sein Krone zu retten? Wer hätte sich das jemals ausmalen mögen?
„Genug! Ich werde mich nicht davon abhalten lassen, meinen Pflichten als Regent nachzukommen!“ rief Hespio. „Es wird sich bald zeigen, aus welchen Gründen ihr mich davon abhalten wolltet, die Marktstadt aufzuchen. Stellt sich heraus, dass ihr die Wahrheit gesprochen habt, so werdet ihr die für Unanehmlichkeiten, die ihr bis dahin ertragen musstet, fürstlich entschädigt. Habt ihr euch geirrt, wird die kurze Gefangenschaft eure Strafe für die Fehleinschätzung sein. Aber finde ich heraus, dass ihr mir mit Absicht etwas vorgeschwindelt habt, Teil einer Intrige seid oder wirklich einen meiner Untertanen getötet habt…“
Der König musste seine Drohnung nicht artikulieren. Die vier waren auch so im Bilde.

„Liebling…?“ flüsterte Hespio leise.
Königin Dorithe nickte. „Bringt mir den Jungen!“ befahl sie den Rittern.
Dornak und die neben ihm stehende Ritterin ergriffen K´chen, um ihn vor die Königin zu führen.
Diese blickte den kleinen Zauberer ernst an.
„Im Interesse unser aller Sicherheit muss ich einen Zauberbann auf dich legen, K´chen Mondensohn. Du sollst verstehen, dass niemand einem Zauberer sein Wesen nehmen kann, wohl aber ihn daran hindern, es auszuleben. Stell dir einfach vor, wie wir es mit kleinen Kindern halten: Sie neigen von Natur aus zum Unfug anstellen, aber wir dürfen es ihnen natürlich nicht erlauben.“
Zum zweiten Male in dieser Nacht fühlte K´chen unbändigen Stolz. Die Dame Dorithe nahm sich die Zeit, eine Entscheidung des Königspaares vor ihm zu rechtfertigen? Nein, das nicht, das wäre lächerlich, fand der Junge. Aber sie zu erklären, dafür Sorge zu tragen, dass der Untertan verstand, was getan werden musste, das schon eher.
„Danke“, sprach er daher leise.
Tric hingegen stand nur mühsam beherrscht zwischen Botho und Prisja, während er mit ansehen musste, wie die Magierin seinem Patensohn den Zugriff auf die Erdlinien verwehrte. Noch nicht einmal Ki war diese Macht gegeben und wenn es die Mutter der Magie, die Erdherrin, die personifizierte Zaubermacht, nicht wagte, den Sohn der Monde so zu behandeln, wie konnte es sich dann eine Sterbliche, eine vermaledeite Katze erlauben?!
Der Zauberer beobachtete, wie Königin Dorithe ihre Bannformel durch untermalende Gesten und hilfreiche Worte unterstützt wob. Weder musste sie K´chen dabei berühren, noch war die Prozedur schmerzhaft. Doch hinterher würde es sich für viele Stunden so anfühlen, als klebe Wachs in den „Ohren“, die für Kis Ströme empfänglich waren.
Im Gegensatz zu Tric kannte K´chen die Prozedur nicht nur theoretisch, sondern hatte sie in seiner Kindheit am eigenen Leib zu spüren bekommen Die Magier an der Akademie hatten sich ihrer bedient, um junge Zauberer vor deren eigenen, ungeformten Kräften zu schützen. In der Regel hielt ein Zauberbann nicht länger als einen oder zwei Tage an, bevor er erneuert werden musste.
Tric hingegen trat von einem Fuß auf den anderen. Es hakte seine Finger in den Waffengurt, um sich nicht durch Zuckungen derselben zu verraten. Den Anwesenden mussten Trics Gesten wie ein Ausdruck seiner Nervosität und Ablehnung erscheinen, doch in Wahrheit kämpfte der Zauberer dagegen an, sich in Dorithes Gespinst einzuklinken, während diese ihre Formel wob. War der Zauber ersteinmal vollendet, so vermochte kein noch so starker Gegenzauberer den Bann mehr zu brechen. Ihn noch im Entstehen unwirksam verpuffen zu lassen, ja, den Effekt sogar auf Dorithe selbst umzulenken, wäre Tric nicht unmöglich gewesen. Klarer als jemals zuvor standen dem Himmelsschwing die Strukturen vor Augen, welche die Zauberin da schuf. Letztlich war es ja der Geist, der jedwede Bewegung des Körpers gewissermaßen in Auftrag gab. Die Geistesmagie eröffnete einem Zauberer völlig neue Möglichkeiten! Tric musste nicht verstehen, was genau Dorithe tat oder weshalb ein Zauberbann in genau dieser Weise gewoben wurde. Gleich einem Spion, der einen Feldboten abfing, brauchte es lediglich die Anweisungen zu lesen, ohne selbst über das Wissen eines Armeegenerals zu verfügen.
Woher es die Sicherheit nahm, diesen Diebstahl ausgerechnet bei der Hofmagierin Alplands erfolgreich durchführen zu können, wusste Tric nicht zu sagen. Am Ende wollte es das einfach nur glauben, um sich weniger hilflos angesichts der Behandlung seines Patensohns zu fühlen.
Doch in jedem Fall würde Trics Tun dem Opfer nicht unbemerkt bleiben. Ein kurzes Kommando an die Wachen aus Dorithes Mund, ach was, ein einzelner Schrei schon, genügte dann, um Trics Gegenzaubererkarriere mit einem einzigen Schwertstreich ein Ende zu setzen.
Zudem wusste bis zu diesem Zeitpunkt niemand bei Hofe, dass die Macht der Erdlninen auch durch Trics Körper pulsierte und der Zauberer wollte, dass das so blieb.

„Wie geht es dir?“ fragte Prisja, als die Ritter K´chen endlich wieder losließen und sie ihren Bruder in den Arm nehmen konnte.
„Ganz in Ordnung. Irgendwie komisch. Wie in Watte gepackt. Keine Ahnung…“ K´chen zuckte die Schultern. „Aber morgen reisen wir mit dem Hofstaat, Prisja!“
„Hehe, ja. So habe ich das gar nicht gesehen.“
So würfevoll, als habe man ihn soeben in den Rang des ersten Ritters erhoben, verlies K´chen das Zelt an der Seite seiner Freunde. Er fühlte sich als der Beschützer des Herrscherpaares, als der Engel, der Noah vor der Sintflut warnte und wie die wortgewandte Ruksal aus Prisjas Lieblingsbühnenstück. Daran änderte sich auch nichts, wenn er sich bewusst machte, schon wieder einmal in Gefangenschaft geraten zu sein. Sie alle standen nun unter Verdacht, „irgendetwas nicht näher definiertes mit dem König vorzuhaben“, wie es Tric ausdrückte.

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