Curse of the Botoxi

Dies ist eine einige Jahre ältere Fanfic zum Browserspiel „Free Aqua Zoo“ der Firma Upjers. Ich stelle sie hier ein, da das Forum mittlerweile tot ist. Ist nicht gerade der Gipfel der deutschen Literatur, aber eine Erinnerung an tolle Zeiten in dem Spiel & der Community.

Viel Spaß damit!

„Was ist denn das für ein grässliches Viech?“ tönte die Stimme meiner Schwester durchs Zimmer. Wir saßen an Vatis Rechner und spielten Free Aqua Zoo. Das heißt, ich spielte, Carola nervte mich nur die ganze Zeit, auch endlich drankommen zu dürfen.
„Das ist ein Voodoofisch“, erklärte ich geduldig. Carola war noch nicht so weit im Spiel, für sie war alles neu, was ich aus dem Wasser zog.
„Schmeiß den bloß schnell wieder rein!“ forderte das Mädchen.
„Neeeeiiiin“, widersprach ich langgezogen. „Das geht nicht. Weißt du denn nicht, dass Voodoofische die Seelen toter Mods sind, die in Ausübung ihrer Pflicht gestorben sind?“
„Das geht doch gar nicht…“ murmelte Carola, doch eine gewisse Unsicherheit schang in ihrer Stimme mit. Deswegen setzte ich noch eins drauf und behauptete: „Doch! An Unwetter-Abenden wie heute, wo´s draußen blitzt und donnert, da kann das passieren. Da schlägt der Blitz in die Stromleitung ein und – wusch – zischen die Elektronen durch deine Leitung und in die Maus rein und dann schüttelt´s dich durch wie auf dem elektrischen Stuhl und dann – pfff – nichts mehr! Du liegst tot auf der Tastatur.“
Das war natürlich großer Quatsch. Aber Carola war sechs Jahre alt, durfte seit diesem Jahr an den PC und konnte gerade mal ihren Namen und ihr Passwort eintippen. Es konnte nicht schaden, ihr ein klein wenig Respekt vor dem Internet einzutrichtern.
Meine Schwester jedoch lies sich nicht beirren. „Und was werden tote User?“ krähte sie frech, stolz, dieses Wort zu kennen.
Ich verzog mein Gesicht zu einer Grimasse. „Das willst du gar nicht wissen!“ knurrte ich bedrohlich.
Als meine Schwester die Grimasse sah, schoss sie aus dem Zimmer wie ein geölter Blitz. So konnte ich wieder in Ruhe angeln.
Mit der Ruhe und dem Seelenfrieden aber war es vorbei, als ein Botoxi an meinem Angelhaken baumelte. Der billigste Fisch im Spiel, den man so gut wie nicht loswurde.
Draußen blitzte es, um den Moment zu untermalen. „Himmlisches Donnerwetter!“ fluchte ich. „So ein Drecksvieh hat mir gerade noch gefehlt! Das schmeiß ich doch direkt in die Hölle, obwohl´s selbst der Teufel nicht wird haben wollen!“
Donner grollte. Ich klickte einmal und weg der Botoxi. Meine Maushand kribbelte. Für einen Moment wurde mir gelb vor Augen, dann grün und blau, ganz so, wie wenn man beim Photographieren „verblitzt“ wird. „Jan?“ hörte ich Carola fragen. „Bist du schon ins Bett gegangen? Du hast Papa seinen Rechner angelassen! Ja, wo bist du denn?“ Carola legte eine kurze Pause ein, dann hörte ich sie sagen: „Ist der echt schon im Bett? Fein, dann kann ich ja jetzt meinen Ecken-kaunt laden!“
Ich verstand nicht, was in das Kind gefahren sein konnte. Was sollte das bedeuten, „ins Bett gegangen“ und „Rechner angelassen“? Ich saß doch immer noch vor dem Monitor!
Ich schüttelte verwirrt meinen Kopf. Komischerweise fühlte es sich an, als setze sich die Bewegung durch meinen gesamten Körper fort. Okay, Sinnestäuschungen können vorkommen. Es war ja auch schon spät und eigentlich gehörten wir beide, nicht nur Carola, längst ins Bett. Ich schlug die Augen auf. Eigentlich war alles wie gehabt: Ich blickte noch immer auf das Wasser des Teichs der Guten Hoffnung. Bloß, dass ich es plötzlich aus nächster Nähe betrachten konnte. Aus allernächster Nähe. Und das nicht nur von vorn, sondern auch von links, rechts, hinten und von Seiten, für die höchstens ein geschulter Navigator noch Worte kannte! Außerdem war es nass… Kurz und gut: Ich schwamm mitten in dem See aus dem Angelspiel herum. Und ich hatte Flossen. Zarte, schillernde, farblose Flossen. Botoxiflossen! Das durfte doch nicht wahr sein…?!

Kurzer Check: Durchscheinende Flossen, gelber Bauch, die Wahrnehmung, irgendwie kuglig zu sein und und nicht zuletzt das irgendwie geschwollene Gefühl in den Lippen – all das lies nur einen einzigen Schluss zu: Ich hatte mich tatsächlich in einen Botoxi verwandelt! Beziehungsweise war in einen verwandelt worden, denn von selbst macht man ja nicht so einen Mist! Sich in ein Browserspiel zu versetzen und so. Ich wusste, dass das, was mir zugestoßen war, eigentlich unmöglich hätte sein sollen, aber half mir dieses Wissen in meinem Zustand weiter? Kein Stück! Also nahm ich mein Schicksal ersteinmal so hin und lebte im Moment. Als Botoxi bleibt einem ja gar nichts anderes übrig. Du musst ständig nur aufmerksam sein, weil du ganz unten in der Nahrungskette stehst. Auch wenn es tausende Botoxi gibt und die Chance, dass aus diesen 1000 ein ganz bestimmer gefressen wird, schon eher gering ist, so ist es doch blöde, wenn gerade du dieser ganz bestimmte Fisch bist! Einsehbar, oder?
Daher machte ich, dass ich fortkam! Ich strebte dem Teichgrund zu, um mich dort unten sicherheitshalber esteinmal einzubuddeln. wie ich es von unseren Goldfischen daheim im Gartenteich kannte. Wie leicht das Schwimmen mir fiel! Ich bewegte mich ganz selbstverständlich in meiner neuen Form. Beinahe hatte ich das Gefühl, jede Situation darin meistern zu können. Ich hielt inne, blickte mich um. An einer Stelle des Teiches war das Wasser von einem dunkleren Grün. Wasserpflanzen vielleicht? Neugierig schwamm ich darauf zu – nur, um im nächsten Moment innezuhalten. Was dort beinahe reglos im Wasser hing, das war ein ausgewachsener level-10-Stachelfisch. Das Bedürfnis, mit diesem Tier nähere Bekanntschaft zu machen, verflüchtigte sich rasch.
Ich nahm meinen alten Kurs wieder auf, nur schnell nach unten!
Auf dem Boden angekommen, orientierte ich mich kurz und huschte dann in eine kleine Höhle hinein.
Doch kaum hatte ich es in mein Versteck geschafft, da rumorte es außen an der Höhlenwand! Klonk! Klonk! machte es, als schlage Metall gegen Metall. Meine kleine Zuflucht begann zu wackeln. Dann ging ein Ruck durch die Höhle und ehe ich es mich versah, stieg sie nach oben! Ich wurde hin und her geschleudert, schlug schmerzhaft gegen die Innenwand der Höhle und machte größere Augen, als ein Botoxi sie bereits von Natur aus hat, als ich dort etwas eingraviert las: „Best before“, gefolgt von einer Jahreszahl. Ich begriff, dass ich mich in einer Blechdose befand, an der sich gerade ein Angelhaken verfangen hatte. Und derjenige, der die Angel ausgeworfen hatte, zerrte natürlich gerade daran, um seinen Fang einzuholen.
Die Furcht, außerhalb des Wassers ersticken zu müssen, packte mich. Und hatte nicht mal jemand im Forum vorgeschlagen, Botoxi als Lebendköder weiterzuverwerten? Sie gar in einer Fischbraterei zu verwursten? Tausend Ängste kreiselten in meinem Kopf. Gleichzeitig kugelte mein Fischkörper in der Büchse umher, so dass ich, völlig meiner Orientierung beraubt, den rettenden Ausgang nicht finden konnte.
„Am Ende lande ich nur in einem Aquarium“, redete ich mir ein. Doch auch diese Perspektive klang nicht allzu verlockend. Ich wollte nicht von einem anderen Spieler durch ein winziges Becken gestubbst werden! Das sah schmerzhaft aus!
Nach einem schier endlosen Aufstieg durchbrach mein Gefängnis endlich die Wasseroberfläche. Eine Anglerin löste die Dose von ihrem Haken. Ich blickte ihr ins Gesicht und erkannte den Avatar meiner Schwester.
Jetzt würde alles gut werden! „Carola!“ rief ich aus. „Äh, Caro06, meine ich!“

So sehr ich mich auch bemühte, anstatt von Worten produzierten meine aufgequollenen Botoxilippen nur sinnloses Geblubbere. Caro06 konnte mich nicht hören. Enttäuscht über ihren Fang schleuderte sie die Blechdose auf einen Müllhaufen. Dass ich in darin lag, hatte das Mädchen überhaupt nicht bemerkt. Wie sollte es nun mit mir weitergehen? Die wildesten Phantasien schossen mir durch den Kopf: Recyclinghof! Slotmaschine! Ich würde enden, wie ein Stück Abfall im Kompaktor eines Müllautos.
Schon konnte ich die Stimme des Müllmanns hören: „Kann ich das mitnehmen, Fräulein Caro06?“
„Aber gern, Herr Malte“, antwortete meine Schwester.
Nachdem er Carolas Müllausbeute der letzten Woche aufgekauft hatte, sortierte Malte das ganze Gerümpel auf den Anhänger seines Wagens. Er zog die buschigen Augenbrauen hoch, als er mich dabei erblickte. „Na, Kleiner? Hast dich wohl verirrt?“ sprach mich der Mann gar nicht einmal unfreundlich an. Gern hätte ich etwas erwidert, doch ich vermochte nur hilflos mit den Flossen zu schlagen. Zudem fiel mir das Atmen immer schwerer. Wasser! Ich brauchte dringend Wasser zwischen meine Kiemen! Auf dem Boden der Dose war ja nach nur noch eine winzige Pfütze zurückgeblieben.
Malte schien das ebenfalls bemerkt zu haben, denn er holte eine Flasche hervor, deren Inhalt er in meine Dose kippte. Doch es war kein Wasser, das er hineinfüllte, sondern Bier! Hilfe! Wollte dieser Irre mich etwa für das Forschungsinstitut in Ethanol konservieren?!
Das Auto des Müllsammlers fuhr an und rumpelte über den unebenen Weg fort vom Teich der Guten Hoffnung. Mir aber schwand nicht nur die Hoffnung, sondern auch die Sinne…

Langsam kam ich wieder zu mir. Mein ganzer Körper fühlte sich noch immer betäubt an und mein Kopf schmerzte, doch immerhin befand ich mich noch am Leben. Ich schwor mir, als Erwachsener nicht einen Tropfen Alkohol zu trinken! Dann aber lachte ich bitter. War ich nicht gerade ein Botoxi, den man mittlerweile in einen verflixten Fischbeutel gesetzt hatte? Wie konnte ich da von einem normalen Leben phantasieren?
„Ich kaufe ihn“, hörte ich eine Frauenstimme zu Malte sagen. „Was musste das für eine Verrückte sein?“ durchzuckte es mich. Wer kaufte schon Botoxi?! „Das muss ein NPC-Kunde sein“, überlegte ich weiter. „Oder ich werde für eine Quest abgegeben.“
Wohin verschwanden eigentlich die Fische, die man als Spieler abgab? Ins Nirwana, die Nichtexistenz? Oder lebten sie ihr Leben innerhalb von Regionen des Spiels, in welche die User niemals vordrangen? Ich versuchte, mich an alle möglichen Questtexte bezüglich Botoxi zu erinnern, doch wollte mir kein einziger einfallen. So vermochte ich nur abzuwarten, was weiter geschehen würde.
Die Kundin trug mich durch verwinkelte Straßen durch Angelbachtal. Das Dorf war viel größer, als es auf dem Bildschirm den Eindruck erweckte! Ich erkannte die rot-weiß-gestreifte Markise des Marktes. Sie befand sich rechter Hand meiner neuen „Besitzerin“. Daraus schlussfolgerte ich, dass wir als nächstes das Aquarienhaus errichen würden. Ich sollte mich nicht irren. Doch anstatt einer mit acht Aquarien gefüllten Halle betraten wir ein ansprechend eingerichtetes Wohnhaus. Die Aquarien der Frau waren dekorativ im ganzen Haus verteilt. Eines davon trug die Aufschrift „Schaubecken“ und in dieses wurde ich nun gesetzt. Wie im echten Leben musste ich erst eine Weile im Fischbeutel verweilen, damit sich mein Botoxikörper schonend an die neue Umgebung gewöhnte. Naja, das war sicher nett gemeint, aber mein Geist wollte sich überhaupt nicht eingewöhnen. Ich war ja in Wirklichkeit ein Mensch, einer aus der richtigen Welt!
Nachdem ich den Beutel verlassen durfte, schwamm ich ziellos im Schaubecken umher. Die anderen Fische, allesamt gelbe oder hellblaue Exemplare, ignorierten mich. Sie ignorierten sich auch untereinander, außer, wenn Besucher vorbeikamen, die uns füttern wollten. Immer, wenn sich jemand mit einer Dose über uns beugte, gab es exakt 5 Portionen Futter. Ich begriff, dass es sich um FAZ-Spieler handeln musste, die sich in den Becken ihrer Mitspieler Punkte verdienten. Angestrengt überlegte ich, wie mich ihnen bemerkbar machen konnte…

Ich befand mich nun schon vier Tage in dieser seltsamen Welt, die einmal mein Lieblingsspiel gewesen war. Und obwohl ich aus meiner Spielerzeit genau wusste, dass die Fische in Free Aqua Zoo nicht verhungern können, hörte ich meinen Magen doch laut knurren. Seit drei Tagen litt ich erbärmlichen Hunger und das, das kann ich euch sagen, ist kein gutes Gefühl. Egal, ob man nun gewissermaßen unsterblich ist oder nicht. Ich hielt es nicht länger aus. Als meine neue „Besitzerin“ uns wieder etwas zu essen gab, strebte ich zusammen mit den anderen Fischen auf die roten Flocken zu! Den hellblauen Meeresputzer hängte ich leicht ab. Als nächstes musste ich einen wunderschönen ebenfalls blauen Schnabelfisch zur Seite stoßen und dann paddelte noch so ein fetter gelber Botox Pam neben mir her. Im letzten Moment schnappte er mir die Futterflocke vor der Nase weg – ich hätte heulen können. Rasch wandte ich mich um, doch die anderen Fische hatten die Futterladung bereits ratzeputz weggefressen. Aus großen, traurigen Botoxiaugen schaute ich die Aquarienbesitzerin an. Und siehe da, sie schüttete tatsächlich Futter nach, bis wir alle satt waren und davon schwammen. Es war irgendwie erniedrigend, aber das kümmerte mich nicht. Jedenfalls nicht in den Moment, in dem ich die leckere, fleischige Futterflocke verputzte. Sie schmeckte nach Krabbe und mir war wie Weihnachten und Ostern an einem Tag. Erst hinterher begriff ich, dass ich gerade zum ersten Mal in meinem Leben Fischfutter gegesen hatte. Schlimmer: Dass dies nun für immer mein Leben sein sollte.

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Enki muss der Problemfisch keine Ruhe gelassen haben, denn sie rief immer wieder das Becken meiner Besitzerin auf. Dann hockte sie minutenlang vor dem Monitor und beobachtete, was ich tat oder eben nicht tat. Es war in gewisser Weise schön, dass sich jemand für mich interessierte. Dann wieder erinnerte es mich daran, welche Ängste meine Familie jetzt ausstehen musste. Die hatten mich ja seit Samstag Abend nicht mehr gesehen. Oder ob sie sauer auf mich waren? Vielleicht sogar dachten, ich sei abgehauen? Dreck, wie oft hatte ich das Muttern an den Kopf geworfen: „Sobald ich achtzehn bin, verschwinde ich aber von hier!“ Dabei wollte ich gar nicht von zuhause fort. Ich hatte nur mehr Taschengeld gewollt oder ne Paysafecard oder länger mit Kumpels rumziehen dürfen. Genaugenommen hatte ich immer nur etwas gewollt und nie realisiert, wie schön mein Leben eigentlich war. Wie gut ich es hatte.
„Der Fisch heißt JangibtGas“, hörte ich Enki murmeln. „Das ist gleichzeitig der Name eines Accounts. Ob da eine Verbindung besteht?

„Verd**** und Zugenäht!“ rief Enki aus. „Das Vieh ist WIE ALT? Über 4000 Tage? Das sind so zirka 12 Jahre und so lange gibt´s doch FAZ noch gar nicht!“

IGM von Enki an Claudia
Hi Claudia! Wärst du so lieb, mir deinen ganz normalen Botoxi zu verkaufen? Den JangibtGas? Ich gebe dir einen braunen dafür.
GLG, Enki

IGM von Claudia an Enki
Was hastn du schon wieder vor? Aber okay, ich stell ihn dir rein.

KLICK!
Zwei Dinge geschahen gleichzeitig.

In der realen Welt saß eine Frau in ihrem Arbeitszimmer, zielte mit der Maus auf den JangibtGas-Botoxi und klickte ihn an…
In Angelbachtal stand ein Mann mit Anglerhut neben meiner Besitzerin und griff ins Aquarium…

Die Zeit schien in beiden Welten stehen zu bleiben…
Nachdem Enki mich meiner bisherigen Besitzerin abgekauft hatte, setzte sie mich bei sich zuhause in ein freies Becken. Außer einer Riesenkoralle für den Fütterbonus befand sich nichts darin. Der Hintergrund erzeugte die Illusion eines Zimmers in einem mittelalterlichen Spukschloss. Von der Spinne, die an der rechten Wand herumturnte, einmal abgesehen ähnelte es wenig dem Kinderzimmer meiner Schwester.
„Mal sehen, was passiert, wenn ich das hier tue…“ murmelte Enki vor sich hin. Dann tippte sie eiligst etwas auf ihrer Tastatur. Im selben Moment hörte ich ein Wort, einen Namen, in meinem Kopf und zwar in einer Lautstärke, die mich vor Schreck eine Rückwärtsrolle im Auarium vollführen ließ. War das ein Dröhnen!
„Senior“ rief die Stimme.
„Senior“, wisperte Enki. „Der Name passt besser zu dir!“
„Aha“, verstand ich. „Sie hat mir offenbar einen neuen Namen gegeben.“ Und mit einem Male dämmerte es mir! Das Textfeld! Bisher hatte ich vergeblich versucht, mit anderen Personen zu sprechen, weil Fische das nun einmal nicht können. Nun konzentrierte ich mich auf die zehn Buchstaben des Namensfeldes. Ob ich die wohl allein mit meinem Willen verändern konnte? Ich hoffte so sehr, dass es funktionieren würde! „IchMensch“ dachte ich angestrengt.
„Nanu?“ wunderte sich Enki, als sich mein Name vor ihren Augen änderte.
„Unfall!“ dachte ich weiter.
Ganz vorsichtig, als fürchte sie, die Tastatur würde jeden Moment unter ihren Fingern explodieren, schrieb mir die Spielerin zurück: „Hallo?“
Damit war das Eis gebrochen!
Wir saßen den ganzen Abend zusammen, das heißt, sie saß und ich schwamm im Fischbecken umher. Ich hörte alles, was Enki zu mir sagte, aber meinerseits musste ich mich auf kurze Wortgruppen beschränken, um zu antworten. Es dauerte sehr lange, bis ich meine Geschichte vollständig erzählt hatte. Zwischendurch warf mir Enki ein wenig Futter ins Becken. Ich staunte nicht schlecht, als ich die blauen Flocken erkannte, die es nur für Coins zu kaufen gibt.
„Ich glaube“, meinte Enki, „ich kenne jemand, der dir helfen kann. Es gibt in der gesamten Welt von Free Aqua Zoo nur eine Person, die zwischen den Dimension wandern kann.“ Kaum hatte sie zuende gesprochen, da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: „Der Zauberer von Waldseeheim!“ Natürlich, der stammte ja aus einem andern Spiel. Und auch er ist einst ein richtiger Mensch gewesen, zumindest stand es so in der Spielebeschreibung im Upjers-Portal zu lesen.
„Hinkommen?“ fragte ich, was heißen sollte: „Und wie komme ich zum Zauberer?“
„Ich denke, dazu muss ich dich freilassen“, antwortete die Spielerin. „Resozialisieren heißt das hier. Aber keine Bange, Jan, du wirst deine Suche nicht allen bestreiten müssen. Ich werde mit dir zusammen eine Gruppe Fische rausschicken, die dich unterstützen werden…“

Ich fühlte mich ein bißchen wie Frodo, als sich in Bruchtal die Gemeinschaft des Rings zusammenfand.
Zuerst gab mir Enki meinen alten Namen zurück: Jan.
Dann gesellte sie mir einen nach dem anderen andere ihrer Fische zu, damit wir uns kennenlernten.

Patrick der Gaukler! Ein Absolvent der Trickschule, der scheinbar immer gut aufgelegt war.
Zacharias! Vorarbeiter im Sägewerk. Stark, ein guter Kämpfer, aber ein bißchen schüchtern.
Aquamaria! Der klügste Fisch in Enkis Bestand. Ihr gingen nie die Ideen aus.
Truhe! Stammt ursprünglich aus Waldseeheim und kennt sich dort aus. Sie würde sich außerdem um unser Gepäck kümmern.
Upu-aut! Benannt nach dem ägyptischen Gott, der jeden Weg findet. Selbst in den finstersten Tiefseegräben verlöscht sein Licht nicht.
Und das bin ich: Jan. Ein ganz normaler zwölfjähriger Junge, der ein wenig in der Klemme steckt.

Mit dieser bunten Truppe wurde ich also freigelassen. Kaum dem Fischbeutel entronnen, schauten wir uns um, wo wir wohl gelandet seien. „Das ist eindeutig der Schmuddlige Weiher!“ erkannte Zachrias als erster. „Hier bin ich aufgewachsen…“ ergänzte er ein wenig wehmütig.
Und nun? Wie sollte es nun weitergehen? Der Weiher befand sich doch in Angelbachtal, der Zauberer hingegen lebte im zweiten Dorf. Fragend blickte ich in die Runde. Den Fischen… den anderen Fischen, sollte ich wohl sagen, gingen ähnliche Gedanken durch den Kopf.
„Ich weiß!“ rief Upu-aut schließlich. „Wir nutzen einen Geheimgang!“
Patrick versetzte dem viel größeren Fisch daraufhin einen Schlag mit der Schwanzflosse. „Hey! Ernstbleiben!“ rügte er den vorlauten Laternenträgerling. Der murrte etwas Unverständliches.
Wir grinsten uns eins, doch dann wussten wir auch nicht mehr weiter. Bis Aquamaria seuzfte: „Jungs! Denkt doch mal nach! Der Zauberer muss sich schon zu dem See hinbegeben, den er verzaubern will. Also brauchen wir nur am Ufer zu warten, bis er auftaucht.“
Und so warteten wir. Abwechselnd hielten wir Wache, immer in Zweierteams, während die anderen Futter suchten oder sich ausruhten.
Wie lange wir bereits warteten, vermochte ich nicht mehr zu sagen. Mit Sicherheit war eine ganze Woche verstrichen, aber noch keine vierzehn Tage. Das Leben im Schmuddligen Weihe verlief sehr gleichförmig, aber nicht eintönig. Meine neuen Freunde waren eine vergnügte Truppe, mit der es selten langweilig wurde, doch auch sie vermissten ihr Zuhause. Wenn man monatelang mit Crab Style verwöhnt wurde, ja, dann wollten die selbstgefangenen Wasserflöhe nicht mehr so recht schmecken. Außerdem hatte jeder von ihnen Freunde im Aquarium zurückgelassen. Aus diesem Grund verstanden mich die fünf nicht nur, sondern konnten nachfühlen, was ich durchlitt.

So lebten wir zusammen, bis eines Tages Patrick von seinem Beobachtungsposten am Ufer aus rief: „Er ist da! Er ist da! Der Zauberer ist aus Waldseeheim angekommen, um den Weiher zu verzaubern!“
„Wäre schön, er zauberte den Müll gleich ganz weg, anstatt ihn nur von den Angelhaken fernzuhalten“, murrte Zacharias. Mit seinem Sägeblatt zerteilte er eine Dose, die uns auf unserem Weg zum Strand im Weg herumschwamm.
Dort tollte bereits der Gaukler im flachen Wasser herum. Die Vorstellung faszinierte den Zauberer ungemein und er wunderte sich nicht schlecht! Patricks Farbschlag kam ja in der freien Widlbahn nicht vor und auch seinen Außenlooping konnte er sich nicht allein beigebracht haben.
„Wer hat denn so einen wertvollen Fisch ausgesetzt?“ fragte sich der Magier. „Sicher irgendwelche Eltern, die keine Haustiere wollen.“
Der Zauberer fischte mit einem Kescher nach Patrick, um ihn mit nach Hause zu nehmen. Das war der Moment, auf den wir gewartet hatten! Wir sprangen hinterher, Zacharias, Aquamaria, Upu-aut und ich… das heißt, ich versuchte es zumindest, doch ich schaffte es nicht ganz. Kaum aus dem Wasser heraus, geriet ich in Panik. Ich glaubte, ersticken zu müssen, verlor mein Ziel aus den Augen und platschte zurück ins Wasser.
Doch hatte ich Glück, denn Truhe war ebenfalls noch nicht gesprungen. Kurzerhand öffnete die Kofferfischdame ihren Deckel. „Mach´s dir gemütlich!“ ermunterte sie mich. Ein wenig mulmig war mir schon, als ich der Aufforderung Folge leistete. Ich kniff meine Augen ganz fest zusammen und kringelte mich zusammen wie ein Rollmops. So weiß ich bis heute nicht, wie es denn nun im Inneren eines Kofferfisches aussieht…

Der Zauberer untersuchte neugierig, welcher Fang ihm da ins Netz gegangen war.
„Oh, diese Woche sind wohl die hellblauen Killerwale in der Wochenaufgabe?“ sprach er zu sich selbst. Dann entdeckte er den Laternenträgerling und Truhe. Ein Premiumfisch und ein Vereinsfisch im Schmuddligen Weiher?!
„Na, ihr seid mir ja eine merkwürdige Bande“, schmunzelte der Zauberer. „Woher kommt ihr denn? Wer hat euch ausgesetzt?“
Wir fingen an, von meinem Dilemma zu erzählen, alle durcheinander. Da er die Sprache der Tiere verstand, hatte der Zauberer bald begriffen, was hier vor sich ging. Er versprach uns, seine Bücher zu studieren und sobald wie möglich zurückzukehren.

Bereits am nächsten Tag erschien der Zauberer wieder am Ufer des Schmuddligen Weihers.
„Ariana“, so eröffnete er uns, „kann das Tor zwischen den Welten öffnen, wenn man ihren Namen ruft. Aber das wusstet ihr sicher bereits und es wird Jan in seiner Fischgestalt auch gar nichts nützen. Um die Frage zu beantworten, wie wir ihm seine ursprüngliche Gestalt zurückgeben können, habe ich nachgeforscht, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass sich ein Mensch aus einer anderen Welt in einen Botoxi verwandelt. Ja, und in einer alten Legende wurde ich rasch fündig. Dort heißt es:

„In einer Gewitternacht, wenn jemand gefrevelt hat, dann kann es passieren, dass der Sünder in das verwandelt wird, was er geschmäht hat.“

Der Zauberer sah mich ernst an. „Hast du so etwas getan, Jan?“
Ich nickte. Ich erzählte ihm, wie ich den Botoxi wieder zurückgeworfen und ihn dabei hässlich beschimpft hatte.
„Dann müsst ihr wohl diesen Botoxi finden und ihm einen Gefallen tun“, erwiderte der Zauberer. „Ein Akt der Nächstenliebe wird den Fluch gewiss brechen.“
Die anderen Fische schlugen begeistert gegenseitig in ihre Flossen ein. Doch ich rief erschrocken: „Aber das war im Teich der Guten Hoffnung! Und wir sind im blöden Schmuddligen Weiher!“
Upu-aut wedelte mit seiner Laterne. „Wo soll da ein Problem sein?“ grinste er uns an. „Alle Teiche sind miteinander verbunden. Vor einem Asteroideneinschlag soll die Seenlandschaft hier ein einziges großes Gewässer gewesen sein, so sagt man. Ich habe euch das schon vor zwei Wochen mitteilen wollten, aber da habt ihr mich ja ausgelacht.“
„Oh…“ murmelte Patrick betreten und wir anderen taumelten verschämt im Wasser hin und her. Ich kannte das von meiner Schwester, wenn sie die Hände auf den Rücken legte und ihren Oberkörper drehte. Bei einem FAZ-Fisch sieht es noch niedlicher aus… und ein ganzes Stück peinlicher! Besonders Zachrias lief so rot an, dass er einer exotischen Zuchtvariante des Sägeblattmonsters ähnelte.
„Naja, ist ja schon gut!“ lachte Upu-aut bei unserem Anblick. Dann eröffnete er uns, dass er einen unterirdischen Fluss kenne, über den wir den Teich der Guten Hoffnung erreichen konnten.
Ich dachte mir so, es wäre einfacher, den Zauberer zu bitten, uns einfach hinüberzutragen, doch dann versetzte ich mich in die Perspektive der Fische. Die hatten kein Interesse an einer längeren Autofahrt oder gar Wanderung um die Teiche, die sie in einem Fischbeutel hätten verbringen müssen. Benutzten wir hingegen Upu-auts Geheimgang, so würden wir uns ganz allmählich an das Wasser des anderen Teichs gewöhnen und sogar noch ein wenig Weg abkürzen.

Einer nach dem anderen schwammen wir durch den engen Tunnel, der den Schmuddligen Weiher und den Teich der Guten Hoffnung miteinander verband. Voran schwamm nicht Upu-aut, sondern Zacharias, unser kampferprobter Beschützer. Im Schein der Lampe des Laternenträgerlings entging ihm nichts, das vor uns lag. Die Killerwaldame deckte unseren Rückzug und Patrick und ich, die Verwundbarsten, hielten sich in der Mitte. Truhe blieb bei uns.
Obwohl wir Botoxi ansonsten ganz unten in der Nahrungskette standen, hier im Tunnel befanden wir uns ausnahmsweise einmal im Vorteil. Engstellen, durch die sich die anderen mühsam hindurchquetschen mussten, konnten uns nicht aufhalten. Und so schoss Patriack plötzlich übermütig nach vorn und setzte sich an die Spitze der Gruppe! Ich wollte ihn noch bei seinen Flosse greifen, um ihn aufzuhalten, doch stattdessen zog er mich lachend mit sich! Und ich, ja, ich lachte ebenfalls! Es tat echt gut, mal wieder albern zu sein. Wir tollten durch die Unterwasserwelt, überkugelten uns und wenn wir auch im Dunkeln ab und zu gegen eine Wand stießen, so purzelten wir einfach munter weiter.
Nachdem wir eine Weile auf diese Weise herumgetobt waren, stellten wir mit einem Mal fest, nicht mehr vorwärtszukommen. Eine starke unterirdische Strömung trieb uns immer wieder zurück. Wir waren drauf und dran, umzukehren und den anderen Bescheid zu geben, dass wir uns einen anderen Weg würden suchen müssen, als sich die Strömung plötzlich umkehrte. Anstatt am Ort zu verharren, wurden wir nun zu etwas hingezogen!
Nach wenigen Metern sahen wir die ersten Knochen auf dem Grund liegen. Sie blitzten weiß, als leuchteten sie aus sich selbst heraus. Und das taten sie wirklich! Ehe wir begriffen, was uns geschah, erhoben sich die Gerippe! Obwohl die Knochen an den meisten Stellen kaum noch miteinander verbunden waren, erkannten wir doch, dass es sich um Fische handelte. Sogar die kleinen Gräten aus dem Muskelfleisch bewegten sich noch in ihrem Inneren. Das sah unfreiwillig lustig aus, doch das Lachen verging uns, da wir nun die Quelle der merkwürdigen Strömung erreicht hatten. Der Tunnel weitete sich hier zu einer kleinen Höhle und in deren Mitte schwebte ein bösartig dreinblickender Ballonbackenfisch. Der atmete gerade heftig ein… und wieder aus… Und schon wurden wir wieder zurückgeschleudert.
Patrick erbleichte, bis seine Farbe der Aquamarias glich. „Das ist eine Todesfalle!“ keuchte er. In der Tat, wer einmal in dem beständigen Ein und Aus gefangen war, der würde sich sicher auch bald in ein kleines Fischskelett verwandeln!
Der kleine Akrobat versuchte, sich aus dem Zentrum des Wasserstroms herauszuwinden. Ich wollte jubeln, als es ihm tatsächlich gelang! Doch mittlerweile hatten sich die Gespensterfische in unserem Rücken formiert. Hämisch grinsend trieben sie uns nach vorn.
Mittlerweile atmete der Ballonbackenfisch ruhiger. Das Wasser normalisierte sich wieder, doch die Gespensterfischgarde lies uns keine Möglichkeit zur Flucht.
„Wer hier passieren darf“, erhob nun der Herr dieser Höhle seine Stimme, „das bestimme ich allein! Und euch zwei behalte ich mal lieber. Ihr seht puzig aus.“
Die Gespensterfische lachten bösartig. „Ja, spielt mit uns!“ kreischten sie.
Wo waren wir da nur wieder hineingeraten…

Bedrohlich starrte uns der Ballonbackenfisch an. Seine Helfershelfer, die Gespensterfische, kicherten. Sie hatten wohl schon oft erlebt, wie ihr Herr Durchreisende piesackte. Doch die knochigen Bestien hatten nicht damit gerechnet, dass wir nicht allein gekommen waren! Denn nun stürmten unsere Freunde vor, mitten in den Schwarm hinein!
Aquamaria zermalmte gleich mehrere der Gegner mit ihrem riesigen Kiefer, Truhe öffnete einfach ihren Deckel und klappte ihn danach wieder zu, und Upu-aut musste nur seine Lampe auf die untoten Fische richten, damit diese zu Staub zerfielen.
Zacharias aber schwamm unbeirrt auf den Ballonbackenfisch zu. Bedrohlich reckte er sein Sägeblatt vor. „Ich nehme an“, knurrte er, „dass dies nur ein Missverständnis ist. Du hast nicht wirklich vor, die Kleinen hier gefangenzunehmen.“
Dem Herrn der Grotte wurde es ohne seine Armee ein wenig mulmig zumute. „Ein Missverständnis, ja, genau“, murmelte er. „Nur ein kleiner Scherz! Mehr nicht…“
Nun, glauben taten wir das natürlich nicht, doch wir waren erleichtert, dass wir diese Begegnung doch noch ganz ordentlich gemeistert hatten.
Wir machten, das wir aus fortkamen! Aus der Höhle heraus, noch ein Stück den Tunnel entlang und dann ab ins Freie!

Ich schnaufte und keuchte, doch noch konnten wir nicht aufatmen. Direkt vor unseren Nasen senkte sich ein Seil ins Wasser und am Ende dieses Seils hing etwas, von dem ein betörender Geruch ausging. Gemeinsam strebten wir darauf zu, doch schon bald versuchten wir, uns gegenseitig zu überholen.
Ein letzter Rest Menschenverstand lies mich mitten in dem Rennen innehalten.
„Halt!“ rief ich. „Nicht weiter! Das ist ne Angel! Ihr landet am Haken!“
Doch meine Freunde hörten nicht auf mich. Ich wollte keinen von ihnen verlieren, doch ich wusste, es würde passieren. Die einzige Frage lautete jetzt noch: Wen würde es treffen?

Zacharias, Aquamaria, Patrick, Truhe und Upu-aut lieferten sich ein Rennen darum, wer den Angelköder schlucken und womöglich am Ende noch in der Bratpfanne landen würde. Doch ehe sie es sich versahen, schoss ein blau-gelber Ball von rechts heran: ein Botoxi. Ja, und der hatte es ebenfalls auf den schmackhaften Teig abgesehen, der da im Wasser baumelte.
„Neeeeiiiiiiiiin!“ rief ich. Denn mit einem Mal – ich vermochte nicht zu sagen, wie das kam – wusste ich, dass der Fremde nicht nur irgendein Botoxi war, sondern genau MEINER. Eben derjenige, den ich damals zurückggeworfen und beschimpft hatte.
Mein Entsetzensschrei lies die anderen aufhorchen. Sie erwachten aus ihrer Trance und erinnerten sich wieder daran, weshalb sie eigentlich hierhergekommen waren. Schon wollte der kleine Botoxi sein Mäulchen genüsslich um den Köder schließen, da vollführte Patrick einen Looping. An seinem Rücken klammerte sich Zacharias fest und er drehte sich im richtigen Moment so, dass sein Sägeblatt die Angelschnur durchtrennte.
Alle Achtung, kann ich da nur sagen, denn immerhin sind diese Dinger doch teflonverstärkt!
Dem Botoxi stand der Mund vor Schreck offen, so dass es für mich ein Leichtes war, mit meiner Schwanzflosse noch schnell den Angelhaken beiseite zu kicken. Ich lächelte das Tierchen an. „Hey, alles ist gut!“ sagte ich. „Wir haben dich gerade gerettet!“
Na, und was soll ich sagen? Da fing dieses blöde Vieh doch tatsächlich an zu weinen!
„Aber ich wollte mich doch angeln lassen“, jammerte er. „Ich wünsche mir so sehr ein Zuhause! Wo mich jemand lieb hat! Und dann sowas. Erst neulich schmeißt mich so eine Rotznase einfach wieder rein und dann kommt auch noch ihr daher und glaubt, die Helden spielen zu müssen! Was bildet ihr euch eigentlich ein?!“

Und was nun? Wie konnte ich denn nun dem Fisch helfen, dem ich meinen Fluch verdankte? Zuneigung wünschte er sich? Verflixt noch mal! Niemand hat einen Botoxi lieb, schon gar nicht, wenn er einem gerade 3 Angelpunkte gestohlen hat. Die sind gelb, langweilig und stinken. Die Aufgabe, die der Zauberer mir gestellt hatte, war unerfüllbar!
„Wir müssen den Menschen eben sagen, dass es nicht auf die äußeren Werte ankommt, oder darauf, wie jemand fühlt…“ begann Zacharias.
Ich schüttelte den Kopf. „Zack, das ist doch ganz großer Quatsch!“ rügte ich unseren tapferen Gefährten. „Ich mein´, das wäre sicher toll, wenn die Welt so funktionierte, aber das tut sie nicht.“
„Man kann sie ändern“, kam Aquamaria ihrem Freund zu Hilfe. „Aber soviel Zeit haben wir nicht“, stimmte sie dann mir zu.
„Ändern wir doch lieber den Botoxi, anstatt der Menschen!“ schlug sie vor.
„Natürlich“, dachte ich bei mir! Eine einzige Möglichkeit gab es, doch noch unsere Queste zu erfüllen. Wenn man genauer darüber nachdachte, war es eigentlich sogar recht logisch. „Weißt du was?“ wandte ich mich an unseren neuen Bekannten. „Wir verpassen dir eine neue Farbe! Auf Sonderfarben stehen die Spieler total!“
Das Tierchen verstand nicht.
„Äh… da fahren sie drauf ab…“ erklärte ich.
Noch immer zeigte sich kein Verständnis.
„Sie werden dich mögen“, übersetzte Aquamaria meine Worte.
Der Botoxi staunte die Killerwaldame aus großen Glubschaugen an.
„Ich bekomme wirklich so eine schöne Farbe wie du?“ hakte er nach.
Aquamaria nickte. „Eine viel seltenere als Patrick“, versprach sie. „Ich denke, ein Kleiner Tüpfelpus wird das gern für uns erledigen. Der hat genug Tinte für so eine kleine Färbeaktion in seinen Drüsen.“
An dieser Stelle explodierte ich: „Seid ihr irre? Ein Tüpfelpus? Wie wollte ihr den denn in den Teich der Guten Hoffnung bekommen? Der ist überhaupt nicht zu angeln! Das ist ein 30-Coins-Fisch aus dem Shop! Den resozialisiert keiner! Ich habe selber einen und würde nie…“
„Doch!“ unterbrach mich Aquamaria mit fester Stimme. Der riesige Killerwal schwamm direkt vor mir im Wasser. Ich sah nur noch hellblau – und ein paar Zähne – und zitterte. „Du musst das tun. Wenn du deine Familie wiedersehen willst.“
„O…okay“, murmelte ich. „Bloß glaub ich, das geht gar nicht… Sonderfische resozialisieren und so.“
„Du wirst einen Weg finden, Jan“, meinte Aquamaria nur. „Weil du gar keine andere Wahl hast.“
Dann riefen auch schon alle anderen im Chor nach Ariane, damit die mich zurück in meine Welt versetzte.
Was die Meerjungfrau tat, bekam ich gar nicht mit. Mir wurde schwarz vor Augen. Mein letzter Gedanke war: „Das ist doch total voreilig! Na, das kann was werden, wenn ich jetzt als klatschnasser Botoxi bei uns daheim auf dem Teppich herauskomme…“

Als ich die Augen aufschlug, saß ich im Chefsessel meines Vaters. Vor mir auf dem Schreibtisch flimmerte der Compuerbildschirm. Der Bildschirmschoner hatte sich eingeschaltet. Überall auf dem Tisch lagen bunte USB-Sticks durcheinander. Alles war so normal!
Ja, klar, wie hätte es auch sonst sein sollen? Ich war doch nur kurz eingenickt und hatte einen irren Traum geträumt. Immerhin war es schon spät. Lächelnd griff ich nach Maus. Mittlerweile hatte sich das Gewitter verzogen, Carola schlief bestimmt schon und sicher würden sich meine Angelpunkte inzwischen regeneriert haben. Ich wollte sie vor dem Schlafengehen unbedingt noch vollständig aufbrauchen!
Als ich die Maus ein kleines Stück bewegte, verschwand der Bildschirmschoner. Doch dahinter befand sich weder mein Angelspiel noch der „Du wurdest ausgeloggt“-Bildschirm.
Stattdessen blickte ich in mein eigenes Gesicht.
Ich lachte mir selbst aus einem digitalen Zeitungsartikel entgegen.
„Vermisst“ stand groß unter dem Photo und die Datumsanzeige in der Taskleiste verriet mir, dass seit meinem letzten Botoxi-Fang mehrere Wochen vergangen waren.
„Dreck“, zischte ich. Eiskalt lief es mir den Rücken herunter, als ich begriff: Es war alles real gewesen.
In Windeseile aktivierte ich die Verbindung zum Router, startete den erstbesten Browser, den ich erwischte, und loggte mich in mein Spiel ein.
Zu gern wäre ich zu meinen Eltern ins Schlafzimmer gerannt und hätte mich zurückgemeldet, doch die Zeit drängte. Ich hatte eine Aufgabe zu lösen, um den Fluch endgültig loszuwerden!
Ohne zu Zögern fischte ich meinen Kleinen Tüpfelpus aus dem Becken und wechselte ins Lager. Wie erwartet erschien die Option, den Tintenfisch ins Wasser zu werfen, gar nicht erst. Stattdessen tat ich etwas Verrücktes: Ich stiftete den Tüpfelpus meinem Anglerverein.
Und dann wartete ich.
In wenigen Sekunden würde Arianes Zauber enden, das wusste ich, und dann würde ich wieder als Botoxi im Teich der Guten Hoffnung herumschwimmen. Von dort aus nach Waldseeheim, den Tüpfelpus aus dem Vereinshaus entführen, ihn in den TdgH bringen und dort den Botoxi einfärben lassen – die nächsten Schritte meines Abenteuers zeichneten sich deutlich in der Zukunft ab.
Ich wusste, was ich zu tun hatte, aber es tat weh. So weh! Saß ich nicht schon wieder zuhause? Aber, nein, ich war ja nur ein Gast, der gleich wieder abreisen musste. Tränen sammelten sich in meinen Augen. Ich wischte sie noch im Entstehen fort.

Doch je länger ich hier saß, umso deutlicher wurde mir bewusst, dass die mir von Ariane gewährte Zeit eigentlich schon längst um war.
Dennoch hatte ich mich nicht in einen Fisch zurückverwandelt und war auch nicht wieder nach Angelbachtal versetzt worden.
Stattdessen geschah etwas völlig Überraschendes:
Es blitzte und donnerte und mit einem Mal war es wieder der Samstag vor drei Wochen!
Die Türscharniere quietschten noch – gerade war Carola vor meiner Grimasse aus dem Zimmer geflohen.
Erleichtert lehnte ich mich in Vatis Chefsessel zurück.
Ich hatte das Opfer gebracht und durfte ein Mensch bleiben.

Nach all den Abenteuern, die wir zusammen erlebt hatten, war ich neugierig, was aus den anderen Fischen geworden war. Immerhin hatte ich sie ziemlich überstürzt im Spiel zurücklassen müssen.
Da ich ja nun einmal am Rechner saß, kaufte ich eine Dose Spezialköder für Botoxi und warf die Angel im Teich der Guten Hoffnung aus.
„Komm schon, Patrick“, lockte ich. „Feines Happa-Happa!“
Schon zuckte die Leine, schon sprang die Markierung auf dem Angelbalken hin und her. Bis zum Äußersten konzentriert, lies ich ihn nicht entkommen. Doch was war nicht Patrick, den ich da erwischt hatte. An meinem Angelhaken hing ein zart lila gefärbten Botoxi!

„Carola, komm mal her!“ rief ich in den Flur. „Das musst du dir ansehen!“
Das Getrappel kleiner Füße verriet mir, dass Carola sich auf dem Weg zu mir befand. Wie oft mich das genervt hatte… doch nach meiner langen Reise freute ich mich sogar, es wieder hören zu können. Als das Mädchen das Zimmer betrat, wies ich auf den Monitor. „Schau mal, das ist ein ganz exklusiver Spezialfisch“, erklärte ich meiner Schwester. „Den kann man nur heute Nacht angeln.“
„Ui!“ rief Carola aus. „Den kannst du teuer verkaufen. Mach das gleich in deine Sig im Forum rein!“
Ich hörte die Sehnsucht aus ihrer Stimme heraus. Nur allzugern hätte Carola auch so einen lila Botoxi besessen. Der Tüpfelpus hatte ja auch ganze Arbeit geleistet und einen richtigen Girliefisch produziert.
„Würde der nicht toll in dein Spukschlossbecken passen?“ fragte ich meine Schwester. „Komm, ich verkauf ihn dir für 7000 Angeldollar!“
„Das ist zu wenig für einen Exklusivfisch“, widersprach Carola.
„Aber mehr hast du nicht!“ entgegnete ich. „Los, nimm ihn schon!“
Gern hätte ich meiner Schwester in diesem Moment gesagt, wie sehr ich sie vermisst hatte, doch das durfte ich nicht. Ich wäre für verrückt erklärt worden, hätte ich von meinem Abenteuer und dann auch noch von der abschließenden Zeitreise berichtet!
Also stellte ich einfach den Fisch auf den Markt, loggte mich aus und sah zu, wie Carola ihren eigenen Spielstand lud.
Ich zitterte die ganze Zeit über. Was, wenn in den wenigen Sekunden ein anderer Spieler unseren Botoxi kaufte? Einer, dem es nur darauf ankam, den seltenen Fisch teuer weiterzuverkaufen? Womöglich zu teuer, so dass der Fisch ewig auf dem Markt herumstände, ohne gekauft zu werden?! Oder jemand machte eine Bugmeldung und die SL würde den irregulären Botoxi am Ende noch löschen?!
Doch, nein, es ging alles gut.
„Willkommen zu Hause“, flüsterte ich dem Botoxi zu, als er in Carolas Lieblingsbecken einzog.
Und ich hätte schwören können, dass der Fisch mir zuzwinkerte und sagte: „Ja, dir auch. Willkommen zurück zuhause, Jan.“
E N D E

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