(MdG) Auf leisen Pfoten

Ihrer Waffen und Reiseausrüstung beraubt, gewärtig, jeden Moment wieder geschnappt zu werden und Terrorvögel im Nacken, die Säugetiere witterten, wie die legendären treuen Hunde der Menschen – die Lage der Flüchtlinge war alles andere als hoffnungerweckend. Und dennoch, seit er das Leuchten gesehen hatte, bestand für Vater Botho kein Zweifel mehr daran, dass alles gut ausgehen würde. Gut, das bedeutete für den geweihten Kater: Gottes Willen entsprechend. Sollte das beinhalten, noch in dieser Nacht an einem Baum aufgeknüpft zu werden, dann wollte er dieses Schicksal nicht nur willig, sondern sogar freudig annehmen.

Bothos vermeintlicher Fatalismus äußerte sich zur Überraschung seiner Begleiter in einer Tatkraft und Kühnheit, die jedem Ritter gut zu Gesicht gestanden hätten. Der Kater war nun bereit, jedwede Konsequenz zu tragen und scheute daher keinerlei Risiko.
Botho schlich sich nicht nur an ein Duo schlafender Wachen heran, um den Katzen ihre Waffen zu rauben, er wagte sich sogar ein Stück an die Pferche, dorthin, wo die Terrorvögel ihrer Hinterlassenschaften auf den Waldboden hatten fallen lassen. Die Tiere witterten den Kater, maßen dem aber aber keine Bedeutung zu. Woher sollten sie auch wissen, es mit einem Flüchtigen zu tun haben, der gerade den letzten Rest des ihm vom König entgegengebrachten Wohlwollen verspielte? Noch hatte sie ja niemand auf den Flüchtling angesetzt, noch erschien Botho den Vögeln so unschuldig wie jeder andere der aufrechtgehenden Katzen. Er sollte sich bloß nicht wagen, NOCH näher zu kommen…
Mit beiden Händen klaubte der Priester Material vom Boden nahe der riesigen Laufvögel auf. Mit dem Gemisch aus Nadeln, Erde und dem Verdauten der Tiere kehrte er zu seinen Freunden zurück. Sie sollten sich ihre Körper damit einreiben, erklärte er, und vor allem nicht an den Sohlen sparen.
K´chen gehorchte sofort. Er war sich zwar noch immer nicht sicher, ob sie das Richtige taten, doch wollte er nicht dafür verantwortlich sein, dass seinen Freunden etwas zustieß.
Prisja seufzte, bevor sie zögerlich die Vogelkot-Pampe auf ihre Haut auftrug.
Tric war noch damit beschäftigt, einen der beiden erbeuteten Reitersäbel an seinem Gürtel zu befestigen, ohne sich dabei zu verletzen. Zwar war es daran gewöhnt, die zweischneidige Klinge eines echten Schwertes mit sich herumzutragen, doch hatte das Schwert stets in einer Scheide gesteckt.
„Das nächste Mal frage ich die Katzen, ob sie auch noch ihre Gürtel ablegen können, bevor sie im Dienst einschlafen“, wisperte Botho amüsiert angesichts der Verrenkungen des Himmelsschwings. Dabei reichte er auch Tric seine Portion. „Gründlich verreiben! Wenn der Wind diesen Geruch zu den Terrorvögel trägt, glauben sie, es mit einem Artgenossen zu tun zu haben.“
„Das wird uns eine Chance zu entkommen verschaffen“, wisperte Prisja. „Aber die Armee hat auch noch Flamingos – wie sollen wir fliegenden Verfolgern entkommen?“
„Indem wir uns dort halten, wo sie nicht manövrieren können und wo die Terrorvögel erst recht nicht durchkommen“, antwortete Tric. „Im dichten Unterholz, unter Überhängen und in schmalsten Schluchten!“

Die vier hasteten, so schnell sie konnten, in den Wald. Botho setzte sich an die Spitze. Er führte seine Begleiter zu einem Abhang. Von hier oben vermochten sie die Kronen der eine Ebene tiefer wachsenden Bäume zu sehen, nicht aber, was darunter umherhuschen mochte. Zeit für eine gründliche Aufklärung blieb den Flüchtigen allerdings nicht.
Botho bedeutete den Kindern, dass sie sich den Hang herunterlassen mussten. Gern hätte Tric wieder einige Baumwurzeln um Hilfe gebeten, doch die Nervenbahnen, durch die Kis Macht geflossen war, schmerzten allein bei dem Gedanken, sich so kurz nach seinem letzten Zauber erneut mit den Erdlinien zu verbinden. Sich seiner Grenzen im reinsten Wortsinn schmerzlich bewusst, prüfte das Himmelsschwing stattdessen die Festigkeit einiger Bodenranken, die sich hier entlangzogen. Das Efeugewächs bewohnte die Bäume und ernährte sich davon, was diese entbehren konnten, unfähig, selbst seine Nahrung aus Luft, Licht und Wasser zu erschaffen. Aufgrund dieser Eigenart ordneten die Gelehrten der Karr das Efeu den Tieren und nicht den Pflanzen zu.
Das hiesige Efeu schien von seinem unfreiwilligen Wirt gut versorgt zu werden. Satt und zufrieden wucherte es von den Stämmen herunter und großflächig über den Boden. Tric benutzte den Reitersäbel um eine lange Ranke abzuschneiden. Mit dem Stiefel versuchte es, die Stelle zu kaschieren, doch Bothos geschultes Waldbewohnerauge fand sie weiterhin. Mit einigen raschen Handgriffen korrigierte er Trics Versäumnis, während der Zauberer die Ranke um einen schlanken Baum schlang, der näher am Abhang wuchs.
„An dieser Ranke klettern wir hier runter, wie an einem Seil“, eröffnete es den Freunden. „Sie reicht nicht ganz bis hinunter. Ich fliege daher voraus und sorge dafür, dass ihr heil unten ankommt. K´chen – dich kann ich mitnehmen, aber Prisja und Botho sind zu schwer für mich.“
K´chen nickte. Während er um Trics Hals geklammert von diesem nach unten getragen wurde, stand dem Zauberer sein Luftkissen vor Augen. Wieviel einfacher hätte sich der Weg nach unten damit gestaltet! Die umständliche und nicht ungefährlichere Kletterei wäre der Gruppe erspart geblieben! Doch daran war angesichts des über K´chen verhängten Zauberbanns nichts zu ändern und die Karr mussten das Beste aus ihrer Lage machen.

Prisja lies sich gekonnt an Trics improvisiertem Seil herab, wobei sie ihre Füße gegen den Fels presste. Die Gauklertochter hatte die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht, als sie innehielt. Sie schaute nach unten und stieß sich dann von der Wand ab. Einige Augenblicke lang sauste Prisja frei durch die Luft wie ein Eichhörnchen. Sie streckte ihre Arme aus, bekam einen nahen Ast zu greifen und entlud ihren Schwung in einem Überschlag um diesen. Erst danach hangelte sie sich näher an den Stamm heran. Ihr Versuch, sich sanft fallen zu lassen und mit den Zehen auf einem tieferliegenden Ast zu landen, schlug fehl – Prisja strauchelte und kam rittlings auf dem Ast zu sitzen.
Tric schüttelte den Kopf. Es hielt noch immer K´chen im Arm, während es die Turnerei dessen älterer Schwester beobachtete. Keines der Manöver notwendig gewesen, doch strahlte Prisja eine solche Lebensfreude dabei aus, dass Tric darauf verzichtete, sich als Helfer beim Abstieg anzubieten.
Prisja griff nach vorn, umfasste den Ast, auf dem sie saß, und zog ihre Füße nach oben. Sie richtete sich auf und balancierte, bis sie einen ausladenden Ast, der vom benachbarten Baum herüberragte, erreicht hatte. Sachte Zehe vor Zehe setzend wechselte die Katze auf diesen. Von hier aus kletterte sie nun nicht etwa bis hinunter zum Boden, sondern tappte zum Stamm, gegen den sie sich lehnte. Aus dieser Position heraus genoss die Katze einen ungehinderten Blick in den Wald hinein. Angestrengt spähte sie nach eventuellen Raubtieren oder intelligenten Lebewesen aus, die in der Nacht unterwegs sein mochten.
Tric lächelte. Um Prisja musste es sich nicht sorgen. Die Kletterfähigkeit der Gauklerin hätte einem Affen alle Ehre gemacht und ihre geschulte Beobachtungsgabe würde sie auch im Wald nicht verlassen.

Botho hingegen rutschte mehr an der Ranke herab, als dass er geklettert wäre. Tric setzte K´chen ab und flog dem muskulösen Kater entgegen.
„Lass dich einfach fallen!“ wollte er rufen, kam er nur bis zum „Lass!“.
Denn als Botho das Ende seiner Abstiegshilfe erreicht hatte, vermochte er nicht zu bremsen und stürzte unkontrolliert in die Tiefe. Seine Finger schrammten über den Abhang, in dem vergeblichen Versuch, irgendwo Halt zu finden. Wo seine tierischen Vorfahren instinktiv ihre Körper in die richtige Position gebracht hätten, war Botho sein Intellekt im Weg. Angeborene Talente, die nicht trainiert wurden, verkümmerten und obgleich er den Unheilswald seine Heimat nannte und als Jäger einer weiblichen Katze ebenbürtig war, hatten Klettertouren nie eine Rolle in Bothos Leben gespielt.
Mit einem erstickten Schrei prallte Botho gegen das ihm entgegenkommende Himmelsschwing und dann stürzten sie beide zu Boden. Trics hektisches Flattern vermochte den Absturz ein wenig zu bremsen. Dennoch, angenehm war es nicht, unter fünfundachtzig Kilogramm Kater zu liegen zu kommen.
„Jautsch!“ heulte Botho auf. Er rollte sich von Tric herunter und inspizierte die Körperstelle, an der er einen stechenden Schmerz spürte. Außer ein paar blauen Flecken und Schrammen hatte der Kater keine Verletzungen davongetragen. Doch ein Loch in seiner Weste verriet Botho, wie knapp er einem tiefen Stich entgangen war. Dort hatte sich Trics Säbel zwischen die beiden Körper geschoben…
„Wir sind schon ein paar Abenteuerer“, meinte der Priester kopfschüttelnd.
Es lag keine Anklage in seinen Worten. Hätte Tric seine Klinge erst umständlich abgelegt, bevor es ihm entgegenflog, der Kater wäre inzwischen bereits mehrere Meter weiter gefallen und hätte sich den Hals brechen können.
„Lasst uns zusehen, dass wir wegkommen“, meinte Tric, nachdem er und Botho sich aufgerappelt hatten. „Immer Prisja nach.“

Die Flüchtlinge marschierten die restlichen Stunden der Nacht und den ganzen folgenden Tag. Botho kannte alle essbaren Pflanzen dieses Waldes und verstand sich darauf, mit deem eigentlich Prisja zugedachten Säbel kleines Wild zu schlagen. Tric stellte sich noch ein wenig ungeschickt an, doch Botho war zuversichtlich, dass das Himmelsschwing es bald gemeistert haben würde, seinen neuen Säbel als Speerersatz zu verwenden, während es sich aus den Bäumen heraus auf Kaninchen und Waldhühner stürzte. Sobald ihnen ein wenig mehr Zeit zur Verfügung stand, wollten Botho und Prisja ein paar Wildfallen improvisieren und Tric sich einen neuen Speer anfertigen. Doch an diesem ersten Tag ihrer Flucht war nicht einmal daran zu denken, ein kleines Feuer zu entfachen. Bothos erlegte Hasen wurden von den Karr roh als Hackfleisch verspeist. Tric brachte es nicht fertig, das blutige Fleisch herunterzuwürgen und hielt sich stattdessen an ein paar Beeren und Spinatblätter. Aber auch zum Sammeln hatten sich die vier nur wenig Zeit gegönnt, so dass niemand richtig satt wurde.

Als die Abenddämmerung hereinbrach, fielen die vier erschöpft in ihrem Versteck, das sie sich für die Nacht gesucht hatten, zu Boden. Es handelte sich um den hohlen Stamm eines einstmals mächtigen Baumes, der in zwei Metern Höhe über dem Boden gebrochen war. Der aufrechtstehende noch im Boden wurzelnde Teil und der von Pilzen und Moos überwucherte gefallene Stamm bildeten eine Art natürliche Festung. Dachse, Füchse und nun auch Karr wussten derartige Unterschlüpfe zu schätzen.
„K´chen, du legst dich hin und schläftst“, ordnete Botho an. „Tric und Prisja – ihr haltet die Umgebung im Auge. Wenn die halbe Nacht herumgegangen ist, weckt ihr mich und K´chen, damit wir euch ablösen.“
Tric nickte stumm und Prisja salutierte keck.
„Und nun?“ fragte K´chen leise, anstatt Bothos Anweisung sofort auszuführen. „Wie soll es nun weitergehen mit uns?“
„Wir laufen um unser Leben“, knurrte Tric. „Wir fliehen aus der Grafschaft, verstecken uns in den Wäldern, überqueren auf unserer Flucht die Grenze und nennen das die Suche nach der Magie des Geistes!“
Das Himmelsschwing lies sich auf einen Findling, gewissermaßen der Vorburg ihrer Festung nieder. Es hob den Kopf und erklärte: „Im Ernst, wir werden erst sicher sein, sobald wir Alpland hinter uns gelassen haben.“
Alpland verlassen? Ja, warum nicht, überlegte K´chen. Der Gedanke klang nur im ersten Moment einschüchternd. Genaugenommen war doch die Akademie seine Heimat gewesen. Seine zweite hatte er bei Zaket´s Sippe finden sollen, egal, wo diese sich gerade aufhielt. Also dem Land seiner Geburt den Rücken kehren… aber wohin sich wenden?

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