(MdG) Die Reise beginnt

Seit der Rast in dem hohlen Baum waren mehrere Tage vergangen. Allmählich verließ die Furcht vor den Verfolgern die vier Reisenden und aus ihrer hastigen Flucht wurde eine zügige Wanderung. Tric und die Karr-Geschwister löcherten Botho mit Fragen nach dessen vergangenen Reisen und über die Welt außerhalb des Königreiches. Innerhalb der Grenzen Alplands fühlte sich Prisja ebenfalls als erfahrene Reisende, doch wenn Botho von geheimen Pfaden berichtete, die er benutzt hatte, von Abkürzungen über unerschlossene Gebirgspässe, verlassenen Klackertunneln und geheimnisvollen Seen, durch die man in Grotten tauchen konnte, von deren Wänden Edelsteine schimmerten, dann kam sie aus dem Staunen nicht mehr heraus.
„Das Land im Norden ist ziemlich versumpft“, eröffnete der Kater seinen neuen Gefährten. „Dort leben nur wenige Siedler. Doch wenn man es durchquert und schließlich an die Küste gelangt – eine Strecke, die ich noch nie auf mich genommen habe – so reiht sich dort ein Stadtstaat an den anderen. Sie treiben wohl alle miteinander Handel und führen auch oft Krieg gegeneinander, aber sie bleiben unter sich und haben kein Interesse an Kontakt zu anderen Regionen.“
„Oh!“ entfuhr es Prisja. „Was würde passieren, wenn die sich eines Tages zu einem Reich wie Rebbergen zusammenschlössen?“
„Gar nichts!“ lachte Botho. „Jedenfalls würden sie dann keine Gefahr für uns darstellen. Selbst vereint bringen die Meereskönige nicht mehr Krieger auf als Alpland für sich allein.“ Das Leben auf diesem Kontinent blühte in den unzugänglichsten Bergregionen am Vielfältigsten, als hätte irgendeine vorzeitliche Katastrophe es dort oben auf den Almen und in den Schluchten nicht erreicht.
Botho hatte seine eigene Erklärung für diesen Umstand: „Das ist noch das viele Wasser aus dem Himmel, das seit der Sintflut das Land bedeckt. Es sickert nur langsam in den Boden, daher der viele Schlamm im Tiefland. Viele Landstriche, die wir heute zu besiedeln beginnen, befanden sich zur Zeit der Menschen mit Sicherheit noch unter Wasser.“

„Ein Boot wäre mir jetzt auch willkommen“, warf Tric ein. „Vorausgesetzt, K´chen würde es zum Fliegen bringen!“
Botho verdrehte die Augen. Es ging also schon wieder los. Lange Füßmärsche bekamen dem dem Himmelsschwing nicht gut. Tric war es gewohnt, auf dem Dach eines Gauklerwagens mitzufahren, während es die Karren beschützte. Es gebrach ihm an Ausdauer und Durchhaltevermögen. In seinem bisherigen Leben hatte der Zauberer bestenfalls die Strecke ins Dorf der Kräuterfrau oder nach Markzat bewältigt. Wie strapaziös sich der Marsch nach Himmelstrutz gestalten würde, hatte sich K´chens Pate nicht vorstellen können.
„Dann flieg doch!“ schlug Botho vor, doch Tric schüttelte den Kopf.
„Spielt keine Rolle. Ob ich fliege oder laufe, es ist beides anstrengend. Ich kann einfach nicht mehr!“
Tric lehnte sich gegen einen Baum. Es war nicht zu übersehen, dass sein Atem schwerer ging, das Grau seiner Haut fahler als sonst war und ihm Schweiß von der Stirn perlte. Anstatt sich einen Speer anzufertigen, wie es das ursprünglich vorgehabt hatte, hatte das Himmelsschwing lediglich einen starken Ast gebrochen, den es als Wanderstab benutzte. Doch seit einer Stunde empfand es das Objekt nicht mehr als Hilfe, sondern lediglich als zusätzliches Gewicht, das es zu schleppen galt.
„Komm schon, Vater, lass uns rasten!“ bat Tric. „Die Kinder sind ebenso erschöpft wie ich!“
„Das mag sein, aber die Kinder nörgeln wenigstens nicht die ganze Zeit“, brummte Botho.
Prisja legte den Kopf schief. „Wenn wir heute ein wenig eher rasten…“
Tric lächelte. In diesem Moment erschien ihm die Katze wie eine himmlische Sendbotin!
„…dann haben du und Tric Zeit, uns einen richtig schönen Braten zu jagen!“
Das Lächeln des Himmelsschwings verzog sich zu einer finsteren Grimasse. Himmlische Sendbotin? Ja, aber Marke gefallener Engel! Höllenwesen!
„Kahhhhhhhhhhhnnst du nicht irgendeiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin Wunder herbeiführen?“ gähnte Tric in Bothos Richtung. Vor seinen Augen verschwamm die Umgebung. Das war normal, kein Erschöpfungssymptom. Solange sich weder sie selbst noch ihre Beute in Bewegung befanden, verließ ihr Scharfblick die Himmelsschwingen, ein Nachteil, den ihnen ihre Raubinsektenvorfahren vererbt hatten. Tric wollte sich an diesem Nachmittag weder bewegen, noch schnell fliehender Beute nachstellen!

„Ein Jagdwunder?“ Botho blinzelte. Er winkte ab. „Nein, nein! Ich meine, es ist nicht ausgeschlossen, dass mir ein Hirsch gerade in diesem Moment vor die Füße läuft und tot zusammenbricht, aber überaus unwahrscheinlich. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen. Mein Wissen über die Natur und die Jagd stehen meinem Glauben im Weg.“
„Merkwürdig!“ lies sich K´chen vernehmen. „Dass man auch zu viel wissen kann…“
„Außerdem muss jedes Wunder im Namen des Herrn gewirkt werden. Ich kann nicht einfach eine Tonne Gold aus dem Nichts heraus erscheinen lassen, um davon mein Lebtag lang in Luxus zu leben.“ Botho zerrte Tric von seinem Baum fort. „Oder um deine Faulheit zu unterstützen, Himmelsschwing!“
Unwirsch stieß Tric den Kater von sich. „Mag ja sein, dass es für dich vorstellbar ist, dass ich in meinem Zustand mit dir jagen gehe“, beschwerte es sich, „aber ganz sicher nicht für mich!“
Mit diesen Worten trat es zurück an den Baum, bückte sich und rollte sich zum Schlafen zusammen.
„Ja, ich habe schon gemerkt, dass gegen deine Sturheit kein Ankommen ist“, erwiderte Botho. Bedeutend leiser fügte er hinzu: „Prisja, du hältst bitte bei unserem Freund Wache. K´chen, komm mit! Wir beide gehen unsere Abendessen fangen!“
Der Junge nickte. Mittlerweile hatte Botho ihm eine neue Schleuder angefertigt, mit der er den Erwachsenen unterstützen konnte. Botho hob Trics Wanderstab auf. Mitten in der Bewegung hielt er inne.
„Wirst du klarkommen?” fragte der Priester K´chen. „Euch drei zu trennen ist immer noch gefährlich, oder? Wenn ihr euch wiedertrefft, reagiert ihr, als hätte man euch jahrzehntelang den Kontakt zueinander verwehrt…“
Der Junge zuckte die Schultern. „Das gibt sich schon… denke ich. Wir müssen uns nur dran gewöhnen.“ Der Sohn der Monde setzte ein schiefes Grinsen auf, als er fortfuhr: „Und überhaupt! Wie sollen wir denn den Rest Geistesmagie, der in uns zurückgeblieben ist, studieren, wenn wir jede Situation vermeiden, in der seine Wirkung zutagen tritt, hm?“
Botho musterte K´chen ernst, bevor er endlich nickte. „Gut, dann komm.“

Der Junge folgte Botho in den Wald. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Prisja mit den beiden Säbeln Bewegungsabläufe probte. Zakets Tochter hatte nie eine Kriegerin werden wollen, doch wenn es darauf ankam, lagen die Jagd und der Kampf einer Katze im Blut.
Aber stimmte das wirklich? Zakets älteres Kind, das wusste K´chen, war alles andere als eine Kriegerin, jedenfalls keine, die Waffen benutzte. Prisjas aus Notwendigkeit geborene Betätigung als waffentragende Beschützerin einfach so als natürlich abzutun, war das nicht ebenso gemein von ihm, als zwänge er seine Schwester absichtlich diese Rolle?
Von klein auf hatte K´chen gelernt, dass Katzen so waren und Kater so. Doch seit er die Akademie verlassen hatte, erweiterte sich sein Weltbild in einem Tempo, dass der Zauberer nicht für möglich gehalten hatte. Vieles von dem, was er bisher als selbstverständlich hingenommen hatte, musste zwar nicht verworfen werden, schien aber lediglich den fruchtbaren Boden darzustellen, auf dem das eigentliche Getreide wuchs. Nicht nur auswendig zu lernen, sondern zu beurteilen und eigene Samen in den Boden zu pflanzen, diese neue Art des Lernens kam einem verspielten und neugierigen Kater entgegen.
Und noch eine Lektion hatte er während der Flucht gelernt: Auch Erwachsene hatten ihre Grenzen. Auf ihrer Reise würden die vier die Stärken und Schwächen ihrer Begleitern kennen und respektieren müssen. K´chen begriff, dass am Ziel seines Strebens nicht nur die Geistesmagie stand. Er hatte sich auch auf die Reise gemacht, die man Erwachsenwerden nannte.

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