(MdG) Ein neues Ziel

Am nächsten Morgen hockten die vier Flüchtlinge schweigsam in ihrem hohlen Baum. Vater Botho hatte ihnen aufgetragen, sich mögliche Ziele einfallen zu lassen. Dabei kreisten die Gedanken Trics und der Karr um die Frage, ob man sie heute Morgen oder erst im Laufe des Tages wieder einfangen würde…
K´chen zwang sich, sich auf seine erdkundlichen Kenntnisse zu konzentrieren. Er mochte nicht so weitgereist wie Prisja oder der Priester sein, dafür hatte er bis vor kurzem die Schule besucht und sein Wissen stand ihm noch frisch zur Verfügung, ohne von den Zwängen des Alltags in den Hintergrund geschoben zu werden.
Wenige Tagesreisen westlich von Markzat verlief die Grenze zum Kaiserreich. Die Wege dorthin sowie das Grenzgebiet selbst wurden dicht patrolliert und galten als sicheres Territorium für Reisende, weshalb es sich für die Flüchtlinge von selbst verbot, sich in dieses Gebiet zu wagen.
Das Land im Norden war weitgehend unbesiedelt, wüst und rauh und für eine kleine Reisegruppe tödlicher als die Lanzen ihrer Verfolger.
Im Süden wurde das Albengebirge zunehmend steiler und unüberwindlicher. Selbst die Himmelsschwingen, die hier lebten, sahen keine Veranlassung, es zu überqueren zu versuchen. Und als wären die Lufträuber nicht schon schlimm genug, so musste man auch noch mit dem Auftauchen von Höhlenmenschen rechnen.
Die Alpländer wussten daher herzlich wenig über den südlichen Teil des Kontinents. Das wenige, das ihnen zugetragen wurde, stammte aus den Liedern der Spielleute, aus Legenden und aus den Erzählungen jener Abenteuerer, die sich durch verlassene Klackertunnel gewagt hatten, die unter dem Gebirge entlangführten. Dieser Weg klang harmloser und bequemer, als er eigentlich war, wusste man doch nie, ob sich nicht eine Höhlenmenschensippe in den aufgegebenen Tunneln eingenistet hatte.
Im Nordosten Alplands lag die Faustienmagokratie. K´chens Laune besserte sich zusehends, als er sich das wieder bewusst machte. War es ihnen wirklich ernst mit ihrer Queste, so mussten die Magokraten als die beste Anlaufstelle für die Gruppe gelten. Ein Land, in dem jeder Zauberer ein Ritter und jeder Magier mindestens ein Baron war, in einem solchen Staat standen den Zauberkundigen viel mehr Geld und Muße zur Verfügung, um sich der Forschung zu widmen als in den Alpenländern. Obwohl die Faustiener Fremden gegenüber verschlossen auftraten und es hieß, dass sie nur diejenigen auf ihre Gebiet ließen, die sie selbst eingeladen hatten, so durfte das für ausländische Zauberer sicher nicht so streng gehandhabt werden, fand K´chen. Das Königreich Alpland und die Magokratie teilten sich allerdings keine gemeinsame Grenze. Zwischen beiden lag Himmelstrutz, eine K´chen vollständig unbekannte Nation.
„Was weißt du über unser nächstes Nachbarland im Osten, Vater Botho?“ fragte der Junge daher.
„Nicht viel. Dort drüben leben fleißige Handwerker und die Wälder müssen gutes Holz abwerfen, denn die Karr dort können es sich leisten, viele Waren zu anständigen Preisen in nahe und ferne Länder zu exportieren. Das müssen sie wohl auch, denn der Boden ist schlecht und bringt nur wenig Korn oder Viehfutter hervor. Von der Jagd allein kann ein Einsiedler wie ich leben, jedoch kein ganzes Königreich. Daher ist Himmelstrutz gezwungen, Nahrungsmittel einzuführen.“
Tric brummte zustimmend.
„Die Emubeni…“ wisperte Prisja.
„Hm?“ machte Tric, doch K´chen hatte verstanden, was seine Schwester andeutetn wollte. „Natürlich!“ rief er aus. Das war ja ein noch viel besserer Einfall als sein Plan, die Magokraten zu besuchen! „Die Zwerge haben doch ein Seelenband zu ihren Reitvögeln! Na, wenn das nicht nach Geistesmagie riecht! Und sie sind mit den Menschen verwandt! Wenn Himmelstrutz mit so vielen Ländern Handel treibt, dann bestimmt auch mit den Emubeni. Wir müssen nur einen finden, dann verdingen wir uns als sein Geleitschutz und ziehen mit ihm in seine Heimat.“
„Also werden wir Söldner.“
„Aber nein, Tric!“ fuhr K´chen auf. „Doch nur für ganz kurze Zeit! Wir suchen die Emubeni auf, befragen sie und entscheiden danach, wohin wir müssen!“ Der Zauberer umarmte zuerst seinen Paten und dann die Schwester stürmisch. „Unsere Queste ist schon in vollem Gange!“

„Die Queste, die Suche!“ schnaubte Tric.
Es sprang auf, zerrte seinen Säbel aus dem Gürtel und schlug voller Wut gegen eine Krähe, die sich auf dem Skelett des großen Baumes niedergelassen hatte. So uncharakteristisch war der Ausbruch für ihn, dass die drei anderen ihren Gefährten wie aus einem einzigen Paar Augen anstarrten, ohne einen Ton hervorzubringen. Die Krähe hatte dafür umso mehr zu sagen. Empört krächzend suchte sie das Weite. Tric aber schwebte einige Zentimeter über dem Boden und bemühte sich, die sinnlos gezogene Waffe wieder zu verstauen.
Dann wandte es sich ab und verlies die Gruppe halb gleitend, halb hüpfend. Am äußersten Rand des Sichfeldes der Karr blieb es in der Luft hängen, die Arme verschränkt und den Kopf auf die Sterne und Baumwipfel über ihm gerichtet.
„Du solltest ihm nachgehen,“ forderte Prisja den Priester auf. Botho nickte.
Auf leisen Katzensohlen näherte er sich dem Himmelsschwing.
„Möchtest du beichten, reden oder einfach nur jemanden deinen Frust ins Gesicht fauchen?“
Tric fuhr herum, als befänden sich unter seinen Ahnen tatsächlich Katzenartige, die ihm das Brüllen oder Fauchen vererbt hätten. Völlig unerwartet schrie er den Priester an: „Wie könnte ich lernen, die Magie des Geistes zu nutzen, wenn ich meinen Geist nicht mal richtig unter Kontrolle habe!“
„Was ist lo… wie meinst du das jetzt schon wieder?“
Botho blinzelte. Es war wahrhaftig nicht leicht, mit einem Himmelsschwing zu reisen. Der Kater wusste, wie man biologisch korrekt über diese Wesen und zu ihnen sprach, aber das Miteinander gestaltete sich kompliziert. An jeder Ecke schienen Fallstricke zu lauern.
„Ist es wegen dem armen Vogel gerade eben?“
„Das Feuer“, erinnerte Tric den Einsiedler. „Feuerzauber gehorchen mir nicht mehr, weil jedesmal, wenn ich versuche, mich auf dieses Element einzustimmen, die Erinnerung an den verheerenden Brand im Turm aufs Neue geweckt wird. Darum drehen sich meine Gedanken.“ Was, wenn es nun lernte, mit jedem der anderen im Geist zu sprechen, doch anstatt seiner Worte, schickte es ihnen Flammen mitten in den Kopf?“
„Also hältst du K´chens Queste gar nicht für eine fixe Idee“, dachte Botho laut. „Du fürchtest dich ganz im Gegenteil vor dem, was wir am Ende finden könnten!“
Als Tric das Offenkundige zwar nicht bestätigte, ihn aber auch nicht fortschickte, stellte sich Botho neben ihn. Der Blick des Zauberers war himmelwärts gerichtet und Botho folgte ihm. „Es heißt, das Paradies läge im Himmel, Tric. Vielleicht ist es hinter den Sternen zu finden, ich weiß es nicht. Mag sein die Menschen wussten es. In den Zeiten der Menschen ereigneten sich oft große Wunder. Gott der Herr selbst wirkte sie durch seine Vertreter, nicht die normalen Priester, sondern die Heiligen und Propheten.“
Der Karr schmunzelte schelmisch und fuhr fort: „Wärst du nicht so ein Einsiedler in deinem Turm, hättest du die Szene in den Malereien der großen Dome längst gesehen. Sie passt eher in die Weihnachtszeit als in diesen Wald, aber es heißt ja auch, dass der Wald ein viel besserer Tempel sei als jede Kathedrale. Von daher kann ich dich schon verstehen, wenn du die Kirchen meidest.“
Wie Tric den Priester kannte, mochte dieser das selbst erfunden haben.
Botho fuhr fort mit seiner Erzählung: „Maria und Joseph, sie waren so arm, dass sie noch nicht einmal eine warme Decke für ihr Kind hatten. Sie legten ihren Sohn in eine mit Stroh gepolsterte Krippe. Nun war es schon weniger kalt, aber es zog doch sehr in dem Stall, in dem sie auf ihrer Reise nach Bethlehem Unterkunft gefunden hatten. Da kam die Katze aus der Tenne, schmiegte sich an das Christuskind und hielt es warm. Maria legte ihr die Hand auf den Kopf und das Katzenfell nahm die M-Zeichnung an. Von diesem Tage an trugen das Tier und alle seine Nachkommen das M auf der Stirn.“
Tric erinnerte sich vage an eine ähnliche Geschichte aus seiner Kindheit. Im Waisenhaus war sie oft erzählt worden. Hatten da nicht auch eine Reihe von Tieren dem Christuskind auf ihre Weise Geschenke dargebracht welche denen der drei Weisen aus dem Morgenland mehr als nur ebenbürtig waren? Damals hatte das Himmelsschwingküken nichts anderes interessiert, als dass diese Männer Sterndeuter und Zauberer gewesen waren. Es hatte sich und seine Sehnsüchte in ihnen wiedergefunden.
„Deswegen stehen die Tabby in einem so hohen Ansehen bei euch?“ fragte Tric.
Botho, selbst nur ein einfarbiger Karr, nickte.
„Und was soll mir das jetzt sagen?“
„Wir haben Teil am Heil, Tric“, sprach Botho eindringlich. „Wieso sollte uns da etwas Minderes wie eine Schule der Magie verwehrt bleiben, wenn wir es uns von Herzen wünschen, sie zu erlernen?“
Tric schnaubte: „Nun ja, ich hätte mir von Herzen gewünscht, dass mein Meister der Brand überlebt hätte! Und Stiefelhira wäre sicher auch lieber der neue oberste Schatten geworden, anstatt für einen Vierteltaler aus einem Dachbodenfenster heraus dabei beobachtet zu werden, wie die Leichenstarre einsetzt…“
„Aber weißt du auch, was ihre Seelen wollten?“
Tric wandte sich ab. Das Gespräch würde ja doch nur darauf hinaus laufen, dass alle Seelen wieder nach Hause wollten.

Geknickt blieb Vater Botho zurück. „Wieso?“ flüsterte er scheinbar zu sich selbst. „Wieso erlaubst du mir, den Leuten in jeder erdenklichen Weise zu helfen, befähigst mich aber nicht, den Glauben an dich zu verbreiten?“
Ungewollt tauchte eine Gegenfrage in Bothos Karr-Geist auf: Willst du klagen oder eine Antwort?
Der Priester zuckte zusammen. „Weder, noch“, dachte er. „Ich möchte, dass es sich ändert.“
Botho lauschte in sich hinein, doch diesmal erfolgte keine Reaktion. Sich an das von seinem Kristallkreuz ausgegangene Glühen erinnernd, schlussfolgerte Botho, dass er alle Antworten und Hinweise bereits besaß, und sie nur noch verstehen lernen musste. In diesem Moment wusste er, dass er nicht in die Höhle im Berg zurückkehren würde, sondern sein Platz an der Seite seiner drei neuen Bekannten war. Die Zeit des Weglaufens war vorüber – ein merkwürdiger Gedanke, befand sich der Kater ja just in diesem Moment auf der Flucht! – nun wurde es Zeit, auf ein Ziel zuzugehen.

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