(MdG) K´chens Finale

Botho ließ sich Zeit mit seiner Unterweisung. Er genoss die Gastfreundschaft der Köhlerfamile. Nach der freundlichen Aufnahme, die der Einsiedler den Flüchtlingen hatte zukommen lassen, fanden diese, dass er nun seinerseits die Fürsorge der Köhler mehr als verdient hatte.
Es handelte sich um dieselben Personen, bei denen K´chen vorhin gestanden hatte, als jedermann den König und sein Gefolge begrüßt hatte.
„Das sind hier alles Zauberer“, raunte der Junge seiner Schwester während der Mahlzeit zu. „Die Großmutter, der Vater und der älteste Sohn.“
„Ach, das vererbt sich?“ wisperte Prisja zurück. „Vielleicht habe ich deswegen eine Affinität zur Geistesmagie, weil die Zauberei bei uns in der Familie liegt.“
„Aff… was bitte?“
Prisja reckte sich voller Stolz. Da hatte sie also einmal ein gelehrtes Wort aufgeschnappt, das dem Bruder unbekannt war, obwohl er doch eine Schule besucht hatte!
„Das kommt von ‚Affe’“, erklärte Prisja. „Weil die doch alles haben wollen, was sie sehen. Das Wort bedeutet, dass man sich zu etwas hingezogen fühlt und talentiert darin ist.“
Gänzlich sicher war sich die junge Frau ihrer Erklärung nicht – dafür aber wusste sie, wie man jemand etwas als die Realität verkaufte.
„Vielleicht sehen wir auf unserer Reise auch einmal einen Affen“, überlegte K´chen.
„Ja. Außer natürlich, du möchtest lieber hier bleiben!“
K´chen schüttelte den Kopf. Natürlich hatte es ihn zuerst gefreut, andere Karr kennenzulernen, für die die Zauberei nichts Exotisches, sondern Teil ihres Alltags war. Je länger er allerdings bei den Köhlern verweilte, umso mehr fand K´chen, dass sie ihre Magie ein bißchen zu sehr als Alltag wahrnahmen. Die Köhler benutzten die ihnen bekannten Formeln wie Werkzeuge. An Forschung waren sie nicht interessiert. Dem Jungen führte die Begegnung vor Augen, dass es der Weg des Gelehrten war, den er einzuschlagen wünschte. Selbst, wenn er völlig unmagisch auf die Welt gekommen wäre, die Welt der Bücher hätte nach K´chen gerufen. Vielleicht hätte er das Wort des Herrn studiert, oder die Geschichte, am Ende vielleicht sogar die Sterne wie sein Pate! Dann würde er gerade in diesem Augenblick mit seinem Vater und dem Schreiber das neue Stück besprechen. Der König würde sie reich belohnen und K´chen sich sämtliche Bücher kaufen können, die er begehrte.
Doch, nein, der Geistesmagier liefe dann ja noch immer frei herum! Aber wieso sollte es seine Aufgabe sein, etwas dagegen zu unternehmen? Wozu gab es denn Helden und so?
„Du, Prisja?“ wisperte K´chen. „Ich glaube, es ist schon alles richtig so, wie es gekommen ist. Aber alles wäre soviel einfacher, wenn ich kein Zauberer wäre…“
Die Schwester legte ihren Arm um K´chen und ließ ihn sich ankuscheln. Für eine Weile saß K´chen so mit geschlossenen Augen, bis sich Botho räusperte und somit ihre Aufmerksamkeit verlangte.
„Passt auf“, wandte sich der Priester an die drei Audienzsuchenden. „Wenn ihr gleich vor den König tretet, müsst ihr wissen, dass ihn nur Adlige direkt ansprechen dürfen. Alle anderen müssen „Er“ sagen. Versteht ihr das?“
Tric, Prisja und K´chen nickten.
„Na, dann hoffe ich, dass ihr es euch auch merkt und beherzigt“, meinte Botho noch.
Dann war es Zeit, die Hütte zu verlassen. Ritter Dornak erwartete die vier bereits. Er nickte ihnen aufmunternd zu, bevor er sie vor König Hespio geleitete.
Hell und klar leuchten die Monde über der Waldlichtung. Sie tauchten den Pfad, der vor K´chen lag, in ein silbriges Licht. Es fiel leicht, sich vorzustellen, dass die Monde dies FÜR den Zauberer taten, ganz so, als versuchten sie wiedergutzumachen, ihm am Tag seiner Geburt als Unheilsomen erschienen zu sein. K´chen lächelte traurig. „Gut gemeint, Leute…“ murmelte zu sich selbst. Doch selbst der Zauber der Mondnacht vermochte nicht darüber hinweg zu täuschen, dass er im Begriff war, vor den König zu treten, ohne das Geringste dabei zu empfinden. K´chen fühlte sich körperlich und geistig ausgelaugt. Er wollte nur noch diese Botschaft überbringen und dann zurück nach Hause in die Akademie.
„Nur noch diese eine Szene… das Finale…“, dachte der Junge bei sich, als er in das Zelt des Königs eintrat. Kerzenleuchter erhellten den Raum, die Monde blieben draußen und K´chen gemahnte sich selbst, sich zusammenzureißen und seine Aufgabe, möglicherweise die letzte in ihrer Queste, gut zu erledigen.

Der Monarch hatte es sich auf einem wenig herrschaftlich erscheinenden Klappstuhl gemütlich gemacht. Dort saß er, die Beine übereinandergeschlagen und einen Weinkelch in der Hand. Bei dem Getränk darin handelte es sich um die verdünnten letzten Reste des Reisproviants. In Markzat, der Handelsstadt, die sich nah an der Grenze zum Kaiserreich befand, gedachte Hespio, sich mit Wein aus Rebbergen einzudecken.
Nach einer knappen Verbeugung reihte sich Dornak in die ihren Herrscher umgebenden Adligen ein.
Hespios Blick ruhte lange auf Tric dem Himmelsschwing, wanderte dann zu den Kindern und traf schließlich Bothos Augen.
„Meinem Sohn hat die Lektion gut getan, die du ihm vermittelt hast“, meinte der König kalt. „Er weiß nun, dass er nicht zögern darf, wenn unsere Ordnung bedroht wird. Und er hat gelernt, dass Verrat selbst aus der Richtung kommen kann, aus der man sie am wenigsten erwartet: von einem seiner engsten Freunde, seinem Lehrer, dem er sich über Jahre hinweg anvertraute.“
Die Besucher zuckten zusammen. Sie kannten ja Bothos Hintergrund, doch damit konfrontiert zu werden, kaum, dass sie einen Fuß ins königliche Zelt gesetzt hatten, das hatte keiner von ihnen erwartet.
Der König sprach unbeirrt weiter: „Zum Wohle des Reiches und unserer Untertanen musste ich deine Verfehlung ebenso gerecht vergelten, Botho, wie die Untat eines meinem Kind völlig unbekannten Kriminellen. Eine schmerzliche Lehre, die du dem Jungen da zugefügt hast, aber er ist daran gewachsen. Vielleicht hätte er ohne die dadurch gewonnene Stärke schon mehr als einmal das Handtuch geworfen, in seinen Verhandlungen mit den Magokraten im Osten.“
„Dann bist du zufrieden mit dem Ergebnis?!“ entfuhr es Botho.
Gleichzeitig hoben K´chen und Prisja die Hände vor ihre Münder. Auch Tric hatte die seine erhoben, schien aber drauf und dran, sie besser Botho vor dessen vorlauten Mund zu klatschen. Der Geweihte schlug die Himmelsschwingenfinger unwirsch zur Seite, woraufhin ihn Tric wütend aus tausenden Teilaugen anfunkelte. Was war bloß in den Kater gefahren? Hatte er sie nicht vorhin höchstselbst gewarnt, nie direkt zum König zu sprechen?
Hespio aber lachte herzlich! In völlig anderer, um einiges gelösteterer Stimmung, wandte er sich den Bittstellern zu: „Ist schon gut, Fremde! Baron Botho mag seine Ländereien der Kirche gestiftet haben, aber er ist noch immer ein Edelmann des Reiches!“ Angesichts der Überraschung, die sich in den Gesichtern der drei abzeichnete, legte Hespio den Kopf schief. „Das wusstet ihr nicht, oder?“
Einhellig nickten Tric, Prisja und K´chen.
„Ja, habt ihr denn geglaubt, ein Bürgerlicher unterrichte die Königskinder?!“ schnappte eine Ritterin.
Hespio hob seine Hand. „Lass es gut sein! Diese jungen Leute sind mit einem Anliegen hergekommen, dessentwegen sie sich in den Unheilswald gewagt haben. Daher keine Verzögerungen mehr! Sie sollen sprechen!“

Nachdem Hespio sie aufgeordert hatte, ihr Anliegen vorzutragen, sprachen Tric, Prisja und K´chen abwechselnd, zuerst nervös, dann zunehmend an Sicherheit gewinnend.
Die Adligen unterbrachen immer wieder mit Fragen. Sie hakten nach, wo Formulierungen zu unklar waren und erkundigten sich nach Umständen, die den Erzählern so selbstverständlich vorkamen, dass sie gar nicht daran dachten, sie zu erwähnen. Botho hatte Recht gehabt, wie die drei anhand Hespios Reaktionen bemerkten: Nicht sofort mit der Tür ins Haus zu fallen, sondern sich die Details aus der Nase ziehen zu lassen, als glaubten sie selbst nicht so recht daran, schien ihren Standpunkt vor dem Herrscher glaubhafter erscheinen zu lassen. Und noch etwas stellte K´chen fest: Immer wieder war es die Königin, die sich einmischte, sobald die Zauberei berührende Themen zur Sprache kamen. Als Dorithe realisierte, dass ihr Verhalten dem Jungen aufgefallen war, lächelte sie ihn an: „Es ist wohl bereits vergessen worden, dass ich als Hofmagierin nach Alpland kam, bevor Hespio und ich in Liebe zueinander fanden? Aber die Magie ist mein Wesen, das ich weder ablegen kann noch will.“
„Nur, weil wir uns keine andere mehr als Königin vorstellen können“, beeilte sich ein Höfling klarzustellen.
K´chen grinste in sich hinein. Offenbar betrachteten selbst die edelsten Köpfe des Königreiches die Zauberei als einen Beruf – und eine Königin, die einen Beruf ausübte, nein, das durfte natürlich nicht sein!
Dorithe zwinkerte dem jungen Kollegen zu. Die Geste ging K´chen durch Mark und Bein! Er fühlte sich erhoben, ein Geheimnis mit dieser Katze zu teilen. Er mit ihr, wie zwei Forscherkollegen! Dabei war sie doch die Königin! In Zakets Sohn flammte das Feuer der Hingabe an seine Herrscherin auf. Er nahm sich vor, sich der ihm durch die Fügung der Geburt zugefallenen Ehre auch durch seine Taten würdig zu erweisen. Die Mittel dazu hielt er ja bereits in der Hand: Er und seine Freunde konnten Dorithes Mann retten!
Eifrig ergänzte K´chen Prisjas und Trics Worte, wo er nur konnte.

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