(MdG) Lind geschwind…

„Es tut mir so leid“, klagte Botho zum wiederholten Male, nachdem man die vier Gefangenen im leer stehenden Anbau einer der Köhlerhütten untergebracht hatte. Der Raum bot den Karr und dem Himmelsschwing halbwegs Platz, solange sie aufrecht standen oder saßen, doch würde das Schlafen unbequem werden.
„Es ist meine Schuld, dass ihr in diese Lage geraten seid. Meine Anwesenheit hat alles schwerer für euch gemacht. Dabei wollte ich nur nur helfen…“
„Es konnte ja niemand ahnen, wie nachtragend die reagieren“, meinte Tric.
„Nein, ahnen nicht.“ Botho schüttelte den Kopf. „Wissen hätte ich es müssen!“
„Und nun? Was machen wir denn jetzt?“ unterbrach Prisja die beiden.
„Nach Markzat können wir jedenfalls schon einmal nicht zurück“, antwortete Tric. „Nicht, solange wir dort als Mörder gesucht werden. Eure karr´sche Gesetzestreue in allen Ehren, aber wir müssen raus aus diesem Schuppen! Und bevor wir das nicht geschafft haben, sind alles anderen Fragen bedeutungslos.“
„Fliehen?“ Prisja lies sich den Gedanken auf der Zunge zergehen. „Aus dem Gewahrsam des Königs von Alpland?!“
„Er ist auch dein Herrscher!“ erinnerte K´chen seinen Paten.
„Entschuldig bitte, aber wenn mir jemand eine Axtklinge auf den Hals herabsausen lassen möchte, dann ist es mir egal, welchen Rang derjenige bekleidet!“ schnappte Tric. „Und auch, ob nun der Graf, der Geistesmagier oder der König unser eigentlicher Feind ist!“
Botho nickte stumm. „Ich glaube an Gerechtigkeit“, erklärte er. „Aber nur Gott der Herr weiß derzeit, wo wir die am ehesten erwarten können. Dorthin, wo wir seinem Plan für die Welt am Dienlichsten sein werden, möchte ich geführt werden!“
Eine Aureole aus Licht umgab nach diesen Worten das Kristallkreuz des Priesters. In dem finsteren Anbau strahlte sie der Sonne gleich.
„Was tust du da?“ wunderte sich K´chen.
„Gar nichts“, erwiderte Bothos lächelnd. „Wir wurden erhört.“
Erleichterung spiegelte sich in seinen gelben Katzenaugen. Was immer geschehen würde, es würde das Richtige sein.
„Und wie nun weiter?“ hakte K´chen nach, während Tric und Prisja noch auf den leuchtenden Kristall starrten. „Konkret, meine ich!“
Sollten sie wirklich fliehen? Machten sie sich dadurch nicht gerade verdächtig? Und, was noch schlimmer war, würde die Frau Dorithe nicht maßlos enttäuscht sein?
Botho zuckte die Achseln. „Keine Ahnung. Das müssen wir erst noch herausfinden. Schau, K´chen, Zauberer sind wie Orte, an denen das in einem Reservoire gespeicherte Wasser hervortritt. Wir Priester schöpfen aus einer anderen Quelle. Genaugenommen wird durch uns gewirkt, nicht von uns selbst. Wir sind wie Gefäße, in die von jemand anderem eingefüllt und aus denen ausgegossen wird.“
Nach dieser Erklärung rollte sich Botho in aller Seelenruhe auf dem Boden zusammen. Der Untergrund bestand hier nicht aus Dielen, sondern festgestampftem Lehm über Erdboden. Die Gefangenen besaßen Decken, aber keine weiteren Annehmlichkeiten wie Licht, Wasser oder auch nur einem Eimer für die Notdurft.

Tric kämpfte gegen das Verlangen an, dem in seinen Augen allzu schicksalergebenen Karr in die Seite zu treten. Um sich abzureagieren kickte es mit der Stiefelspitze ein wenig Lehm fort.
„Na, aber…!“ entfuhr es Tric, als es nur einen Fingerbreit unter dem Boden eine Wurzel fand, die sich dort entlangzog. Der Zauberer grinste. „Ist das nicht ein bißchen eng für dich da unten? Wir sollten das Erdreich ein wenig für dich auflockern…“
„Du willst einen Fluchttunnel buddeln?“ entfuhr es K´chen. „Aber das wird Ewigkeiten dauern! Viel länger, als wir Zeit haben!“
„Normalerweise kümmern sich meine Pflanzen selbst um derlei“, erklärte Tric. „Mit ein wenig Unterstützung durch die Erdlinien natürlich.“
Der Zauberer bückte sich. Tric stimmte einen Singsang an, während er die Wurzel noch ein wenig weiter freilegte: „Lind geschwind, Lind geschwind, was tu ich, wenn ich keinen find?“
Prisja prustete hinter vorgehaltenen Händen.
Peinlich berührt hob Tric den Kopf. „Naja, ich war eben noch klein, als ich den Zauber lernte und mir diesen Hilfsvers ausdachte. Und jetzt funktioniert er nur damit…“
Die Grenzen seiner Dichtkunst schienen das Himmelsschwing stärker zu schmerzen als die Grenzen seiner Zauberfähigkeit. Das eine betraf seine Fähigkeiten, die es versäumt hatte auszubauen, das andere eine angeborene Schwäche, an der es nicht Schuld war.
„Lind geschwind, Lind geschwind“, intonierte Tric. „Fleißig durch die Erd´ sich wind´! Lind geschwind, Lind geschwind…“
„Unser Tric war mal ein Kind“, konnte sich Prisja nicht verkneifen, zu ergänzen.
Unter den Fingern des Pflanzenzauberers begann die Wurzel die Arbeit zu tun, die normalerweise den Erdlinds und Erdwerfern zufiel: Sie lockerten das sie umgebende Erdreich auf. Da es sich bei dem hiesigen Untergrund um mit Lehm vermischte Erde handelte und Tric überdies einen deutlich stärkeren Effekt im Sinn hatte als das Wohlergehen einer einzelnen Pflanze sicherzustellen, nahm sein Werk lange Zeit in Anspruch. Erschwert wurde das Wirken der Magie dadurch, dass sich Tric nicht in sein Lied hineinsteigern konnte, sondern leise singen musste, damit niemand draußen oder nebenan in der Hütte aufmerksam wurde.
Doch nach und nach bildeten sich Löcher im Boden und rutschten Erdklumpen nach…

Unterdessen teilten Hespio und Dorithe einen der seltenen, nur ihnen allein vergönnten Momente. Doch obwohl die Ritter und Höflinge das Zelt des Herrscherpaares verlassen hatten, das Tagesgeschäft blieb der Dritte in ihrem Bett.
Hespio seufzte. Da diese Frage nun einmal noch unbeantwortet im Raum stand, deutete er auf K´chens Zaubermühle.
„Was, meinst du, ist hier drinnen denn nun wirklich geladen?“
„Das werden wir in Markzat herausfinden, sobald mir die Schutzkreise der Akademie zur Verfügung stehen. Ich hege eine gewisse Vermutung und werde unsere Gefangenen morgen im Laufe der Reise darauf ansprechen. Waren die drei aufrichtig, so werden sie jede meiner Fragen in aller Unschuld beantworten, ohne auch nur zu merken, worauf ich abziele. Führen sie hingegen Übles im Schilde, könnte alles mögliche bis hin zu einer offenen Konfrontation eintreten.“
„Dann behalte deine Hypothese für dich, Liebling, damit ich dir nicht durch einen falschen Blick oder Zungenschlag dein Verhör verderbe!“
„Wie du wünschst.“
Hespio lächelte. „Die drei gefallen mir übrigens. Obwohl der Söldner dir für meine Begriffe ein wenig zu schöne Augen gemacht hat, als wir hier ankamen.“
„Hahaha! Nun, das geht mir ebenso. Mein Herz möchte unseren Gefangenen trauen. Es ist nur… wegen Botho…“
„Ja, ich weiß. Wir können ihm nicht trauen.“
„Es ist eine Schande!“ murrte Dorithe.
Als lastete nicht bereits die Verantwortung über ein Königreich auf den Schultern des Paares, hatte sich nun also auch der aufsässige Hoflehrer wieder unter ihre Augen getraut. Der Herr musste seine Gründe haben, die Zusammenkunft geschehen zu lassen. Doch in Nächten wie dieser, fragte sich Dorithe, ob es möglicherweise schon zu lange her war, dass Gott der Herr unter den Sterblichen gewandelt war, wenn er Katern wie Botho Wunder gewährte, obwohl sie doch die Stabilität des Königreiches gefährdeten. Seit den Tagen der Menschen hatte sich einiges geändert. Diese Welt war nicht mehr die von Jesus und Maria Magdalena und ein Karr kein Mensch.
Dorithe nahm Hespios Hand in die ihre. Sie mochte es, ihn zu berühren, selbst, wenn sie gerade nicht rollig war.
„Hespio… mein Herzblatt…“
Körper und Seele, verbunden zu einem Konstrukt, das man eine Person nannte. Ein kleiner Geist, jeder einzelne einzigartig… und endlich. So verwundbar, so zerbrechlich. Was nützte Dorithe ihr Glaube an ein Weiterleben der Seele nach dem Tod des Körpers? Das, was dann von Hespio übrig bliebe und mit den Engeln sang, wäre nicht mehr ihr Partner, den sie liebte. Von den Zwängen der Welt befreit würden sie sich alle in ätherische Wesen verwandeln, und wer vermochte zu sagen, welche Passionen sie dann antreiben würden? Dorithe wollte behalten, was sie im Hier und Jetzt besaß, daher musste sie Hespio um jeden Preis beschützen. Gegen die Zeit verlieren zu müssen, war hart genug, aber gegen Unfälle, Kriegsgegner und Intriganten vermochte die Katze sehr wohl anzukämpfen. Nicht weniger würde sie tun!
Wie mächtig war der Prinzessin ihre Gabe anfangs erschienen, bis sie gelernt hatte, dass gegen jede Waffe ein Schild existierte. Nur wer Schwert, Zauberei und weltliches Wissen gleichermaßen ins Feld zu führen wusste, jedes Element in der Situation, in der es am dienlichsten war, würde sich in dieser Welt behaupten und die Seinen behüten können.

In der Köhlerhütte wurde Botho auf seiner Lagerstatt aufgeschreckt, als sich der Untergrund unter ihm zu bewegen begann und er zur Seite rollte.
K´chen riss dem Erwachsenen die Decke gänzlich vom Leib. „Wir fliehen, Vater!“ zischte er.
„Das ging schnell“, murrte Botho. „Dabei war ich so müde! Aber die Zeichen und Omen sind wohl nicht der Meinung, auf unsere sterblichen Körper Rücksicht nehmen zu müssen.“
Ganz so schnell kamen die vier dann doch nicht zu ihrer Freiheit. Mehrere Stunden mussten vergehen, in denen Tric immer wieder Pausen einlegen musste und Botho insgesamt dreimal wieder einnickte, nur, um erneut von K´chen wachgerüttelt zu werden.
Endlich rief das Himmelsschwing: „Es ist soweit! Helf ein wenig nach!“
Unter der dem Wald zugewandten Wand des Schuppens hatte sich ein Hohlraum gebildet. Es war nun ein Leichtes, mit den Händen genügend weiteres Erdreich fortzuschieben, damit ein Karr ins Freie kriechen konnte. Unter Beklemmungsgefühlen, wie sie in einem echten Tunnel aufkamen, litten die vier dabei nicht. Ihre Flucht fühlte sich an, als kröche man unter einer Zeltplane hindurch.
Kaum waren die vier ihrem Gefängnis entkommen, da fiel ihr kleiner Fluchttunnel bereits wieder in sich zusammen.
„Die Ritter werden schon genau hinsehen müssen, um zu erkennen, wie wir das gemacht haben“, erklärte Tric zufrieden.
„Wir hätten die Decken mitnehmen sollen“, überlegte Botho laut, was ihm einen strengen Blick aus Trics Facettenaugen einbrachte.
„Kannst gern nochmal umkehren, ich bin sicher, die Wachen lassen dich mit Freuden wieder rein!“ zischte der Zauberer.
Vater Botho beäugte sein Kreuz.
„Ich hoffe nicht, dass das nötig ist“, meinte er. „Aber wir werden sehen.“

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